Kafkas Kippfiguren

Kafkas Figurengestaltung im Roman „Der Prozess“

Die Erzählperspektive bildet die conditio sine qua non. Nicht das Wissen über die Inhalte von Kafkas Roman „Der Prozess“, sondern das Wissen über die Verzerrung der Inhalte, die durch diese Perspektive bedingt ist, verschafft einen Zugang zum Gesetz und damit zur Schuld des Protagonisten. Das Tor zum Gesetz wird nicht durch festes Mauerwerk begrenzt, sondern durch den von der jeweiligen Perspektive bestimmten psychischen Raum. Wenn das Tor dem „Mann vom Lande“ verschlossen erscheint, durch übermächtige Wächter ausgefüllt, dann wird keiner mehr zugelassen. Die Wächter, deren es viele in diesem Roman gibt, haben sich der verzerrten Wahrnehmung des Protagonisten angepasst. Im Unterricht haben wir sie daher als „Kippfiguren“ bezeichnet. An einer Kippfigur kann man nicht einfach vorbei gelangen, wie das folgende bekannte Beispiel aus der Sammlung optischer Täuschungen zeigt.

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Die dargestellte Kippfigur ist auch nicht mit der Figur einer alten Frau, deren große Nase eine Warze ziert, zu verwechseln, da diese Figur klar und begrenzt wäre. Es lohnt sich, die alte Frau länger zu betrachten, die ihr Kinn tief in den Kragen ihres Pelzes sinken lässt, deren Mund nur aus dieser Perspektive einen Mund darstellt. Das ist aber nicht der Endzustand der Figur des alten Weibes. Es gehört zum Wesen der Kippfigur, dass sie eine weitere Verwandlung gestattet. Der Mund der alten Frau ist der Hals einer jungen Frau mit Halsschmuck. Diese Kippfiguren in ihrer eigentümlichen Form, die in diesem Fall eine hässlich-schöne Doppelform ist, haben auch Kafkas Denken beherrscht. Der Türhüter gilt dem furchtsamen Mann vom Lande als groß, und mit den Jahren des Wartens verwandeln sich auch die Flöhe in dessen Pelzkragen und werden hervorgehoben, als ob sie die Macht besäßen, über den Zugang zum Gesetz zu verhandeln. Der Prediger an der zunächst klein anmutenden Kanzel im Dom verwandelt sich in den Gefängniskaplan, und die Kanzel wird riesengroß, so dass K. den Kopf in den Nacken legen muss, um zu dem Geistlichen hinaufblicken zu können. Kaufmann Block, an den K. sich hält, verwandelt sich vom redseligen Klienten des Advokaten Huld zu einem Hund, der von dem Hausmädchen Leni beherrscht wird. Allesamt Kippiguren! Für uns im Unterricht ist es daher wichtig, uns Klarheit über diese Kippfiguren Kafkas zu verschaffen und zu begreifen, dass sie nicht nur den Vorgang – „Prozess“ [!] – von K.s Denken, sondern auch dessen Ergebnis ausdrücken.

Arbeitsanregungen:

  1. Entdecke eine weitere Kippfigur in Kafkas Roman!
  2. Sammle zunächst alle Informationen, die du über die Figur herausfinden kannst.
  3. Markiere wichtige Textstellen. 
  4. Sortiere die Informationen und lege einen Steckbrief an, vielleicht mit dem Titel „Die Verwandlung der Figur XY“.
  5. Erläutere, ob und inwiefern diese Verwandlung durch die Erzählperspektive bedingt ist.

K. und die Frauen

K. und die Frauen: Fräulein Bürstner

Josef K. ist von der Übermacht seiner scheinbar „sehr gut[en]“ Kenntnisse über Fräulein Bürstner, derer er sich im Gespräch mit seiner Vermieterin Frau Grubach rühmt (Franz Kafka: Der Prozess. Roman. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum 2015, S. 20, Z. 34), wie vom Schlag getroffen. Über die alte Angst infolge der verwirrenden Verhaftung am Morgen seines 30. Geburtstags hat sich eine neue Macht gelagert: Frau Grubach wenigstens, so scheint es, gilt er trotz aller Umstände weiterhin als Autorität unter den Mietern. Ihr peinliches Gerede über Fräulein Bürstner aber kann er nicht dulden („Ich will Fräulein Bürstner gewiss nicht verleumden, […] aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein. Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen immer mit einem anderen Herrn gesehen“ (ebd. 20,20–25).

