Abschied

Joseph von Eichendorff: Abschied

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft’ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen,
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben,
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward’s unaussprechlich klar.

Bald werd’ ich dich verlassen
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Arbeitsanregung:

  • Interpretieren Sie dieses Gedicht.

Ein schönes Interpretationsbeispiel bietet die folgende Schülerlösung (Schülerin, LK, Q1):

 

 

Das unendliche Gedächtnis der Liebe –

20141111-190304.jpg
© Gerold Paul

Clemens Brentano: „Der Spinnerin Nachtlied“

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing und kann nicht weinen,
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein,
So lang der Mond wird scheinen.

Als wir zusammen waren,
Da sang die Nachtigall.
Nun mahnet mich ihr Schall,
Dass du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen.

Erinnerung ist der Wiederholung im weitesten Sinne verwandt, was besonders deutlich an den von den Romantikern so geschätzten Volksliedern wird. Denn die in eingängigen Strophen sich wiederholenden Volkslieder weisen die Erinnerung als Sehnsucht nach einer ursprünglichen und universalen Erfahrung aus.

Das vorliegende Gedicht – „Der Spinnerin Nachtlied“ von Clemens Brentano aus dem Jahr 1818 –, als Rollengedicht entworfen, lässt eine Spinnerin zu Wort kommen, die über den Verlust eines geliebten Partners klagt. Das traurige Ereignis – das wahrscheinlich in dem Tod des Geliebten besteht – liegt zwar viele Jahre bereits zurück, doch der frühere Schmerz wird wieder bewusst, als das Lied einer Nachtigall die Erinnerung daran wachruft.

In dem vorliegenden Gedicht sind sehr viele Wiederholungen vorzufinden. Zum einen tritt die manipulative Wirkung der Wiederholung auf der Ebene des Klangs hervor. Die volksliedhafte Prägung des Textes ist darauf gerichtet, im Klang der sich wiederholenden und mischenden Verse das abzubilden, was die Erinnerung nur unvollständig erahnen lässt.

Das Gedicht gliedert sich in sechs Strophen. Das Metrum ist regelmäßig und unterstützt so die Sangbarkeit des Liedes.

Ein Tag im Exil

20150412-072927.jpg

Im Kasten
die sterblichen Masken
Adam
Abraham
Ahasver
Wer kennt alle Namen

Die Aufnahme von Gedichten erfolgt unter verschiedenen Aspekten, unter denen Form und Bildlichkeit sich herausheben. Ein weiterer Aspekt liegt auf dem Klangwert. Dieser Aspekt beginnt mit Rhythmus, Klangfarbe und Melodie. Von diesen Aspekten ist der letzte in dem folgenden Gedicht nicht so wichtig. Der Klang ist Gedichten früherer Epochen eigen. Neuere Gedichte scheinen den Klang geradezu hinauszudrängen. Das vorliegende Gedicht von Rose Ausländer, 1967 unter dem Titel „Ein Tag im Exil“ erschienen, ist trotz dieses Mangels wirklich als ein Gedicht zu bezeichnen, da es aufgrund seiner Bildlichkeit beim Leser intensive Vorstellungen hervorruft. Gewisse Bilder bleiben im Gedächtnis hängen.

Ein Tag im Exil (1967)

Ein Tag im Exil
Haus ohne Türen und Fenster

Auf weißer Tafel
mit Kohle verzeichnet
die Zeit

Im Kasten
die sterblichen Masken
Adam
Abraham
Ahasver
Wer kennt alle Namen

Ein Tag im Exil
wo die Stunden sich bücken
um aus dem Keller
ins Zimmer zu kommen

Schatten versammelt
ums Öllicht im ewigen Lämpchen
erzählen ihre Geschichten
mit zehn finstern Fingern
die Wände entlang

Das Gedicht ist durchgängig von einer Frage bestimmt, nämlich: Wohin führt das Leben im Exil? Und es enthält verschiedene Antworten. Erstens: das Exil ist als eine Vorwegnahme des Todes zu betrachten. Nicht der Tod selbst wird dabei vorweggenommen – was unmöglich ist –, sondern das in der Phantasie vorgestellte Bild des Todes.

