SEHNSUCHT

Oder: Sentimental Journey

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© Gerold Paul

Joseph von Eichendorff:
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab’ ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.

Das romantische Gedicht drängt grundsätzlich in ferne, unbekannte Regionen hinüber. Es ist sentimental, aber – wenn es ein gelungenes Gedicht darstellt – nur so, dass es dem Gefühlskitsch entgeht. So wird auch im vorliegenden Gedicht Joseph von Eichendorffs das Motiv der romantischen Reise (Sentimental Journey) nachgebildet, ohne dass sich das Gedicht im Gefühl verliert. Das Gedicht ist im Jahr 1837 erschienen. Es trägt den Titel „Sehnsucht“. Das lyrische Ich sitzt am Fenster und halluziniert einen Wachtraum, in dem seine romantischen Sehnsüchte lebendig werden. Vermutlich ist dem Autor daran gelegen, den Leser in eine über die Darstellung hinausgehende sentimentale Stimmung zu versetzen und bei ihm ähnliche Sehnsüchte zu erzeugen.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Balladenstrophe gestaltet. Es umfasst drei Strophen. Die Verse sind in der Regel jambisch (Dreiheber) aufgebaut. Zum aufsteigenden Versmaß, wie es durch den Jambus gebildet wird, passt, dass auch der steigende Dreisilber sich feststellen lässt. Nicht selten findet sich also der Anapäst, bereits im ersten Vers zweimal (xX | xxX | xxX | x). Weibliche (V. 1, 3, 5 usw.) und männliche Kadenzen (V. 2, 4, 6 usw.) alternieren. Auch die Reime am Ende jeder Verszeile folgen alternierend aufeinander (Kreuzreim: ababcdćd efefghgh ijijkhkh). An einer Stelle liegt ein unreiner Reim vor (V. 5: „entbrennte“, V. 7: „könnte“). Die Verse sind vorwiegend im Hakenstil aneinander gereiht.

1. Strophe:
Der Klang eines Posthorns löst beim lyrischen Ich starke Empfindungen aus. Es steht am Fenster, sieht in die prächtige Sommernacht und fühlt sich nun weggehoben in eine andere Zeit.

2. Strophe:
Was außerhalb des Fensters erlebt wird, findet in weiter Ferne statt. Was dem Leser begegnet, sind zwei Wanderer, die auf ihrer Wanderschaft Lieder singen, die das Leben in den Wäldern, kurz: in der Natur beschreiben. Das lyrische Ich am Fenster wird darauf aufmerksam und fühlt sich den beiden Wandergesellen verwandt: Auch das lyrische Ich drängt es in die Ferne.

3. Strophe:
Die Lieder der Gesellen schildern das Leben in der Natur in seiner ganzen Vielfalt. Es gibt geheimnisvolle Orte in der freien Natur, aber auch romantische Gärten und Paläste.

Von Anfang an wird eine romantische Situation eröffnet. Das unbestimmte „Es“ wird erweitert durch die bekannten romantischen Motivelemente („Sterne“, V. 1; „Fenster“, V. 2; „stille[s] Land“, V. 4; „Herz“, V. 5; „Sommernacht“, V. 8). Diese Elemente nehmen in der Lyrik der Romantik einen bevorzugten Platz ein; durch sie wird auch an dieser Stelle eine Idylle beschrieben, in der die Sehnsucht nicht zum Schweigen kommt – was sich in der ersten Strophe bestätigt: Die Ausgangssituation stellt nämlich keinen Augenblick der Erfüllung dar, sondern nimmt vorweg, was in den folgenden Strophen imaginiert wird. Die Sehnsucht ist die notwendige Voraussetzung für den Tagtraum, die bewegte Phantasie, die in den folgenden zwei Strophen entfaltet wird. Die Tagträumereien überwältigen das lyrische Ich offenbar – es seufzt (V. 7: „Ach“); es fühlt sich angespannt (V. 5: „Das Herz mir im Leib entbrennte“); es merkt, dass es das, wonach es sich sehnt, nicht verwirklichen kann (vgl. V. 7–8; Modus: Irrealis). Der Traum, sagt das Gedicht, liegt in „weiter Ferne“ (V. 3; Pleonasmus), das lyrische Ich kann ihn sich nur „heimlich“ (V. 6) denken – worin ein Hinweis auf die gegebenen sozialen Schranken enthalten sein könnte.

