Der Fremde –

Erlösung für Mendel Singer?

Klausurvorbereitung

Textgrundlage:
Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Schöningh Verlag: Paderborn 2012, S. 148, Z. 15–S. 150, Z. 8; S. 151, Z. 11–28).

Klausurtext (PDF-Dokument)

Aufgabe:
Analysieren Sie den vorliegenden Text unter besonderer Berücksichtigung des Figurenverhaltens.

Einleitung

Sie orientieren den Leser Ihrer Klausur über den Roman „Hiob“, indem Sie Textgattung, Titel, Autor und Erscheinungsjahr des Romans kurz benennen, den Inhalt und die Thematik des Romans beschreiben, z. B.:

Der im Jahr 1930 erschienene Roman „Hiob“ von Joseph Roth ist eine Glaubens- und Familiengeschichte gleichermaßen. Wie Hiob, das biblische Vorbild, ist die Hauptfigur des Romans, Mendel Singer einer, der beharrlich glaubt und Schicksalsschläge geduldig hinnimmt. Doch seine Familie lässt sich nicht auf den gleichen Weg führen. Armut, Krankheit, Unglück und Tod treiben die Familie vielmehr auseinander. Die den Roman bestimmende Frage ist daher, ob dem Leid im Allgemeinen ein Sinn beigemessen werden kann – oder religiös gesprochen: ob es für das Handeln Gottes eine Rechtfertigung gibt.

HAUPTTEIL

Sie betten den vorliegenden Textauszug kurz in die gesamte Handlung ein, z. B.:

Roths Roman setzt damit ein, die Armut in Mendels Familie zu schildern. Und die Armut ist groß, es kann für die Familie eigentlich nicht viel schlimmer kommen. Mendel Singer lebt als Melammed (Thoralehrer) mit seiner sechsköpfigen Familie in Zuchnow, einem fiktiven Ort im russischen Teil Galiziens. Die Familie hofft auf Besserung, als sie nach Amerika auswandert. Sie findet ein Unterkommen in einer kleinen Wohnung in New York. Doch New York ist nicht the wonder city, als die sie angepriesen wird. Im Ersten Weltkrieg verliert Mendel Singer seine ältesten beiden Söhne und Deborah, seine Frau. Mendels Tochter Mirjam gebärdet sich nach Deborahs Tod, nach allen die Familie betreffenden Hiobsnachrichten wie eine Verrückte und wird in eine psychiatrische Klinik überwiesen. Seit Langem plagt sich der alte Mendel im Übrigen mit Gewissensbissen, weil er vor der Auswanderung seinen jüngsten, an Epilepsie leidenden Sohn Menuchim in Zuchnow bei Nachbarn in Pflege zurückgelassen hat. Der ehemals streng nach den Vorschriften lebende Jude hat aber mit seinem Glauben gebrochen.

Sie beschreiben – und gliedern – den Inhalt der vorliegenden Textpassage, z. B.:

Es ist der erste Abend des Osterfestes. Die zur Feier des Pessach versammelte Familie Skowronnek hat einen Fremden zu Besuch. Der ebenfalls eingeladene Mendel folgt der Feier scheinbar unbeteiligt. Mit klopfendem Herzen aber wendet er sich dem Fremden zu, der, wie er gehört hat, aus Zuchnow stammt und ihm daher etwas über Jonas und vor allem über Menuchim, seinen jüngsten Sohn, erzählen könnte.

Der Text gliedert sich in folgende Abschnitte:

1. Der Fremde teilt mit, dass Menuchim Singer lebt und dass es ihm sogar gut geht (Z. 1–21).

[Ergänzen Sie!]

Sie informieren über Leitfragen bzw. wichtige Aspekte Ihrer Analyse, z. B.:

Zu Beginn der – im vorliegenden Textauszug einsetzenden – Handlung kann Mendel Singer zu den gewöhnlichen, in Amerika assimilierten Juden gerechnet werden. Nach all dem Leid hat sein vormals starker Glaube gelitten, die Grenze des Verstehens hat sich ihm aufgedrängt. Wird er Erlösung in der Begegnung mit dem Fremden finden?