Dieses Bild kennt verschiedene standardisierte Erscheinungsformen, die Sanduhr, in der der Sand verrinnt, die Fliege, die tot am Boden liegt, die geknickte Blume usw. In diesem Fall sind es die zehn Finger an der Wand, durch die die Vorstellung des Todes anschaulich wird. Auch im Buch Daniel ist ein solches Bild, die Allegorie der Unheil verkündenden Schattenhand überliefert.

Daniel 5, 1–6

König Belschazzar gab ein großes Gastmahl für seine Großen; es waren tausend Menschen und zusammen mit den Tausend sprach er dem Wein zu. In seiner Weinlaune nun ließ Belschazzar die goldenen und silbernen Gefäße holen, die sein Vater Nebukadnezzar aus dem Tempel in Jerusalem mitgenommen hatte. Jetzt sollten der König und seine Großen, seine Frauen und Nebenfrauen daraus trinken. Man holte also die goldenen Gefäße, die man aus dem Tempel des Gotteshauses in Jerusalem mitgenommen hatte, und der König und seine Großen, seine Frauen und Nebenfrauen tranken daraus. Sie tranken Wein und lobten die Götter aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein. In derselben Stunde erschienen die Finger einer Menschenhand und schrieben gegenüber dem Leuchter etwas auf die weißgetünchte Wand des königlichen Palastes. Der König sah den Rücken der Hand, als sie schrieb. Da erbleichte er und seine Gedanken erschreckten ihn. Seine Glieder wurden schwach und ihm schlotterten die Knie.

Zweitens: Indem die Zukunft von der Gegenwart verschlungen wird, wirkt die Zeit im Exil endlos.

Angstlied

20131009-201801.jpg

Oder: Das Pfeifen im Walde

Ulla Hahn

Angstlied

Ich hab kein Haus
bin viel zu klein
bläst mich ein Wind
hinaus hinein

Ich hab kein Mann
bin viel zu bang
zünd meinen Himmel
selber an

Ich hab kein Herz
bin viel zu tot
weich warm verschneit
in liebe Not.

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

Schon der Titel des Gedichts schreibt vor, dass bei den folgenden Versen an ein Kind zu denken sei. Heißt es nicht im Sprichwort, dass Kinder im Walde zu singen („pfeifen“) beginnen? Das Gedicht mit dem Titel „Angstlied“ handelt von einer allein stehenden Frau, die für einen Moment nur ein Kind imitiert, das Angst hat. Das Gedicht stammt von Ulla Hahn und ist im Jahr 1981 erschienen. Es geschieht nicht selten, dass die Gedichte dieser Autorin bewusst kindlich-naiv klingen. Indirekt soll damit das Lob des Kindes gesungen werden. Doch im vorliegenden Fall verhält es sich zunächst anders: Wer das „Angstlied“ liest, dem steht ein Kind bzw. eine Frau vor Augen, die in ihrer Not verzweifelt. Vermutlich soll beim Lesen jedoch der Eindruck entstehen, dass auch dieses Lied wie jenes Pfeifen im Walde wirksam werden könnte.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

Das „Angstlied“ gliedert sich in zwölf Verse, die nach Art eines Volksliedes in drei vierzeilige Strophen unterteilt sind. Doch, gemessen an der gewöhnlich drei- oder viertaktigen Volksliedstrophe, wird bei diesem Lied nicht weit genug ausgeholt. Kein Vers kommt auf die erforderliche Länge. Stattdessen finden sich überwiegend zweitaktige Verse. Weniger ist offenbar mehr, doch davon an anderer Stelle –

Das Metrum ist regelmäßig. Jeder Takt wird durch einen Jambus ausgefüllt. Nur im siebten und achten Vers verhält es sich anders. Diese Verse sind unregelmäßig. Ihnen kommt also besondere Bedeutung zu.

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

In der ersten Strophe (V. 1–4) bringt das lyrische Ich seine Rastlosigkeit zum Ausdruck. So lebe es ohne Schutz, ohne Haus und, wie sich im Folgenden herausstellt, auch ohne einen Mann. Es gesteht ein, dafür nicht erwachsen genug zu sein.

In der zweiten Strophe (V. 5–8) spricht das lyrische Ich von seinem Alleinsein. Außerdem gibt es zu verstehen, dass die Situation selbstverschuldet sei.