In Gedanken geht K. mit Fräulein Bürstner ein erstaunliches Bündnis ein: So möchte er gemeinsam mit ihr kündigen, um die Vermieterin Frau Grubach „zu bestrafen“ (ebd. 21,9). Noch bevor er mit der jungen Frau gesprochen hat, fühlt er sich bereits von ihr angezogen. Man kennt die magische Wirkung, die Ideen auf Kinder haben. Ähnlich ergeht es K., als er meint, sich für Fräulein Bürstner einsetzen zu müssen. Hinzu kommt die magische Wirkung, die Frauen auf Männer haben. Josef K. erliegt der Sexualität wie ein „durstiges Tier“ (ebd. 26,31), das endlich die Quelle findet.

Kafka geht in Platons Höhle

Franz Kafka: Von den Gleichnissen

Bei Kafka gibt es ein Gleichnis über Gleichnisse, das zum Verständnis weiterer Texte Kafkas dienen kann. Es hat viel mit dem platonischen Höhlengleichnis gemeinsam. Bei beiden Gleichnissen liegt eine Zweiweltenlehre vor. Die eine Seite des Gleichnisses ist auf die wirkliche Welt bezogen, die andere auf die Welt des Scheins. In dieser hat der Schein das Wort, das „[S]agenhafte“, das „auch von [dem Weisen] nicht näher zu bezeichnen ist“, so Kafka. In jener anderen hat die Wirklichkeit das Wort, das „[F]assbare“, so Kafka. In dieser eigentlichen Welt – außerhalb der Höhle – hat alles seinen richtigen Ort, so Platon. Nun werden die Fragen an den Weisen in Kafkas Gleichnis zu Klagen. Und auch in Platons Gleichnis wird der in die Höhle zurückgekehrte Weise mit Missbilligung gestraft: „Würde dieser Mensch nicht sofort ausgelacht werden, würde man nicht von ihm sagen, er sei durch seinen Aufstieg nach oben mit verdorbenen Augen zurückgekehrt […]?“ (Platon: Politeia, Buch 7, S. 517a). In Platons Höhle hat der Schein das Wort.

Es bleibt dem Weisen – so deute ich Kafkas Gleichnis – keine andere Möglichkeit, als den Bildern in der Höhle zu folgen und das „Unfassbare“ in Gleichnissen zu erzählen. Im Gleichnis „[v]on den Gleichnissen“ hat er damit verloren.

Platons Ausgangspunkt ist übrigens ein echtes Gleichnis, von Platon selbst mehrfach erklärt: Das nenne ich „den dialektischen Weg […] das Lösen der Fesseln und die Abwendung von den Schatten zu den Bildern selbst und zum Licht und den Aufstieg aus der Höhle zu der Sonne“ (ebd. S. 532b). Platon führt das Gleichnis auch als solches ein, indem er die entsprechende Formulierung verwendet: Vergleiche! („ἀπείκασον“, ebd. S. 514a). Außerdem schreibt er: „Dieses Bild musst du, lieber Glaukon, als Ganzes zusammenbringen mit den früheren Aussagen“ (ebd. S. 517a).

Kafkas Gleichnis dagegen trägt den Keim eines Gleichnisses in sich, ist aber, genau besehen, eine Parabel. Sein Gleichnis enthält nämlich keinen Schlüssel, keine Erklärung. Es ist nicht auf praktische Verhältnisse übertragbar („unverwendbar im täglichen Leben“), sondern vielmehr visionär. Befreiung aus der Höhle der Bilder (Texte) gelingt nicht dem, der Erklärungen sucht, sondern dem, der selbst zum Bild (Text) wird – so lautet Kafkas paradoxe Lösung.