Im aufsteigenden Tagtraum ist das lyrische Ich zu Hause, in diesem Traum sind auch die beiden Wanderer zu Hause, von denen in der folgenden Strophe die Rede ist. Sie verhelfen sich in der lebendigen Landschaft zu einem unfehlbaren Heilmittel gegen die Langeweile – die Starre der Philister, wie sie von den Romantikern oft aufs Korn genommen wird. Denn wer sich in der Natur langweilt, der ist tatsächlich ein Philister, wer nicht losschwärmt, wenn das Posthorn ertönt! Das „Posthorn“ (V. 4) ist das Symbol des Aufbruchs, die wiederholt eingesetzten Personifikationen (V. 15–16: „Von Quellen, die von den Klüften / Sich stürzen in die Waldesnacht“; vgl. V. 18–19; 22–24) unterstützen den Eindruck, dass die Natur lebendig ist.

Der Kunstgriff des Autors besteht darin, dass das Lied der Gesellen als Lied im Lied sich darstellt. Der vorliegende Text wird damit zum Mittelding zwischen Klage – welche vom lyrischen Ich mitgeteilt wird – und Lied der Gesellen – welches Balladen von fernen Ländern und Zeiten beinhaltet.

Die beiden Sänger halten es aber nicht nur mit der Natur, sie halten es auch mit der Kultur, die in Natur übergeht (V. 17–19: „Sie sangen von Marmorbildern, / Von Gärten, die […] verwildern“; der sogenannte Englische Garten als Muster). Die Mädchen, die an das Fenster sich lehnen (V. 21: „Wo die Mädchen am Fenster lauschen“), sind besonders geeignet, die Phantasie des Lesers zu bereichern. In ihnen erkennt der Leser das Spiegelbild des lyrischen Ichs. Ihr Lauschen ähnelt dem seinen, nur dass sie keinen Tagtraum halluzinieren, sondern bereits im Überfluss romantischen Daseins (vgl. V. 20–24; Personifikationen und Synästhesie) zu sitzen scheinen.

Das Metrum unterstreicht die sentimentale Stimmung. Der jambische Dreiheber wirkt langsam und getragen, besonders in den Versen, in denen der Anapäst zum Tragen kommt (z. B. V. 5: „Das Herz mir im Leibe entbrennte“).

Das unendliche Gedächtnis der Liebe –

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© Gerold Paul

Clemens Brentano: „Der Spinnerin Nachtlied“

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing und kann nicht weinen,
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein,
So lang der Mond wird scheinen.

Als wir zusammen waren,
Da sang die Nachtigall.
Nun mahnet mich ihr Schall,
Dass du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen.

Erinnerung ist der Wiederholung im weitesten Sinne verwandt, was besonders deutlich an den von den Romantikern so geschätzten Volksliedern wird. Denn die in eingängigen Strophen sich wiederholenden Volkslieder weisen die Erinnerung als Sehnsucht nach einer ursprünglichen und universalen Erfahrung aus.

Das vorliegende Gedicht – „Der Spinnerin Nachtlied“ von Clemens Brentano aus dem Jahr 1818 –, als Rollengedicht entworfen, lässt eine Spinnerin zu Wort kommen, die über den Verlust eines geliebten Partners klagt. Das traurige Ereignis – das wahrscheinlich in dem Tod des Geliebten besteht – liegt zwar viele Jahre bereits zurück, doch der frühere Schmerz wird wieder bewusst, als das Lied einer Nachtigall die Erinnerung daran wachruft.

In dem vorliegenden Gedicht sind sehr viele Wiederholungen vorzufinden. Zum einen tritt die manipulative Wirkung der Wiederholung auf der Ebene des Klangs hervor. Die volksliedhafte Prägung des Textes ist darauf gerichtet, im Klang der sich wiederholenden und mischenden Verse das abzubilden, was die Erinnerung nur unvollständig erahnen lässt.

Das Gedicht gliedert sich in sechs Strophen. Das Metrum ist regelmäßig und unterstützt so die Sangbarkeit des Liedes.

Erfindung romantischer Gedanken

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Er ging heute mit schnelleren Schritten weiter, und alle Wolken schienen ihm nachzulaufen.

Mit magnetischer Gewalt zog dieses Mädchen sein Herz an sich und bewegte alle möglichen Hoffnungen in ihm durcheinander.

Franz saß still im Boot und betrachtete sinnend die Ruder, die sich zitternd im Teich spiegelten.

