Kritik des naiven Optimismus

Aufklärung, Drama, Lessing

Nathans Erziehungsauftrag

Mehr als zwanzig Jahre vor dem Erscheinen des „Nathan“ (1779) bebte in Lissabon die Erde. In der Nacht vom 1. November 1755 kamen 30.000, nach manchen Zählungen 60.000 Menschen ums Leben. Voltaire knüpfte an seinen Eindruck von der „Mutter aller Katastrophen“ den Gedanken, dass naiver Optimismus nicht mehr zulässig sei. Betrogene Philosophen – schreibt Voltaire in seinem „Poème sur le désastre de Lisbonne“ – die riefen: Alles ist gut! („Tout est bien“). Der Glaube an Gottes Gesetz und Vorsehung wurde einer kritischen Prüfung unterzogen. Lessing schloss sich Voltaire an: Auch für ihn hatte infolge der Debatten über das Erdbeben von Lissabon das säkulare Zeitalter begonnen. Die Ära naiver religiöser Überzeugungen war an ihr Ende gekommen. Optimismuskritik musste aus Lessings Sicht zur „Erziehung des Menschengeschlechts“ führen. Dieser Erziehungsauftrag wird auch innerhalb von Lessings Drama „Nathan der Weise“ wahrgenommen.

Es gibt also einen antireligiösen Affekt, den Lessing sich im Hinblick auf die Personen des Dramas zunutze macht. Erzogen werden muss beispielsweise Recha, die das innige Einvernehmen mit dem Vater nicht verlieren möchte, anfangs auch ihre Engelsvision nicht, hat sie doch in dem Tempelherrn einen Engel gesehen (vgl. I, 2; V. 186–192). Nathan der Weise übernimmt es mit Bedacht, sein Umfeld zu erziehen – hinsichtlich Recha vgl. I, 1; V. 161–168). Auch in dem Fall des Tempelherrn geht es ihm darum, den Menschen hinter der Maske entdecken.

Aufgaben:

Überprüfen Sie, in welcher Weise Recha von ihrem Vater erzogen wird! Beziehen Sie sich z. B. auf den ersten Auftritt Rechas (I, 2; V. 169–367).

Überlegen Sie auch, ob Rechas Erziehung von Erfolg gekrönt ist. Beziehen Sie z. B. den ersten Auftritt des dritten Aufzugs in ihre Überlegungen ein (III, 1; V. 1517–1602).

Es kommt hinzu, dass Lessing in den Kreuzzügen gewissermaßen den Antichristen am Werk sieht oder – der Ausdruck ist erlaubt – das babylonische Weib der Apokalypse, kommen die Kreuzzüge doch einer von Endzeitgedanken angetriebenen Massenbewegung gleich, die in keinem Kirchengebäude mehr Platz gefunden hätte. Fanatische Geißler zogen damals zur Zeit der Kreuzzüge von Ort zu Ort, redeten von Reue und Buße und beschworen das Ende. Ebenso taten es die Tempelherren in Jerusalem, nachdem sie das Blut der Feinde vergossen hatten.