Nur für einen Gott gemacht

 

Goethes „Faust“ als offenes Drama

Die, von Schiller und Goethe bevorzugte, geschlossene Form des Dramas löst sich bei Goethe selbst wieder auf, und zwar im „Faust“, diesem in mehrfacher Hinsicht potenzierten Drama, das wie ein Welttheater über Welttheater erscheint. Denn im „Faust“ kehrt Gustav Freytags Dramenschema gleich mehrfach wieder, im ersten Teil bekanntlich das erste Mal in der Gelehrtentragödie und das zweite Mal in der Gretchentragödie. Goethe spielt mit den Formen, indem er dem ersten Teil der Tragödie die „Zueignung“, das „Vorspiel auf dem Theater“ und den „Prolog im Himmel“ voranstellt. So entsteht ein Spielraum, der, wie es von Mephistopheles einmal eingeworfen wird, „nur für einen Gott gemacht“ erscheint (V. 1780–81).

Goethe spielt auch im Bereich der Versformen (Knittelvers, Madrigalvers, Blankvers, Alexandriner, Vers commun, freie Rhythmen), der Strophen und der Reime (Kreuzreim, Paarreim, Schweifreim, Doppelreim, Binnenreim). Er lässt die Regel der Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit außer Acht. Es genügt ihm nicht, innerhalb der Tragödie zu bleiben. Er schafft auch komödiantische Elemente (Mephistopheles’ Verhalten gegenüber Gott, Auerbachs Keller, Schülerszene, Mephistopheles bei dem Spaziergang mit Marthe). Goethes „Faust“ ist daher kein „echtes“ geschlossenes Drama wie die „Iphigenie auf Tauris“ oder der „Torquato Tasso“. Die Forschung spricht vom „Gattungssynkretismus“ (Johann Wolfgang Goethe: Faust-Dichtungen. 3 Bde. Hrsg. und komm. von Ulrich Gaier. Stuttgart: Reclam 1999, Bd. 3, 846–858). In diesem Sinne wäre das Drama ein offenes Drama.

 

Die Erd ist höllenheiß


 
STRASSE
(Woyzeck kommt und will vorbeieilen)
HAUPTMANN: He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei. Bleib er doch, Woyzeck! Er läuft ja wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneid’t sich an Ihm; Er läuft, als hätt Er ein Regiment Kosaken zu rasieren und würde gehenkt über dem längsten Haar noch vor dem Verschwinden. Aber, über die langen Bärte – was wollt‘ ich doch sagen? – die langen Bärte …
DOKTOR: Ein langer Bart unter dem Kinn, schon Plinius spricht davon, man müsst es den Soldaten abgewöhnen …
HAUPTMANN (fährt fort): Ha, über die langen Bärte! Wie ist, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden? He, Er versteht mich doch? Ein Haar eines Menschen, vom Bart eines Sapeurs, eines Unteroffiziers, eines – eines Tambourmajors? He, Woyzeck? Aber Er hat eine brave Frau. Geht Ihm nicht wie andern.
WOYZECK: Jawohl! Was wollen Sie sagen, Herr Hauptmann?
HAUPTMANN: Was der Kerl ein Gesicht macht! … Vielleicht nun auch nicht in der Suppe, aber wenn Er sich eilt und um die Eck geht, so kann er vielleicht noch auf ein Paar Lippen eins finden. Ein Paar Lippen, Woyzeck – ich habe auch das Lieben gefühlt, Woyzeck. Kerl, Er ist ja kreideweiß!
WOYZECK: Herr Hauptmann, ich bin ein armer Teufel – und hab’s sonst nichts auf der Welt. Herr Hauptmann, wenn Sie Spaß machen –
HAUPTMANN: Spaß ich? Dass dich Spaß, Kerl!
DOKTOR: Den Puls, Woyzeck, den Puls! – Klein, hart, hüpfend, unregelmäßig.
WOYZECK: Herr Hauptman, die Erd ist höllenheiß – mir eiskalt, eiskalt – Die Hölle ist kalt, wollen wir wetten. – – Unmöglich! Mensch! Mensch! Unmöglich!
HAUPTMANN: Kerl, will Er – will Er ein paar Kugeln vor den Kopf haben? Er ersticht mich mit seinen Augen, und ich mein es gut mit Ihm, weil Er ein guter Mensch ist, Woyzeck, ein guter Mensch.
DOKTOR: Gesichtsmuskeln starr, gespannt, zuweilen hüpfend. Haltung aufgeregt, gespannt.
WOYZECK: Ich geh. Es ist viel möglich. Der Mensch! Es ist viel möglich. – Wir haben schön Wetter, Herr Hauptmann. Sehn Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen, ein‘ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, nur wegen des Gedankenstrichels zwischen Ja und wieder Ja – und Nein. Herr Hauptmann, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken. – (Geht mit breiten Schritten ab, erst langsamer, dann immer schneller.)
HAUPTMANN: Mir wird ganz schwindlig vor den Menschen. Wie schnell! Der lange Schlingel greift aus, als läuft der Schatten von einem Spinnbein, und der Kurze, das zuckelt. Der Lange ist der Blitz und der Kleine der Donner. Haha … Grotesk! Grotesk!
 