Es stand eine hohe Linde vor dem Haus, und im Westen floss der Abend in goldenen Strömen nieder.

Arbeitsanregungen:

Notieren Sie Gedanken mit dem Titel „Erfindung romantischer Gedanken“. Benutzen Sie dafür die folgenden Textbausteine und setzen Sie eigene Formulierungen ein.

  • Mit magnetischer Gewalt zog …
    und bewegte alle …
  • … saß …
    und betrachtete …
    die sich … spiegelten.
  • Es stand …
    und im Westen …

Erfinden Sie weitere romantische Gedanken, ohne sich dabei auf die Textbausteine zu stützen.

Kinder an die Macht!

Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder

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Romantische Kindheitsphilosophie am Beipiel:

Achim von Arnim: Stolze Einsamkeit (1813)

Im Walde, im Walde, da wird mir so licht,
Wenn es in aller Welt dunkel,
Da liegen die trocknen Blätter so dicht,
Da wälz’ ich mich rauschend darunter,
Da mein’ ich zu schwimmen in rauschender Flut,
Das tut mir in allen Adern so gut,
So gut ist’s mir nimmer geworden.

Im Walde, im Walde, da wechselt das Wild,
Wenn es in aller Welt stille,
Da trag’ ich ein flammendes Herz mir zum Schild,
Ein Schwert ist mein einsamer Wille,
Da steig ich, als stieß ich die Erde in Grund,
Da sing ich mich recht von Herzen gesund,
So wohl ist mir nimmer geworden.

Im Walde, im Walde, da schrei’ ich mich aus,
Weil ich vor aller Welt schweige,
Da bin ich so frei, da bin ich zu Haus.
Was schadt’s, wenn ich töricht mich zeige,
Ich stehe allein, wie ein festes Schloss,
Ich stehe in mir, ich fühle mich groß,
So groß als noch keiner geworden.

Im Walde, im Walde, da kommt mir die Nacht,
Wenn es in aller Welt funkelt,
Da nahet sie mir so ernst und so sacht,
Dass ich in den Schoß ihr gesunken,
Da löschet sie aller Tage Schuld,
Mit ihrem Atem voll Tod und voll Huld,
Da sterb’ ich und werde geboren.

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

In der Romantik kommt mehr und mehr das Kind und damit auch seine Individualität zur Geltung. Kinder werden zum Gegenstand der Künste. „Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen!“, heißt es bei Philipp Otto Runge (1777–1810). Von Runge selbst gibt es programmatische Kinderbilder, z. B. das Porträt der Hülsenbeckschen Kinder, in denen Kinder die Verbindung zwischen Natur und Kultur repräsentieren sollen. Kindliche Individualität gilt den Frühromantikern (August Wilhelm Schlegel, Friedrich Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck, Caspar David Friedrich), denen sich Runge anschließt, als harmonisch, mythisch, sogar als kosmisch. Nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen werden in der Romantik als Mängelwesen betrachtet. „Wo Kinder sind, da ist Goldenes Zeitalter“, schreibt Novalis.

Achim von Arnim hat seine schriftstellerische Arbeit insofern in den Dienst dieser Kindheitsphilosophie gestellt, indem er zahlreiche Unsinnstexte, fantastische Märchen, Volkspoesie, kurz gesagt: naiv anmutende Texte verfasst hat. Auch das folgende, 1813 in von Arnims „Zeitschrift für Einsiedler“ herausgegebene Gedicht hat seinen Grund in dem unerschütterlichen Glauben an das „wohltuende“ Erleben des Kindes, in dem reflektierten Leiden an der „kranken“ Erde der Philister. Das Gedicht trägt den Titel „Stolze Einsamkeit”.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

Formal gesehen liegen vier siebenzeilige Strophen mit wechselnden Versfüßen vor. Die in der Balladendichtung verwendete Strophenform hat in der Lutherstrophe (Jambische Vierheber und Dreiheber im Wechsel: 4343443; Kadenzen: mwmwmmw; Reimschema: ababccd) ihr Vorbild. Was auf den ersten Blick wie die Wiederholung der Lutherstrophe aussieht, ist, bei näherem Hinsehen, jedoch aus dem Geist der romantischen Ironie heraus entwickelt worden.

