Regeln der Interpretation

Drama, Faust, Goethe, Interpretation

Beobachtungen des Lehrers anlässlich einer Deutschklausur

1. Argumenta a textu sunt praeferenda!

Oder: Marie, die Prostituierte

Wie oft wird die Analyse, der Vergleich, die Interpretation usw. auf Informationen bezogen, die außerhalb des Textes vorkommen! Marie sei eine Prostituierte, heißt es zum Beispiel in der Klausur eines Schülers über Büchners „Woyzeck“, also könne sie den Tambourmajor nicht aufrichtig lieben. Ihre „Liebe“ sei rein sexueller Natur. Marie ist eine Prostituierte, das wird tatsächlich in einer Anmerkung angegeben. Es wird in der Einleitung des Klausurtextes, zweier Szenen aus dem Drama, kurz erwähnt. Marie, die Prostituierte – das ist allerdings ein Klischee, mit dem man im Hinblick auf die Interpretation der Figur nicht viel wird ausrichten können. Besser wäre es, Maries Auffassungen hinsichtlich der Liebe aus dem Text selbst herauszulösen. Es gilt, vorsichtig als Regel formuliert, dass „textimmanente“ Beobachtungen vorrangig zu behandeln sind.

Argumenta a textu sunt praeferenda:

Die aus dem Text abgeleiteten Argumente sind vorzuziehen!

2. Loci clari praecipue attingendi sunt!

Oder: Das Liebesorakel

Das Alter der in den Klausuren vorliegenden Texte hat zur Folge, dass Missverständnisse, Unklarheiten möglich sind. Das Unverständliche verständlich zu machen, darin läge dann die Aufgabe der Analyse. Aber es gibt Ausnahmen, Textstellen nämlich, deren Unmissverständlichkeit vom Schüler nicht in Abrede gestellt werden darf. Es gilt, wieder als Regel formuliert, dass solche Textstellen besonders herausgestellt werden müssen.

Loci clari praecipue attingendi sunt!

Klare Textstellen müssen vorrangig behandelt werden!

Das Liebesorakel, mit dem Margarete in Goethes Tragödie „Faust“ beschäftigt ist, bietet dafür ein Beispiel: Das Spiel mit der Blume ist auch ohne tiefere Kenntnis von Goethes Tragödie verständlich.

FAUST.

Süß Liebchen!

MARGARETE.

Lasst einmal!

Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.

FAUST.

Was soll das? Einen Strauß?

MARGARETE.

Nein, es soll nur ein Spiel.

FAUST.

Wie?

MARGARETE.

Geht! Ihr lacht mich aus.

Sie rupft und murmelt.

FAUST.

Was murmelst du?

MARGARETE halb laut.

Er liebt mich – liebt mich nicht.

FAUST.

Du holdes Himmelsangesicht!

MARGARETE fährt fort.

Liebt mich – Nicht – Liebt mich – Nicht –

Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude:

Er liebt mich!

Das Spiel mit der Margerite („Sternblume“) ist zeitlos. Wer das Blumenorakel spielt, gesteht sich ein, dass er verliebt ist und dass er sich veranlasst sieht, jemandem von seiner Verliebtheit mitzuteilen. Religiöse Gründe dürften in diesem Zusammenhang bedeutungslos sein. Trotzdem ist die Tendenz in den Klausuren unverkennbar. Wie oft ist zu lesen, dass Margarete aus religiösen Gründen an der Blume zupft, um sich der Entscheidung Gottes hinsichtlich ihrer Verbindung mit Faust zu vergewissern! Das kindliche Spiel mit der Margerite, das naiv, aber zugleich geschickt von Margarete erzwungene Gespräch über ihre Gefühle für Faust, wird dadurch unnötigerweise verkompliziert. Margaretes religiöse Motive spielen erst in anderen Zusammenhängen eine Rolle.

Der Umkehrschluss zu der zweiten Regel liegt übrigens nahe:

Loci obscuri posterius quaerendi sunt!

Unklare Textstellen müssen nachgeordnet behandelt werden!

Strafakte Faust

Drama, Faust

Arbeitsanregung:

Verhandeln Sie Fausts Schuld an Valentins Tod in einem als Rollenspiel inszenierten Gerichtsprozess!