Woyzeck
Grundsätzliches zur Analyse

 
„Woyzeck“ als Beziehungsdrama
 
Woyzeck hat sich von den anderen Beteiligten des Dramas losgelöst. Wenn der Leser die vorliegenden Szenenfragmente als Teile eines Beziehungsdramas auffasst, geht er auf Maries Untreue zurück und hat den Grund für dieses Verhalten gefunden: Marie hat sich verändert; seit er den fremden Ohrring bei ihr gesehen hat, weiß Woyzeck: „Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib!“ (Büchner 2015: 11,37).
 
„Woyzeck“ als Sozialdrama
 
Mit dieser Erfahrung wendet er sich der Arbeit zu. In dieser Sphäre kann er nicht schaffen, sondern nur hetzen. Da Woyzeck arm ist, muss er funktionieren, existiert er nur im Dienste der Anderen, was die wiederum mit Spott, falschem Mitleid oder Genugtuung zu Kenntnis nehmen. Die Herrschenden betrachten Woyzecks Hyperaktivität mit Schadenfreude. In dieser Szene ist es der Hauptmann, der Woyzecks Verhalten aufs Korn nimmt: „He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei?“ (ebd. 14,15–16).
 
Das Eifersuchtsmotiv
 
Das Entscheidende an der vorliegenden Szene, welche ein Woyzeck aufgezwungenes Gespräch mit dem Hauptmann und dem Doktor darstellt, ist, dass Woyzeck deren Bemerkungen hinnehmen muss, konkret die Anspielungen auf die Untreue seiner Lebensgefährtin. Er selbst hat die Ohrringe, die Marie angeblich „gefunden“ hat (ebd. 11,25), nämlich bereits in dieser Hinsicht interpretiert. Nun spielt der Hauptmann auf ein weiteres verdächtiges Detail an: „Wie is, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden?“ (ebd. 14,24–26). Damit die Kränkung vollkommen ist, wiederholt der Hauptmann den Verdacht mehrfach, erwähnt schließlich ausdrücklich den Tambourmajor: „ Ein Haar von einem Menschen […] eines Tambourmajors?“ (ebd. 14,26–28). Das anschließend geäußerte Mitgefühl ist nur vorgetäuscht: „Aber Er hat eine brave Frau. Geht ihm nicht wie andern“ (ebd. 14,28–29); „Kerl, Er ist ja kreideweiß!“ (ebd. 14,35–36).
 
