Die Kurzgeschichte

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Bei der Kurzgeschichte kommt es viel weniger darauf an, dass der Erzähler dem Leser ein Ereignis, als dass er ihm eine Situation darstellt. Die ersten, die diese Umänderung im Erzählen bemerkt haben, sind Erzähler der literarischen Moderne gewesen, Robert Musil zum Beispiel, Alfred Döblin, Ernst Toller und Kurt Tucholsky. Es beeinträchtigt diese Beobachtung nicht, dass die Kurzgeschichte im eigentlichen Sinn (Short Story) im englischsprachigen Raum entstanden ist. Entscheidend bleibt, dass die „Wahrheit der Erzählung“ nicht außerhalb des Erzählten gesucht wird. Kafkas Kurzgeschichten müssen als Parabeln verstanden werden und stellen daher eine Ausnahme von dieser Regel dar.

Das Neuartige an der Kurzgeschichte ist auch durch ihre Veröffentlichung in Zeitschriften und Magazinen bedingt. Dies führt zu einer größeren Nähe zwischen den Verfassern und Lesern der Texte. Die Autoren muten den Lesern keine übermäßig verfremdeten Texte zu. Jedes ästhetische Experiment, das an der Darstellung „echten Lebens“ vorbeigeht, wird gemieden. Der Fokus der neuen Gattung liegt auf der Darstellung wiedererkennbarer Situationen und unmittelbar zugänglicher Wirklichkeitsausschnitte. All dies hängt aufs Engste zusammen mit der Entwicklung der ästhetischen Moderne, mit der Entwicklung von Film und Fotografie.

Große Verbreitung erreicht die Kurzgeschichte in der neu entstehenden Bundesrepublik.

Überwindung des Realismus

Die Kurzgeschichten Franz Kafkas

Die Kurzgeschichten Franz Kafkas sind in der Regel auf eine Situation und nicht auf ein Ereignis bezogen. Die dargestellte Situation in ihrer unmittelbaren Erscheinungsweise scheint dabei der Wirklichkeit außerordentlich nahezukommen. Trotzdem haben Kafkas Geschichten in ihren entscheidenden Bestimmungen nichts mit realistischer Erzählkunst zu tun. Die Abgrenzung gegenüber dem Realismus ist notwendig. Nur so wird die Eigentümlichkeit der Texte Kafkas auffällig. Zwar beginnen die Texte meist konventionell, erhalten dann aber einen völlig anderen Akzent, von dem im Folgenden die Rede sein soll.

Die Geschichte „Die Sorge des Hausvaters“ zum Beispiel erzeugt den Eindruck, es gehe um einen wissenschaftlichen Text, um eine Glosse zum Wort „Odradek“: „Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt.“

So ähnlich verhält es sich mit den Geschichten „Ein Besuch im Bergwerk“ und „Ein Bericht für eine Akademie“. Beide Texte lassen den Leser anfangs denken, er habe es mit einem genauen Protokollbericht zu tun. Die Analyse zeigt Widerspiegelungen der Wirklichkeit. Im ersten Fall erfolgt ein Besuch von Ingenieuren in einem Bergschacht. Im zweiten Fall beruht die Wirkung der Geschichte insbesondere darauf, dass sich der Berichterstatter an ein wissenschaftliches Publikum richtet. Auf solch einer scheinbar realistischen Grundlage bauen Kafkas Kurzgeschichten auf, um dann mit einem Schlag die Mängel der vermeintlichen Realität bloßzulegen.

Kafkas Geschichten überwinden den Realismus. Der Berichterstatter in der Geschichte „Ein Bericht für eine Akademie“ ist mit dem Stigma versehen, kein reinrassiger Mensch, sondern nur ein menschgewordener Affe zu sein. In Odradek aus der Geschichte „Die Sorge des Hausvaters“ sieht sich der irritierte Leser plötzlich einer Garnspule gegenüber, die auf der Flucht ist. Naiver, aber auch komplexer Realismus sind für Kafka tabu. Bei Kafkas Kurzgeschichten handelt es sich durchweg um Texte des satirischen Fiktionstyps.

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Vater und Sohn

Gabriele Wohmann: „Denk immer an heut nachmittag“ (1968)

Die Kurzgeschichte „Denk immer an heut nachmittag“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahr 1968 schildert die Schwierigkeiten eines Vaters, mit seinem Sohn zu kommunizieren, nachdem die Ehefrau und Mutter verstorben ist.

Das zu Grunde liegende Geschehen lässt sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen: Ein Mann, der vor Kurzem seine Frau verloren hat, muss seinen Sohn in einer Internatsschule unterbringen. Auf dem Weg zur Einschulung versucht der Vater den Sohn mit allerlei gut gemeinten Ratschlägen aufzuheitern, die aber sämtlich fehlschlagen. Die Situation lässt sich nach vier Aspekten gliedern:

  • die Bahnfahrt;
  • das Gespräch über den Jungen, der die Bahn mit dem Fahrrad verfolgt;
  • die Ankunft vor der Schule;
  • der Blick auf das Ballspiel der Schüler.