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

In drei Stadien vollzieht sich die Entwicklung: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Das lyrische Ich erinnert sich zunächst, wie es als Kind mit großer Lust in den Blätterhaufen des Waldes gespielt hat. Die Vergangenheit wird zum Vorbild (vgl. V. 1–7). Die Gegenwart wird demgegenüber dialektisch begriffen: Es kommt zum Kampf mit der Erde, die bezwungen werden muss (vgl. V. 8–14). Die Situation im Wald ist für das lyrische Ich paradiesisch: Die Welt schweigt, und das Ich selbst schreit sich aus. Das lyrische Ich erfährt im Wald ein gesteigertes Selbstgefühl, es fühlt sich groß, riesengroß (vgl. V. 15–21). So wird der Ausblick auf die Nacht zur Vorahnung: Dem lyrischen Ich wird bewusst, dass auch die Begegnung mit dem Tod harmonisch verlaufen könnte (vgl. V. 22–28).

Sie deuten inhaltliche, sprachliche und formale Aspekte im funktionalen Zusammenhang, z. B.:

Spricht man von der Kindheitsphilosophie der Romantiker, muss das vorliegende Gedicht unbedingt in den Blick genommen werden. Denn dieses Gedicht stellt im Kleinen dar, wie sich die Romantiker die gesunde Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen vorgestellt haben. Aus diesem Grund heraus ist die vorhandene Reihenfolge der Strophen nicht beliebig – sie abzuändern, widerspräche dem zugrunde liegenden genetischen Aufbauprinzip, der Idee der natürlichen Entwicklung. Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass in der ersten Strophe Kindheitsmotive enthalten sein müssen – das Bad in der „Flut“ (V. 5) trockener Blätter ist dann ein solches Kindheitsmotiv. Dieses Motiv ist – das sei im Voraus gesagt – nicht nur für die erste Strophe, sondern für das gesamte Gedicht von zentraler Bedeutung, was die Kehrreime (vgl. V. 7, 14, 21, 28) belegen. Aus dem ersten Kehrreim geht z. B. die für die romantische Geisteshaltung typische Sehnsucht nach der Kindheit hervor: „So gut ist’s mir nimmer geworden“ (V. 7).

[Noch zu ergänzen!]

Arbeitsanregungen:

  • Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht von Achim von Arnim.
  • Klären Sie zunächst die Sprechsituation, in dem Sie die Stadien der dargestellten Entwicklung (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft) beschreiben.
  • Stellen Sie die Sprechsituationen zeichnerisch dar.

Lösungsvorschläge:

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Pilgermaus

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Pilgermaus

Gib acht!
Die Maus will wandern
Es geht wohl weit an den Rhein
Und weiter nach Flandern
Wer will ihr Geselle sein?

Arbeitsanregungen:

  • Sammeln Sie Assoziationen zum Wandern, Pilgern, Reisen…
  • Setzen Sie Ihre Phantasien in Gedichte von ähnlich karikierender Form um.

Gegen die „aufzählende“ Dichtung!

Romantische Lyrik als ursprüngliche Poesie

Das bereits in der Epoche des Sturm und Drang sich manifestierende Interesse am „einfachen“ Volkslied wird in der Romantik wieder aufgegriffen. Es ist keine Extravaganz, wenn die Dichter der Romantik sich nicht mehr von den Griechen, sprich: von der klassizistischen Dichtung Frankreichs inspirieren lassen, darin spricht sich vielmehr die Überzeugung aus, dass jede Dichtung lokal und historisch bedingt sei. Das Verständnis für die eigene Kultur wird größer.

Ein vertieftes Verständnis für die lokale und geschichtliche Individualität der Dichtung beweisen Karl Philipp Moritz und Friedrich Schlegel. Deren Interesse an der Ursprünglichkeit der Dichtung wirkt bis in die Spätromantik fort. In Moritz’ Gedanken spielt die Behauptung gegenüber jeder Art von „aufzählender“ Dichtung die entscheidende Rolle – Dichtung solle „einfach“ sein: „[A]ufzählen, [das ist] eine Beleidigung des Kunstwerks […], dessen ganze Hoheit in seiner Einfachheit besteht.“

Friedrich Schlegel schreibt:

