Unwahrscheinlich hässlich!

Andreas Gryphius’ Spottgedicht „An eine Geschminkte“ Es ist erstaunlich, welchen Eindruck Kleidung à la mode im Barock hinterlassen hat, gab es doch tausend Gründe zur Ängstlichkeit. Wollte jeder Mensch sich nicht eher verstecken als sich zeigen? Verschaffen imposante Perücken, mit Goldpailletten besetzte Hauben den durch Leben und Leid geprüften Menschen also doch Erleichterung? Lässt die Schönheit sie Atem holen? Wie oft haben die Menschen des Barock jemanden auf die beste Art gekleidet gesehen, so exquisit ausgestattet, wie es das petrarkistische Schönheitslob vorgibt? Es ist dieses Medium, das die Linien des Körpers Vers für Vers auf das Vorteilhafteste nachzeichnet, das Andreas…

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Barocke Dichtkunst ist rhetorisch

Nicht jedes Gedicht ruft Gefühle hervor. Nicht jedes Gedicht bekommt so viel Tiefe, dass der Leser lieber mit ihm allein sein möchte. Man nehme nur das Liebesgedicht, bei dem der Leser eine Übermacht empfindet, gegen die er nichts ausrichten kann. Liebesgedichte können zu Tränen rühren, so ergreifen und treffen sie die Empfindungen. Doch nicht alle Gedichte haben diese Qualität. Expressionistische Endzeitgedichte werden unversehens zu Manifesten, die auf Transparenten gemalt umhergetragen und dem gedankenlosen Bürger entgegen gehalten werden. können. Jakob von Hoddis: Weltende (1911)Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,In allen Lüften hallt es wie Geschrei,Dachdecker stürzen ab und gehn…

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Mein oft bestürmtes Schiff –

Nicht alle Reisenden gleichen einander – oder: Wie ist eine „einfache“ Interpretation möglich, die auf den allegorischen Sinn Rücksicht nimmt? Karl Philipp Moritz hat gesagt, dass es für ein Kunstwerk von Bedeutung sei, ob es einfach ist: „[A]ufzählen, [das ist] eine Beleidigung des Kunstwerks […], dessen ganze Hoheit in seiner Einfachheit besteht.“ Gleiches gilt meiner Ansicht nach für dessen Interpretation. Auch die Interpretation hat zu fragen, welcher einfache Gedanke dem Kunstwerk zugrunde liegt. Ein einfacher Gedanke des allegorischen Zeitalters beispielsweise – denn ein Sonett des Barockdichters Andreas Gryphius soll im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen – ist ein historisch bedingtes…

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Die allegorische Darstellung der Welt: Schifffahrt mit Zuschauer

Der barocke Allegoriegebrauch Auch wenn man, wie Walter Benjamin, sagt, in großer Klage habe der Barock seinen beredten Ausdruck gefunden und in der leidenden Kreatur seinen Spiegel, „in dessen Rahmen allein die moralische Welt des Barock sich vor Augen stellt“ (Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels, hrsg. von Rolf Tiedemann. Suhrkamp Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1978, S. 72), muss man diese Epoche auch unter dem Aspekt ihres Erziehungsanspruches betrachten. Denn dass das unausweichliche Leid der Welt den deutschen Dichtern aus erzieherischen Gründen zum Thema werden konnte, muss dabei zur Sprache kommen. Erziehung mit Mitteln der Allegorie und Rhetorik spielte…

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Die feinere Kunst des Reisens

Paul Gerhardts „Abendlied“ Wer erinnert sich nicht an Paul Gerhardts „Abendlied“ mit dem Eindruck, dass darin von dem innigen Einvernehmen zwischen Himmel und Erde die Rede sei? In schlichten Worten wird der Blick in den Kosmos eröffnet: „Der Tag ist nun vergangen, / Die güldnen Sterne prangen / Am blauen Himmelssaal“. Keine Grenze scheint dem Auge des Betrachters gesetzt, wenn es in den Nachthimmel blickt. Paul Gerhardts „Abendlied“, im vorletzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges erschienen, ist aber auch als Mahnung zu verstehen: Denn auch die Verlassenheit der Welt vom Leben zeigt sich am Abend. Paul Gerhardt: Abendlied (1647)                                                                  Nun…

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Abendlied

Paul Gerhardt: Abendlied (1647)                                                                  Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, Es schläft die ganze Welt; Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf, ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgefällt.   Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind; Fahr hin! Ein andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.   Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelssaal; Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal.   Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab…

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Auf ihre Schultern

Petrarkistisches Schönheitslob Wie oft haben wir jemanden auf die beste Weise gekleidet gesehen? – so wie beim Sonett, genau genommen beim petrarkistischen Schönheitspreis: Zeichnet es nicht die Linien des Körpers aufs Vorteilhafteste in allen Einzelheiten nach? Das Sonett führt die in ihm behandelte Form zur Formvollendung. Vergesst diese Frau nie! Ihre Schultern sind einziger Art. Dass Schönheit und Zeit zueinander im Widerspruch stehen, zeigt das Sonett aber auch. Es genügt nicht, dass es Schönheit gibt, sie muss auch zerstört werden! Dann schlägt die Form um in die schwelgerische Darstellung der Vanitas, die der Vollkommenheit dem Wesen nach widerspricht. Liebe, als…

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