Verwirrendes Märchen

Märchen

Des Igels wunderliche Reise

Es war einmal ein Igel,
Der sprach zu seinem Spiegel:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist der Schönste im ganzen Land?“
Nur war der Igel hässlich,
Sein Stachelkleid überaus grässlich.
Da sprach der Spiegel, wie er musste:
„Knusper, knusper, knäuschen,
Wer knabbert an meinem Häuschen?“
Auch Dornröschen rief ganz munter
Von ihrem hohen Turm herunter:
„Ach, wie gut, dass niemand weiß,
Dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
Da wurde des Igels Stimme schwach,
Und er sagte leise: „Ach!
Ich kann hier nicht länger leben,
Will mich auf eine Reise begeben,
Zu den sieben Zwergen
Hinter den sieben Bergen.“
Und wie auf einer Rutsche
Kam eine goldene Kutsche.
Von hinten eine Stimme spricht:
„Heinrich, Heinrich, der Wagen bricht!“
Und ein arger Bösewicht
Das Gift in einen Apfel sticht,
Um ihn dem Igel zu geben.
Den kostet es fast das Leben.
Denn Rotkäppchen packte ihn Gott sei Dank fest
Und schüttelte ihn hin und her,
Kreuz und quer,
Dass der Apfel den Bauch wieder verlässt.
„Und das ist die Wahrheit!,“ sagten die sieben Raben,
Die diese Geschichte beobachtet haben.

Arbeitsanregung:

  • Fertige selber ein ähnlich verwirrendes Märchen an. Verwende dabei die dir aus dem Unterricht bekannten Märchenelemente.

Liebe ist alles?

Drama, Faust, Goethe, Sturm und Drang

Tagebuch einer Kindsmörderin

Gretchen sei von Goethe kaum umgestaltet worden, heißt es. Sie ist ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die Mutter Witwe, sie lässt sich verführen, tötet das Kind – diese aus dem Leben gegriffene Gestalt hat Goethe in den Jahren des Sturm und Drang derart aufgewühlt, dass er sie unangetastet gelassen hat. Die flammende Gesellschaftskritik des Sturm und Drang findet sich demnach stärker im „Urfaust“ als im späteren „Faust“ wieder.

Gretchen dürfte vorgewarnt gewesen sein. Stets werden Frauen von Männern vernichtet. Beispiele dafür gibt es genug, dass die Mutter auf sie Einfluss nimmt, immer bemüht, die Haltung, den Ruf und die Ehre ihrer Tochter zu bewahren und aus ihr eine stattliche Ehefrau zu machen. Was für ein Glück, dass die Mutter so „akkurat“ (V. 3114) über die aufkommenden Sehnsüchte der Tochter wacht! Was für ein Glück! Und trotzdem erhebt sich an dieser Stelle, innerhalb des 18. Jahrhunderts, im Zeichen des Sturm und Drang, der Protest des Individuums gegen elterliche Bevormundung und religiöse Zwänge.

Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was Gretchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Gretchen ist nichtsdestotrotz die vierzehnjährige Bürgerstochter, die ihr Kind tötet, dessen Geist ihr zuletzt im Kerker erscheint, um sich im Lied an ihr zu rächen.

„Meine Mutter, die Hur’, /
Die mich umgebracht hat! /
Mein Vater, der Schelm, /
Der mich gessen hat! /
Mein Schwesterlein klein /
Hub auf die Bein’ /
An einem kühlen Ort; /
Da ward ich ein schönes Waldvögelein; /
Fliege fort, fliege fort.“ (V. 4412–4420)

Dazu gehört außerdem, dass Gretchen sich auf einen „Schelm“ (V. 4414) eingelassen hat. Faust bekommt damit das für Mephistopheles bestimmte Beiwort (vgl. V. 2515).

Arbeitsanregung:

Mehr und mehr wird Gretchen zerrissen von den Gefühlen der Neigung und der Pflicht. Zeichnen Sie ihre Empfindungen in Tagebucheintragungen nach!