„Unermeßlich und unerschöpflich ist die Welt der Poesie wie der Reichtum der belebenden Natur an Gewächsen, Tieren und Bildungen jeglicher Art, Gestalt und Farbe. Selbst die künstlichen Werke oder natürlichen Erzeugnisse, welche die Form und den Namen von Gedichten tragen, wird nicht leicht auch der umfassendste alle umfassen. Und was sind sie gegen die formlose und bewußtlose Poesie, die sich in der Pflanze regt, im Lichte strahlt, im Kinde lächelt, in der Blüte der Jugend schimmert, in der liebenden Brust der Frauen glüht? – Diese aber ist die erste, ursprüngliche, ohne die es gewiß keine Poesie der Worte geben würde. Ja wir alle, die wir Menschen sind, haben immer und ewig keinen andern Gegenstand und keinen andern Stoff aller Tätigkeit und aller Freude, als das eine Gedicht der Gottheit, dessen Teil und Blüte auch wir sind – die Erde. Die Musik des unendlichen Spielwerks zu vernehmen, die Schönheit des Gedichts zu verstehen, sind wir fähig, weil auch ein Teil des Dichters, ein Funke seines schaffenden Geistes in uns lebt und tief unter der Asche der selbstgemachten Unvernunft mit heimlicher Gewalt zu glühen niemals aufhört. Es ist nicht nötig, daß irgend jemand sich bestrebe, etwa durch vernünftige Reden und Lehren die Poesie zu erhalten und fortzupflanzen, oder gar sie erst hervorzubringen, zu erfinden, aufzustellen und ihr strafende Gesetze zu geben, wie es die Theorie der Dichtkunst so gern möchte. Wie der Kern der Erde sich von selbst mit Gebilden und Gewächsen bekleidete, wie das Leben von selbst aus der Tiefe hervorsprang, und alles voll ward von Wesen die sich fröhlich vermehrten; so blüht auch Poesie von selbst aus der unsichtbaren Urkraft der Menschheit hervor, wenn der erwärmende Strahl der göttlichen Sonne sie trifft und befruchtet. Nur Gestalt und Farbe können es nachbildend ausdrücken, wie der Mensch gebildet ist; und so läßt sich auch eigentlich nicht reden von der Poesie als nur in Poesie.“

(Friedrich Schlegel: Gespräch über die Poesie. Erstdruck: 1800. In: ders.: „Athenäums“-Fragmente und andere Schriften. Reclam UB 9880: Stuttgart 2005, 165–166)

Sagt Schlegel, es sei nicht nötig, die Dichtung „durch vernünftige Reden und Lehren“ fortzupflanzen, so lässt sich daran erkennen, inwiefern Schlegel die Dichtungen seiner Zeit für künstlich – oder mit seinen eigenen Worten: für „chemisch“ hält. Diese Dichtungen sind zusammengesetzt, gemischt aus verschiedenen Elementen der rhetorischen Kunst. Was Schlegel dagegen in Hinsicht auf die „formlose und bewußtlose Poesie“ der neuen Dichtung postuliert, tritt durch die folgende Gegenüberstellung deutlich zutage.

Arbeitsanregungen:

In den beiden folgenden Gedichten wird das Thema „Zeit“ unterschiedlich gestaltet. Wie Sie leicht merken werden, orientiert sich Andreas Gryphius im Unterschied zu Joseph von Eichendorff an klassizistischen Vorbildern, sein Gedicht ist ist im alexandrinischen Versmaß verfasst.

  • Interpretieren Sie beide Gedichte.
  • Untersuchen Sie dabei insbesondere die Bildlichkeit in beiden Texten.
  • Diskutieren Sie, ausgehend von beiden Texten, den Unterschied zwischen allgemeiner (Andreas Gryphius: Abend) und „ursprünglicher“ Zeiterfahrung (Joseph Eichendorff: Der Abend).

Andreas Gryphius: Abend (1664)

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.

Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sei vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
Und wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsterniß zu dir.

Joseph von Eichendorff: Der Abend (1826)

Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

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Keine Rede von Weltflucht!

Die romantische Skepsis

Die Theoretiker der Goethezeit fragten nach dem Wesen der Romantik sicher anders, als wir es heute tun. Keine Rede ist dabei von Weltflucht, leerer Sentimentalität und verkitschter Stimmung. Solche Vorurteile gegenüber der Epoche werden dann zunichte gemacht, wenn sie an den Frühromantikern selbst und an ihrer Vorgeschichte geprüft werden.

