Leere Wünsche?

Kleist, Romantik

Kleist und die romantische Sehnsucht


„Der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und Erwerben des Begehrten vernichten zu können, ist Sehnsucht.“ So fasst Kant einen Ausdruck, der sich trefflich auf die Zeit der Romantik anwenden ließe. „Sehnsucht“ wäre als ein typisch romantisches Motiv zu nennen.

Auch Kleist stand dieser Ausdruck zur Verfügung. Sein Werk lässt sich, im Allgemeinen gesprochen, als Ausdruck einer Sehnsucht nach subjektiver Ordnung oder, wie Rüdiger Safranski es formuliert, als Sehnsucht nach einem imaginären Ich verstehen. Kleist war „mit dem Extremismus seiner Gefühle und dem Absolutismus seines Ichs einer der genialen Romantiker. Aber auch ein gefährlicher Romantiker“ (Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Carl Hanser Verlag: München 2007, 189).

Die Romantik lässt sich, was ihre Programmatik anbelangt, als ein System tief empfundener Sehnsüchte verstehen. In einem Prozess Mensch gegen Welt, besser gesagt: in einem Prozess Subjekt gegen fremde Objektivität in sich – in Sachen Inkommunikabilität (Heinrich von Kleist: „Unaussprechliches“), gelten die Sehnsüchte als legitime Mittel, dass Ich als Schöpfer seiner eigenen Welt zu verteidigen, mit dem Argument: Diese Welt ist nicht die bestmögliche aller Welten.

Kleist bekennt sich zu vielerlei vergeblichen Sehnsüchten. Er hegt den tiefen Wunsch, in Gegenwart seiner Verlobten an ihrem „Halse zu weinen“ (Brief an Wilhelmine von Zenge vom 22. März 1801). Er hat das Verlangen nach Vogel-Freiheit – in einem Brief aus Paris vom 16. August 1801 heißt es:


„Ja, zuweilen, wenn ich […] still stehe auf dem Pont-neuf, über dem Seine-Strom, diesem einzigen schmalen Streifen Natur, der sich in diese unnatürliche Stadt verirrte, o dann habe ich eine unaussprechliche Sehnsucht, hinzufliegen nach jener Höhe, welche bläulich in der Ferne dämmert, und alle diese Dächer und Schornsteine aus dem Auge zu verlieren, und nichts zu sehen, als rundum den Himmel – Aber gibt es einen Ort in der Gegend dieser Stadt, wo man ihrer nicht gewahr würde?“


Er hat „eine unaussprechliche Sehnsucht, nur einen Tropfen von Freude zu empfangen“ (Brief vom 4. Mai 1801).


Arbeitsanregung:

Kleist und die Romantik – wie lässt sich nach Ihrer Meinung die Schnittmenge beschreiben?

  • Fertigen Sie eine „WORTWOLKE“ an!
Erster Entwurf des LK Deutsch am Mariengymnasium Warendorf nach der Wiederaufnahme des Unterrichts am 12. Mai 2020.