SEHNSUCHT

Lyrik, Romantik

Oder: Sentimental Journey

20150104-105002.jpg © Gerold Paul

Joseph von Eichendorff:
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab’ ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.

Das romantische Gedicht drängt grundsätzlich in ferne, unbekannte Regionen hinüber. Es ist sentimental, aber – wenn es ein gelungenes Gedicht darstellt – nur so, dass es dem Gefühlskitsch entgeht. So wird auch im vorliegenden Gedicht Joseph von Eichendorffs das Motiv der romantischen Reise (Sentimental Journey) nachgebildet, ohne dass sich das Gedicht im Gefühl verliert. Das Gedicht ist im Jahr 1837 erschienen. Es trägt den Titel „Sehnsucht“. Das lyrische Ich sitzt am Fenster und halluziniert einen Wachtraum, in dem seine romantischen Sehnsüchte lebendig werden. Vermutlich ist dem Autor daran gelegen, den Leser in eine über die Darstellung hinausgehende sentimentale Stimmung zu versetzen und bei ihm ähnliche Sehnsüchte zu erzeugen.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Balladenstrophe gestaltet. Es umfasst drei Strophen. Die Verse sind in der Regel daktylisch (Dreiheber) aufgebaut. Zum fallenden Versmaß, wie es durch den Daktylus gebildet wird, passt, dass auch der fallende Zweisilber sich feststellen lässt. Nicht selten findet sich also der Trochäus, bereits im ersten Vers (x |Xxx | Xxx | Xx). Die Verse werden mit einem Auftakt eröffnet. Weibliche (V. 1, 3, 5 usw.) und männliche Kadenzen (V. 2, 4, 6 usw.) alternieren. Auch die Reime am Ende jeder Verszeile folgen alternierend aufeinander (Kreuzreim: ababcdćd efefghgh ijijkhkh). An einer Stelle liegt ein unreiner Reim vor (V. 5: „entbrennte“, V. 7: „könnte“). Die Verse sind vorwiegend im Hakenstil aneinander gereiht.

1. Strophe:
Der Klang eines Posthorns löst beim lyrischen Ich starke Empfindungen aus. Es steht am Fenster, sieht in die prächtige Sommernacht und fühlt sich nun weggehoben in eine andere Zeit.

2. Strophe:
Was außerhalb des Fensters erlebt wird, findet in weiter Ferne statt. Was dem Leser begegnet, sind zwei Wanderer, die auf ihrer Wanderschaft Lieder singen, die das Leben in den Wäldern, kurz: in der Natur beschreiben. Das lyrische Ich am Fenster wird darauf aufmerksam und fühlt sich den beiden Wandergesellen verwandt: Auch das lyrische Ich drängt es in die Ferne.

3. Strophe:
Die Lieder der Gesellen schildern das Leben in der Natur in seiner ganzen Vielfalt. Es gibt geheimnisvolle Orte in der freien Natur, aber auch romantische Gärten und Paläste.

Von Anfang an wird eine romantische Situation eröffnet. Das unbestimmte „Es“ wird erweitert durch die bekannten romantischen Motivelemente („Sterne“, V. 1; „Fenster“, V. 2; „stille[s] Land“, V. 4; „Herz“, V. 5; „Sommernacht“, V. 8). Diese Elemente nehmen in der Lyrik der Romantik einen bevorzugten Platz ein; durch sie wird auch an dieser Stelle eine Idylle beschrieben, in der die Sehnsucht nicht zum Schweigen kommt – was sich in der ersten Strophe bestätigt: Die Ausgangssituation stellt nämlich keinen Augenblick der Erfüllung dar, sondern nimmt vorweg, was in den folgenden Strophen imaginiert wird. Die Sehnsucht ist die notwendige Voraussetzung für den Tagtraum, die bewegte Phantasie, die in den folgenden zwei Strophen entfaltet wird. Die Tagträumereien überwältigen das lyrische Ich offenbar – es seufzt (V. 7: „Ach“); es fühlt sich angespannt (V. 5: „Das Herz mir im Leib entbrennte“); es merkt, dass es das, wonach es sich sehnt, nicht verwirklichen kann (vgl. V. 7–8; Modus: Irrealis). Der Traum, sagt das Gedicht, liegt in „weiter Ferne“ (V. 3; Pleonasmus), das lyrische Ich kann ihn sich nur „heimlich“ (V. 6) denken – worin ein Hinweis auf die gegebenen sozialen Schranken enthalten sein könnte.

