Omnia vincit aqua –

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Tony Buddenbrook in Travemünde

Tony und Morten befinden sich am Strand von Travemünde. Tony lehnt an einer Sandburg, die Morten für sie festgeklopft hat. Mit seinen gesunden, frischen Händen. Das Meer macht großen Eindruck auf sie.
Diese Szene als Urlaubsbild zu deuten, ist völlig legitim. Wer hätte nicht Ähnliches erlebt? Ein solches Verständnis entspricht darüber hinaus der Widmung, die dem dritten Teil des Familienromans vorangestellt wird: „Meiner Schwester Julia sei dieser Teil zur Erinnerung an unsere Ostseebucht von Herzen zugeeignet“ (S. 91).
Für den literarisch versierten Leser enthält dieser Text jedoch Hinweise auf eine zusätzliche Bedeutung. Diese wird aber nicht explizit angegeben, sondern nur nahegelegt. Geht der aufmerksame Leser den Hinweisen nach, so erkennt er, dass die Darstellung des Meeres in den vorliegenden Zeilen auf Tony Buddenbrooks kindliche Sehnsucht nach Freiheit verweist. Die Naturbilder spiegeln wider, was Tony nur auf ihre naive Art und Weise denken und zum Ausdruck bringen kann, dass sie nämlich dem Familienkreis entkommen und mit Morten ein eigenes Leben beginnen möchte.

Doch es reicht nicht, Tony Buddenbrook unter diesem Aspekt allein zu betrachten. Das Meer ist, wie seit jeher gebräuchlich, auch mit dem Aspekt der Gefahr verbunden. Im Hinblick darauf ist der Hinweis des Erzählers, dass die „mit Seegras durchwachsenen Wände der Wellen […] drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten“ (S. 141, Z. 1–2), als vieldeutige Metapher zu betrachten. Denn der Ausdruck „Wände“ meint ja auch „Häuserwände“. So heißt es schließlich ausdrücklich, dass das Meer „unerbittlich“ (S. 140, Z. 18) sei – und an einer Parallelstelle, mit den Worten ihres Bruders Thomas, dass das Meer „mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen heranwälzt“ (S. 672, Z. 11–12). Wieder wird der Leser aufgefordert, an den unwiderruflichen Verfall des Hauses Buddenbrook zu denken.

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Sublimierung als Abwehrmechanismus

Elisabeth Buddenbrook, geborene Kröger, ist in ihren Witwenjahren dem Himmel noch ein Stück näher gekommen als ihr verstorbener Mann, Johann Buddenbrook, genannt „Jean“. Wie ihre Namensverwandte, die heilige Elisabeth von Thüringen, widmet sie sich nun den Werken der Nächstenliebe. So wendet sie einen Teil ihres Vermögens für die Armen auf, richtet sogar eine Sonntagschule ein, in der Arbeiterkinder Aufnahme finden.
Ihr Sohn, der Senator dagegen hält keine großen Stücke auf die Religion. Was das Verhältnis zur Religion anbetrifft, ist Thomas Buddenbrook seinem Großvater ähnlich, Johann Buddenbrook dem Älteren. Dennoch gilt auch für Thomas, dass er, um wieder diese Wendung zu gebrauchen, „dem Himmel näher“ ist.

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Das Unglück in München

Tony Buddenbrooks Ehe mit Alois Permaneder

Thomas Mann: Buddenbrooks. 6. Kapitel

Das Unglück in München –
Tony Buddenbrooks Ehe mit Alois Permaneder

Der Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, 1901 erschienen, ist eine Familienchronik der besonderen Art. Der Bogen spannt sich über mehrere Generationen, von 1835 bis 1877. Erzählt wird die Geschichte der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook, angefangen vom Sohn des Firmengründers, Johann Buddenbrook (gest. 1842), bis zu Thomas Buddenbrook (gest. 1875), nach dessen Tod die Firma liquidiert wird. Johann Buddenbrook ist während der napoleonischen Befreiungskriege durch Getreidelieferungen an das preußische Heer zu Reichtum gekommen. Die Handlung setzt ein, als das neue Wohnhaus der Familie, ein repräsentatives Patrizierhaus an der Lübecker Mengstraße, bezogen worden ist.

Der Roman ist eine Familienchronik der besonderen Art, da der Niedergang der Firma nicht nur beschrieben, sondern erklärt wird. Thomas Mann bedient sich dafür des zur Zeit des Fin de siècle allgemein in Künstlerkreisen beliebten Dekadenzmodells. Diesem Modell zufolge ist der Abstieg nicht ohne Aufstieg denkbar: der wirtschaftliche Verfall wird, um in den Worten Thomas Manns zu sprechen, von einer „Sublimierung ins Spirituelle“ begleitet.

Zu den Hauptfiguren des Romans zählen die Männer an der Spitze der Firma: Johann Buddenbrook, Jean Buddenbrook und Thomas Buddenbrook. Was die Frauenfiguren betrifft, nehmen die Erzählungen über Elisabeth Buddenbrook, geb. Kröger, Jean’s Ehefrau, und über Antonie Buddenbrook, Jean’s älteste Tochter, breiteren Raum ein. Antonie, die in der Familie „Tony“ genannt wird, ist sogar im gesamten Roman, direkt oder indirekt, gegenwärtig.

Die vorliegende Textpassage handelt von Tony Buddenbrooks fortschreitendem sozialen Abstieg, bedingt durch ihre zweite Ehe, mit Alois Permaneder in München. Tony’s erste Ehe, die Ehe mit dem Bankrotteur Bendix Grünlich, ist zur Zeit ihrer zweiten Ehe, in den Jahren 1857–1859, noch in lebendiger Erinnerung. Stets spricht Tony den Namen des eitlen Mitgiftjägers, von dem ihr Vater sich hat täuschen lassen, mit demonstrativer Verachtung aus. Immer noch fühlt sie, dass sie mit dieser Ehe der Familie und der Firma mehr geschadet als genutzt hat.
Nach dem Tod ihres Vaters (gest. 1855) hat sie bei dem Besuch einer Freundin in München den Hopfenhändler Alois Permaneder kennen gelernt. Der gutmütige Bayer und die Kaufmannstochter aus Lübeck finden sich sympathisch, und nach einem Besuch Permaneders in Lübeck wird der Entschluss zur Ehe gefasst. Thomas, der inzwischen zum Firmenchef aufgestiegen ist, erteilt seine Einwilligung, nachdem er die Vermögensverhältnisse Permaneders geprüft hat. Das Ehepaar lebt in München.

Alois Permaneder hat sich nach dem Erhalt der Mitgift zur Ruhe gesetzt. Die Abende verbringt er zumeist im Hofbräuhaus. Die maßlos enttäuschte Tony muss sich an ein einfaches, abwechslungsloses Leben ohne größere Bedeutung gewöhnen. Die gewohnte gesellschaftliche Anerkennung bleibt ihr versagt. Die Lage scheint sich zum Besseren zu wenden, als Tony schwanger wird.

Ich habe die Textpassage in folgende Abschnitte eingeteilt:

Z. 1–21: Tony’s Isoliertheit in München,
Z. 22–31: Tony’s Schwangerschaft, ihre Vorfreude auf Geburt und Taufe,
Z. 32–36: Der Tod des Neugeborenen unmittelbar nach der Entbindung,
Z. 37–44: Thomas und Gerda auf Besuch bei Tony,
Z. 45–52: Permaneders Reaktion auf den Tod des Kindes.

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