Beispielsweise mit folgenden Stationen:

Erste Station: Straße

Ich entfernte mich sehr bald von dem Herrn. Ich eilte weiter. Ich weiß gar nicht, was ich suche, wenn ich darüber nachdenke, warum er mich beschnuppert hatte. Wie er mich betrachtete – wie er mich beschnupperte – wie ich zum Gegenstand seiner Aufmerksamkeit wurde! Dieser Gedanke lässt mich nicht los.

Zweite Station: Abend

Du lieber Himmel, Mutter hat nicht danach gefragt – sie weiß nicht einmal, wer der feine Herr gewesen ist, der heute nach mir geschaut hat! Sie würde sich Sorgen machen: Warum nur habe ich das Mädchen herumlaufen lassen?

„Faust“ in Thesen

Faust, Goethe

Erste These:

Der „Faust“ liegt nicht als abgeschlossenes Werk vor.

Der Dichter verweist darauf bereits in der „Zueignung“, dem ersten „Portal“ der Dichtung. Er kann die Geister, die er als jugendlicher Dichter rief, nicht beschwören („Was ich besitze, seh’ ich wie im Weiten“, V. 31); der alte Dichter erkennt den vergeblichen „Wahn“ in dem Versuch, Figuren von der Größe Fausts festzuhalten (vgl. V. 3–4). Mit jedem weiteren „Portal“ – insgesamt sind es drei: „Zueignung“, „Vorspiel auf dem Theater“, „Prolog im Himmel“ – wagt sich der Dichter von Neuem an die Frage, worin denn die Wahrheit des Werkes besteht, das er meint zu besitzen.

Correctio:

Der „Faust“ liegt zwar als äußerlich abgeschlossenes, vollendetes Werk vor, der Dichter nimmt jedoch Abstand von dem Anspruch, eine abgeschlossene Wahrheit in ihm zu vermitteln.

Zweite These:

Der „Faust“ ist ein offenes Drama.

Die von Goethe in seiner Jugend bevorzugte, geschlossene Form des Dramas löst sich bei dem alten Goethe wieder auf, und zwar eben im „Faust“, diesem in mehrfacher Hinsicht überdimensionierten Drama, das wie ein „Welttheater“ oder gar als „Theater über das Theater“ erscheint. Im „Faust“ kehrt Gustav Freytags Dramenschema gleich mehrfach wieder, im ersten Teil das erste Mal in der Gelehrtentragödie und das zweite Mal in der Gretchentragödie.

Anmerkung:

Der Direktor des „Vorspiels“ nimmt diesen Gedanken vorweg: Die ungebildete Menge wolle in offener Manier durch möglichst bunte Bilder unterhalten werden: „Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken“ (V. 99).

Dritte These:

Der „Faust“ enthält eine alte Theologie, die Leibnizsche Rechtfertigung Gottes.

Erster Teil:

Die prästabilierte Harmonie

Aufgrund ihres affirmativen Verhältnisses Gott gegenüber und ihrer Einheit untereinander wegen wäre es möglich, die Erzengel als Jasager zu bezeichnen. Ihre Botschaft lautet: Alles gut! Der Prolog zum „Faust“ zeigt so gesehen ein genrehaftes Bild. Was mag es Goethe gekostet haben, die Engel nicht Trompete blasen zu lassen! Das dritte Portal zum „Faust“, der „Prolog im Himmel“, enthält damit eine alte theologische Wahrheit: Gott wirkt weiterhin an seiner Schöpfung mit, harmonisierend, formgestaltend – und seine Werke sind „herrlich wie am ersten Tag“ (V. 270).

Anmerkung:

Besteht also keine Gefahr? Kommen nur Trost und Zuspruch von oben? Bricht sich keiner den Hals, der unter solch einem Himmel spazieren geht? Faust gibt insofern die beste Probe aufs Exempel ab: Er ist der Stuntman für das Gefährliche.

Zweiter Teil:

Die Theodizee

Der „Faust“ wäre nichts wert, hätte der Leser nicht die Möglichkeit, dem Teufel auf die Schliche zu kommen. Der agiert eingangs im „Prolog“ als Ankläger Gottes, scheinbar im Sinne der Menschen: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298). Es mag sein, dass Gott gütig ist – trägt Mephistopheles vor – doch beschirmt Gott der Allgütige und Allmächtige Faust, das Muster allen Strebens, auch dann noch, wenn dieser auf teuflische Wege geführt wird? Und Gott ist bereits vorgewarnt durch das Beispiel Hiobs, dem Gott Rede und Antwort stehen musste, als dieser sich über das ihm zugefügte Leid zu Recht beklagte.