Franz Kafka:
Von den Gleichnissen

Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: „Gehe hinüber“, so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: „Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.“
Ein anderer sagte: „Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.“
Der erste sagte: „Du hast gewonnen.“
Der zweite sagte: „Aber leider nur im Gleichnis.“
Der erste sagte: „Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.“

Der Kaiser ist tot!

Franz Kafka: Eine kaiserliche Botschaft

 

Der Raum selbst – als Bedingung der Möglichkeit der sinnlichen Erscheinung – mag wirkungslos sein. Er ist dennoch zu durchmessen. In Kafkas Erzählung „Eine kaiserliche Botschaft“ – als selbstständiges Prosastück aus der Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“ herausgelöst und im Buch „Ein Landarzt“ veröffentlicht – gibt es bestimmte Räume, die den Kaiser vom Empfänger der Botschaft trennen. Es gibt die hinderliche Menge, es gibt Treppen, es gibt unzählige Höfe. Es ist das „überlieferte“ Wort, das der Bote zu überbringen hat. Der Kaiser stirbt, als der Bote sich auf den Weg macht. Welcher Leser dächte nicht an die christliche Botschaft? Das Wort Gottes ist wirkungslos geworden, heißt es bei Nietzsche, das Wort des Kaisers in dieser Erzählung auch. Als „Sage“ ist das Prosastück in den Kontext der Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“ eingefügt: als Botschaft an „das Volk“, an die „Zuspätgekommene[n]“ (Franz Kafka: Erzählungen. Nach der Kritischen Ausgabe, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Fischer: Frankfurt am Main 1994, 353). Auch als Sage muss der Text – glaubt der Leser dem Inhalt – seine Wirkung verfehlen. Ihr Erfinder, sprich: der Dichter ist deshalb in „großer Verlegenheit“, könnte man mit Kafka daraus folgern.

 
Arbeitsanregung:

  • Diskutieren Sie das folgende Schema: Wird der Sinn der Parabel ausreichend erfasst?

 

 

Umkehr der Richtung

Die Metamorphose aus zoologischer Sicht

Das Verwandlungsmotiv in Kafkas Novelle „Die Verwandlung“

Wenn es heißt, der Mensch sei an der Verwandlung erst Mensch geworden, so ist im Falle Gregor Samsas das Gegenteil richtig. Es gehört zur Gabe des Menschen, sich verwandeln zu können, es gehört zu seiner spielerischen Veranlagung. Wie aufregend, sich alle möglichen Charaktere einverleiben zu können! Wie spannend, mehr sein zu können, als man ist! Die Verwandlung Gregor Samsas hat demgegenüber eine besondere Qualität. Diese besteht in der Umkehrung des Motivs. Darauf beruht die Ironie der Darstellung. Alle Gedanken der Hauptfigur sind erfüllt von dem Wunsch, nicht mehr, sondern, im Gegenteil, weniger werden zu wollen. Rückzug anstelle von Vermehrung. Am Ende liegt „Gregors Körper vollständig flach und trocken“ da. Gregors Minderwertigkeitsgefühle sind für alle greifbar geworden.

Arbeitsanregung:

„Kafka vs. Goethe“

Stellen Sie Gregor Samsas Wunsch danach, zu verschwinden, Fausts verzweifeltem Streben nach Erweiterung gegenüber. Was ist an jenem Motiv typisch expressionistisch, was an diesem typisch modern?

Im Namen seiner Eltern

Kafka: Die Verwandlung. Prokuristenszene

Zwei Thesen vorweg:

  1. Auch wenn es entmutigend viele Deutungen von Gregor Samsas „Verwandlung“ gibt, zählt diese Erzählung zu den interessantesten, die Franz Kafka geschrieben hat.
  2. Prinzipiell ist es möglich, Zusammenhänge zwischen dem Geschick Gregors und der Arbeitsteilung in der „Welt der Angestellten“ (Kracauer) herzustellen. Einige Interpreten dagegen neigen dazu, Gregor als Opfer eines in der Familie begründeten Schuld- und Schamkomplexes anzusehen. Die Prokuristenszene (Kafka 2015: 12,11–14,5) lässt sich mit beiden Deutungsansätzen in Verbindung bringen.