Sie untersuchen die vorliegende Handlung unter den zuvor genannten Gesichtspunkten, z. B.:

Menuchim Singer alias Alexej Kossak ist die zentrale Figur der vorliegenden Szene. Er ist der „Fremde“ (Z. 3), von dem eine seltene Kraft ausgeht, die alle anderen an der Szene Beteiligten in Bann schlägt. Der auktoriale Erzähler hat alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um die Begegnung zwischen ihm und Mendel Singer anschaulich und spannend zu gestalten. Behutsam tastet er sich vor, um den Leser auf den Höhepunkt der Szene vorzubereiten. Bei aufmerksamer Lektüre wäre zum Beispiel zu beobachten, auf welche Art und Weise der Erzähler bestimmte Mittel der Zeit- und Raumgestaltung (Zeitdehnung, Bildausschnitt) handhabt. Diese Analyse soll darauf ein paar Antworten geben.

Die Antwort, die Kossak auf Skowronneks Nachfrage nach dem Schicksal des in Russland zurückgelassenen Menuchims zu geben hat (vgl. Z. 1–2), bleibt zunächst aus. Warum Kossak die Antwort derart lange abwägt, ist schwer ergründlich. Dem Leser steht nur die Detailaufnahme eines Teeglases vor Augen: „[Kossak] stocherte mit dem Löffel auf dem Grunde des Glases herum“ (Z. 3–4). Das Detail ist so bedeutsam, dass der Erzählfluss für den Moment (Zeitdehnung) unterbrochen wird: Das durch den Löffel zum Klingen gebrachte Teeglas ist nämlich wie eine nur auf den alten Mendel gemünzte Probe: Wird der gespannt lauschende Mann sich daran erinnern, dass er in Zuchnow seinem jüngsten Sohn das Sprechen mit Hilfe eines Teeglases beizubringen versucht hat? Doch ebenso muss das „Glas“ (Leitmotiv, vgl. Roth: Hiob, S. 34–36, S. 88) als Wink an den Leser verstanden werden: Wird das in Zuchnow ausgebliebene Wunder sich diesmal, in Skowronneks Haus bei der Feier der Befreiung aus Ägypten (Pessach) ereignen?

Jeder der Beteiligten wird nun tatsächlich Zeuge eines Wunders. Von welchen Ausmaßen, ist schwer zu sagen. Am Ende wird nicht nur Mendel Singer aus seiner Erstarrung gelöst werden, auch der Raum wird lebendig werden (Z. 34: „an den Wänden flattern die Schatten stehender Menschen“), als habe Gott selbst durch den Fremden zu der kleinen Versammlung gesprochen.

Zunächst aber ist Kossaks Antwort zu hören. Der Leser soll dabei an einen „Ruf“ denken (Anapher, Litotes, Vergleich und Steigerung in Z. 8: „ Es klingt nicht wie eine Antwort, es klingt wie ein Ruf“). Was der Wunderrabbi Deborah einst zugeflüstert hat (vgl. Roth: Hiob, S. 14–15), ist nun laut geworden: Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Menuchim lebt, er ist sogar gesund – und um die Erlösung in Skowronneks Haus zu verlegen, Kossak selbst ist Menuchim. Für Mendel wiederum bedeutet die Erlösung den letzten Ausweg aus seiner Lethargie.

[Ergänzen Sie!]

Sie untermauern Ihre Ergebnisse durch zusammenfassende Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung, z. B.:

Der Text erschöpft sich nicht in der nüchternen Darstellung des Wiedersehens von Vater und Sohn. Da das Wiedersehen als „Wunder“ (Roth: Hiob, S. 148, Z. 14) beschrieben wird, enthält der Text viele intertextuelle Verbindungen zu vergleichbaren Wundergeschichten der Bibel. Der Leser muss sich nur die Art vor Augen führen, in der Menuchim den vor ihm hingesunkenen Mendel anspricht: „Steh auf, Vater!“ (Z. 43). Das ist biblischer Sprachgebrauch.

[Ergänzen Sie!]

