Lessing und Reimarus

Drama, Lessing, Nathan der Weise, Religion

Die Widersacher der Aufklärung brachten all dies als Vorwürfe vor, was der Religion gefährlich werden konnte: die Freiheit der Rede in Wort und Schrift, die Freiheit des Bekenntnisses, der weltanschaulichen Idee, das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit, der methodische Zweifel. „Der Mensch [sollte]“, schrieb Hegel später im Rückblick auf dieses Zeitalter, „der Mensch [sollte] sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stell[en] und die Wirklichkeit nach diesem erbau[en]. Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang.“

Dieser Sonnenaufgang war manchen deutschen Landesfürsten allerdings ein Gräuel, hatten sie doch die durch die langen Kriege des 17. Jahrhunderts aufgesprengte religiöse Einheit mittels Konfessionszwang innerhalb ihrer Herrschaftsgebiete wiederherzustellen versucht. Das Prinzip, dass sich Wirkung umso mehr entwickelt, wenn sie Gegenwirkung erfährt, bewahrheitete sich insofern auch in der Gestalt Gotthold Ephraim Lessings. Als sein Dienstherr, Herzog Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel, ihm Schreibverbot erteilt (1780), droht dem kritischen Theologen und Dichter die Sonne unterzugehen. Kurzerhand ersetzt er die Kanzel durch die Bühne.

Hermann Samuel Reimarus (1694–1768)

Wenn Lessing in diesen Jahren (1770–1780) von der Bibelkritik des „Ungenannten“ spricht, die bis in die Gegenwart mit dem Namen Hermann Samuel Reimarus verbunden ist, dann versteht er sie als notwendigen Teil eines aufgeklärten Religionsverständnisses. Dass das Zeitalter sich zu dessen fortschrittlichen Ideen nur beglückwünschen könne, dürfte Lessing, als Herausgeber der „Fragmente des Wolfenbüttelschen Ungenannten“, sich gedacht haben: „Wahrlich, er soll noch erscheinen, auf beiden Seiten soll er noch erscheinen, der Mann, welcher die Religion so bestreitet, und der, welcher die Religion so verteidigt, als es die Wichtigkeit und Würde des Gegenstandes erfordert“ (Gotthold Ephraim Lessing: Theologiekritische Schriften, Werke VIII. München: Carl Hanser 1980, S. 21). Teils widerspricht Lessing Reimarus. Dass dieser Zweifel an der Auferstehung Jesu gehabt hatte, nimmt er zur Kenntnis; dessen Annahme, dass die Jünger den Leichnam gestohlen hätten, hält er für „stark“. Es ist aber so, dass er den dialektischen Geist des Bibelkritikers geschätzt hat: dass Reimarus auf der einen Seite als Kritiker, auf der anderen Seite als Verteidiger des Christentums auftrat.

„Wenn wir nun wissen wollen, was eigentlich die Lehre Jesu gewesen ist, was er gesagt und gepredigt hat, so suchen wir Fakten, so fragen wir, was ist geschehen.“

(Hermann Samuel Reimarus: Von dem Zwecke Jesus und seiner Jünger, § 3, 8)

Das ist in Kürze der Entwurf der historisch-kritischen Methode, die Reimarus mit „warmen Begriffen“ (vgl. Lessing: Anti-Goeze IX. In: Werke und Briefe, Bd. 9, S. 293) seinen Bibeluntersuchungen zugrunde legt. Auch diesen Entwurf hat Lessing sehr geschätzt und lobend erwähnt.

Die Religion ihres dogmatischen Gewandes zu entkleiden, daran ist Lessing folglich bei der Abfassung des Nathan gelegen, als er, mit dem Schreibverbot belegt, die Kanzel durch die Bühne ersetzt. Der sichtbaren Hand Gottes, sichtbar in ihren institutionalisierten Würdenträgern (Patriarch), wird die unsichtbare in der göttlichen Vorsehung (Nathans Werk bei der Wiederherstellung der „Menschheitsfamilie“) entgegengesetzt.