Lessings Gretchenfrage

Aufklärung, Drama, Lessing, Religion

Die kontroverse Religionsauffassung im Drama „Nathan der Weise“

Die Religion war zu Lessings Zeiten hochgradig kontrovers. Kirchliche Lehre, Schriftauslegung, kirchliche Praxis – an jedem dieser Bereiche konnte die Kritik ansetzen. Das Christentum musste sich, vor allem auf der katholischen Seite, um Argumente bemühen, denn das Autoritätsargument, Gott als letztgültige Instanz in allen wichtigen Fragen anzusehen, überzeugte nicht mehr. Man musste über alle drei Bereiche neu nachdenken und sich in ein neues Verhältnis zur Vernunft setzen. Im Bereich der Lehre ging es um die Wahrheit in der Frage, ob Gott sein unbegreifliches Wesen geoffenbart oder ob er Produkt der Einbildungskraft sei. Im Bereich der Schriftauslegung waren die Exegeten zuständig für den rechten Gebrauch der Vernunft bei den zu klärenden Widersprüchen. Im Bereich der Praxis ging es um Duldung und Liebe.

Das Christentum war eine Lebensweise und musste aus diesem Blickwinkel beurteilt werden, entschied Lessing. Im Drama „Nathan der Weise“ wird darum vor allem die praktische Seite der Religion thematisiert. Tritt der Tempelherr beispielsweise mit dem gewohnten Totalanspruch des Christentums auf oder ist er bereit, andere Religionen zu dulden? Dieser Aspekt ist wesentlicher als essentialistische. Dokumentiert wird die Genese einer funktionalistischen Religionsauffassung, Inhalte, wie z. B. der von Daja vertretene Vorsehungsglauben, werden dagegen überwunden. Es war also durchaus möglich, Religion unabhängig von ihren Inhalten zu betrachten, vielmehr darauf zu sehen, welcher Gebrauch von ihr gemacht wurde.