Erschüttert ist nämlich das Vertrauen auf den klassizistischen Geschmack, das Vertrauen auf die Vorbildhaftigkeit der Alten. „Romantische Künstler arbeiten in dem Bewusstsein, den Ansprüchen des Schönen nicht gewachsen zu sein“ (Albert Meier: Klassik – Romantik. Reclam UB 17674: Stuttgart 2008, 33). Die Frage nach dem Wesen der Schönheit wird dadurch zur Frage danach, ob das Schöne objektiv vorhanden sei. Der Zweifel daran, dass das Schöne gleichwie die Natur einer bedeutungsvollen Weltordnung folgt, spiegelt den Unterschied zwischen dem romantischen und dem klassischen Stil. Der romantische Zweifel an der Ordnung der Welt und damit an der Objektivierbarkeit der Schönheit bedeutet jedoch nicht, dass die Romantiker die Welt meiden.

Bereits die Vorgeschichte ist von großer Bedeutung. Anstelle des harmonisch geordneten Naturschönen, vollendet abgebildet in den Werken der Antike, tritt die Neubestimmung des Selbst. Die Diskussion darüber, was denn das Selbst sei und in welcher Beziehung es zur Welt stehe, gehört zu der Epoche des Sturm und Drang.

Über die Seelensprache

Herders Sprachursprungsfrage

Die Sprachphilosophie in ihrer modernen Form beginnt mit der Epoche der Romantik. Denn das Interesse dieser Epoche an den „Seelenlandschaften“ des Menschen bedingt auch ihr besonderes Interesse an der Sprache, ist doch die Sprache, wie Wilhelm von Humboldt es ausdrückt, das „Organ der Seele“. Demnach werden die Seelenkräfte des Menschen, das, woraus die Psyche des Menschen sich bildet, „mit, in und oft nach der Sprache“ (Johann Gottfried Herder) vermittelt.

Herder ist der Ansicht, dass es eine Seelensprache gebe. Sprache meint in diesem Zusammenhang die Mitteilung „innerlicher Merkwörter“, wobei an der Bezeichnung „Merkwörter“ schon deutlich wird, dass Sprache und Reflexion für Herder zusammenfallen. Mit einem Wort: Sprache ist Reflexion, wobei aber eine besondere Funktion von Sprache, die Darstellungsfunktion nämlich ins Auge gefasst wird. Zentrale Gedanken zu dieser Funktion von Sprache finden sich in dem folgenden Auszug aus Herders Preisschrift „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“.

Sprache wird in diesem Textauszug nicht als Ausdruck oder Appell, sondern im Hinblick darauf betrachtet, was sie für die Erkenntnis leistet. Der Gedankengang lässt sich in folgende Abschnitte gliedern:

Z. 1–6: Herders These über die Erfindung der Sprache im Menschen

Z. 7–19: Darlegung dieser These:

  • Z. 7–16: Besonnenheit (Reflexion) als Anerkenntnis eines einzelnen Bildes innerhalb der Seele
  • Z. 16–19: Das erste Wort der Seele als Merkmal der Besonnenheit

Z. 20–12: Erläuterung der These am Beispiel:

  • Z. 20–26: Das Bild eines Lamms als Instinktreiz
  • Z. 26–34: Das gleiche Bild als Erkenntnisobjekt

Z. 35–49: Erörterung des Beispiels:
Sprache als Bildung von deutlichen, wiedererkennbaren Merkwörtern

In den vorausgehenden Kapiteln der Preisschrift wird der Mensch in die belebte Natur eingeordnet, indem der Blick auf die Sprache sich ändert. Die Sprache der Natur ist Sprache der Empfindung. Diese Sprache ist sowohl Pflanzen, Tieren als auch Menschen, so legt Herder es nahe, als ein Naturgesetz auferlegt: „Das war gleichsam der letzte, mütterliche Druck der bildenden Hand der Natur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mitgab: ‚Empfinde nicht für dich allein: sondern dein Gefühl töne!‘“. In Anbetracht der menschlichen Besonnenheit (Reflexion) behauptet der Autor dagegen, am Ziel seiner Untersuchung zu stehen: „[w]ir sind mit einemmal am Ziele!“ Die Sonderstellung des Menschen erweise sich nämlich in dem ihm eigentümlichen, besonnenen Gebrauch der Sprache. So habe er die „Sprache erfunden“ (Z. 2), um besonnen, sprich: „frei würken“ (Z. 2) zu können. Die Entstehung der Sprache wird, wohlgemerkt, als „Erfindung“ der Sprache aufgefasst. Im Kontext des 18. Jahrhunderts bekommt diese Auffassung besonderen Wert. Denn sie schließt erstens aus, dass die Sprache von göttlicher Hand vorgegeben sei (vgl. Süßmilch, 1766). Der Akt der Erfindung ist für Herder ein Akt der Freiheit. Zweitens wird die (rationalistische) Auffassung ausgeschlossen, der zufolge es eine abgesonderte Vernunftkraft innerhalb der Seele gebe. Herder erwidert: „[W]as ist beides, eine abgetrennte Vernunftfähigkeit und Vernunftkraft in der Seele? Eines ist so unverständlich als das andere“. Vernunft und Sprache sind seiner Ansicht nach vielmehr so miteinander verwoben, dass die völlige Abwesenheit von Sprache im Denken schlicht nicht vorstellbar ist: „Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich, als er ein Mensch ist!“ (Z. 5).