Schluss

Sie fassen Ihre Ergebnisse zusammen und beurteilen, welche Funktion dem vorliegenden Textauszug innerhalb der Romanhandlung zukommt.

Gott, heißt es, habe Hiob auf das Doppelte belohnt. So ergeht es Mendel Singer, als ihm sein Sohn Menuchim wieder begegnet.

[Ergänzen Sie!]

Mendel Singer – im Diesseits schon ein Toter?

Klausurvorbereitung

Textgrundlage:
Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Schöningh Verlag: Paderborn 2012, S. 110, Z. 32–S. 111, Z. 30).

Aufgabe:
Untersuchen Sie den vorliegenden Text unter besonderer Berücksichtigung der biblischen Vorlage (Hiob 2, 1–3, 26).

Einleitung

  • Sie orientieren den Leser Ihrer Klausur über den Roman „Hiob“, indem Sie Textgattung, Titel, Autor und Erscheinungsjahr des Romans kurz benennen, den Inhalt und die Thematik des Romans beschreiben, z. B.:

Der im Jahr 1930 erschienene Roman „Hiob“ von Joseph Roth ist eine Glaubens- und Familiengeschichte gleichermaßen. Wie Hiob, das biblische Vorbild, ist die Hauptfigur des Romans einer, der beharrlich glaubt und Schicksalsschläge geduldig hinnimmt. Doch die Familie lässt sich nicht auf den gleichen Weg führen…

[Ergänzen Sie!]

Hauptteil

  • Sie betten den vorliegenden Textauszug kurz in die gesamte Handlung ein, z. B.:

Roths Roman setzt damit ein, die Armut in Mendels Familie zu schildern. Und die Armut ist groß, es kann für die Familie eigentlich nicht viel schlimmer kommen…

[Ergänzen Sie!]

  • Sie informieren über Leitfragen bzw. wichtige Aspekte Ihrer Analyse, z. B.:

Der vorliegende Textauszug handelt davon, wie Mendel Singer auf den Tod seiner Frau Deborah reagiert. Hat Mendel Singer sich bisweilen für seine Frau geschämt, ihren schändlichen Eifer beklagt – nach ihrem Tod beneidet er sie. „Du hast es gut!“, sagt er in den Tagen der Totenwache in der Vorstellung zu seiner verstorbenen Frau. In der folgenden Klausur soll geklärt werden, ob Mendel Singer zu dieser Einschätzung berechtigt ist. Ist Mendels Schicksal unannehmbar? Darf er sich selbst hassen? Lebt er im Diesseits schon als Toter?

  • Sie beschreiben – und gliedern – den Inhalt der vorliegenden Textpassage, z. B.:

Der Text lässt sich in folgende Abschnitte gliedern:…

[Ergänzen Sie!]

Im Hauptteil der Klausur haben Sie dann Folgendes durchzuführen:

  • Sie untersuchen die Textpassage unter den in der Aufgabenstellung genannten besonderen Gesichtspunkten, z. B.:

In diesem Textauszug kommt der Zusammenhang mit der biblischen Vorlage besonders deutlich hervor. Vieles kehrt wieder, was von Hiob bereits bekannt ist: Der Schmerz ist für Hiob derart groß, dass er beginnt, sich selbst zu hassen. Er sitzt „in der Asche“ und ritzt sich mit einer „Scherbe“ (Hiob 2,8). Er verflucht sein Schicksal: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, / die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen“ (Hiob 3,3). Ähnliches teilt Roths Erzähler von Mendel Singer mit…

[Ergänzen Sie!]

  • Sie untermauern Ihre Ergebnisse durch zusammenfassende Aussagen zum Erzählverhalten und zur sprachlichen Gestaltung.

Obwohl von Verlust und tiefer Trauer mitgeteilt wird, wirkt der Erzählbericht, sprachlich betrachtet, abgerundet, lyrisch durchkomponiert; d. h. es ist, als ob der auktoriale Erzähler Menuchims Lied vorwegnähme. Der liedhafte („lyrische“) Ton ist bereits in der biblischen Vorlage angelegt, in den Psalmen und Gebeten Hiobs, in denen dieser sein vermeintliches Scheitern thematisiert. „Rund“ sind daher die Tage der Trauer (Wiederholungsfiguren: S. 110, Z. 32; S. 111, Z. 3.4.8)…

[Ergänzen Sie!]

