Über Orest

An Goethes Gestaltung der Figur Orest wird deutlich, wie Charaktere in ihr Gegenteil umschlagen können. Fühlt der junge Orest wie eine Figur des Sturm und Drang sich belebt durch die Bestimmung zur Freiheit, empfindet der ältere Orest, von den Erinnyen verfolgt, tief die Unmöglichkeit der Freiheit. Will der Leser die Figur des Orest richtig erfassen, muss er diese doppelte Bestimmtheit berücksichtigen. Natürlich hat der Muttermord den Bruch herbeigeführt. Daran darf der Leser nicht vorbeigehen: Orest ist ein schuldbeladener Charakter. Es muss jedoch festgehalten werden: Die wahnsinnige Klage des Orest verweist darauf, wie sehr er die Mutter geliebt hat.

Böses und Gutes, Böses ohne Gutes –

Tragische Schuld und Intrige in „Kabale und Liebe“ Glück und Unglück, so teilt es das bürgerliche Trauerspiel dem Zuschauer mit, werden auch in der bürgerlichen Familie fassbar. Und Glück und Unglück, ganz wie in der Tragödie – man nehme König Ödipus als Beispiel – kommen von derselben Seite. Und dass jemand, der das Gute will, zugleich das Böse schafft, begründet das Phänomen des Tragischen. Die dialektische Einheit von in den Figuren angelegten positiven und negativen Kräften lässt sich auch in Schillers Trauerspiel „Kabale und Liebe“ aufweisen. Vater Miller, so zeigt es sich, ist sich der tragischen Schuld nicht bewusst, Ferdinand…

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K. und die Frauen

1. Fräulein Bürstner Fräulein Bürstner, Josef K.s Zimmernachbarin, erweckt sein Interesse und bedeutet ihm Abwechslung in seinem infolge der Verhaftung halb und schal gewordenen Dasein. Im Verlauf ihrer Begegnung kommen K.s narzisstische Überlegenheitsgefühle hervor. K. glaubt Macht über Fräulein Bürstner ausüben zu können. Das erste Kapitel enthält ein Gespräch zwischen Josef K. und Fräulein Bürstner [Franz Kafka: Der Prozeß. Roman. Suhrkamp (st 3669): Berlin 6. Auflage 2012, 29,7–36,8]. K. drängt es danach, seiner Zimmernachbarin von den Umständen seiner Verhaftung zu erzählen. Er besteht darauf, die Verhaftung nachzuspielen, und rückt dafür sogar Fräulein Bürstners Nachttischchen von seinem Platz. Folgende Gliederung ist…

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Scham und Schuld

Kafka: Der Proceß Die Aufgabe des Gerichts besteht darin, über die Schuld des Verhafteten zu wachen. Mit der Verhaftung ist damit mehr erreicht, als es vielleicht den Anschein hat. Die durch die Verhaftung ausgelöste Scham ist die Elementartatsache innerhalb der neuen Erfahrungen Josef K.s. Mit der Verhaftung ist die Scham des Verhafteten sichergestellt. Auf der Seite K.s entsteht nun so etwas wie ein bedingter Reflex, indem er sich auf seine Scham fixiert.

Der Prügler

Franz Kafka: Der Proceß Was Josef K., der Held des Romans „Der Proceß“ von Franz Kafka, erlebt, wächst aus dem Alltag heraus, ist aber mit dem Alltag eng verbunden. Stets ist Josef K. im Büro zu finden, in dem vorliegenden Kapitel zum Beispiel, dem Prügler-Kapitel, verlässt er abends als einer der Letzten das Bürogebäude. Der Leser erfährt dabei, dass der Büroalltag Erfahrungen hervorbringt, die sich dem Glauben an die Fortschritte des Menschengeschlechts auf grausame Art widersetzen. Entscheidendes hat sich in Josef K.s Leben ereignet. Er ist verhaftet worden, ohne in das Geheimnis der gegen ihn zu Recht oder Unrecht erhobenen…

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Die Schuld des Ahnherrn

Iphigenie und der Tantalus-Mythos Die Frage nach der Schuld ihrer Familie führt Iphigenie zum Tantalus-Mythos. So erzählt sie dem Skythenkönig von Tantalus, ihrem Urahn, dem schwerreichen Mann, dem Liebling der Götter. Dieser hat die Olympier dadurch beleidigt, dass er ihnen seinen Sohn Pelops, ohne überhaupt darum gebeten worden zu sein, geopfert und zum Mal gereicht hat. Die Olympier, Zeus vor allem haben Tantalus daraufhin aufgegeben und in die Unterwelt verbannt. Er muss in die unterste Unterwelt, den Tartarus, hinab, um dort für immer Hunger und Durst zu leiden. Die Götter haben den übermütigen Tantalus aufgegeben – nicht so Iphigenie! Sie…

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Verdrängte Erinnerung

Die Jahre der Demütigung scheinen den Deutschen beinahe vergessen, die Stabilisierung ihrer Wirtschaft, das so genannte „Wirtschaftswunder“ verschafft der Nation, genau genommen ihrem westlichen Teil internationale Anerkennung, da mehren sich die Stimmen derer, die den Deutschen ihre Selbstzufriedenheit vorwerfen. 1967 sieht sich die Nation mit der flammenden Anklageschrift des Ehepaars Mitscherlich konfrontiert. Die Autoren, beide Psychoanalytiker, halten den Deutschen Mangel an Selbstkritik und Verdrängung der mit dem Nationalsozialismus verbundenen Schuldgefühle vor. 1968 erreicht der Protest gegen die Elterngeneration seinen Höhepunkt. Tausende gehen auf die Straße, an den deutschen Hochschulen formiert sich der Protest gegen Professoren, die die nationalsozialistische Vergangenheit verharmlosen…

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