Vierte These:

Faust mannigfache Lebensformen entsprechen unterschiedlichen Raumvorstellungen.

Erster Teil:

Die Alchimistenküche als begrenzter Raum

In der Literatur haben die Protagonisten mit zunehmender Spezialisierung auch verschiedene Raumvorstellungen gespiegelt. Faust in der Alchimistenküche denkt sich die Welt anders als sein verjüngtes Alter Ego. Zunächst hält er verbunden mit der Lehre von den vier Elementen die Vorstellung wach, dass alles aus einem Urstoff erschaffen worden sei, wie Thales, der dabei an das Wasser dachte. Heute ist die Vorstellung, dass das Wasser nicht nur alles auf der Erde, sondern sogar im Weltall entstehen oder zugrunde gehen lassen könnte, aufgelöst. Und Fausts Frage, „was die Welt / im Innersten zusammenhält“ (V. 382-383), würde, beim heutigen Stand der Naturwissenschaften, kein überlegenes Denken offenbaren, sondern zu unabsehbaren Diskussionen führen.

Fausts Bewusstsein zeigt sich außerdem von den „Einwirkungen“ magischer Zeichen bestimmt, dem Zeichen des Makrokosmos, des Erdgeistes usw. Allerdings haben diese Zeichen nicht auf die gleiche Art und Weise für ihn Bedeutung wie für deren „Erfinder“. Faust erscheint die Magie in einem anderen Licht als beispielsweise Paracelsus, Nostradamus oder Agrippa von Nettesheim, um nur drei der Quellen für Goethe zu nennen.

Zweiter Teil:

Fausts Weltreise

Der Besuch in der Hexenküche gehört zu der so genannten kleinen Weltfahrt Fausts – die zweite, große Weltfahrt wird im zweiten Teil der Tragödie dargeboten. Faust hat das Studierzimmer verlassen, er wächst infolge der Teufelswette über die Arbeit hinaus, um die Welt von anderer Seite kennen zu lernen. In Auerbachs Keller sieht er an den am Trinkgelage Beteiligten, was Maßlosigkeit bedeutet. Die fröhlichen Zecher, von Mephistopheles’ magischen Künsten befeuert, sind völlig ungehemmt und verspotten alles, was im Alltag als heilig gelten könnte: Politik, Religion und zuletzt die Liebe.

Fünfte These:

Fausts Denken ist heute obsolet.

Fausts sich wandelndes Bewusstsein ist der Spiegel, in dessen Rahmen sich die geschichtlichen Wandlungen von der mittelalterlichen Philosophie, der Neuzeit, der Aufklärung über die Klassik bis zur Romantik vor Augen stellen. Sein Gespräch mit Wagner aber ist von der Auseinandersetzung mit einem Wissenschaftsverständnis geprägt, das, folgt man Nietzsches Vermutung, heute aktueller ist als das faustische. Wagner denkt sich die Welt, wie ein barocker Wissenschaftler es täte. Wagner erscheint die Welt im Licht der Bücher: „Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen, / So steigt der ganze Himmel zu dir nieder“ (V. 1108–1109). Größer lässt sich die Verschiedenheit zwischen Faust und Wagner kaum denken. Bücher bedeuten Faust praktisch viel, doch lieber versenkt er sich in Natur und Leben.

Sechste These:

Ohne den Teufel wäre Faust nichts wert, denn jener bekundet die sittliche Schuld in dessen Leben. Von der einsamen Hexe – Naturwesen sind per definitionem einsam – lässt sich Ähnliches sagen: Ihre Absicht richtet sich auf das Geschlecht, sie bekundet die natürliche Schuld in dem Gelehrten.

Als er in den Zauberspiegel blickt, zeigt Faust sich verändert. Er reagiert spontan-naiv, wie im Rausch, wie er es im Studierzimmer bereits ankündigt (V. 1747–1751: „Des Denkens Faden ist zerrissen, / Mir ekelt lange vor allem Wissen. / Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit / Uns glühende Leidenschaften stillen!“). Die Vernunft scheint von der Begierde überwunden zu werden.