Schluss

  • Sie fassen Ihre Ergebnisse zusammen und beurteilen, welche Funktion dem vorliegenden Textauszug innerhalb der Romanhandlung zukommt.

Hiob. Das Sonderheft

Projekt für den Deutschunterricht

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Sonderheft (Titelseite als PDF-Dokument)

Arbeitsanregungen:

  1. Veranstalten Sie in einem Rollenspiel eine Redaktionskonferenz, in der Sie als Redakteure über die Anforderungen der Beiträge dieser Sonderausgabe zum Roman „Hiob“ diskutieren.
  2. Teilen Sie sich in Arbeitsgruppen auf und erstellen Sie Stoffsammlungen, indem Sie die für die Beiträge relevanten Informationen recherchieren.
  3. Führen Sie das Projekt „Sonderausgabe“ zuende, indem Sie die auf der Titelseite angekündigten Beiträge schreiben.
  4. Wo es sinnvoll erscheint, fügen Sie weitere Beiträge hinzu.

 

Things go better with Coke!

Zur Naivität im Roman „Hiob“

In der Geschichte der Literatur konzentriert sich viel auf die Frage, ob und inwieweit naiv erzählt werden könne. Der Begriff des naiven Erzählens geht dabei den meisten Autoren weit über das hinaus, was wir aus dem Mund von Kindern vernehmen. Er erstreckt sich also nicht auf die Erzählungen der Kinder, obwohl sie vom Erzählen nicht lassen können, ja sogar schon zu erzählen beginnen, bevor sie den Sinn der Wörter überhaupt zu verstehen fähig sind. Naiv erzählen heißt also wie ein Kind zu erzählen, es kann uns mit Wehmut und mit einer gewissen Unbestimmtheit erfüllen und daher „in eine erhabene Rührung versetzen“ (Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung). Naive Erzählungen sind verschwommen in Beziehung zu den Bereichen Ethik, Gesellschaft, Religion usw., weil sie diesen Bereichen gegenüber abgewandt sind.

Der Roman „Hiob“ von Joseph Roth gehört in diese Kategorie des Erzählens. In diesem Roman werden Religion, Gesellschaft und Ethik zwar behandelt, doch diese lassen sich nicht auf die objektive, wirkliche Welt zurückführen, die Realität erscheint wie von einem Schleier des Nichtwissens verhüllt. Wie verschwommen das Bild der Realität ist, belegen beispielsweise Mendel Singers Eindrücke von Amerika. Das Mädchen aus der Fassadenwerbung bedeutet ihm einen Moment des Glücks.

„Dem Fenster gegenüber, an dem Mendel lehnte, erschien jede fünfte Sekunde das breite lachende Gesicht eines Mädchens, zusammengesetzt aus lauter hingesprühten Funken und Punkten, das blendende Gebiß in dem geöffneten Mund aus einem Stück geschmolzenen Silber. Diesem Angesicht entgegen schwebte ein rubinroter, überschäumender Pokal, kippte von selbst um, ergoß seinen Inhalt in den offenen Mund und entfernte sich, um neugefüllt wieder zu erscheinen, rubinrot und weißgischtig überschäumend. Es war eine Reklame für eine neue Limonade. Mendel bewunderte sie als die vollkommenste Darstellung des nächtlichen Glücks und der goldenen Gesundheit. Er lächelte, sah das Bild ein paar Mal kommen und verschwinden und wandte sich wieder dem Zimmer zu.“

(Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Schöningh Verlag: Paderborn 2012, S. 152).

Arbeitsanregungen:

  • Was macht die Naivität der Figur (Mendel Singer) aus?
  • Welche Haltung vermuten Sie dagegen auf der Seite des Erzählers? Mit anderen Worten: Gehen Sie der Frage nach, ob der Erzähler sich von der Figur distanziert.
  • Überlegen Sie, in welchem Stil Koeppen von der Coke-Fassadenwerbung erzählt hätte.

