Barocke Dichtkunst ist rhetorisch

Barock, Lyrik

Nicht jedes Gedicht ruft Gefühle hervor. Nicht jedes Gedicht bekommt so viel Tiefe, dass der Leser lieber mit ihm allein sein möchte. Man nehme nur das Liebesgedicht, bei dem der Leser eine Übermacht empfindet, gegen die er nichts ausrichten kann. Liebesgedichte können zu Tränen rühren, so ergreifen und treffen sie die Empfindungen. Doch nicht alle Gedichte haben diese Qualität. Expressionistische Endzeitgedichte werden unversehens zu Manifesten, die auf Transparenten gemalt umhergetragen und dem gedankenlosen Bürger entgegen gehalten werden. können.

Jakob von Hoddis: Weltende (1911)

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Was ist mit den poetischen Erzeugnissen des Barock, die so auf die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges zurückgeworfen scheinen, dass kein Verhältnis gefunden wird, der allgemein empfundenen Trauer angemessenen Ausdruck zu verleihen? Die Wissenschaft spricht von „rhetorischer“ Dichtung. Was das meint, beschreibt zum Beispiel Urs Herzog folgendermaßen:

„Intellektuell aber ist barocke Lyrik vor allem auch als eine rhetorische: Rhetorik, rhetorische Redekunst, will wirken, will ein Publikum, ursprünglich ein gerichtlich-öffentliches, damit zu einem vorgefaßten Ziel ‚bewegen‘, daß sie auf den Verstand ebenso wie auf die Seele jeden möglichen Einfluß ausübt. Wobei das Seelische auf den Verstand, auf das schließlich zu bildende Urteil, bezogen ist, als solches immer funktional, nie um seiner selbst willen gesucht. Als eine Lehre und Technik bestimmter vorgegebener Gedanken- und Redefiguren ist Rhetorik der Sprache gegenüber rational eingestellt, zu ihr in einem Verhältnis technisch äußerlichen Verfügens. Ihr ist Sprache Sprachmaterial. Athanasius Kirchers Idee einer ‚Metaphernmaschine‘ ist, so sehr sie heute phantastisch anmutet, ihrer Zeit gemäß und gehört in diesen Zusammenhang. Wo Rhetorik gilt, wird Sprache nach allgemein gültigen Regeln, gleichsam ohne Ansehen der Person gehandhabt. Jedes Persönliche ist zwar nicht ausgemerzt, aber doch hinter dem öffentlich Verbindlichen verschwindend. Wer immer rhetorisch spricht, bedient sich — auch als Dichter, auch im Gedicht — öffentlich geregelter Gedanken- und Sprachfiguren: überlegt sich deren zweckmäßige Anordnung (dispositio) und deren Ausführung im sprachlichen Detail (elocutio). Gefühle und Stimmungen in einer spontanen, einer im Staigerschen Sinne lyrischen Sprachgeste unmittelbar ausdrücken zu wollen, liegt ihm völlig fern. So bedeutet rhetorisch zu reden und rhetorisch zu dichten, auch von Gefühlen, von Liebe wie von Trauer, kunstvoll zu reden; bedeutet, was Günther nicht mehr leichtfallen wird – auch ‚künstlich zu weinen‘. […]

Vanitas, Vergänglichkeit ist das Kennwort der Epoche. Während der barocke Absolutismus für die Ewigkeit sich einzurichten anschickt, ist alles verstört von der jähen Flucht der Zeit. […] Wenn barockes Lebensgefühl irgend zu bestimmen wäre, dann am ehesten als eine Erfahrung der Zeit, des Vergänglichen, Transitorischen und Nichtigen aller Erscheinung in de Zeit, wie sie in dieser obsessiven Form kein anderes Jahrhundert gemacht hat. Aber auch und eben davon, von diesem stärksten Erlebnis, wird anders als rhetorisch gebrochen nicht geredet. Das Erlebnis erscheint reflektiert und anders nicht. […]

Als Vers ist der auf Spruch und Widerspruch angelegte ‚zweischenklichte‘ Alexandriner der Favorit der Zeit, als Gedichtformen sind es das Epigramm und das Sonett […] Für das Epigramm, den Zwei- und Vierzeiler […] spricht die Kürze, die brevitas der Form als äußerste Zucht des Denkens zur Quintessenz letzter Sätze (paradoxer ‚Gegensätze‘).

Das Sonett empfiehlt sich mit seinem Aufbau, der in barocker Theorie und Praxis für eine dialektisch-logische Argumentation als geradezu ideal geeignet angesehen wird. […] Das Sonett ist eine derart genuin barocke Gedichtform, dass es nur folgerichtig erscheint, wenn es mit dem Ende der Epoche um 1700 fast plötzlich außer Kurs gerät.“

Urs Herzog: Deutsche Barocklyrik. Eine Einführung. München: Beck 1979, S. 94; 100; 104–105)

Aufgaben:

  • Arbeiten Sie die wesentlichen Merkmale barocker Dichtkunst heraus! Verweisen Sie bei Zitaten auf die entsprechenden Zeilen!
  • Woran lässt sich erkennen, dass rhetorische und lyrische Lyrik einander widersprechen?
  • Welche der im Unterricht besprochenen Gedichte könnten als Beleg für Herzogs Erkenntnisse dienen?