Siebte These:

Mehr und mehr wird Gretchen zerrissen von den Gefühlen der Neigung und der Pflicht.

Gretchen dürfte vorgewarnt gewesen sein. Stets werden Frauen von Männern vernichtet. Beispiele dafür gibt es genug, dass die Mutter auf sie Einfluss nimmt, immer bemüht, die Haltung, den Ruf und die Ehre ihrer Tochter zu bewahren und aus ihr eine stattliche Ehefrau zu machen. Was für ein Glück, dass die Mutter so „akkurat“ (V. 3114) über die aufkommenden Sehnsüchte der Tochter wacht! Was für ein Glück! Und trotzdem erhebt sich an dieser Stelle, innerhalb des 18. Jahrhundert, im Zeichen des Sturm und Drang, der Protest des Individuums gegen elterliche Bevormundung und religiöse Zwänge.

Achte These:

Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was Gretchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Gretchen ist nichtsdestotrotz die vierzehnjährige Bürgerstochter, die ihr Kind tötet, dessen Geist ihr zuletzt im Kerker erscheint, um sich im Lied an ihr zu rächen.

„Meine Mutter, die Hur’, /
Die mich umgebracht hat! /
Mein Vater, der Schelm, /
Der mich gessen hat! /
Mein Schwesterlein klein /
Hub auf die Bein’ /
An einem kühlen Ort; /
Da ward ich ein schönes Waldvögelein; /
Fliege fort, fliege fort.“ (V. 4412–4420)

Dazu gehört außerdem, dass Gretchen sich auf einen „Schelm“ (V. 4414) eingelassen hat. Faust bekommt damit das für Mephistopheles bestimmte Beiwort (vgl. V. 2515).

Arbeitsanregungen:

    Fahren Sie fort, Wahrheiten über den „Faust“ in Thesen zu formulieren.
    Achten Sie dabei auch auf die Form des Beweises.
    Schließen Sie jeden Beweis wenn nötig mit einer Correctio ab.
    Formulieren Sie einen Brief an den Herrgott, in dem das beklagenswerte Los der Menschen zur Sprache kommt! Beziehen Sie dabei des Teufels Formulierungen als auch Ihre eigenen Kenntnisse mit ein.

Maschinenmenschen

Kafka

Franz Kafkas Vision des Maschinenmenschen

Josef K. s Charakter

Entscheidendes hat sich in Josef K.s Leben ereignet. Er ist verhaftet worden, ohne in das Geheimnis der gegen ihn zu Recht oder Unrecht erhobenen Vorwürfe eingeweiht worden zu sein. Das Geheimnis seiner Verhaftung wird dadurch noch gesteigert, dass das Gericht sich jeder der üblichen Nachfragen entzieht. Josef K. – er ist Prokurist bei einer größeren Bank – gehört übrigens weiterhin dem Arbeitsalltag an. Es ist jedoch klar, dass die Verhaftung sich auf sein Verhalten in der Bank auswirkt. Latent bereits vorhandene Entfremdungstendenzen beschleunigen sich, dass Josef K., „erster Prokurist“ mit glänzenden Karrierechancen, sich immer weniger am richtigen Platze glaubt.

Die Frage nach den gegen ihn erhobenen Schuldvorwürfen beherrscht Josef K.s Denken fortwährend. Mit einem gewissen Eigensinn beharrt K. zudem darauf, dass er unschuldig sei. Sein Widerstand erlahmt allerdings, da er im Missverhältnis zu seinen Kräften steht. Er ist dann brutal gleichgültig, wie es scheint, den Kopf wie in einem Stahlband eingezwängt, das ihm die Ohrmuscheln zusammenpresst. Nachlässig übernimmt er es daher nur, die Verteidigung in seinem Prozess vorzubereiten. So lässt Josef K. sich treiben und wird als Treibgut der flutenden Masse – so ähnlich wird es in vielen expressionistischen Gedichten bezüglich des modernen Großstadtmenschen vermittelt – in einen unüberschaubaren Prozess hineingerissen.