    Vielleicht so wie im folgenden Text?

    Mendel öffnete das Fenster. Er redete mit seinem Sohn im Ton eines Fremden, im Ton eines neugierigen, aber naiven Touristen. Dann sah er das Mädchen. Es war sogar etwas Besseres als ein Mädchen. Die Beleuchtung erhöhte sie, machte sie groß und unfassbar gesund. Sie sah aus, als kenne sie keine Krankheit. Mendel fühlte sich fremd. Die Amerikaner waren natürlich etwas Geringeres als die Europäer. Sie wussten nichts von der Kluft, die der Atlantik bedeutete, die den neuen von dem alten Kontinent trennte. Aber sie hatten diese Aphrodite erschaffen, die umso schöner lockte, da sie etwas verkündete, was jedem beschieden war, etwas Demokratisches. Things go better with Coke!

    Erproben Sie eine Form, die für Koeppen typisch wäre, und entwickeln Sie einen Text von ungefähr einer halben Seitenlänge.

Keine Heimat!

Joseph Roths Roman „Hiob“

Joseph Roths unter dem Titel „Juden auf Wanderschaft“ herausgegebenen Reportagen (1927) beschwören die Straßen, Plätze, Personen und Wohnungen Galiziens herauf. Zweifellos ist Joseph Roth als Reporter auf der Suche nach der verlorenen Erde seiner Kindheit. Man glaubt darum zu verstehen, dass der Romanschriftsteller Roth Ähnliches unternimmt. Der Roman „Hiob“ (1930) jedenfalls scheint verwandte Themen, zum Beispiel Armut, Heimat und Heimatverlust zu behandeln. Vielleicht wäre der Roman ohne die Recherchen Roths, die ihn zurück nach Galizien führen, nicht möglich gewesen. Trotzdem hat der Roman seinen eigenen Stellenwert. Denn mehr als die Reportagen ist er zum Kennzeichen einer Epoche geworden, in der insbesondere der Heimatverlust zum Problem geworden ist.

Der Roman lässt seinen Helden einsam werden.

Schon war er einsam, Mendel Singer: schon war er in Amerika …“ (Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Schöningh Verlag: Paderborn 2012, S. 88).

Man weiß doch, wie solche Geschichten beginnen. Zunächst beanspruchen die Väter alle Macht – so auch Mendel Singer, als er noch im galizischen Schtetl lebt. Wie ein biblischer Patriarch ist er mit den Tefillin (Gebetsriemen) geschmückt und macht auf diese Weise deutlich, dass seine Autorität, zumindest die Autorität JHWHs, des einzigen Gottes, in seinem Hause anerkannt werden soll. Er singt mit dem Jüngsten, rezitiert aus der Bibel und hofft auf Gehör. Nach außen ist das Judentum, wie seit Jahrtausenden üblich, patriarchalisch organisiert. Charakteristisch ist die Szene, in der Mendel Singer es ablehnt, Menuchim, den an Epilepsie leidenden jüngsten Sohn der Singers, im russischen Krankenhaus behandeln zu lassen.

Wie ein Held hielt Mendel seinen dürren weißen Arm zum Impfen hin. Menuchim aber gab er nicht fort. Er beschloß, Gottes Hilfe für seinen Jüngsten zu erflehen und zweimal in der Woche zu fasten, Montag und Donnerstag. Deborah nahm sich vor, auf den Friedhof zu pilgern und die Gebeine der Ahnen anzurufen, um ihre Fürsprach beim Allmächtigen. Also würde Menuchim gesund werden und kein Epileptiker. (ebd., S. 10).

Man weiß aber auch, wie solche Geschichten enden. Der Vater hat die Macht des Gebets überschätzt. Das Gebet ist aus dem Leben der Familie verschwunden. Die Familie ist in allgemeiner Auflösung begriffen, die Heimat scheint verloren. Kurz: für Mendel Singer wird das Leben immer schwerer, indem es an Sinn verliert.

