Kafkaeske Ironie

Kafka

Der Proceß: Das erste Kapitel

Es wird eine Geschichte erzählt, deren Titel auf einen Thriller im Gerichtsmilieu oder auf einen Krimi schließen lassen könnte. Die im ersten Kapitel dargestellte Verhaftung zieht sich besonders lange – und umständlich – hin, so dass der Fall des Verhafteten als besonders schwerwiegend erachtet werden könnte. Die Helfer und Funktionäre des Gerichts, Franz, Willem und der Aufseher sind dementsprechend, von ihrer Schadenfreude einmal abgesehen, ernst gestimmt. Erstaunlich ist nur, dass sie in entscheidenden Fragen sich nicht zu helfen wissen. So „praktisch“ – ähnlich ihren Dienstanzügen – und eilfertig sich auch die Wächter Franz und Willem bei der Erledigung kleinerer Aufgaben zeigen, so beschränkt sind sie, wenn es um Wesentliches geht. Dann wissen sie sich keinen Rat. Auch der Aufseher ist davon nicht ausgenommen.

Nimmt man ältere Interpretationen zur Hand, gewinnt man den Eindruck, dass es früher aufs Strengste verboten gewesen sein muss, bei der Kafka-Lektüre zu schmunzeln, geschweige denn zu lachen. Wer lachte, fiel gar bei beflissenen Deutschlehrern in Ungnade: Man hatte offenbar den Ernst der dargestellten Missstände nicht begriffen. War das Lachen angesichts der sich in ausweglose Prozesse verstrickenden Helden nicht eine höchst unangemessene Reaktion?

Diese Ansicht gilt inzwischen als überholt. Denn längst hat die Kafka-Forschung erkannt, dass Kafkas Romane durchaus Ironie enthalten.

Was gibt es also in diesem Text? Immerhin einige Überraschungen – denn nichts ist so, wie es scheint, in diesem Roman. Ironie (griech. εἰρωνεία: „Verstellung“) – d. h.: der Text schafft Distanz zu der dargestellten Welt, in der ein Prozess nur dem Anschein nach ein Prozess ist, in der die Verhaftung gegen alle Gewohnheit ausgeführt wird, in der der Verhaftete sich am Ende selber überwacht und verurteilt.

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Arbeitsanregungen:

  1. Sammeln Sie weitere Stellen, die die Lesererwartung durchkreuzen, insbesondere diejenigen Stellen, die Komik beinhalten.
  2. Versuchen Sie den Sinn der kafkaesken Ironie zu erfassen.