Woyzecks Phantasien
 
Die Kränkung sitzt tief. Woyzecks Phantasie wird aktiv. Schon aus der Szene „Freies Feld, die Stadt in der Ferne“ (ebd. 6–7) geht hervor, dass Woyzeck von rätselhaften Eindrücken und Ideen geplagt ist. Diesmal fehlt die Vorstellung, von den Freimaurern verfolgt zu werden. Was wiederkehrt, ist das Hinrichtungsmotiv. Die Kränkungen des Hauptmanns haben Woyzeck derart getroffen, dass er sich im „feste[n], graue[n] Himmel“ (ebd. 15,11) an einem Haken („Kloben“, ebd. 15,12, südhessisch für: starker eiserner Haken, zum Aufhängen schwerer Gegenstände geeignet) aufhängen möchte. Mit Bedacht wählt der Autor den Himmel zur Metaphernbildung. Diese Metapher fordert den Leser dazu auf, noch an etwas anderes zu denken, als im Text steht. Was wäre nämlich die gewohnte Art, diese Metapher zu deuten? Verweist die Metapher nicht auf den um seine Freiheit bereicherten, verwandelten Menschen? Woyzecks Ängste dagegen zwingen ihn, nicht nur die Erde („die Erd ist höllenheiß“, ebd. 14,43), sondern auch den Himmel als gewaltsamen Ort zu betrachten.
 

„In diesen Erscheinungen ist bei Woyzeck der Grundmechanismus von Psychosen wirksam, die Projektion. Es handelt sich um wahnhafte Übersetzungen seiner Ängste, die an die Stelle der realen Ursachen und Verursacher treten, um irre Spiegelungen seines unterschwelligen Bewusstseins, dass er physisch und psychisch zugrunde gerichtet, in eine Katastrophe hineingetrieben wird“ (Glück 1990: 200).

 
Asymmetrische Kommunikation
 
Es ist zunächst klar, dass das Gespräch kein für beide Seiten gleichermaßen befriedigendes Gespräch darstellt. Es muss betont werden, dass das Gespräch Woyzeck aufgezwungen wird („He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei? Bleib Er doch, Woyzeck!“ (ebd. 14,15–16). Das Gespräch wird durchweg vom Hauptmann dominiert. Als Woyzeck sich einschaltet, von Eindrücken und Eifersuchtsphantasien beladen, kann er sich nicht eigentlich verständlich machen und seinen Gefühlen die adäquate Form geben. Ein Gesprächs-„Ziel“, das von allen Beteiligten gemeinsam verfolgt wird, kann nicht ermittelt werden. Aus den genannten Gründen kann von „asymmetrischer“ Kommunikation gesprochen werden.
 

Verwendete Literatur:

Georg Büchner: Woyzeck. Leonce und Lena. Hamburger Lesehefte Verlag: Husum 2015.

Alfons Glück: Woyzeck, in: Interpretationen: Georg Büchner. Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, Woyzeck. Philipp Reclam jun. Verlag: Stuttgart 1990, 179–220.

Woyzeck in zehn Minuten!

Er sieht immer so verhetzt aus –

Woyzeck: Rasierszene

EINLEITUNG

In Georg Büchners 1837 entstandenem, der Epoche des Vormärz zuzuordnendem Dramenfragment „Woyzeck“, das der Autor aufgrund seines frühen Todes nicht vollendet hat, wird erstmals in der Literaturgeschichte ein Mitglied der sozialen Unterschicht zur tragischen Hauptperson. Büchners Text veranschaulicht am Beispiel der Lebensumstände des hessischen Soldaten Franz Woyzeck die bedrückenden Lebensumstände in der Zeit zunehmender Industrialisierung in Deutschland, durch die es möglich gemacht wird, dass Menschen deformiert und zum Äußersten getrieben werden.

Dem Drama liegt ein historischer Fall zugrunde: Der Arbeitslose Johann Christian Woyzeck ersticht seine Geliebte. In Büchners Drama ist es der Stadtsoldat „Franz“ Woyzeck – ein Soldat der Unterschicht, ein so genannter „Pauper“ – , der seine Geliebte Marie Zickwolf aus Eifersucht ersticht, da sie ihn mit einem Offizier, dem Tambourmajor, betrogen hat. Franz und Marie haben ein gemeinsames Kind im Alter von zwei Jahren.
Franz sichert den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie, indem er zahlreichen Nebenbeschäftigungen nachgeht. Unter anderem nimmt er im Zuge eines menschenverachtend zu nennenden, wissenschaftlichen Experiments eine Erbsendiät auf sich, die seine Gesundheit zerstört und Wahnvorstellungen hervorruft. Des Weiteren verrichtet Woyzeck verschiedene Aufgaben für den Hauptmann.