Der Text weist die typischen Merkmale einer Kurzgeschichte auf: die Kürze des Textes, der fingierte Realitätsbezug („Medias in res!“), die Anonymität der dargestellten Figuren, die Beschränkung auf wenige Figuren, die konfliktreiche Beziehung zwischen den Figuren, die kurze Erzählerdistanz, die nicht-auktoriale Erzählperspektive und die Situationszentrierung. Es handelt sich um eine Geschichte ohne erkennbaren Höhepunkt: Der Fokus liegt auf der Darstellung der traurigen Lage, in der sich Vater und Sohn nach dem Tod der Mutter bzw. Frau befinden. Der Vater versucht die Lage schön zu reden, der Sohn reagiert in sich gekehrt und mit Tränen.

Der Beziehungsaspekt hat in der Kommunikation deutlich mehr Gewicht als der Inhaltsaspekt, was sich z. B. an der Äußerung „Ach du Langweiler“ (Z. 42–43) nachweisen lässt, zeigt sie doch, dass der Vater durchaus fähig ist, die Trauer seines Sohnes über den Tod der Mutter richtig einzuschätzen, wobei es ihm aber nicht gelingt, für sein Mitgefühl die angemessenen Worte zu finden. Der Vater redet vielmehr wie ein Unterhaltungskünstler, der aus jeder schlechten Lage noch das Beste zu machen versteht.

Das Gespräch scheitert u. a. daran, dass der Vater das Gespräch von Beginn an dominiert. Er dominiert das Gespräch in einem Maße, das im Sinne Watzlawicks von asymmetrischer bzw. komplementärer Kommunikation gesprochen werden kann.

Die Analyse mithilfe des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun führt prinzipiell zu ähnlichen Ergebnissen. Sie zeigt im Übrigen, dass die Selbstkundgabe des Vaters folgendermaßen lauten könnte: Ich verstehe deine Lage. Ich möchte, dass du heil aus dieser Situation herauskommst. Ich meine, dass du einen Freund brauchst. Auf der Appellseite überwiegen Botschaften wie: Sei stark! Sei ein Mann! Halte dich tapfer! Aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl versucht der Vater die Situation mit überdrehten, teilweise auch ins Ernsthafte schwenkenden – und daher komisch wirkenden – Ratschlägen zu retten.

Die wenigen Äußerungen des Sohnes, seine Tränen als nonverbale Mitteilung könnten folgendermaßen interpretiert werden: Ich bin traurig; ich fühle mich einsam; ich habe Angst vor der Zukunft – und schließlich: Ich verstehe, dass auch du unter Mutters Tod leiden könntest.

Die Situation wird konsequent aus der Sicht des Jungen, in Form des personalen Er-Erzählers, erzählt. Die Erzähldistanz ist kurz, die Gegenstände (Handschuhe, Messingstange usw.) werden aus kurzer Distanz betrachtet. Diese Erzählweise ist der Situation des Kindes angepasst: Der Junge wird gewissermaßen von der belastenden Situation „erdrückt“.

Neue Sachlichkeit

Ganz ohne Fantasie scheint die Literatur der Moderne zu sein. Ihre Bilder wirken billig – entwertet durch das Dogma des Fortschritts. Das Erlebnis tritt in den Hintergrund. Es ist die Stunde der Wissenschaften und der Männer und Frauen ohne Eigenschaften.

Doris zum Beispiel, die Protagonistin in Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“, welcher im Jahr 1932 erschienen ist, gibt zwar vor, großartig zu sein, verdinglicht sich jedoch, indem sie ihre besonderen Vorzüge so betrachtet, wie es bei einer im Grunde austauschbaren Ware der Fall wäre.

Ihre Selbstwahrnehmung stimmt mit dem Gesamtbild überein. Die Massenmedien der Weimarer Republik propagieren den neuen Frauentypus: die fortschrittliche, wirtschaftlich unabhängige Frau, der es gelingt, aus dem Machtbezirk des Mannes herauszutreten. Vor allem die Filmindustrie ist daran beteiligt, das Ideal der neuen Frau zu vermarkten. Der Glanz, der der neuen Frau anhaftet, überträgt sich auch auf die Straße. Der Glamour wird zum Fetisch und bestimmt die verdinglichten Beziehungen zwischen Frauen und Männern.

„Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt erhält das Subjekt seinen Wert durch die Dinge, mit denen es sich umgibt, auch im Bereich der Erotik sind es Dinge, die für die Attraktivität des Subjekts entscheidend sind. Diese Verknüpfung von Ästhetik, Warenwert und erotischer Anziehung zeigt sich z. B. in Irmgard Keuns Roman ‚Das kunstseidene Mädchen‘.“ (Sabine Kyora: Nebensachen. Zur Bedeutung von Accessoires und Interieurs in neusachlichen Texten, in: Realistisches Schreiben in der Weimarer Republik, hrsg. von Sabine Kyora und Stefan Neuhaus, Würzburg 2006, 79.)

Das Unglück in München

Tony Buddenbrooks Ehe mit Alois Permaneder

Thomas Mann: Buddenbrooks. 6. Kapitel

Das Unglück in München –
Tony Buddenbrooks Ehe mit Alois Permaneder

Der Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, 1901 erschienen, ist eine Familienchronik der besonderen Art. Der Bogen spannt sich über mehrere Generationen, von 1835 bis 1877. Erzählt wird die Geschichte der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook, angefangen vom Sohn des Firmengründers, Johann Buddenbrook (gest. 1842), bis zu Thomas Buddenbrook (gest. 1875), nach dessen Tod die Firma liquidiert wird. Johann Buddenbrook ist während der napoleonischen Befreiungskriege durch Getreidelieferungen an das preußische Heer zu Reichtum gekommen. Die Handlung setzt ein, als das neue Wohnhaus der Familie, ein repräsentatives Patrizierhaus an der Lübecker Mengstraße, bezogen worden ist.

Der Roman ist eine Familienchronik der besonderen Art, da der Niedergang der Firma nicht nur beschrieben, sondern erklärt wird. Thomas Mann bedient sich dafür des zur Zeit des Fin de siècle allgemein in Künstlerkreisen beliebten Dekadenzmodells. Diesem Modell zufolge ist der Abstieg nicht ohne Aufstieg denkbar: der wirtschaftliche Verfall wird, um in den Worten Thomas Manns zu sprechen, von einer „Sublimierung ins Spirituelle“ begleitet.

Zu den Hauptfiguren des Romans zählen die Männer an der Spitze der Firma: Johann Buddenbrook, Jean Buddenbrook und Thomas Buddenbrook. Was die Frauenfiguren betrifft, nehmen die Erzählungen über Elisabeth Buddenbrook, geb. Kröger, Jean’s Ehefrau, und über Antonie Buddenbrook, Jean’s älteste Tochter, breiteren Raum ein. Antonie, die in der Familie „Tony“ genannt wird, ist sogar im gesamten Roman, direkt oder indirekt, gegenwärtig.

Die vorliegende Textpassage handelt von Tony Buddenbrooks fortschreitendem sozialen Abstieg, bedingt durch ihre zweite Ehe, mit Alois Permaneder in München. Tony’s erste Ehe, die Ehe mit dem Bankrotteur Bendix Grünlich, ist zur Zeit ihrer zweiten Ehe, in den Jahren 1857–1859, noch in lebendiger Erinnerung. Stets spricht Tony den Namen des eitlen Mitgiftjägers, von dem ihr Vater sich hat täuschen lassen, mit demonstrativer Verachtung aus. Immer noch fühlt sie, dass sie mit dieser Ehe der Familie und der Firma mehr geschadet als genutzt hat.
Nach dem Tod ihres Vaters (gest. 1855) hat sie bei dem Besuch einer Freundin in München den Hopfenhändler Alois Permaneder kennen gelernt. Der gutmütige Bayer und die Kaufmannstochter aus Lübeck finden sich sympathisch, und nach einem Besuch Permaneders in Lübeck wird der Entschluss zur Ehe gefasst. Thomas, der inzwischen zum Firmenchef aufgestiegen ist, erteilt seine Einwilligung, nachdem er die Vermögensverhältnisse Permaneders geprüft hat. Das Ehepaar lebt in München.

Alois Permaneder hat sich nach dem Erhalt der Mitgift zur Ruhe gesetzt. Die Abende verbringt er zumeist im Hofbräuhaus. Die maßlos enttäuschte Tony muss sich an ein einfaches, abwechslungsloses Leben ohne größere Bedeutung gewöhnen. Die gewohnte gesellschaftliche Anerkennung bleibt ihr versagt. Die Lage scheint sich zum Besseren zu wenden, als Tony schwanger wird.

Ich habe die Textpassage in folgende Abschnitte eingeteilt:

Z. 1–21: Tony’s Isoliertheit in München,
Z. 22–31: Tony’s Schwangerschaft, ihre Vorfreude auf Geburt und Taufe,
Z. 32–36: Der Tod des Neugeborenen unmittelbar nach der Entbindung,
Z. 37–44: Thomas und Gerda auf Besuch bei Tony,
Z. 45–52: Permaneders Reaktion auf den Tod des Kindes.

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