Der kleine Mönch

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Der Streit, der zwischen Galileo Galilei und der Kirche ausgefochten wurde, wirkt heute niederträchtig, hinterhältig und wirr. Nichtsdestoweniger ist der Streit bedeutsam, hat er, auf lange Sicht gesehen, doch für eine Umwälzung im Denken gesorgt. Der Streit gilt als Ausdruck des dramatischen Kampfes zwischen Naturwissenschaft und Kirche. Der Wissenschaftler Galilei hat dabei bewirkt, dass jene Ansicht nicht mehr tragbar ist, dass nämlich die Erde in Ruhe sei und von der Sonne umlaufen werde. Das ptolemäische Weltbild wird abgelöst.

In der Figur des kleinen Mönchs aus Brechts Schauspiel „Leben des Galilei“ tritt die Haltung der Kirche deutlich hervor. Dessen Haltung gegenüber dem neuen Himmel ist allerdings weniger krass als beispielsweise die des Kardinal Inquisitors aus demselben Schauspiel. Er ist Physiker. Und seine Seele ist nicht so verengt, dass er sich nicht für die neue Richtung begeistern könnte. Doch vergisst er auch nicht die Verheißungen seitens der Kirche, dass die Erde propter nos homines – für uns Menschen geschaffen worden sei. Sein Weltbild muss daher anthropozentrisch sein.

Das Problem besteht, allgemein gesprochen, darin, dass die Theorie des Universums vielleicht nicht auf die menschlichen Verhältnisse übertragbar ist. Auch die moralische Erde wäre dann rund und Revolutionen unterworfen (vgl. Friedrich Nietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft), sollte die Weltformel des Kopernikus in allen Wissensbereichen Geltung bekommen.

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Die Ablösung des ptolemäischen Denkens –

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Oder: Galileis Vergnügen an der neuen Welt

Bertolt Brecht: Leben des Galilei (1943), 3. Bild, Gespräch zwischen Galilei und Sagredo (Textgrundlage: Suhrkamp Basisbibliothek, Band 1)

In dem Theaterstück „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht, das im Jahr 1943 uraufgeführt worden ist, geht es um nichts weniger als um eine wissenschaftliche Revolution: die Ablösung des ptolemäischen durch das kopernikanische Weltbild. Titel- und Hauptfigur ist der italienische Mathematiker und Astronom Galileo Galilei.

In der dritten Szene kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Galilei und dem Kurator der Universität Padua, bei der Galilei seit 1592 als Mathematikprofessor im Dienst steht. Gegenstand der Auseinandersetzung ist das Teleskop, von dessen Verkauf sich der Kurator beträchtliche Einnahmen für die Universität versprochen hat. Das Gespräch zwischen Galilei und dem Kurator scheitert, weil es unterschiedlichen Sichtweisen folgt: Während Galilei das Teleskop vor allem als Hilfsmittel für die Forschung betrachtet, hat es für den Kurator rein ökonomischen Wert.

Vor dem Streit mit dem Kurator hat Galilei mit seinem Freund Sagredo den Himmel mit Hilfe des von Galilei verbesserten Teleskops betrachtet. Das Teleskop ermöglicht es Galilei, nicht nur die einzelnen Planeten, sondern auch ihre Trabanten, die sie begleitenden Monde und ihre Bahnen zu erforschen. Aus der wiederholten Beobachtung von vier Jupitermonden folgert Galilei, dass die Monde um den Jupiter sich nicht anders verhalten als der Mond im Orbit der Erde. So sieht er berechtigten Grund zu der Annahme, dass die Erde ebenso ein Planet wie der Jupiter sei.

Galilei ist sich darauf sicher, dass Kopernikus’ Hypothesen, kurz gesagt: das heliozentrische Weltbild beweisbar ist. Nachdem der Kurator enttäuscht und wütend den Raum verlassen hat, fährt Galilei fort, seinem Freund die Gestirne mithilfe des Fernrohrs zu erläutern. Dabei teilt er ihm seine neuen Erkenntnisse mit.