In der dritten Strophe (V. 9–12) geht das lyrische Ich mit sich ins Gericht. Es beklagt, dass ihm der Mut fehle, die traurige Lage zu verändern.

Angstlied weiterlesen

Lösung

Besser allein?

Karin Kiwus

Lösung

Im Traum
nicht einmal mehr
suche ich
mein verlorenes Paradies
bei dir

ich erfinde es
besser allein
für mich

In Wirklichkeit
will ich
einfach nur leben
mit dir so gut
es geht

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

Das Gedicht besteht aus drei Sätzen, die eigentlich zur Prosa zählen. Es verweigert sich beinahe allem, was sonst von Gedichten erwartet wird. Es erzeugt keine Stimmung, geschweige denn eine Melodie. Es ist nicht besonders anschaulich. Karin Kiwus’ Gedicht unter dem Titel „Lösung“, 1979 erschienen, handelt von der Liebe, genau genommen von der unsentimentalen Liebe. Der zentrale Gedanke erscheint dabei in dialektischer Form. Die Autorin scheint für ihr Verständnis von Liebe zu werben. Das lyrische Ich sucht Liebe, die funktioniert. Der Titel „Lösung“ weist darauf hin.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

In diesen Versen wird wenig von Poesie spürbar. Der Leser ersieht jedoch aus den Zeilenumbrüchen, dass er es mit einem Gedicht zu tun hat. Die Dichterin hat dem zugrunde liegenden Inhalt eine auffällige Form gegeben und ihn damit von der Prosa unterschieden. Das Gedicht besteht insgesamt aus 13 Versen. Die Wörter und Verse sind dabei so angeordnet, dass eine dreigliedrige Struktur entsteht. Die dreizeilige Innenstrophe wird von zwei fünfzeiligen Außenstrophen eingerahmt. Schon bei oberflächlicher Betrachtung ist damit eine dialektische Struktur erkennbar. Vermutlich sind die beiden Außenstrophen als These und Antithese zu verstehen, die Innenstrophe dagegen als Synthese. Die Dichterin hat auf Reim und Metrum verzichtet.

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

Gegenstand des Gedichts sind Reflexionen über die Liebe. Die erste Strophe (V. 1–5) handelt dabei von der romantischen Vorstellung, dass die ideale Liebe das verlorene Paradies wiederherstellen könne. Das lyrische Ich verwirft diese Vorstellung von der Liebe: Das eigene Glück hänge nicht vom Partner ab.

Vielmehr sei jeder Partner auch in dieser Frage auf sich allein gestellt. So legt es das lyrische Ich in der zweiten Strophe (V. 6–8) nahe. Es möchte seine Ideale lieber für sich allein erfinden.

Das Gedicht schließt betont sachlich-distanziert mit einer funktionalistischen Definition dessen, was in Liebesgedichten gewöhnlich „Liebe“ heißt.

Sie deuten inhaltliche, sprachliche und formale Aspekte im funktio-
nalen Zusammenhang, z. B.:

Karin Kiwus’ Gedicht enthält Reflexionen über die Liebe. Es kann bei der Gedichtanalyse daher weniger um das Gedicht als Bild oder Klang gehen. Der Leser muss sich das Gedicht als Begriff vorstellen und besonders auf die Anordnung der Argumente achten. Er muss sich von logischen Überlegungen lenken lassen. So ist zunächst die Gegensätzlichkeit der Außenstrophen von Bedeutung. „Traum“ (V. 1) und „Wirklichkeit“ (V. 9) stehen in diesen Strophen einander gegenüber.

Im Traum verdichtet sich das Selbstgefühl. Es ist daher nicht zufällig, dass dieser eigentlich romantische Gedanke mit dem Motiv des verlorenen Paradieses (vgl. V. 3) verbunden wird; der Traum ist geeignet, das Verlorene zum Sprechen zu bringen: „Im Traum / […] / suche ich / mein verlorenes Paradies“ (V. 1–4). So utopisch mag diese Strophe jedoch nicht enden; so gewiss die dargestellte Sehnsucht romantisch motiviert ist, so gewiss wird auch der Gedanke abgewiesen, dass für diese geistige Suche der Leib eines Anderen erwählt werden könnte: „[N]icht […] / [bei dir] / suche ich / mein verlorenes Paradies“ (V. 2–5).