Die Wächter, die ihm den Raum nehmen, mit ihren Bäuchen im Weg stehen, mit ihrer eng anliegenden Funktionskleidung – die, „ohne dass man sich darüber klar wurde, wozu [sie] dienen sollte, besonders praktisch erschien“ (Kafka 2014: 5) – sehen aus wie von Ferdinand Léger gemalte Maschinenmenschen. K. schenkt ihnen keine tiefere Beachtung, wie die Prüglerszene beweist. Auch dem Onkel gegenüber erweist er sich gleichgültig, der in der Tat wie eine mechanisch angetriebene Puppe im Leben seines Neffen erscheint, um nach einigen hilflosen Drehungen wieder daraus zu verschwinden. Das „Gespenst vom Lande“ (Kafka 2014: 64) nennt Josef K. ihn darum. Gehirnlose Maschinenmenschen hatte bereits die Schwarze Romantik vorausgesehen. Franz Kafka hat diese Idee aufgenommen.

Franz Kafka: Der Prozess. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum 2014.

Arbeitsanregungen:

  1. Gehen Sie auf Spurensuche! Suchen Sie Textstellen aus dem Anfangskapitel („Verhaftung“), die Josef K.s Eigensinn und Widerstand belegen!
  2. Fügen Sie weitere Stellen hinzu, die Aufschluss über Josef K.s Charakter geben.
  3. Belegen Sie das Motiv des Maschinenmenschen!

Ein unnatürliches Brüllen

Expressionismus, Goethe, Lyrik, Sturm und Drang

Irrenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf, 1880–1914.

Georg Heym: Die Irren (1910)

Der Titan Prometheus soll für seinen Mut, den Göttern zu widersprechen, an einen dunklen Felsen im Kaukasus geschmiedet worden sein. So war er gewissermaßen unsichtbar geworden. Der titanische Feuerzünder war verschwunden und die Wahrheit über die Götter mit ihm. Es gibt weitere Söhne und Töchter aus der Verbindung von Mutter Erde, Gaia, und Vater Himmel, Uranos, die die Mutter zum Widerstand gegen die Götter angestachelt hat. Hyperion und Theia, die Lichtgestalten, Okeanos, der Weltenstrom, Themis, das Naturgesetz, und Mnemosyne, das Gedächtnis, Atlas, der das Himmelsgewölbe stützt – diese Liste der Titanen ließe sich fortführen bis in die Gegenwart: Dulder, die zum Widerstand bereit sind. Aus diesem zukunftsweisenden Geist heraus war Goethes Gedicht „Prometheus“ entstanden, gegen geflissentliche Aufklärer. Ein viel beachtetes Zeugnis des Sturm und Drang.

Im folgenden expressionistischen Gedicht ist meines Erachtens ebenfalls der Geist des Widerstandes und der Rebellion vernehmbar. Nur tritt kein Genie, kein Individuum auf, sondern die Masse der „Irren“.

„Die Irren“ aus dem Jahr 1910 ist ein lautes Gedicht. Die grelle „Psychopathographik“ ist das vorherrschende Thema (vgl. Walter Müller-Seidel: Wissenschaftskritik und literarische Moderne. In: Die Modernität des Expressionismus, hrsg. von Thomas Anz und Michael Stark. J. B. Metzler Verlag: Stuttgart 1994, 30). Niemand kann sich hier ruhig-reflektierend niederlassen, niemand kann leugnen, dass der Boden der in diesem Gedicht entworfenen Welt einzustürzen droht. Ein Kranker tritt auf und schmettert seinen Arzt mit Titanengewalt zu Boden und zerbricht ihm dabei den Schädel. Ein unversöhnliches Zeugnis des Widerstandes. Ein verstörender Text aus der Feder von Georg Heym.

Die strophische Gestaltung der Verse entspricht der italienischen Grundform des Sonetts mit umarmenden Reimen (abba, bccb) in den Quartetten. In den Terzetten finden sich in Heyms Gedicht weitere Reimsilben, die nach einem dreireimigen Schema aufgebaut sind: ded, eed. Der Vers ist fünfhebig und entspricht insofern dem fünfhebigen Jambus des Dramas (Blankvers), welcher allerdings ohne Reim auskommt. Der fünfhebige Jambus erlaubt verschiedene Abstände zwischen den syntaktischen Gruppen, er ist nicht symmetrisch gebaut wie der Alexandriner, mit der regelmäßigen Zäsur in der Mitte.