Die vorliegende Szene zeigt Woyzeck bei der Rasur des Hauptmanns. Der Hauptmann nimmt die Gelegenheit wahr, Woyzeck zur Ruhe zu ermahnen. Er solle sich die Arbeit einteilen. Woyzeck wirkt geistesabwesend und rasiert mechanisch weiter. Als aber der Hauptmann in seiner Klage fortfährt und Woyzeck persönlich angreift und ihm Vorwürfe wegen seines unehelichen Kindes macht, kann er dem Gespräch nicht mehr ausweichen. Zu diesem Zeitpunkt hat Woyzeck bereits den Verdacht geschöpft, dass Marie ihm untreu ist. Im weiteren Verlauf der Handlung wird deutlich, dass Woyzeck damit Recht hat: Marie und der Tambourmajor haben in der Tat ein Verhältnis miteinander. –

Die Rasur ist beendet. Der Hauptmann hat das Gespräch eröffnet und schließt es auch ab. Woyzeck wird nach getaner Arbeit entlassen und ein weiteres Mal zur Langsamkeit ermahnt.

Ich habe die Szene in folgende Abschnitte eingeteilt.
Z. 1–15: Rasur des Hauptmanns durch Woyzeck, Beschwerde und Klagen des Hauptmanns,
Z. 15–27: Ins Persönlich gehende Anschuldigungen des Hauptmanns,
Z. 28–36: Rechtfertigungen Woyzecks,
Z. 37–47: Beiderseitige Bemerkungen zur Moral,
Z. 48–50: Entlassung Woyzecks durch den Hauptmann.

HAUPTTEIL

Bei der Analyse der Rasierszene werde ich mich vor allem mit dem Aspekt der Arbeit befassen und mich dabei von der Frage leiten lassen, welchen Stellenwert die Arbeit bei den am Gespräch beteiligten Figuren hat.

Mittelpunkt des vorliegenden Szenenbildes ist der Rasierstuhl: Woyzeck rasiert den Hauptmann. Der kleine Mann setzt das Messer an die Kehle des großen Mannes, ohne ihm jedoch Gewalt anzutun. – Die wird Woyzeck zuletzt Seinesgleichen zufügen. – Wie zu erwarten, bläst der Hauptmann Trübsal, beschwert sich über Woyzecks Unruhe, grübelt über Zeit und Ewigkeit – ohne Verstand, in abgerissenen Sätzen. Woyzeck nimmt sein Gerede hin (Z. 8.15: „Ja wohl, Herr Hauptmann“). Mag der Hauptmann auch darüber klagen, Zeit im Überfluss zu haben (Z. 4–5: „Was soll ich dann mit den zehn Minuten anfangen, die er heut zu früh fertig wird?“), und Betätigung mit Blick auf die Ewigkeit für nutzlos halten (Z. 10: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“), Woyzeck, das „Arbeitstier“ – Woyzeck, der jede erdenkliche Arbeit auf sich nimmt und darunter zugrunde geht – nimmt die Beleidigung hin. – Ist es denn keine Beleidigung, wenn der Hauptmann damit angibt, mit zehn Minuten freier Zeit nichts anfangen zu können, während Woyzeck jede Minute nutzen muss, um das Lebensnotwendige für sich und seine Familie aufzubringen? – Unter dem Aspekt der Arbeit betrachtet, ergibt sich, dass Woyzeck auch in dieser Szene trotz all der ausgesprochenen und unausgesprochenen Beleidigungen, Anschuldigungen und peinlichen Bemerkungen des Vorgesetzten „funktioniert“, wie es von ihm gefordert wird. Woyzeck rasiert den Vorgesetzten wie eine Maschine.

