Aus der Fülle des Herzens schreiben

Dichtungstheorie, Empfindsamkeit, Goethe

Der radikale Wandel des Sprachverständnisses in Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“

Goethe, der Ordnung liebte, hat die Konsequenzen gefürchtet, die sich aus dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ ergaben. Die Kritik mancher Rezensenten entzog der ersten Fassung (1774) quasi den Boden. Der Dichter wurde mit einer Reihe von Verbotsanträgen konfrontiert; Stimmen wurden laut, die der Ironie des Textes nicht gewachsen schienen oder sich aus Sorge um den Nachahmungseffekt über sie hinwegsetzten – wie die folgende: „Es wird hier ein Buch verkauft, welches den Titel führt Leiden des jungen Werthers. Diese Schrift ist eine Empfehlung des Selbst Mordes; und es ist auch um des Willen gefährlich, weil es in einnehmender Schreib Art abgefaßt ist […] Da die Schrift also üble Impressiones machen kann, welche, zumal bey schwachen Leuten, Weibs Personen, Eindrücke machen kann, welche bey Gelegenheit aufwachen, und ihnen verführerisch werden können, so hat die theol. Fakultät für nöthig gefunden, zu sorgen, dass die Schrift unterdrückt werde: dazumal itzo die Exempel des Selbstmordes frequenter werden“ (Gustav Wustmann: Verbotene Bücher. Aus den Censurakten der Leipziger Bücherkommission. Über das Verbot des „Werther“. Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 41: 1882, 281).

Was ist unter dem Werther-Effekt („Empfehlung des Selbst Mordes“) zu verstehen? Goethe beginnt mit der Schilderung einer Liebe, bei der der Name „Klopstock“ eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Der Name fällt innerhalb der Handlung zum ersten und einzigen Male, als ein vor dem Haus niedergehendes Gewitter gemeinsam von Werther und der von ihm angebeteten Charlotte erlebt wird. Es heißt hier:

„Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand, auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige, und sagte – Klopstock! – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoss. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küsste sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehn, und möcht’ ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!“

(Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum/Nordsee 2021, S. 22, Z. 19–32)

An diesen Sätzen fällt zweierlei auf: erstens die Strommetapher, die Goethe aus der Ode „Die Frühlingsfeier“ übernimmt – aus Klopstocks Ode, die den beiden am Fenster Lehnenden als Losung der Empfindsamkeit vertraut ist; zweitens die ironische Abwendung von der gefühlvollen Szene (Apostrophé) zu Klopstock selbst, dem „Edle[n]“, wie es hier heißt.

Aus der Strommetapher folgt, dass direkter Kontakt hergestellt wird zwischen Individuum (Herz) und Individuum (Herz); in diesem Fall berühren Werther und Lotte einander wie Tropfen, die, von einem einheitlichen Strom erfasst, zusammenfließen. Sie „strömen“ zusammen. So verhält es sich zumindest aus Werthers Sicht. Interessant ist, dass Sprache (in Werthers Briefen allgemein und im prägnanten Sinn in dieser Passage) dabei nicht als Mitteilung über einen Sachverhalt verstanden wird; „Klopstock!“ – der von der jungen Frau hervorgestoßene Name dient vielmehr dazu, dem Affekt, der mit diesem verbunden ist („dem Strome von Empfindungen“, S. 22, Z. 26–27), Resonanz zu verschaffen. Sprache ist Widerspiel der sich selber offenbarenden Natur (natura naturans), deren Göttlichkeit Klopstock in der „Frühlingsfeier“ wie ein messianisches Ereignis feiert. Werther und Lotte wissen um den Zusammenhang, als hätten Lotte und er sich nur über Blicke verständigt. Übrigens geht das von Klopstock dargestellte Gewitter in die ganze Szenerie ein, indem die erotische Spannung zwischen den Flirtenden im „klug“ (S. 21, Z. 36) von Lotte arrangierten Zählspiel („das muss gehen wie ein Lauffeuer“, S. 22, Z. 2–3) durch blitzende Ohrfeigen, schließlich am Fenster durch Blicke, Küsse und Tränen abgebüßt wird.

Eine Überfülle tief erregter Empfindungen hervorzurufen, das kennzeichnet die Wirkung des Werther-Effekts, auch wenn damit nur ein Bruchteil der Wirkungen festgehalten wird. Das Interesse an der Natur, die Achtung vor der Schöpfung, aber auch der Schrecken vor der allseits „webenden“ Natur als einem „ewig verschlingende[n], ewig wiederkäuende[n] Ungeheuer“ (S. 44, Z. 39–40) wird in vielen Passagen dieses Briefromans vor Augen geführt. Zu der zitierten Gewitterszene, die die Gesellschaft in Charlottes Haus in Angst versetzt, wie es bei derartigen Naturphänomenen üblich ist, kommen andere Szenen, in welchen Klopstocks Name zwar nicht fällt, welche aber dem lyrischen Programm dieses Dichters der Empfindsamkeit entsprechen. Will sagen: Es kommt auf die Fülle und Intensität der sentimentalen Vorstellung an, „die die unmittelbare Evidenz, das verbale Equivalent der produktiven Macht der gotterfüllten Natur ist“ (Viktor Lange: Bilder, Ideen, Begriffe: Goethe-Studien. Königshausen und Neumann: Würzburg 1991, S. 28), nicht auf den Namen des Dichters, der mit dieser Vision verbunden ist.

Der Werther-Effekt ist aus diesem Grund kein Klopstock-Effekt. Der Werther-Effekt ist von seiner Entstehung her (a statu nascendi) gar kein Nachahmungseffekt, das ist er erst infolge der skandalösen Aufnahme (Suizid) beim Lesepublikum geworden. Empfindsamkeit (in dieser Szene unter Berufung auf Klopstock) ist ein perspektivischer Begriff und ist vom Ganzen des Briefromans her betrachtet das zarteste Gefühl für das eigene Herz; daher die ironische Abwendung: „und möcht’ ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!“ ( (Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum/Nordsee 2021, S. 22, Z. 30–32).

Sprache ist also ohne Bindung an das eigene Herz nicht vorstellbar, legt der Briefroman nahe. Wie oft beklagt Werther das Gegenteil! Darin stimmt Werther mit Herders Sprachphilosophie überein, mit dem Goethe in jener Epoche seines Schaffens die Ansicht teilt, dass Sprache wildbewegt, strömend zu sein hat, gleichsam dem Herzschlag folgend.

Herder sieht in der Kunst vor allem das Natürliche, Spontane, nicht das Handwerkliche, Artistische:

„[W]o keine Regel beleidigt, keine neue Freiheit gewagt ist, wo alles in langsamen [!] Schritt, wie ein beladener Maulesel, trabet, das ist Classisch“.

(Johann Gottfried Herder: Über die neuere deutsche Literatur. In: Werke, hrsg. von Wolfgang Pross, Bd. 1. Carl Hanser Verlag: München 1984, S. 119–120)

So soll es laut Herder nicht sein: Nicht „klassisch“, unmittelbar soll die Dichtung sein. Die Natur (natura naturans) selber soll in ihr lebendig werden.

Nachahmung wäre Selbstverrat. Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ ist ein prominentes Beispiel dafür, dass eine Dichtungsweise geboren worden ist, in welcher ein neues Sprachverständnis Epoche macht.

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