Form und Inhalt widersprechen einander.

  1. In der ersten Strophe ist die Rede von einer Art Käfig. Die als „[d]ie Irren“ bezeichneten Kranken halten sich an den Wänden und Gittern einer Irrenanstalt auf.
  2. In der zweiten Strophe wechselt das Bild. Die „Irren“ veranstalten einen Ball, der durch einen wahnsinnigen Schrei aufgelöst wird.
  3. Der Wahnsinn hat Folgen. In der dritten Strophe geht es darum, dass ein Arzt von einem Kranken gepackt und erschlagen wird.
  4. Amüsiert schauen die anderen Insassen der Irrenanstalt zu, bis sie durch die Peitsche eines Aufsehers davongejagt werden.

Der Irre gibt sich durch sein unnatürliches Brüllen zu erkennen. Er schreit wie ein urzeitliches Monster – was durch die Personifikation des Wahnsinns unterstützt wird („Plötzlich schreit / Der Wahnsinn auf“, V. 6–7). Die Unnatürlichkeit des Lärms hat etwas Gottloses an sich, bestätigt aber die Autorität der Götter nicht, sondern widerlegt sie.

Arbeitsanregung:

  • Wodurch geben sich die Irren zu erkennen?
  • Stelle deine Ergebnisse anschaulich dar, in einem Steckbrief z. B.!

Die Irren

Juni 1910

Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
Die Irren hängen an den Gitterstäben,
Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.

In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
Daß alle Mauern von dem Lärme beben.

Mit dem er eben über Hume gesprochen,
Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.

Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald
Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

Susanna Margaretha Brandt

Drama, Faust, Goethe, Schreiben, Sturm und Drang

Zum Einhorn

Vor dem Fenster waren waagerechte Brettchen angebracht, die Blumentöpfchen darauf konnten Wasser gebrauchen. Vorsorglich bückte ich mich, um leicht in das Innere der Küche zu kommen. Vor mir auf dem Tisch lag ein Kreuz, hinter dem ein farbloses Sträußchen klemmte, über der Eckbank hing ein blaues Tuch, das sie gewöhnlich um die Schultern trug. Ich glaubte, Susanna zu hören. Ich kannte sie, es war Susanna Margaretha Brandt, genannt Susann, Magd in der Herberge „Zum Einhorn“. Wir waren dann in allen Zimmern, stiegen sogar die Stiege hinauf – in allen Zimmern, abgesehen von der Waschküche. Das Kind sei zu schwach gewesen, heißt es.

[Ergänze, was fehlt!]

Wir gelangten nun wieder in den Wald von Bockenheim, der sich an die Mittagsseite des Hauses anschloss, und von dort hinaus auf die Felder.

Arbeitsanregungen:

  • Ergänze, was fehlt. Fülle den erzählten Rahmen möglichst anschaulich aus.
  • Erzähle, wie die Besucher den „Tatort“ wahrnehmen.
  • Schildere möglichst viele Eindrücke aus der Sicht eines der Besucher und lasse auch dessen Kommentare, dessen persönliches Urteil in die Erzählung einfließen.
  • Füge ein kurzes Gespräch zwischen den Besuchern über die bereits hingerichtete Susanna Margaretha Brandt hinzu.
  • Achte auf deine Wortwahl, finde einen angemessenen Erzählton.

 

Da sucht man lieber Kräuter

Drama, Faust, Goethe

Hanf Cannabis femina@Goethe's botanical objects

Goethe und die Naturwissenschaften

Dass Goethe sich für die Naturwissenschaften begeisterte, dass seine naturwissenschaftlichen Studien einen beträchtlichen Umfang in seinem Werk ausmachen, ist vor allem im Vergleich mit Schiller entscheidend. Während Goethe sich dem Studium der Natur widmete, lieber Kräuter oder Steine sammelte, wie Schiller spottete, nahm dieser an anderen Differenzen teil und versandte Aufsätze über Freiheit und ästhetische Doktrinen. Schiller äußerte 1787 gegenüber Körner: „Goethes Geist hat alle Menschen, die sich zu seinem Zirkel zählen, gemodelt. Eine stolze philosophische Verachtung aller Speculation und Untersuchung, mit einem bis zur Affectation getriebenen Attachement an die Natur und einer Resignation in seine fünf Sinne, kurz eine gewisse kindliche Einfalt der Vernunft bezeichnet ihn und seine ganze hiesige Secte. Da sucht man lieber Kräuter oder treibt Mineralogie, als daß man sich in leeren Demonstrationen verfinge. Die Idee kann ganz gesund und gut sein, aber man kann auch viel übertreiben“ (Brief vom 12. August 1787).