[Noch zu ergänzen!]

In einer großen Stadt

Oder: Der Tod und das verlorene Ich

Detlev von Liliencron

In einer großen Stadt

Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt
Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt,
Querweg die Menschen, einer nach dem andern.
Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
Der Orgeldreher dreht sein Lied.

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

Gedichte leben von der Wiederholung, sei es auf der klanglichen, der bildlichen oder der begrifflichen Ebene. So entsteht das, wodurch Gedichte sich von anderen Texten abheben: Gefühl und Ausdruck. Das vorliegende Gedicht – „In einer großen Stadt“ von Detlev von Liliencron aus dem Jahr 1890 – zeichnet sich durch besonders viele Wiederholungen aus. Die Verse rufen dabei eine derartige Sogwirkung hervor, dass der Eindruck einer unendlichen Wiederholung entsteht. Der Sprecher der Verse beklagt diese Wiederholung. Alle Menschen in der großen Stadt erscheinen ihm schlichtweg austauschbar. Jede Gestalt ist vergänglich, allein der Tod ist ewig.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art eines Liedes gestaltet. Es enthält zwölf vorwiegend im Hakenstil aneinander gereihte, reimlose Verse, die sich in drei Quartette gliedern. Metrisch gesehen liegt ein Fünftakter vor, mit jambischen Versfüßen und – in jedem zweiten Vers der Quartette – einer markanten Zäsur nach der zweiten Hebung (V. 2, 6:„bald jener |“, V. 10: „die Menschen |“).

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

1. Quartett:
Zunächst wird der Schauplatz der Handlung vorgestellt: eine Stadt, die einem Meer gleicht. Die Menschen erscheinen dem Sprecher wie Treibgut. Der Leser könnte an eilige Passanten in einer unbestimmten Großstadt denken.

2. Quartett:
Gegenstand des zweiten Quartetts ist ein metaphysischer Gedanke. Dem Sprecher erscheint der Tod aller Passanten als alle verschlingendes Nichts.

3. Quartett:
Auch der eigene Tod wird endlich in Betracht gezogen. Dem Sprecher wird seine Vergänglichkeit deutlich. Der Leser könnte vermuten, dass das Lied des Orgeldrehers ihm dazu den Anlass gegeben hat.

Sie deuten inhaltliche, sprachliche und formale Aspekte im funktio-
nalen Zusammenhang, z. B.:

Detlev von Liliencrons Gedicht ist durchzogen von Metaphern, die miteinander korrespondieren (V. 1: „Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt“; V. 5: „Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts“; V. 9: „Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt“). Bildspender ist dabei das Meer mit seiner stets gleichen Bewegung.

In einer großen Stadt weiterlesen

Gedichtanalyse

20130605-213246.jpg

Gedichtanalyse (PDF-Version)

Im Anfang war das Wort

Gottfried Benn: Ein Wort (1941)

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Trotz des geringen Umfangs von nur acht Zeilen scheint das vorliegende Gedicht in Konkurrenz mit den etablierten Schöpfungsgeschichten treten zu wollen. So bildet es eine bilderreiche Assoziationskette ab, durch die ein weiter Bogen vom Universum bis zum Ich des Sprechers gespannt wird. Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1941, sein Autor ist Gottfried Benn. Der Titel „Ein Wort“ verweist auf den poetologischen Gehalt des Textes, es handelt sich um ein Gedicht über Dichtung. Dichtung wird dabei, in Anlehnung an den Prolog des Johannesevangeliums, als „zweite“ Schöpfung betrachtet. Einen ähnlichen Gedanken hat bereits Goethe formuliert: „Schöpft des Dichters reine Hand / Wasser wird sich ballen.“

Liebe als universale Kraft

Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ stellt zwar kein Liebesgedicht im üblichen Sinn dar, Liebe als Weltenharmonie stellt dennoch ein zentrales Motiv des Textes dar.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Volksliedstrophe gestaltet. Es gliedert sich in drei Quartette. Die Verse sind jambisch aufgebaut, weibliche und männliche Kadenzen alternieren.

