Samstag

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Samstag. Ein rasselnder Umzugswagen 

Der Hausrat steht im Vorgarten: korsische Messer, Uhren, Teppiche, Schränke usw. Ich liege in der Erde, in einem Kaninchenloch, das ich mir zu einer Kuhle erweitert habe. Die Umzugswagen erscheinen. Alle stehen rufend auf der Straße. Einer reicht mir die erste Zigarette: „Ich heiße Wilhelm!“ Wilhelm trägt mir auf, was zu machen ist. Wilhelm hat es geschafft, sein Leben über Gebühr zu verlängern. Wilhelm trägt sieben Ringe im Ohr und spricht in kurzen, harten Sätzen zu uns. Aus den Ohrmuscheln wächst graues Moos. Jetzt liest er zum Schein eine Zeitung, ist aber recht munter dabei, uns zu beobachten. Immer gibt es etwas zu beobachten, in Deutschland, in Spanien, in Syrien, in Ägypten. Wenn man einmal eine Beobachtung macht, so ist es gut, sich bei der Ausführung das Ganze vorzustellen. War Wilhelm denn nicht schon in allen möglichen Gassen, in allen möglichen Ländern gewesen? Dieser Umzugswagen hätte uns mit Wilhelms schlaffen Armen am Steuer in alle vier Himmelsrichtungen gebracht.

© Gerold Paul

Was von der Sprache übrig bleibt

Dieter Wellershoff: Bleibe (1986)

Die Sprachstörung geht den umgekehrten Weg wie die Sprache. Diese sucht bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken nach der vollkommenen Übereinstimmung zwischen Inhalt und Form, nach der passenden Formulierung. Jene leitet den Adressaten mit Hilfe der die Ausdrucksformen begleitenden Emotionen zu den Inhalten der so genannten „inneren“ Sprache – die Form schlägt in dem Fall in den Inhalt um. Die Kommunikation mit dem unter der Sprachstörung leidenden Kranken hält sich also an das, was unmittelbar erlebt wird. Es kann dabei vorkommen, dass der Kranke ein und dasselbe Wort in gegenteiliger Bedeutung verwendet. Er sagt zum Beispiel „Bleib!“, gemeint ist aber „Geh!“.

Diese Idee liegt einer hintergründigen Kurzgeschichte von Dieter Wellershoff aus dem Jahr 1986 zugrunde. Die Geschichte trägt den Titel „Bleibe“. Eine Frau mittleren Alters, von Beruf Lehrerin, besucht, bevor der alltägliche Unterricht für sie beginnt, ihren schwerkranken Mann im Krankenhaus. Es wird der Eindruck hervorgerufen, dass dieser an den Folgen eines schweren Schlaganfalls leidet. Der behandelnde Arzt, der die Frau über den Zustand des Mannes unterrichtet, stellt einen fast vollständigen Sprachausfall fest. Die einzige deutlich vernehmbare Mitteilung des äußerst hilflos wirkenden Kranken ist das immer wieder hervorgebrachte Wort „Bleibe“. Auf den ersten Blick gesehen bildet die durch die Krankheit bedingte Aphasie das Thema der Geschichte.

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie den Text unter besonderer Berücksichtigung des Kommunikationsverhaltens der beiden Hauptfiguren.
  • Berücksichtigen Sie auch die formale Gestaltung des Textes: Inwieweit handelt es sich um eine typische Kurzgeschichte?
  • Lösungsansatz:

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    Die Kurzgeschichte

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    Bei der Kurzgeschichte kommt es viel weniger darauf an, dass der Erzähler dem Leser ein Ereignis, als dass er ihm eine Situation darstellt. Die ersten, die diese Umänderung im Erzählen bemerkt haben, sind Erzähler der literarischen Moderne gewesen, Robert Musil zum Beispiel, Alfred Döblin, Ernst Toller und Kurt Tucholsky. Es beeinträchtigt diese Beobachtung nicht, dass die Kurzgeschichte im eigentlichen Sinn (Short Story) im englischsprachigen Raum entstanden ist. Entscheidend bleibt, dass die „Wahrheit der Erzählung“ nicht außerhalb des Erzählten gesucht wird. Kafkas Kurzgeschichten müssen als Parabeln verstanden werden und stellen daher eine Ausnahme von dieser Regel dar.

    Das Neuartige an der Kurzgeschichte ist auch durch ihre Veröffentlichung in Zeitschriften und Magazinen bedingt. Dies führt zu einer größeren Nähe zwischen den Verfassern und Lesern der Texte. Die Autoren muten den Lesern keine übermäßig verfremdeten Texte zu. Jedes ästhetische Experiment, das an der Darstellung „echten Lebens“ vorbeigeht, wird gemieden. Der Fokus der neuen Gattung liegt auf der Darstellung wiedererkennbarer Situationen und unmittelbar zugänglicher Wirklichkeitsausschnitte. All dies hängt aufs Engste zusammen mit der Entwicklung der ästhetischen Moderne, mit der Entwicklung von Film und Fotografie.

    Große Verbreitung erreicht die Kurzgeschichte in der neu entstehenden Bundesrepublik.

    Überwindung des Realismus

    Die Kurzgeschichten Franz Kafkas

    Die Kurzgeschichten Franz Kafkas sind in der Regel auf eine Situation und nicht auf ein Ereignis bezogen. Die dargestellte Situation in ihrer unmittelbaren Erscheinungsweise scheint dabei der Wirklichkeit außerordentlich nahezukommen. Trotzdem haben Kafkas Geschichten in ihren entscheidenden Bestimmungen nichts mit realistischer Erzählkunst zu tun. Die Abgrenzung gegenüber dem Realismus ist notwendig. Nur so wird die Eigentümlichkeit der Texte Kafkas auffällig. Zwar beginnen die Texte meist konventionell, erhalten dann aber einen völlig anderen Akzent, von dem im Folgenden die Rede sein soll.