Arbeitsanregungen:

  • Inszenieren Sie die Gründe für die Auflösung der Familie Singer anhand einer „Familienaufstellung“. Verteilen Sie sich im Raum und besetzen Sie die Rollen in der Familie Singer mit Leuten aus ihrer Klasse.
  • Spielen Sie typische Situationen aus dem Leben dieser Familie nach. Achten Sie dabei darauf, dass die Beziehungen der Figuren zum Ausdruck kommen.

Mein Herz – ein klingendes Glas

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Der Sonderfall Hiob

Joseph Roths „Roman eines einfachen Mannes“

1930 kommt Joseph Roths „Roman eines einfachen Mannes“ heraus. Es ist das Jahr der großen Krise, die wirtschaftliche Not ist unvorstellbar, die Tumulte der Arbeitslosen steigern sich ins Maßlose, auf dem Kurfürstendamm in Berlin werden Mittagessen auf Teilzahlung angeboten, die Polizei geht mit Gummiknüppeln gegen Aufständische vor. Die Armut treibt viele in den Selbstmord, in der Wall Street in New York springen Banker aus dem Fenster. Im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten, von denen sich dieser Roman scharf unterscheidet, zielt der Schriftsteller diesmal nicht auf eine Darstellung der Not, wie sie den Vorstellungen der Neuen Sachlichkeit entspricht. Er nähert sich nicht den Tatsachen, wie Alfred Döblin („Los vom Menschen! Mut zur kinetischen Phantasie und zum Erkennen der unglaublichen realen Konturen! Tatsachenphantasie!“) und andere Schriftstellerkollegen es als bestimmende Aufgabe ihrer Epoche ansehen, sondern er widmet sich – der volle Titel seines Romans verrät es schon – dem scheinbar Abseitigen, dem Nacherzählen biblischer Dichtung.

Mit dem Buch Hiob liegt dem „Roman eines einfachen Mannes“ ein theologischer Text zugrunde. Seine Aussage ist: Wäre Gott gerecht mit Hiob verfahren, dann ließe sich genau sagen, warum dieser Hiob sich Gott unterwirft. Doch leider ist die positive Rechtfertigung Gottes, mit anderen Worten: die Vorstellung eines gerechten Gottes unmöglich. Das Hiobbuch entfaltet dem Leser kein traditionelles, positives Gottesbild, sondern negative Theologie. Wie Hiob ist Mendel Singer, die Titelfigur aus Joseph Roths Roman, von einer tiefen, urwüchsigen Frömmigkeit geprägt; wie Hiob bezieht Mendel Singer – der Name deutet es an – seine Frömmigkeit hauptsächlich aus dem Singen von Gebeten und Psalmen. Er ist kein Gelehrter, der völlig im Studium aufgeht, kein Rabbiner, eifrig darum bemüht, die rechte Lehre zu verteidigen. Wie Hiob erweist sich Mendel Singer anfangs als Dulder.

Die Welt ist Gottes Wille, und es gibt keinen Grund, an seiner Schöpfung zu zweifeln. Gottes Weisheit ist den Menschen fremd wie die Sterne und doch ein Feuer, das den Weg in der Nacht erhellt. In diesem Sinne wendet sich Mendel Singer – in einer Schlüsselszene in dem ersten Teil des Romans – an Menuchim, seinen jüngsten Sohn, damit er diese Anschauung von ihm übernehme. „Hör mich, Menuchim! Ich bin alt, du bleibst mir allein von allen Kindern, Menuchim! Hör zu und sprich mir nach: ‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …‘“ (Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Schöningh Verlag: Paderborn 2012, S. 35). Was den Unterricht in der Tora (תוראה: Lehre) angeht, so ist klar, dass damit ein elementares Verhältnis zwischen Vater und Sohn bezeichnet wird. Ferner, dass Mendel Singer damit in der Tradition aller jüdischen Väter steht, denn er erfüllt den im Buch Deuteronomium enthaltenen Auftrag, der sich an alle Väter richtet:

„Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben“ (Dtn 6,4–9).