Nicht mehr leben können

Joseph von Eichendorff:
Das zerbrochene Ringlein (1837)

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blutge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wärs auf einmal still!

Im vorliegenden Gedicht von Eichendorff beklagt das lyrische Ich den Verlust seiner Liebsten. Da ihm das Leben ohne Liebe sinnlos erscheint, denkt das lyrische Ich, zerrissen und voller Sehnsucht, über andere Lebensformen nach: Dabei treten ihm das Leben eines fahrenden Musikers und das eines Soldaten als Möglichkeit vor Augen. Zugleich erkennt das lyrische Ich seine innere Zerrissenheit. In dieser Stimmung bedenkt es die Möglichkeit des Todes.

Eichendorffs Gedicht ist ein typisches Gedicht der Romantik. Sehnsucht, Leidenschaft und zugleich das Gefühl der Ausweglosigkeit, Nicht-mehr-ein-noch-aus-zu-wissen – das Gedicht ruft Stimmungen hervor, die sich zu einer über diesen Einzelfall hinausgehenden Melancholie verdichten.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Volksliedstrophe gestaltet. Es gliedert sich in fünf Quartette. Die Verse sind jambisch aufgebaut, weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Durch den Kreuzreim werden die Verse eng miteinander verbunden. An einer Stelle kommt ein unreiner Reim vor (V. 1/3), an einer anderen Stelle ist das Reimschema unterbrochen (V. 17/19).

1. Quartett:
Das lyrische Ich ruft sich eine ehemalige Liebe in Erinnerung.

2. Quartett:
Die Treue, die Ausdruck in einem Ring fand, ist gebrochen. Die Liebste hat ihn verlassen.

3. und 4. Quartett:
Das lyrische Ich erwägt zwei alternative Lebensformen: das Leben als Musiker und das Leben als Soldat.
Sehnsucht nach Ruhe stellt sich ein: Das lyrische Ich denkt dabei an die nächtlichen Feuer der Soldaten im Feld.

5. Quartett:
Unter dem Eindruck des Mühlrads verstärkt sich die Ratlosigkeit: In seiner Not sehnt sich das Ich nach Ruhe im Tod.

Von der ersten Zeile an weiß der Leser, dass es sich nicht um eine äußere, sondern um eine „Seelenlandschaft“ handelt. Das Gebrauch des Mühlenmotivs („Da geht ein Mühlenrad“, V. 2), bezeichnenderweise unter Verwendung des Pars pro toto („Mühlenrad“), unterstützt diesen Eindruck: Das Geschehen ist ganz in die Seele eines leidenden – „aufgewühlten“ – Subjekts verlagert.

Es gibt keine richtige Liebe in der falschen.

Heinrich Heine als Aufklärer

Heinrich Heine ist vor allem Aufklärer, trotz seiner Begeisterung für das romantische Gefühl. Sein Interesse gilt daher mehr der Erfahrung als der Empfindung. Auch im Hinblick auf die Liebe – welche das Hauptthema in seiner unter den Zeitgenossen überaus populären Gedichtssammlung mit dem Titel „Buch der Lieder“ (1827) bildet – liegt Heine mehr daran, Erfahrungen mit der Liebe zu vermitteln. Empfindungen sind ihm verdächtig. Dem Leser sei daher Vorsicht angeraten. Nichts ist so, wie es scheint.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Gleich viermal ist in diesem Text von der Liebe die Rede, viermal in unterschiedlichen, unglücklichen Konstellationen. Zweimal kommt es dabei zur Ehe. Einmal wird die Ehe unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen geschlossen. So ist die Liebe! Es gibt keine richtige Liebe!, lautet das ironische Fazit des Erzählers.