1. Quartett: Die vom Mondlicht beschienene Landschaft löst beim lyrischen Ich glückliche Empfindungen aus: Ihm ist, als ob Himmel und Erde sich küssten.

2. Quartett: Die träumende Erde belebt sich, das lyrische Ich nimmt verschiedene Sinneseindrücke wahr.

3. Quartett: Auch das lyrische Ich fühlt sich belebt. Unter dem Eindruck seiner Empfindungen hat es das Gefühl, zu Hause zu sein.

Von der ersten Zeile an weiß der Leser, dass es sich nicht um eine äußere, sondern um eine Seelenlandschaft handelt. Der Konjunktiv („als hätt’ der Himmel / Die Erde […] geküsst“, V. 1-2) unterstützt diesen Eindruck: Das Geschehen ist ganz in die Empfindung des lyrischen Ichs verlagert.
Vom Himmel wird nur metaphorisch gesprochen, ebenso von der Erde.
Mit Bedacht wählt von Eichendorff den Himmelskuss zur Metaphernbildung. Der universale Gegensatz zwischen Himmel und Erde wird durch den Kuss überwunden.
Auf der horizontalen Ebene, im Bereich des Irdischen, kommen die Dinge in Bewegung. Die Personifikation der alles belebenden Luft (V. 5) unterstreicht diesen Eindruck. Die Sinneseindrücke verdichten sich zur Synästhesie.
Wie aufgehoben sich das lyrische Ich in solch einer Welt vorkommt, schildert das Bild des Seelenflugs, das im letzten Quartett entfaltet wird. Das Verhältnis von Seele und Natur ist harmonisch. Die Landschaft wird dabei auf den Topos „stille […] Lande“ (V. 11) beschränkt. Der Leser gewinnt den Eindruck tiefen Friedens in der Natur.
Der Eindruck von Harmonie wird auch auf klanglicher Ebene nachgebildet, durch die Figura etymologica („Flügel […] flog […] flöge“, V. 10-12), durch den Einsatz von dunklen, zugleich strömenden Vokalen („Flügel […] flog durch […] flöge“, ebd.).
Auffällig ist allerdings der Konjunktiv. Er signalisiert, dass der Weltharmonie, der liebenden Verbindung zwischen Himmel und Erde, kein Abbild im Realen entspricht.

Die Liebe wird in von Eichendorffs Text als Überwindung der Gegensätzlichkeit zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit verstanden. Dieser Gedanke wird durch die Aufhebung der Antithese („Himmel / Erde“, V. 1-2) im Kuss bildlich nachgestaltet.

Die letzte Strophe verrät endgültig, dass die Bildlichkeit des vorliegenden Textes vom romantischen Programm der Universalpoesie geleitet ist. In der Phantasie, heißt es da, wird die Einheit zwischen den transzendentalen und endlichen Kräften des Menschen gestiftet. In der Phantasie erfährt der Mensch das Gefühl, bei sich selbst zu sein, mit sich selbst eins zu sein.

Schwindel. Gefühle. Sehnsucht.

Die kindliche Liebe der Mignon

Manchen Menschen scheint die Liebe besonders leicht zu fallen. Ihre Liebe ist unkompliziert, verschwenderisch, voll Sehnsucht und gleichermaßen unvernünftig. Solch einer – kindlichen – Liebe hat Goethe in Mignon, der Rollenfigur des vorliegenden Gedichts, lebendigen Ausdruck gegeben. Mignon verkörpert das „stille Verlangen nach dem Unendlichen“ (Friedrich Schlegel: Lucinde) und stellt damit den Inbegriff romantischer Liebe dar. Das Gedicht thematisiert Mignons Liebeskummer. Der Leser erfährt von der Abwesenheit ihres Geliebten. Mignon beklagt ihr Alleinsein. Vermutlich ist dem Autor daran gelegen, über den Einzelfall hinausgehend zu zeigen, dass der unbegrenzten, kindlichen Liebe unbegrenztes Leid entspricht.

    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!
    Allein und abgetrennt
    Von aller Freude,
    Seh’ ich ans Firmament
    Nach jener Seite.
    Ach! der mich liebt und kennt,
    Ist in der Weite.
    Es schwindelt mir, es brennt
    Mein Eingeweide.
    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!