Sobald wir in der Scham das bestimmende Motiv für Gregor Samsas Verwandlung erkannt haben, stoßen wir auf eine wichtige Frage: Ist die Scham nur innerhalb der Familie sichtbar? Muss auch die Firma, bei der Gregor beschäftigt ist, einbezogen werden? Was ist mehr als die Quelle der Scham anzusehen: die Familie oder die Firma? Wir nehmen an, dass Franz Kafkas Novelle, die vor rund hundert Jahren, im Jahr 1915 erschienen ist, nicht von einer zufälligen Metamorphose handelt. Gregor Samsas Verwandlung darf nicht als eine von einer blinden Fortuna verhängte Strafe betrachtet werden.

Die Schwierigkeit, zwischen der Familie und der Firma zu trennen, stellt sich zum Beispiel in der vorliegenden Szene dar: In einer äußerst angespannten Situation haben sich die Eltern, die Schwester und der Prokurist seiner Firma vor Gregors Tür eingefunden und üben gemeinsam Druck auf den vermeintlichen Langschläfer aus. Jeder arbeitet mit unterschiedlichen Argumenten.

Der Prokurist sollte die geschäftlichen Erwartungen an Gregor formulieren können, während die Familie mit privaten, ins Persönliche spielenden Argumenten Druck aufbaut. Es fällt jedoch auf, dass sich der Prokurist auch für die privaten Belange Gregors zuständig fühlt: „Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung“ (Kafka 2015: 12,16–18). Seine Vorwürfe treffen Gregor daher doppelt tief.

Der Prokurist ist gerade im Hinblick auf das, was er meint, ohne es zu sagen, interessant. Sagt er: „Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer“ (ebd. 12,12), meint er in etwa: Warum versperren Sie mit Absicht die Tür? Was haben Sie zu verbergen, Sie gefährlicher Mensch? Sagt er: „Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste“ (ebd. 12,27), meint er: Rechnen Sie jeden Tag damit, dass Ihnen gekündigt wird! Gregor scheint daran gewöhnt zu sein, der Autorität des Prokuristen Gehör zu schenken. So kann der Prokurist in seiner langen Rede fortfahren, Vorwürfe auf Vorwürfe aufhäufen, ohne Kenntnis von der wirklichen Lage Gregors zu haben.

Gregors Zurückhaltung, sein geradezu unterwürfig zu nennendes Verhalten ist aufschlussreich auch im Hinblick auf den symbolischen Gehalt der Szene. Die Ungeziefergestalt wird dadurch zum Symbol der Niedrigkeit, der Wertlosigkeit Gregors. Warum aber soll Gregor von seiner Wertlosigkeit wissen? Der personale Erzähler ist sich im Grunde über die wirklichen Verhältnisse nicht im Klaren. Gregor „fand“ sich zu einem Ungeziefer verwandelt, heißt es am Anfang der Erzählung. Das heißt, Gregor scheint sein wirklicher Status innerhalb der Familie und der Firma gar nicht zur Gänze bewusst zu sein. Darum meint er in der vorliegenden Szene auch, nur von einer Erkältung betroffen zu sein: „Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben immer, dass man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird“ (ebd. 13, 3–5; vgl. ebd. 8, 8–11: „dass die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im Geringsten“).

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie die Szene (Kafka 2015: 12,11–14,5) unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikationssituation.