Für den Hauptmann dagegen ist die Arbeit mit weniger Mühe verbunden. Er muss seine Arbeitskraft nicht verschwenden. Er hat sogar Zeit, am Fenster den Mädchen nachzuschauen, bis ihm die „Liebe“ kommt (vgl. Z. 38–40). Darüber hinaus besitzt er ausreichend finanzielle Mittel, um andere für sich arbeiten zu lassen. Seine „Arbeit“ als Hauptmann ermöglicht es ihm, sich als „Herr“ über andere aufzuspielen. Dass er diese Gelegenheit weidlich ausnutzt, geht aus dieser Szene deutlich hervor.

Das „Gespräch“ in dieser Szene, wenn es überhaupt diesen Namen verdient, wird durchweg vom Vorgesetzten dominiert. Der Hauptmann spricht mit Woyzeck wie mit einem Kind (Z. 3: „Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern“; Z. 10: „Ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“). Ein Gesprächs-„Ziel“ – das gemeinsam verfolgt werden müsste – kann nicht ermittelt werden. Aus den genannten Gründen kann von „asymmetrischer“ Kommunikation gesprochen werden.

Die Analyse der sprachlichen Mittel bestätigt den Befund. So finden sich unterschiedlichste Elemente der „Herrschaftssprache“: beispielsweise die häufige Verwendung von Imperativen (Z. 7: „Teil er sich ein, Woyzeck“; Z. 17: „Red’ er doch was Woyzeck“; u. ö.), Abwertungen (Z. 16: „Woyzeck er sieht immer so verhetzt aus“; Z. 23: „O er ist dumm, ganz abscheulich dumm“; u. ö.). Auch das Gegenteil lässt sich nachweisen: Sprache, die Unterwürfigkeit zum Ausdruck bringt, beispielsweise mithilfe von Gehorsamsfloskeln (Z. 8.15: „Ja wohl, Herr Hauptmann“), Demutsfloskeln (Z. 33: „Wir arme Leut“; Z. 43–44: „wir gemeinen Leut“) und einer sprechenden Metapher (Z. 28: „de arme… Wurm“).

SCHLUSS

„Dem Bourgeois ist der Arbeiter weniger als ein Mensch“. Diese Feststellung Friedrich Engels hinsichtlich des Ansehens der Arbeiter in England wird durch die Rasierszene bestätigt. Friedrich Engels Beobachtungen beziehen sich auf die englischen Verhältnisse in den vierziger Jahren. Georg Büchner greift die deutschen Verhältnisse der Zeit auf und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Im vorliegenden Drama haben sie ihren künstlerischen Ausdruck gefunden.

WEITERER SCHREIBAUFTRAG

Woyzeck und der Hauptmann werden als Figuren völlig verschieden gestaltet. Während Woyzeck differenziert ausgestaltet erscheint und trotz aller Benachteiligungen als „round character“ aufzufassen ist, hat der sozial privilegierte Hauptmann die Kennzeichen des „flat character“, ja sogar die Merkmale eines ins Lächerliche gesteigerten Typen erhalten. Dieser Eindruck wird durch viele Beobachtungen verstärkt: Die selbstgefälligen Bemerkungen des Hauptmanns sind beispielsweise gekennzeichnet durch zahlreiche Gedankenabbrüche, Phrasendrescherei, Tautologien (Z. 10: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“; u. ö.).

Es liegt nahe anzunehmen, dass diese satirische Zuspitzung des Textes bewusst vorgenommen worden ist, um die realen Herrschaftsverhältnisse des historischen Kontextes ins Gegenteil zu verkehren: So erscheint der Pauper Woyzeck wenigstens auf der Bühne glaubwürdiger und seinem Vorgesetzten überlegen.

Faust als moderner Hiob

Goethes „Faust“ als Theodizee

(Theater über Theater zur Anklage Gottes)



Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben. Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die Wette des Teufels erlaubt hat.