Was sich von Beginn an mitteilt, ist Galileis Begeisterung: Er findet die Lehren der Kopernikaner bestätigt (S. 34, Z. 25: „Sie hatten recht!“; vgl. S. 34, Z. 27–28, Z. 35–36). Von dieser Begeisterung Galileis ist das gesamte dritte Bild bestimmt. Immer wieder verweist der Wissenschaftler auf den Stellenwert seiner neuen Beobachtung und gibt sich Mühe, auch Sagredo mit seiner Begeisterung anzustecken (S. 34, Z. 32: „Sagredo, du sollst dich aufregen!“; vgl. Z. 35–36). Doch dieser reagiert verhalten, ja sogar besorgt und ängstlich (S. 34, Z. 23: „Beruhige dich!“; vgl. Z. 31; S. 35, Z. 1–2: „ich zittere, es könnte die Wahrheit sein“). Galilei denkt nun daran, Andrea an seiner Freude über die Neuigkeiten am Himmel teilhaben zu lassen (vgl. S. 34, Z. 28–30). Vermutlich wird der Elfjährige Galileis neu entfachten Idealismus begeisterter als Sagredo aufnehmen (vgl. Bild 1). So ruft Galilei aufgeregt nach Frau Sarti (vgl. S. 34, Z. 29–30, Z. 32). Die Neuigkeiten am Himmel – so lässt sich der Beginn des vorliegenden Textauszugs zusammenfassen – lösen bei Galilei Euphorie aus, stellen sie doch für ihn eine wissenschaftliche Revolution dar, nämlich die Beweisbarkeit des kopernikanischen Systems.

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Rechentafel und Fernrohr

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Dass die Rechentafeln (vgl. Brecht: Leben des Galilei, 6. und 12. Bild) wie das Fernrohr (vgl. Brecht: Leben des Galilei, 2., 3., 4., 6., 9., 10. und 14. Bild) auf Galileo Galilei zu beziehen sind, ist selbstverständlich. Rechentafel und Fernrohr (Teleskop) sind als Dingsymbole oder Leitmotive zu verstehen. Sie sind bedeutsam, weil sie im Hinblick auf Bertolt Brechts Figur des Galilei bedeutsam sind. Rechentafel und Fernrohr bringen bestimmte Seiten der Figur zum Bewusstsein. An der Rechentafel tritt die mathematische Seite Galileis hervor: Das Vorausberechnete soll sich nicht von dem Beobachteten unterscheiden. Galilei macht sich dabei das unendliche Zahlenmaterial Tycho Brahes zunutze, welches bei unzähligen Beobachtungen zusammengetragen worden ist. Am Fernrohr dagegen tritt die empirische Seite Galileis zum Vorschein: Die auf Beobachtung gestützte, sprich: empirische Wissenschaft ist darauf gerichtet, die Wirklichkeit in möglichst reiner Form, d.h. von jeder subjektiven Meinung gereinigten Form abzubilden.

Arbeitsanregung:

  1. Untersuchen Sie den Gebrauch der Leitmotive: Welche Bedeutung haben die Rechentafeln z. B. an folgender Stelle (Brecht: Leben des Galilei, 6. Bild): „Wie kann es Leute geben, so pervers, dass sie diesen Sklaven ihrer Rechentafeln Glauben schenken! Welches Geschöpf Gottes wird sich so etwas gefallen lassen?“ Welche Vorstellung soll dabei hervorgerufen werden?
  2. Untersuchen Sie weitere Stellen. Halten Sie Ihre Ergebnisse tabellarisch fest.