    Die Geschichte „Die Sorge des Hausvaters“ zum Beispiel erzeugt den Eindruck, es gehe um einen wissenschaftlichen Text, um eine Glosse zum Wort „Odradek“: „Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt.“

    So ähnlich verhält es sich mit den Geschichten „Ein Besuch im Bergwerk“ und „Ein Bericht für eine Akademie“. Beide Texte lassen den Leser anfangs denken, er habe es mit einem genauen Protokollbericht zu tun. Die Analyse zeigt Widerspiegelungen der Wirklichkeit. Im ersten Fall erfolgt ein Besuch von Ingenieuren in einem Bergschacht. Im zweiten Fall beruht die Wirkung der Geschichte insbesondere darauf, dass sich der Berichterstatter an ein wissenschaftliches Publikum richtet. Auf solch einer scheinbar realistischen Grundlage bauen Kafkas Kurzgeschichten auf, um dann mit einem Schlag die Mängel der vermeintlichen Realität bloßzulegen.

    Kafkas Geschichten überwinden den Realismus. Der Berichterstatter in der Geschichte „Ein Bericht für eine Akademie“ ist mit dem Stigma versehen, kein reinrassiger Mensch, sondern nur ein menschgewordener Affe zu sein. In Odradek aus der Geschichte „Die Sorge des Hausvaters“ sieht sich der irritierte Leser plötzlich einer Garnspule gegenüber, die auf der Flucht ist. Naiver, aber auch komplexer Realismus sind für Kafka tabu. Bei Kafkas Kurzgeschichten handelt es sich durchweg um Texte des satirischen Fiktionstyps.

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    Vater und Sohn

    Gabriele Wohmann: „Denk immer an heut nachmittag“ (1968)

    Die Kurzgeschichte „Denk immer an heut nachmittag“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahr 1968 schildert die Schwierigkeiten eines Vaters, mit seinem Sohn zu kommunizieren, nachdem die Ehefrau und Mutter verstorben ist.

    Das zu Grunde liegende Geschehen lässt sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen: Ein Mann, der vor Kurzem seine Frau verloren hat, muss seinen Sohn in einer Internatsschule unterbringen. Auf dem Weg zur Einschulung versucht der Vater den Sohn mit allerlei gut gemeinten Ratschlägen aufzuheitern, die aber sämtlich fehlschlagen. Die Situation lässt sich nach vier Aspekten gliedern:

    • die Bahnfahrt;
    • das Gespräch über den Jungen, der die Bahn mit dem Fahrrad verfolgt;
    • die Ankunft vor der Schule;
    • der Blick auf das Ballspiel der Schüler.

    Der Text weist die typischen Merkmale einer Kurzgeschichte auf: die Kürze des Textes, der fingierte Realitätsbezug („Medias in res!“), die Anonymität der dargestellten Figuren, die Beschränkung auf wenige Figuren, die konfliktreiche Beziehung zwischen den Figuren, die kurze Erzählerdistanz, die nicht-auktoriale Erzählperspektive und die Situationszentrierung. Es handelt sich um eine Geschichte ohne erkennbaren Höhepunkt: Der Fokus liegt auf der Darstellung der traurigen Lage, in der sich Vater und Sohn nach dem Tod der Mutter bzw. Frau befinden. Der Vater versucht die Lage schön zu reden, der Sohn reagiert in sich gekehrt und mit Tränen.

    Der Beziehungsaspekt hat in der Kommunikation deutlich mehr Gewicht als der Inhaltsaspekt, was sich z. B. an der Äußerung „Ach du Langweiler“ (Z. 42–43) nachweisen lässt, zeigt sie doch, dass der Vater durchaus fähig ist, die Trauer seines Sohnes über den Tod der Mutter richtig einzuschätzen, wobei es ihm aber nicht gelingt, für sein Mitgefühl die angemessenen Worte zu finden. Der Vater redet vielmehr wie ein Unterhaltungskünstler, der aus jeder schlechten Lage noch das Beste zu machen versteht.

    Das Gespräch scheitert u. a. daran, dass der Vater das Gespräch von Beginn an dominiert. Er dominiert das Gespräch in einem Maße, das im Sinne Watzlawicks von asymmetrischer bzw. komplementärer Kommunikation gesprochen werden kann.

    Die Analyse mithilfe des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun führt prinzipiell zu ähnlichen Ergebnissen. Sie zeigt im Übrigen, dass die Selbstkundgabe des Vaters folgendermaßen lauten könnte: Ich verstehe deine Lage. Ich möchte, dass du heil aus dieser Situation herauskommst. Ich meine, dass du einen Freund brauchst. Auf der Appellseite überwiegen Botschaften wie: Sei stark! Sei ein Mann! Halte dich tapfer! Aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl versucht der Vater die Situation mit überdrehten, teilweise auch ins Ernsthafte schwenkenden – und daher komisch wirkenden – Ratschlägen zu retten.

    Die wenigen Äußerungen des Sohnes, seine Tränen als nonverbale Mitteilung könnten folgendermaßen interpretiert werden: Ich bin traurig; ich fühle mich einsam; ich habe Angst vor der Zukunft – und schließlich: Ich verstehe, dass auch du unter Mutters Tod leiden könntest.

    Die Situation wird konsequent aus der Sicht des Jungen, in Form des personalen Er-Erzählers, erzählt. Die Erzähldistanz ist kurz, die Gegenstände (Handschuhe, Messingstange usw.) werden aus kurzer Distanz betrachtet. Diese Erzählweise ist der Situation des Kindes angepasst: Der Junge wird gewissermaßen von der belastenden Situation „erdrückt“.