Die Ausschaltung Gottes (oder die Unkenntnis von dieser himmlischen Wette) ist die Vorbedingung für Fausts allumfassendes Freiheitsgefühl. Dieses Freiheitsgefühl kennzeichnet zum Beispiel die Szene „Wald und Höhle“, aber auch die darauf folgende Begegnung mit Gretchen, bei der Faust sein aufgeklärtes Verhältnis zur Religion präsentiert. Er sieht in seiner pansophistischen Naturanschauung (Gottes Weisheit wirkt in Allem) ebenso wenig ein Problem wie in dem Recht, sich Gretchen zu nähern. Nach seiner Anschauung ist ihm die Natur hinreichender Ersatz für Gott. Und Gretchen, das „affenjunge Blut“ (V. 3313), ist für Faust – und seinen sündigen Begleiter – gleichsam ein Naturprodukt, dessen Verwendung das Gefühl erlaubt. So bezweckt Liebe in den Augen des leidenden Gelehrten (homo doctus sive patiens) Wiedergutmachung für alle Übel der Welt – sei’s auch drum, dass das Gute (an Gretchen) sich am Ende zum Bösen wendet.

Arbeitsanregungen:

Ende (des Dramas) gut – alles gut?

  • Versetzen Sie sich in Dr. Faust! Wie würden Sie an Fausts Stelle entscheiden? Würden Sie sich Gretchen nähern? Würden Sie sich von dem Teufel lossagen? Würden Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen?
  • Schön wäre es, wenn Sie bei diesen und ähnlichen moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung des Gelehrten? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Goethes Entscheidungen hinsichtlich der Figur des leidenden Gelehrten von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Goethe bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?

 

Strafsache Gretchen

Faust. Die Gretchentragödie

Die Hinrichtung ist die einzig rechtmäßige Form der Strafe für die Kindsmörderin, wie es dem Juristen Johann Wolfgang von Goethe scheint. So empfiehlt er im Fall der Johanna Höhn „die Todtesstrafe beyzubehalten“ (zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Kommentare. Von Albrecht Schöne. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999, 197). Aber nicht bei allen Strafakten betreffs Kindstötung hat er so entschieden. Vielmehr versucht der deutsche Nationaldichter sorgsam abzuwägen – wie in dem realen, dem von Herzog Carl August ihm vorgelegten Fall, so auch in dem fiktiven des erst vierzehnjährigen Gretchens, des Mädchens, das von Doktor Faust verführt worden ist. Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was dem Mädchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Die Aufgabe einer Kritik Gretchens kann aus heutiger Sicht sicherlich zurücktreten hinter der weitaus wichtigeren Aufgabe, Faust zu belangen. Denn verantwortlich im heutigen strafrechtlichen Sinne wird Margarete erst dann, wenn sie die sittliche Reife besitzt, ihr Unrecht einzusehen (§ 3 JGG). Was den Begriff der Schuld angeht, so ist klar, dass dieser missverständlich ist und unterschiedlich auf Faust und Margarete angewandt werden muss. Sie ist schuldig im Sinne einer Minimaldefinition. Bei der Bemessung von Fausts Schuld sollte ein anderer Maßstab gelten, ist er doch als Philosoph, Jurist und Theologe (vgl. Fausts Eingangsmonolog, V. 354–356) durchaus imstande, seine Schuld auf mehr als eine Weise zu beschreiben.

Arbeitsanregungen:

  1. Sammeln Sie das für einen Strafprozess nötige Material.
  2. Für den Fall, dass Sie auf Leerstellen des Textes stoßen: Stützen Sie sich bei der polizeilichen Ermittlung des fiktiven Falls auf den realen Fall der Susanna Margaretha Brandt.
  3. Verfassen Sie eine staatsanwaltliche Anklageschrift.
  4.  Entwerfen Sie Zeugenaussagen (z. B. von Lieschen, Marthe, Faust, Valentin).

Was ist klassisches Theater?