Es wurde für Goethe selbstverständlich, die Chemie stets mit dem allergrößten Respekt zu behandeln. Er widmete der Chemie einige Aufsätze. Er ließ nicht mehr davon ab, in seinen Notizbüchern von seinen Experimenten zu berichten, Versuchen mit dem gelben Blutlaugensalz, der Berliner Blaulauge und Metallkalken, den Farbstoffen in Pflanzenextrakten. Er beobachtete die Gerinnung von Milch und übertrug seine Schlüsse auf das Gebiet der Mineralogie. Noch als Achtzigjähriger plante er eine Studienreise, um in der Gegend von Freiburg im Breisgau mineralogische Forschungen durchzuführen. Dabei war er sich des Unterschieds zwischen der mittelalterlichen Alchemie und der sich entwickelnden neuzeitlichen Chemie durchaus bewusst. Er suchte nicht den Stein der Weisen und überließ es Wagner anstelle von Faust, es mit der künstlichen Züchtung von Menschen zu versuchen – dem einfältigen Wagner, der nahe an dem Abgrund ist, den die Wissenschaft nicht mehr zu überbrücken vermag.

Arbeitsanregungen:

Lesen Sie die folgenden Texte und notieren Sie, welche Bedeutung die Wissenschaften für Goethe hatten.

„Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Theoristen, ihre Versuche sind kleinlich und complicit…“
Eine Annäherung an Goethes Wissenschaftsbegriff:
Das komplexe Diverse als Ganzes begreifen
von Ulrike Landfester

Der Wissenschaftler Goethe – Anatomie und Farbenlehre
von Alfried Schmitz

Diskutieren Sie: Was faszinierte Goethe an den Naturwissenschaften so sehr, dass er sie thematisch in seinem „Faust“ verarbeiten musste?

Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit, Sprachreflexion

Das Problem der Mehrsprachigkeit. Eine Umfrage

In der Mehrsprachigkeit liegt oft ein Problem verborgen, denn es zeigt sich, dass die Urteile darüber recht verschieden ausfallen. Wirkt sich Bilingualität im frühen Kindesalter nicht nachteilig auf den Erwerb der Muttersprache aus? Setzt die nicht nur zu kommunikativen Zwecken angewandte Mehrsprachigkeit nicht doch die Intelligenz eines Erwachsenen voraus? Natürlich ist das Deutsche selbst Mischsprache, eine Mischung also, aus mehreren Sprachen gebildet. Innere Mehrsprachigkeit steht äußerer Mehrsprachigkeit gegenüber. Kurt Flasch hat darauf hingewiesen, dass jede (erlernte) Sprache, streng genommen, von außen komme. So gesehen kann nur von äußerer Mehrsprachigkeit die Rede sein. Wie auch immer, die Lösung kann nicht im Sprachpurismus liegen.

Arbeitsanregungen:

  • Erstellen Sie mithilfe der in Microsoft 365 enthaltenen Applikation „Forms“ eine Umfrage, die verschiedene praktische und theoretische Fragen des Problems der Mehrsprachigkeit beinhaltet.
  • Verwenden Sie in der Umfrage mehrere Fragetypen (offene Fragen, geschlossene Fragen, Multiple-choice-Verfahren).
  • Versuchen Sie anhand Ihrer Fragen ein differenziertes Gesamtbild von der Problematik zu erhalten.
  • Entwickeln Sie Ihre Fragen auf der Grundlage von in der Schülerbücherei (Lernhelfer, Lexika, Unterrichtswerke) oder im Internet zur Verfügung gestellten Materialien zum Thema.

 


 
Weitere Informationen:
ARD-alpha