Die Entwicklung, die Mendel Singer anders als Hiob zurücklegt, ist allerdings die Entwicklung eines einfachen Mannes. Das heißt, der Roman setzt damit ein, die Armut in Mendels Familie zu schildern. Und wie zu erwarten, wird Mendel Singer, anders als Hiob, anfangs nicht mit Hiobsbotschaften konfrontiert. Denn sein Schicksal ist bereits von Armut bestimmt, es kann für ihn eigentlich nicht viel schlimmer kommen. Joseph Roths Hiobsroman handelt in seinem ersten Teil von der Armut, von dem ewigen Kreislauf der Not. Es kommt nur, anders als in der biblischen Vorlage, nicht zu dem Pakt mit dem Teufel, in dem die Not ihre Erklärung fände.

Da Mendel Singer keine größere Sünde bei sich findet, so ist es selbstverständlich, dass Armut für ihn keine Schande darstellt. Als jedoch sein jüngster Sohn Menuchim im Unterricht der Tora kläglich versagt, regen sich Zweifel und Schuldgefühle in seinem Vater. Denn Mendel Singer ist, in Anlehnung an Jakob aus den Vätergeschichten, vor allem darauf gerichtet, JHWH als Familiengott zu verehren, welcher ihm Nachkommen „zahlreich wie der Staub der Erde“ (Gen 28,14) verspricht. Mendel Singer muss befürchten, als Vater schuldig geworden zu sein.

Arbeitsanregungen:

  • Bestimmen Sie die Gottesbilder bei Deborah und Mendel Singer. Worin unterscheiden sie sich?
  • Versuchen Sie Deborah zu helfen: Erarbeiten Sie in einem Gespräch mit Deborah, was sie an Mendel, insbesondere an seinem Glauben, auszusetzen hat.

Mendel Singer

Vom Glück des einfachen Mannes

Glücklich sind die Zeiten, in denen die Geschichten ein gutes Ende nehmen. Glücklich sind die Zeiten, in denen die Menschen nach überstandenem Leid neu anfangen dürfen. Alles ist neu für sie und dennoch vertraut. So vollendet sich auch das Schicksal Mendel Singers, des einfachen Mannes, dieser dem biblischen Hiob nachgebildeten Figur aus Joseph Roths 1930 erschienenem Roman „Hiob“. Und die Schriftsteller? Liegt es nicht bei den Schriftstellern, dieses Glück nachzuzeichnen? Versteht es sich nicht von selbst, dass sie den Ursachen des Glückes nachgehen, mag es auch noch so bescheiden ausfallen wie im Fall des blassen Mannes aus Zuchnow? Nicht wenige werden sich auf den Standpunkt stellen, dass diese an sich nützliche Aufgabe nur mit Ironie zu bewältigen sei. Denn die Idee, vom Glück des einfachen Mannes zu schreiben, sei doch eigentlich widersinnig. Und davon zu schreiben, das beweise entweder große Dummheit oder unerhörte Frechheit, wenn es zudem noch, wie im Falle Joseph Roths, 1930, in der Zeit der großen wirtschaftlichen Krise geschieht.

Arbeitsanregungen:

  • Wie beurteilen Sie die Rede vom Glück des einfachen Mannes? Was ist daran richtig, was falsch?
  • Finden Sie Sprichwörter, Märchen, Zitate, die beschreiben, wie auch der einfache Mensch glücklich werden kann. Was halten Sie daran wiederum für richtig, was für falsch oder überholt?

Die Reportage

Aus dem Jahr 1929 stammt eine Bemerkung Siegfried Kracauers über den Stellenwert der Reportage in der Zeit der Weimarer Republik. Nicht zufällig ist dieser Bemerkung ein ironischer Unterton zu entnehmen. Ihr Gegenstand ist nämlich die Frage nach den Möglichkeiten realistischer Darstellungsweise. Auf der Suche nach dem „ungestellten Leben“ schreibt Kracauer: „Seit mehreren Jahren genießt in Deutschland die Reportage die Meistbegünstigung unter allen Darstellungsarten, da nur sie, so meint man, sich des ungestellten Lebens bemächtigen könne“ (Siegfried Kracauer: Schriften. Bd. 1. Frankfurt a. M. 1971, 216). Nichts liegt näher, als die Reportagen Egon Erwin Kischs, Joseph Roths, Heinrich Hausers, Alfred Polgars und anderer im Lichte dieser Behauptung zu prüfen. Beantworten ihre Texte Kracauers Frage, ob die Reportage das wirkliche Leben abbilden kann?