Was ist klassisches Theater? Wer glaubt, dass Gustav Freytag bei der Beantwortung unserer Leitfrage helfe, der braucht nur auf Goethes Dramen zu blicken. (Erst mit der „Iphigenie“ nimmt Goethe einen Stoff der Antike auf und bringt ihn in eine dramatische Form, über die Christoph Martin Wieland bewundernd sagt: „Iphigenie scheint bis zur Täuschung, sogar eines mit den Griechischen Dichtern wohl bekannten Lesers, ein altgriechisches Werk zu seyn.“ Schillers Kommentar aber muss unbedingt hinzu gelesen werden: „Sie [Iphigenie, Anm. d. Verf.] ist aber so erstaunlich modern und ungriechisch, dass man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals einem griechischen Stücke zu vergleichen“.)

Ich weiß nicht, seit wann die Deutschlehrer verstanden haben, was klassisches Theater ist. Ich habe mich aber immer gewundert, dass Freytag sein Modell auf die dramatischen Werke der Weimarer Zeit übertragen hat. Andererseits haben Generationen von Schülern in Gustav Freytags Modell des fünfaktigen Dramas eine Hilfe gefunden. Für die, denen nicht klar zu Bewusstsein gekommen ist, was ein Drama ist, in der Schule nicht und nicht im Studium, für die ist Gustav Freytags Darstellung wichtig.

Es muss klar sein, dass das klassische Theater zu seiner Zeit ungeheuer modern ist. Goethes Drama „Iphigenie“ wirkt, nimmt man die Titelfigur und ihren schwer depressiven Bruder Orest, wie eine Reise zu den Toten. Es lenkt den Blick gewissermaßen auf das spätere Motiv des Wahnsinns, das so stark in der Romantik – und noch viel stärker im Expressionismus – empfunden wird. Der „Wahnsinn“, die betäubende Schweigsamkeit Orests übersteigt das Ideal der Vollkommenheit, worauf die Klassik zielt.

Wie ist es mit Faust? Was treibt einen Wissenschaftler derart zur Verzweiflung? Dazu gehört auch die Frage: Wie ist es mit Wagner, der ja auch Wissenschaftler ist? Es ist etwas verwunderlich, dass ein hochgebildeter Wissenschaftler wie Faust so viel mit dem Teufel anzufangen weiß – weitaus mehr als Wagner. Ist dies der Stoff für ein klassisches Drama?

 
Arbeitsanregungen:

    1. Wiederholen Sie Gustav Freytags Dramenmodell (Deutschbuch). Skizzieren Sie seinen Aufbau.
    2. Inwiefern wird Freytags Dramenmodell durch Peter von Matts Ausführungen (Broschüre) infrage gestellt?
    3. Gegeben sei die folgende Situation: Ein verzweifelter Wissenschaftler wird vom Teufel verführt…

Erfinden Sie zu dieser Situation eine Handlung (entsprechend dem Schema des fünfaktigen Dramas), die Ihnen klassisch / modern erscheint.

 

Beim Doktor

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Georg Büchner: Woyzeck

Auch der Doktor unterwirft sich Woyzeck. Er trägt dazu bei, dass das Eifersuchtsdrama (Marie – Tambourmajor – Woyzeck) sich zum Wissenschaftsdrama (Doktor – Woyzeck) wandelt. Trotz des Wechsels ist der Gegenstand derselbe: Es geht beidesmal um den unterprivilegierten Woyzeck. Was das Eifersuchtsdrama angeht, Woyzecks körperliche Defizite werden im Vergleich mit dem Tambourmajor sichtbar. Dem Doktor gegenüber ist „Subjekt“ Woyzeck in anderer Weise bedürftig. Da Woyzeck arm ist, ist er zum Schaffen getrieben, existiert alles – einschließlich des an ihm angestellten Experiments – nur um des Geldes willen.

Er ist also zu der seinen Organismus und Verstand aufzehrenden Erbsendiät genötigt. Ungeklärt bleibt dabei die Frage, ob Woyzeck dadurch zur tragischen oder komischen Figur oder zu keins von beidem wird.

Arbeitsanregungen:

  1. Arbeite mit deinem Spielpartner daran, die Doktorszene zu gestalten. Konkretisiert die Idee, dass die Szene tragisch ist, und überlegt, an welchen Stellen ihr die Tragik herausheben müsst und wie das geschehen könnte.
  2. Arbeite mit deinem Spielpartner daran, die Doktorszene zu gestalten. Konkretisiert die Idee, dass die Szene komisch ist und überlegt, an welchen Stellen ihr die Komik herausheben müsst und wie das geschehen könnte.