Im aufsteigenden Tagtraum ist das lyrische Ich zu Hause, in diesem Traum sind auch die beiden Wanderer zu Hause, von denen in der folgenden Strophe die Rede ist. Sie verhelfen sich in der lebendigen Landschaft zu einem unfehlbaren Heilmittel gegen die Langeweile – die Starre der Philister, wie sie von den Romantikern oft aufs Korn genommen wird. Denn wer sich in der Natur langweilt, der ist tatsächlich ein Philister, wer nicht losschwärmt, wenn das Posthorn ertönt! Das „Posthorn“ (V. 4) ist das Symbol des Aufbruchs, die wiederholt eingesetzten Personifikationen (V. 15–16: „Von Quellen, die von den Klüften / Sich stürzen in die Waldesnacht“; vgl. V. 18–19; 22–24) unterstützen den Eindruck, dass die Natur lebendig ist.

Der Kunstgriff des Autors besteht darin, dass das Lied der Gesellen als Lied im Lied sich darstellt. Der vorliegende Text wird damit zum Mittelding zwischen Klage – welche vom lyrischen Ich mitgeteilt wird – und Lied der Gesellen – welches Balladen von fernen Ländern und Zeiten beinhaltet.

Die beiden Sänger halten es aber nicht nur mit der Natur, sie halten es auch mit der Kultur, die in Natur übergeht (V. 17–19: „Sie sangen von Marmorbildern, / Von Gärten, die […] verwildern“; der sogenannte Englische Garten als Muster). Die Mädchen, die an das Fenster sich lehnen (V. 21: „Wo die Mädchen am Fenster lauschen“), sind besonders geeignet, die Phantasie des Lesers zu bereichern. In ihnen erkennt der Leser das Spiegelbild des lyrischen Ichs. Ihr Lauschen ähnelt dem seinen, nur dass sie keinen Tagtraum halluzinieren, sondern bereits im Überfluss romantischen Daseins (vgl. V. 20–24; Personifikationen und Synästhesie) zu sitzen scheinen.

Das Metrum unterstreicht die sentimentale Stimmung. Der daktylische Dreiheber wirkt bewegt und gefühlvoll, z. B. in V. 5: „Das Herz mir im Leibe entbrennte“.

Auch dieses Gedicht ist von dem Glauben an die Möglichkeit gemeinsamer Schicksale bestimmt. Zwar baut sich der Text aus den Empfindungen einer einsamen Seele auf (vgl. 1. Strophe), doch teilt sie diese dem Leser mit, indem sich ihre Gefühle mit denen des Lesers berühren. Wer die Gedichte der Romantik kennt, weiß, dass Leser und lyrisches Ich, durch das künstliche Gebilde des Textes gewissermaßen miteinander verbunden, die Stadien der individuellen Einsamkeit durchmessen sollen, um zu erkennen, dass schließlich der Weg aus der Subjektivität hinausführen muss – mit anderen Worten: das Reisen notwendig ist. Auf dem Boden dieser Erkenntnis kann die Sehnsucht sich ausbreiten, die Lust am „Unterwegs sein“, welche im vorliegenden Gedicht die „junge[n] Gesellen“ (V. 9) bestimmt. Sie scheinen die Reise, wenn auch mit unbestimmtem Ziel, realisieren zu wollen.