Arbeitsanregungen:

  • Lesen Sie den folgenden Text. Nach welchen Kriterien wird hier die Reportage definiert?

„Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern, so verlässlich, wie sich eine Aussage geben lässt, – jedenfalls ist sie (für die Klarstellung) wichtiger als die geniale Rede des Staatsanwalts oder des Verteidigers. Selbst der schlechteste Reporter, – der, der übertreibt oder unverlässlich ist, leistet werktätige Arbeit, denn er ist von den Tatsachen abhängig, er hat sich Kenntnis von ihnen zu verschaffen, durch Augenschein, durch ein Gespräch, durch eine Beobachtung, eine Auskunft. Der gute braucht Erlebnisfähigkeit zu seinem Gewerbe, das er liebt. Er würde auch erleben, wenn er nicht darüber berichten müsste.“
Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter. Berlin 1930, 9.

  • Hören Sie den folgenden Beitrag des SRF. Erarbeiteten Sie ein Referat zum Thema „Joseph Roth als Journalist“.

Joseph Roth: Stadtfeuilletons aus Berlin

Fotografierte Realität?

Der Film am Anfang des 20. Jahrhunderts

Von Anfang an ist der Film auch als Kunstform betrachtet worden. Zwar ist er schnell Massenware. Als der kinematographische Apparat nämlich 1898 in Frankreich konstruiert wird und bald darauf nach Amerika gelangt, stehen die gewinnlüsternen Dritten schon bereit. Das Medium verbreitet sich schnell. Die Masse interessiert sich zunächst für den Film als bewegtes Schauspiel, als fotografierte Jahrmarktssensation. Beliebt sind zum Beispiel die Schwindelgefühle, die durch den optischen Eindruck eines nach vorn fahrenden Zuges beim im Kinosessel ruhenden Zuschauer hervorgerufen werden. Natürlich ist so etwas nichts, was der Zuschauer deshalb schon als Kunst anzusehen hätte. Mit allen optischen Täuschungen verhält es sich ähnlich, auch Zerrspiegel rufen mitunter Schwindelgefühle hervor. Demgegenüber zeigt Filmkunst etwas Neues, das die amerikanische Industrie sich Anfang des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr einverleibt hat. Die gewaltigen Veränderungen, die der Film hervorgerufen hat, sind bekannt.

  1. Mit dem Wegfall der Farben bzw. ihrer Künstlichkeit und mit der Beleuchtung erreicht die Ästhetik des Sehens grundsätzlich eine neue Stufe.
  2. Die Illusion des Raums ist weitaus stärker als bei der Fotografie.
  3. Die Montage, das Aneinanderkleben von Filmstreifen, gibt dem Filmkünstler die Möglichkeit, „räumlich und zeitlich Disparates unmittelbar nebeneinander zu stellen“ (Rudolf Arnheim: Film als Kunst, 1932).
  4. Der Bildausschnitt und der damit verbundene Abstand zum dargestellten Objekt befähigen den Filmkünstler, das Auge des Zuschauers zu führen.
  5. Die Bildhaftigkeit des Films entlastet den Regisseur, insofern sie als Illusion akzeptiert wird. Der Zuschauer fasst den filmischen Vorgang nämlich als wirklich auf und protestiert nicht gegen die „Lüge der Kunst“, wenn nur das Wesentliche des Vorgangs stimmig dargeboten wird.

Arbeitsanregungen:

  1. Sehen Sie sich auf YouTube den folgenden Film über jüdisches Leben in New York an.
  2. Überlegen Sie, ob es sich bei diesem Film um Filmkunst oder um „fotografierte Realität“ handelt.
  3. Was macht eine Filmreportage aus? Ist dieser Film eine typische Reportage?
  4. Informieren Sie sich über den Stellenwert des Films und der Reportage im Kontext der Neuen Sachlichkeit.