Was von der Sprache übrig bleibt

Dieter Wellershoff: Bleibe (1986) Die Sprachstörung geht den umgekehrten Weg wie die Sprache. Diese sucht bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken nach der vollkommenen Übereinstimmung zwischen Inhalt und Form, nach der passenden Formulierung. Jene leitet den Adressaten mit Hilfe der die Ausdrucksformen begleitenden Emotionen zu den Inhalten der so genannten „inneren“ Sprache – die Form schlägt in dem Fall in den Inhalt um. Die Kommunikation mit dem unter der Sprachstörung leidenden Kranken hält sich also an das, was unmittelbar erlebt wird. Es kann dabei vorkommen, dass der Kranke ein und dasselbe Wort in gegenteiliger Bedeutung verwendet. Er sagt zum Beispiel…

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Die Kurzgeschichte

Bei der Kurzgeschichte kommt es viel weniger darauf an, dass der Erzähler dem Leser ein Ereignis, als dass er ihm eine Situation darstellt. Die ersten, die diese Umänderung im Erzählen bemerkt haben, sind Erzähler der literarischen Moderne gewesen, Robert Musil zum Beispiel, Alfred Döblin, Ernst Toller und Kurt Tucholsky. Es beeinträchtigt diese Beobachtung nicht, dass die Kurzgeschichte im eigentlichen Sinn (Short Story) im englischsprachigen Raum entstanden ist. Entscheidend bleibt, dass die „Wahrheit der Erzählung“ nicht außerhalb des Erzählten gesucht wird. Kafkas Kurzgeschichten müssen als Parabeln verstanden werden und stellen daher eine Ausnahme von dieser Regel dar. Das Neuartige an der…

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Überwindung des Realismus

Die Kurzgeschichten Franz Kafkas Die Kurzgeschichten Franz Kafkas sind in der Regel auf eine Situation und nicht auf ein Ereignis bezogen. Die dargestellte Situation in ihrer unmittelbaren Erscheinungsweise scheint dabei der Wirklichkeit außerordentlich nahezukommen. Trotzdem haben Kafkas Geschichten in ihren entscheidenden Bestimmungen nichts mit realistischer Erzählkunst zu tun. Die Abgrenzung gegenüber dem Realismus ist notwendig. Nur so wird die Eigentümlichkeit der Texte Kafkas auffällig. Zwar beginnen die Texte meist konventionell, erhalten dann aber einen völlig anderen Akzent, von dem im Folgenden die Rede sein soll. Die Geschichte „Die Sorge des Hausvaters“ zum Beispiel erzeugt den Eindruck, es gehe um einen…

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Vater und Sohn

Gabriele Wohmann: „Denk immer an heut nachmittag“ (1968) Die Kurzgeschichte „Denk immer an heut nachmittag“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahr 1968 schildert die Schwierigkeiten eines Vaters, mit seinem Sohn zu kommunizieren, nachdem die Ehefrau und Mutter verstorben ist. Das zu Grunde liegende Geschehen lässt sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen: Ein Mann, der vor Kurzem seine Frau verloren hat, muss seinen Sohn in einer Internatsschule unterbringen. Auf dem Weg zur Einschulung versucht der Vater den Sohn mit allerlei gut gemeinten Ratschlägen aufzuheitern, die aber sämtlich fehlschlagen. Die Situation lässt sich nach vier Aspekten gliedern: die Bahnfahrt; das Gespräch über den…

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