Eine Laubsägearbeit

Gregor Samsa: Das vereinsamte Kind

Gregor Samsa hat, so erfahren wir, die Gepflogenheit, sein Zimmer des Nachts abzuschließen. Er kenne dies von den Hotels her, die er als Reisender benutzt. Der Leser erkennt deutlich, dass dieses Eingesperrtsein aus Prinzip erfolgt, zum Schutz des völlig Übermüdeten vor überraschenden Eindringlingen. Nun, als die Familie und der Prokurist aufkreuzen, profitiert er von dieser Vorsichtsmaßnahme. Es ist ein kleines Zimmer. Wie ist die Laubsägearbeit auf dem Tisch zu denken, die einen „hübschen, vergoldeten Rahmen“ für das Bild der Dame im Pelz ergibt? Sie ähnelt eher dem Werk eines Kindes als dem eines Erwachsenen. In den Worten der Mutter, die Gregor gegenüber dem Prokuristen zu verteidigen sucht, gewinnt diese Laubsägearbeit ironischerweise genau diese Bedeutung. Das anfängliche Lob der sorgenvollen Mutter geht hierbei allmählich in Mitleid mit dem vereinsamten Jungen über.

„Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn gleich sehen, bis Gregor aufmacht“ 

(Kafka 2015: 11).


Arbeitsanregungen:

  1. Skizzieren Sie die Lage der Räume in Gregors Wohnung.
  2. Überlegen Sie, welcher Sinn den einzelnen Räumen zukommt.
  3. Planen Sie, inszenieren Sie ausdrucksstarke Bewegungen (Handlungen), die dem Sinn eines dieser Räume entspricht.
  4. Suchen Sie die dazugehörige Textstelle und stellen Sie sie vor.

Kafka verständlich machen

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„Der Proceß“ in psychologisierender Auslegung

Das Altern der Texte hat zur Folge, dass Missverständnisse, Unklarheiten möglich sind. Unverständliches verständlich zu machen, darin liegt die Aufgabe der Interpretation – besonders schwierig erscheint die Aufgabe im Falle Kafkas.

Neben die unzähligen Interpretationen des Romans „Der Proceß“ ist auch die psychologisierende Auslegung getreten. Sie legt dem Text insofern eine neue Bedeutung unter, indem sie psychologisches Wissen heranzieht, welches bei der Entstehung des Textes buchstäblich nicht vorhanden gewesen ist. Kafkas Text ist oberflächlich gesehen von Sigmund Freuds Gedanken bestimmt, wie Kafka selbst es stets betont hat; Einzelheiten aber und maßgebliche Begriffe, welche Freud und seine Schüler seit 1920 verwendet haben, können Kafka noch nicht bekannt gewesen sein.

Trotz der Tendenz, den Text zu aktualisieren, ist die psychologisierende Auslegung gerechtfertigt. Einen Text psychologisch, soziologisch, theologisch, historisch-kritisch usw. zu verstehen, heißt folglich, ihm die Autonomie zuzubilligen, in Beziehung zu sämtlichen Lebensbereichen zu stehen.

Arbeitsanregungen:

Ein so schwächlicher Charakter wie der Josef K.‘s ist Ihnen vermutlich selten begegnet. Versuchen Sie die Figur mit psychoanalytischen Begriffen zu beschreiben, z. B.:z

    Josef K. stellt einen asthenischen Charaktertyp dar.
    Josef K. ist auf geradezu masochistische Weise bereit, sich Autoritäten zu unterwerfen.
    Josef K. entwickelt keine wirksame Strategie, sein übermächtiges Schamgefühl loszuwerden, usw.

Gehen Sie in gleicher Weise bei der theologisierenden Auslegung vor, z. B.:

    Josef K. hat ein übermächtiges Gewissen.
    Josef K. meint von Beginn an sich vor Gott dem Richter verantworten zu müssen („Nur unser Zeitbegriff lässt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht“), usw.

Sammeln Sie aussagekräftige Textbelege.

Die Maske der Schuld

Oder: Kompensation als Ausweg

 

  • Franz Kafka: Die Verwandlung

Vielleicht ist die Verwandlung Gregor Samsas, seine Annäherung an ein Ungeziefer, dessen Unterleib ständig schmerzt, der Annäherung des Kindes an die masochistisch geprägte Sexualität proportional. Wir lernen die schuldbehaftete Sexualität besser verstehen, wenn wir Gregor Samsa besser verstehen lernen. Gregor Samsa kompensiert nicht, er nimmt alle Schuld auf sich.