Weitere Informationen:

Woyzeck im Georg Büchner | Portal

Woyzeck: Rasierszene (Interpretation)

Kein Ort

Die Männer schnitten Zweige aus dem Gebüsch. Eine düstere Stille war um sie herum geworfen, der Hügel, auf dem sie standen – „ Schädelhöhe“ genannt –, lief hinab zu den Häuserlasten der Kaserne.

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Arbeitsanregungen:

  1. Welche Bezüge zur biblischen Kreuzigungsstätte lassen sich erkennen? Wo weicht der Text von der Bibel ab, wo lässt er sich von der Bibel anregen?
  2. Notieren Sie, inwiefern das Motiv der Schuld und der Ort der Handlung zusammengehören.

Erläuterungen:

In Georg Büchners 1837 entstandenem, der Epoche des Vormärz zuzuordnendem Dramenfragment „Woyzeck“, das der Autor aufgrund seines frühen Todes nicht vollendet hat, wird erstmals in der Literaturgeschichte ein Mitglied der sozialen Unterschicht zur tragischen Hauptperson. Büchners Text veranschaulicht am Beispiel der Lebensumstände des hessischen Soldaten Franz Woyzeck die bedrückenden Lebensumstände in der Zeit zunehmender Industrialisierung in Deutschland, durch die es möglich gemacht wird, dass Menschen deformiert und zum Äußersten getrieben werden.

Dem Drama liegt ein historischer Fall zugrunde: Der Arbeitslose Johann Christian Woyzeck ersticht seine Geliebte. In Büchners Drama ist es der Stadtsoldat „Franz“ Woyzeck – ein Soldat der Unterschicht, ein so genannter „Pauper“ -, der seine Geliebte Marie Zickwolf aus Eifersucht ersticht, da sie ihn mit einem Offizier, dem Tambourmajor, betrogen hat. Franz und Marie haben ein gemeinsames Kind im Alter von zwei Jahren.

Franz sichert den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie, indem er zahlreichen Nebenbeschäftigungen nachgeht. Unter anderem nimmt er im Zuge eines menschenverachtend zu nennenden, wissenschaftlichen Experiments eine Erbsendiät auf sich, die seine Gesundheit zerstört und Wahnvorstellungen hervorruft.

Die erste Szene ist als Vorwegnahme der Handlung zu betrachten. Woyzeck schneidet mit seinem Kameraden Andres Stöcke im Gebüsch auf freiem Feld und sieht sich dabei von rätselhaften Mächten bedroht. Sein Kamerad versucht die durch Woyzeck ausgelöste Angst mit einem Lied zu überspielen. Woyzeck sieht eine Hinrichtungsstätte, hört die Freimaurer kommen, gerät immer mehr in Angst, bis er seinen Kameraden in Panik ins Gebüsch reißt. Der Mord an Marie, die mögliche Hinrichtung Woyzecks, seine Ängste und Wahnzustände werden in dieser Szene bereits vorweggenommen. Besonderes Gewicht liegt auf der Gestaltung des Schuldmotivs: So leidet Woyzeck unter immensen Schuldgefühlen, obwohl ihm, an diesem Zeitpunkt der Handlung, keinerlei Schuld angelastet werden kann.

Die Szene kann in folgende Abschnitte eingeteilt werden:

Z. 3–7: Woyzeck sieht eine Hinrichtungsstätte und fühlt sich durch die Freimaurer bedroht.

Z. 8–14: Andres versucht die aufkommende Angst zu verdrängen.

Z. 15–27: Woyzecks Angstgefühle werden stärker. Er hat eine Vision vom biblischen Strafgericht.

Z. 28: Andres hört das Signal zum Zapfenstreich und drängt zum Aufbruch.

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Woyzeck in 10 Minuten (Video)

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