Die Ablösung des ptolemäischen Denkens –

Leben des Galilei

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Oder: Galileis Vergnügen an der neuen Welt

Bertolt Brecht: Leben des Galilei (1943), 3. Bild, Gespräch zwischen Galilei und Sagredo (Textgrundlage: Suhrkamp Basisbibliothek, Band 1)

In dem Theaterstück „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht, das im Jahr 1943 uraufgeführt worden ist, geht es um nichts weniger als um eine wissenschaftliche Revolution: die Ablösung des ptolemäischen durch das kopernikanische Weltbild. Titel- und Hauptfigur ist der italienische Mathematiker und Astronom Galileo Galilei.

In der dritten Szene kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Galilei und dem Kurator der Universität Padua, bei der Galilei seit 1592 als Mathematikprofessor im Dienst steht. Gegenstand der Auseinandersetzung ist das Teleskop, von dessen Verkauf sich der Kurator beträchtliche Einnahmen für die Universität versprochen hat. Das Gespräch zwischen Galilei und dem Kurator scheitert, weil es unterschiedlichen Sichtweisen folgt: Während Galilei das Teleskop vor allem als Hilfsmittel für die Forschung betrachtet, hat es für den Kurator rein ökonomischen Wert.

Vor dem Streit mit dem Kurator hat Galilei mit seinem Freund Sagredo den Himmel mit Hilfe des von Galilei verbesserten Teleskops betrachtet. Das Teleskop ermöglicht es Galilei, nicht nur die einzelnen Planeten, sondern auch ihre Trabanten, die sie begleitenden Monde und ihre Bahnen zu erforschen. Aus der wiederholten Beobachtung von vier Jupitermonden folgert Galilei, dass die Monde um den Jupiter sich nicht anders verhalten als der Mond im Orbit der Erde. So sieht er berechtigten Grund zu der Annahme, dass die Erde ebenso ein Planet wie der Jupiter sei.

Galilei ist sich darauf sicher, dass Kopernikus’ Hypothesen, kurz gesagt: das heliozentrische Weltbild beweisbar ist. Nachdem der Kurator enttäuscht und wütend den Raum verlassen hat, fährt Galilei fort, seinem Freund die Gestirne mithilfe des Fernrohrs zu erläutern. Dabei teilt er ihm seine neuen Erkenntnisse mit.

Was sich von Beginn an mitteilt, ist Galileis Begeisterung: Er findet die Lehren der Kopernikaner bestätigt (S. 34, Z. 25: „Sie hatten recht!“; vgl. S. 34, Z. 27–28, Z. 35–36). Von dieser Begeisterung Galileis ist das gesamte dritte Bild bestimmt. Immer wieder verweist der Wissenschaftler auf den Stellenwert seiner neuen Beobachtung und gibt sich Mühe, auch Sagredo mit seiner Begeisterung anzustecken (S. 34, Z. 32: „Sagredo, du sollst dich aufregen!“; vgl. Z. 35–36). Doch dieser reagiert verhalten, ja sogar besorgt und ängstlich (S. 34, Z. 23: „Beruhige dich!“; vgl. Z. 31; S. 35, Z. 1–2: „ich zittere, es könnte die Wahrheit sein“). Galilei denkt nun daran, Andrea an seiner Freude über die Neuigkeiten am Himmel teilhaben zu lassen (vgl. S. 34, Z. 28–30). Vermutlich wird der Elfjährige Galileis neu entfachten Idealismus begeisterter als Sagredo aufnehmen (vgl. Bild 1). So ruft Galilei aufgeregt nach Frau Sarti (vgl. S. 34, Z. 29–30, Z. 32). Die Neuigkeiten am Himmel – so lässt sich der Beginn des vorliegenden Textauszugs zusammenfassen – lösen bei Galilei Euphorie aus, stellen sie doch für ihn eine wissenschaftliche Revolution dar, nämlich die Beweisbarkeit des kopernikanischen Systems.