Galilei: Stand der Dinge

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Arbeitsanregungen:

  • Versetzen Sie sich in Galileo Galilei! Wie würden Sie an Galileis Stelle entscheiden?
  • Schön wäre es, wenn sie bei den moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Bertolt Brechts Entscheidungen hinsichtlich der Figur des Galilei von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Brecht bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?
  • Galileis Fernrohr

    Das Teleskop als Symbol der Neuzeit

    In Galileis Forschung beginnt die Mathematik das Gebiet der Astronomie zu erobern.

    In Padua ist Galilei dadurch berühmt geworden, dass er Gesetze der Mechanik neu, nämlich auf mathematische Weise formuliert hat. Galileis Berechnungen im Bereich der Mechanik widersprechen der Alltagserfahrung. So vermutet er richtig, lange bevor ein Vakuum überhaupt erzeugt werden kann, dass Papier und Stein bzw. alle Körper gleich schnell fallen, falls kein Luftwiderstand besteht.

    Im Jahre 1610 beginnt Galilei die Alltagserfahrung auch aus dem Gebiet der Astronomie zurückzudrängen, indem er Partei für das kopernikanische System ergreift.

    Sehr mit Recht heißt es, dass Galileis Interesse an der Astronomie, mithin am kopernikanischen System durch die Erfindung des Fernrohrs bedingt worden ist. Galilei hat das Teleskop nicht selbst erfunden, aber er hat es entscheidend verbessert. Das Fernrohr mit seiner fünfzehnfachen, im Januar 1610 schon zwanzigfachen Vergrößerung ermöglicht es Galilei, nicht nur die einzelnen Planeten, sondern auch ihre Trabanten, die sie begleitenden Monde und ihre Bahnen zu erforschen. Aus der wiederholten Beobachtung von vier Jupitermonden folgert Galilei, dass die Monde um den Jupiter sich nicht anders verhalten als der Mond im Orbit der Erde. So sieht er berechtigten Grund zu der Annahme, dass die Erde ebenso ein Planet wie der Jupiter sei und bei ihrer Bewegung um die Sonne ihren Trabanten nicht verliere. Damit ist die Abkehr von der Alltagserfahrung, dass die Erde in Ruhe sei, vollzogen.

    Bertolt Brecht: Leben des Galilei (1943)

    In der dritten Szene des Theaterstücks „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht, das im Jahr 1943 uraufgeführt worden ist, kommt es zu einer Begegnung zwischen Galilei und dem Kurator der Universität Padua, bei der Galilei seit 1592 als Mathematikprofessor im Dienst steht. Gegenstand des Gesprächs ist das Teleskop, von dessen Verkauf sich der Kurator beträchtliche Einnahmen für die Universität versprochen hat.

    Das Gespräch zwischen Galilei und dem Kurator scheitert, weil das Gespräch auf unterschiedlichen Ebenen geführt wird. Während Galilei das Teleskop vor allem als Forschungsgegenstand betrachtet, hat es für den Kurator rein ökonomische Bedeutung.

    Arbeitsanregung:

  • Belegen Sie die Deutungshypothese, indem Sie das Gespräch zwischen Galilei und dem Kurator analysieren. Berücksichtigen Sie dabei die im Deutschbuch dargestellten Aspekte der Dialoganalyse (S. 173).
  • Ein Meister der Wissenschaften

    Es gibt nur wenige Forscher, in denen sich der Anspruch der Wissenschaft derart verkörpert wie in Galileo Galilei. Galileo Galilei war ein Meister der Beobachtung und Berechnung, jemand, der zum Beispiel das Teleskop und die damit verbundenen Möglichkeiten besser als jeder andere seiner Zeit zu nutzen verstand. Die Schwierigkeiten, denen dieser Wissenschaftler begegnete, sind heute aus dem Blickfeld geschwunden. Im 21. Jahrhundert stehen Wissenschaftler vor anderen Problemen.

    Arbeitsanregungen:

    1. Recherchieren Sie bedeutende Forscher der Gegenwart!
    2. Erarbeiten Sie im Rahmen dieser Recherche, welcher Kritik heutige Wissenschaftler sich stellen müssen!