Things go better with Coke!

Zur Naivität im Roman „Hiob“

In der Geschichte der Literatur konzentriert sich viel auf die Frage, ob und inwieweit naiv erzählt werden könne. Der Begriff des naiven Erzählens geht dabei den meisten Autoren weit über das hinaus, was wir aus dem Mund von Kindern vernehmen. Er erstreckt sich also nicht auf die Erzählungen der Kinder, obwohl sie vom Erzählen nicht lassen können, ja sogar schon zu erzählen beginnen, bevor sie den Sinn der Wörter überhaupt zu verstehen fähig sind. Naiv erzählen heißt also wie ein Kind zu erzählen, es kann uns mit Wehmut und mit einer gewissen Unbestimmtheit erfüllen und daher „in eine erhabene Rührung versetzen“ (Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung). Naive Erzählungen sind verschwommen in Beziehung zu den Bereichen Ethik, Gesellschaft, Religion usw., weil sie diesen Bereichen gegenüber abgewandt sind.

Der Roman „Hiob“ von Joseph Roth gehört in diese Kategorie des Erzählens. In diesem Roman werden Religion, Gesellschaft und Ethik zwar behandelt, doch diese lassen sich nicht auf die objektive, wirkliche Welt zurückführen, die Realität erscheint wie von einem Schleier des Nichtwissens verhüllt. Wie verschwommen das Bild der Realität ist, belegen beispielsweise Mendel Singers Eindrücke von Amerika. Das Mädchen aus der Fassadenwerbung bedeutet ihm einen Moment des Glücks.

„Dem Fenster gegenüber, an dem Mendel lehnte, erschien jede fünfte Sekunde das breite lachende Gesicht eines Mädchens, zusammengesetzt aus lauter hingesprühten Funken und Punkten, das blendende Gebiß in dem geöffneten Mund aus einem Stück geschmolzenen Silber. Diesem Angesicht entgegen schwebte ein rubinroter, überschäumender Pokal, kippte von selbst um, ergoß seinen Inhalt in den offenen Mund und entfernte sich, um neugefüllt wieder zu erscheinen, rubinrot und weißgischtig überschäumend. Es war eine Reklame für eine neue Limonade. Mendel bewunderte sie als die vollkommenste Darstellung des nächtlichen Glücks und der goldenen Gesundheit. Er lächelte, sah das Bild ein paar Mal kommen und verschwinden und wandte sich wieder dem Zimmer zu.“

(Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Schöningh Verlag: Paderborn 2012, S. 152).

Arbeitsanregungen:

  • Was macht die Naivität der Figur (Mendel Singer) aus?
  • Welche Haltung vermuten Sie dagegen auf der Seite des Erzählers? Mit anderen Worten: Gehen Sie der Frage nach, ob der Erzähler sich von der Figur distanziert.
  • Überlegen Sie, in welchem Stil Koeppen von der Coke-Fassadenwerbung erzählt hätte.

    Vielleicht so wie im folgenden Text?

    Mendel öffnete das Fenster. Er redete mit seinem Sohn im Ton eines Fremden, im Ton eines neugierigen, aber naiven Touristen. Dann sah er das Mädchen. Es war sogar etwas Besseres als ein Mädchen. Die Beleuchtung erhöhte sie, machte sie groß und unfassbar gesund. Sie sah aus, als kenne sie keine Krankheit. Mendel fühlte sich fremd. Die Amerikaner waren natürlich etwas Geringeres als die Europäer. Sie wussten nichts von der Kluft, die der Atlantik bedeutete, die den neuen von dem alten Kontinent trennte. Aber sie hatten diese Aphrodite erschaffen, die umso schöner lockte, da sie etwas verkündete, was jedem beschieden war, etwas Demokratisches. Things go better with Coke!

    Erproben Sie eine Form, die für Koeppen typisch wäre, und entwickeln Sie einen Text von ungefähr einer halben Seitenlänge.

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