Sympathy for Mr. Edwin?

Tauben im Gras

Cadillac-Szene (Koeppen: Tauben im Gras): Erzähler und Figur

Erzähler und Figur werden zu Recht als verbunden betrachtet. Der Erzähler ist zwar nicht die Kausalursache, aber doch die Bedingung, ohne die die erzählte Welt und die Figur nicht existieren. Aus der Darstellung der Figur lässt sich auf den Erzähler schließen. Dasselbe gilt umgekehrt. Diese Vorstellung soll nun anhand der Cadillac-Szene überprüft werden (Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras, Suhrkamp: Berlin 2006, 43–45).

Der Wagen des amerikanischen Konsuls, ein schwarzglänzender Cadillac, in welchem sich der amerikanische Schriftsteller Mr. Edwin befindet, erscheint an der Kreuzung einer fiktiven deutschen Großstadt. Mr. Edwin’s Gesicht wird sichtbar (43, 20–32). Als sich der prominente Schriftsteller matt in die Polster und Kissen der großen Limousine zurücklehnt, sind seine Begleiter, der Konsulatssekretär und der Impresario des Amerikahauses, sofort bereit, ihn zu unterhalten, beginnen ihn aber bald mit ihren gewöhnlichen Reden zu langweilen (43, 32–44, 16). Mr. Edwin wendet seine Aufmerksamkeit von ihnen ab und lässt seine Gedanken kreisen (44, 16–45, 33).

Wird die Figur dem Leser von außen betrachtet auch sehr genau vor Augen geführt, ihr Bewusstsein bliebe unbekannt, gäbe es nicht den Erzähler, der es offenlegt. Über dem unmittelbar Sichtbaren sind damit die Gegenstände des Bewusstseins dieser Figur gegeben: Bildungswissen („Goethe, Winckelmann, Platen“, 44, 25), Knabenliebe („Edwin liebte den Slang der Gewöhnlichkeit, manchmal, wenn er sich der Schönheit gesellte“, 44, 17–18; vgl. 224, 28–35) und Skepsis („Sollte er nicht schweigen?“, 45, 8). Der Zusammenhang zwischen Erzähler und Figur bildet eine schwer zu durchdringende Einheit, aber es ist deutlich, dass der Erzähler die Gedanken der Figur teilen möchte.

Arbeitsanregungen:

  • Was dem Erzähler an Mr. Edwin gefällt: Warum nicht die positiven und die negativen Seiten der Figur präzise, nüchtern und klar zur Diskussion stellen? Und das im Hinblick auf Mr. Edwin! Vielleicht sehen Sie dann die Bedeutung und die Rolle dieses Dichters ganz anders.
  • Experimentieren Sie auch mit der Vorstellung, dass der Roman als Ganzes von Mr. Edwin erzählt wird, mit anderen Worten: mit der Vorstellung, dass Mr. Edwin und der Erzähler als gegenseitige Spiegelbilder aufzufassen sind.
  • Variieren Sie diese Hypothese, indem Sie sich vorstellen, dass der Roman aus der Perspektive von Philipp erzählt wird. Diskutieren Sie beide Hypothesen. Sammeln Sie Argumente dafür, dass der Erzähler der einen oder anderen Figur näher ist!