Die schuldbehaftete Sexualität Gregors ist eine Art von Minderwertigkeitsgefühl. 

Gregor Samsa hat viel, für das er sich schämen könnte. Seine berufliche Stellung ist durchaus nicht gesichert. Mit welchem Recht bleibt er also länger im Bett liegen? Vielleicht ist Gregor ein Nachfahr jenes Atlas, indem er die Schuld der Familie in seinem Nacken trägt, ein Atlas auf schwachen Füßen allerdings: „Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen“ (Kafka 2015: 5). Es ist wohl gewiss, dass dieser schwache Angestellte die Existenz der Familie sichert, doch wäre er nicht vorhanden, ginge es auch ohne ihn weiter, wie es sich am Ende der Parabel zeigt. So aber, vom Ende her, kann es von Gregor nicht angesehen werden. Darum vielleicht ist er auch zum Ungeziefer geworden, weil er sich nicht entlasten (kompensieren) kann – weil er sich masochistisch, moralisch gesehen, verhalten muss. Ob ihm dies Verhalten vom Über-ich eingepflanzt worden ist, sei dahingestellt.
 
Vielleicht erlauben sich alle sonst in Gregor Samsas Kollegenkreis und in seiner Familie kleine Tröstungen, die den Kompensationsgedanken ermöglichen: „Andere Reisende leben wie Haremsfrauen“ (Kafka 2015: 6). Der Vater kompensiert seine niedrige Stellung als Diener durch eine „straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen“, in der er „gut aufgerichtet“ (Kafka 2015: 34) dasteht. Die Mutter ist mit einem kleinen Auskommen als Näherin beschäftigt. 

Grete, Gregor Samsas Schwester, aber trägt keine Weltkugel im Nacken. Bei ihr hat schon das Alltägliche Gewicht.

Vielleicht gelingt Grete, Gregors Schwester, die Kompensation am besten. Denn „sie hatte sich, allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der Angelegenheiten Gregors als besonders Sachverständige gegenüber den Eltern aufzutreten […] Vielleicht aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit, der bei jeder Gelegenheit seine Befriedigung  [i. e. Kompensation, Hervorhebung vom Verf.] sucht, und durch den Grete jetzt sich dazu verlocken ließ, die Lage Gregors noch schreckenerregender machen zu wollen, um dann noch mehr als bis jetzt für ihn leisten zu können.“ (Kafka 2015: 30–31).
 

Glaubte Gregor an die Anhänglichkeit seiner Schwester?

Grete wird schließlich zur Anklägerin ihres Bruders: „Wenn es Gregor wäre, er hätte längst eingesehen, dass ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen.“ (Kafka 2015: 45).
 
Arbeitsanregungen:

  • Skizzieren Sie möglichst genau die Stationen und Symptome der „Schuld“ Gregor Samsas.

Beispiel für die erste Station:
 
Gregor „Schuld“ besteht darin, dass er länger als gewöhnlich im Bett liegen bleibt. Statt einfach aufzustehen und sich rasch zum Dienst zu begeben, dämmert er weiter in den Morgen hinein, abgelenkt durch die Abbildung der Dame im Pelz.

  • Diskutieren Sie, ob und inwiefern es sich bei Gregors Verwandlung um ein Krankheitsbild handelt.

Morgen

Franz Kafka: Die Verwandlung

Es war nur ein Traum, mag man erleichtert ausrufen. Ein Affe sein, bis über die Knie herunter reichende Arme haben, am Fluss spazieren gehen wie ein Geck, in einer neuen schwarzkarierten Hose. Wie schön, wenn alle Aufregung vorüber ist! Aber ein Ungeziefer sein im Augenblick des Erwachens, das erleiden zu müssen, das wird dir ständig den Atem nehmen!