Die Sprache, die Tier und Mensch miteinander verbindet

Herder, Sprachursprung
Die Gliederung verdanke ich Tilman Borsche: „Natur-Sprache. Herder – Humboldt – Nietzsche“, in: T. Borsche/F. Gerratana/A. Venturelli (Hg.): ‚Centauren-Geburten‘. Wissenschaft, Kunst und Philosophie beim jungen Nietzsche, Berlin/New York: de Gruyter 1994, 122.

Die Einleitung der Preisschrift „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“

Was Tier und Mensch miteinander verbindet im Hinblick auf die Sprache, das meinte Johann Gottfried Herder aufgefunden zu haben unter den Kleinsten unter ihnen, den Bienen und Spinnen, deren reiches Wesen er an ihren weise gebauten Wabenzellen und ihren Netzen erkennt. Die Einheit der Natur – immer wieder hatte er sie auf Sätze gebracht, in einer Philosophie der Sprache, einer Philosophie des Verstehens (Hermeneutik), einer Philosophie der Übersetzung. Die Sprache ist unabdingbar, ob sie als direkter Austausch zwischen Individuum und Individuum oder als Mitteilung über einen Sachverhalt verstanden wird: Am Beispiel der ausgestorbenen Sprache, die als schriftliches Zeugnis zur Hand ist, oder des von seinem Volk verlassenen Bienenstocks wird deutlich, dass sowohl der Mensch als auch das Tier dazu fähig sind, Signale zu senden und zu empfangen. Die Welt der Dinge tritt dem Menschen, der sich in der Mitte des Universums wähnt, mittels Ausdruck und Signal sprachlich gegenüber. Genauso verhält es sich beim Tier, nur dass es, sagt Herder, auf besondere Bereiche der Natur fixiert ist.

Sprache wie auf einer Insel

Um die Spielarten dessen, was Sprache ist, zu reduzieren, beginnt Herder in der Preisschrift mit der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier. Auf eine „wüste“ Insel versetzt er im Gedankenspiel sowohl Mensch als auch Tier am Beispiel des Bogenschützen Philoktet (Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, hrsg. von Hans Dietrich Irmscher. Stuttgart: Reclam Verlag 2001, S. 5). Der hegte jahrelang Groll gegen Odysseus, weil dieser angeregt hatte, den nach einem Schlangenbiss an einer eiternden Ferse leidenden Helden auf der Insel Chryse zurückzulassen, damit die Flotte ungehindert nach Troja weitersegeln konnte. Nur sein herrlicher Bogen erhält ihn am Leben. Sonst ist er Tier, leidet wie ein Tier. Darin erkennt Herder das Gemeinsame. Der Mensch ist vom Wesen her das leidende Tier, das „freier atmet“, wenn es dem Schmerz Ausdruck verschafft (ebd.).

Laut der Einleitung der Preisschrift lässt sich festhalten: Der des Ausdrucks seines Schmerzes bedürftige Mensch hat die Sprache als Sprache der Empfindung erfunden. Er wird als der Erfinder der Sprache von seiner natürlichen Abstammung her betrachtet, das heißt, er ist damit nicht in einer zweiten (theoretischen) Welt beheimatet. Hinsichtlich der Einleitung der Sprachursprungsfrage lässt sich der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht begründen.

Spinnennetz Sprache

Es gibt bestimmte Eigenschaften der Sprache, die uns veranlassen, sie „Menschensprache“ zu nennen. Aber was wir daran „menschlich“ nennen, sind nicht die Eigenschaften selbst, sondern deren Träger. Es gibt aber Menschen, die über diese Eigenschaften nicht verfügen, wie Philoktet beispielsweise auf der Insel, der sein Leben als monologisches Leben fortspinnen musste, nachdem die Flotte in Richtung Troja abgelegt hatte. Wenn der ausgesetzte Mensch, mehr ein Kind der Natur als ein „Kind der Vernunft und Gesellschaft“ (ebd. S. 9), seinen einsamen Gefühlen Ausdruck verschafft, könnte es scheinen, als ob die Gesetze der Menschensprache in ihm verloren gingen. Ein Mensch, der ohne Gesellschaft auskommt – müsste er also nicht, was die Sprache betrifft, als ein unbeschriebenes Blatt angesehen werden? Das ist der Gedanke an die tabula rasa, der letztlich auf John Locke zurückgeht. Wie kommt der Mensch, der monologisch an der Sprache seiner Empfindungen fortspinnt, zur Menschensprache?

Sprache der Empfindung und der Rührung

Dieses Problem konzentriert sich in der Preisschrift zunächst auf die Frage, ob Reste der Tiersprache in der Menschensprache erhalten geblieben seien. Die Tiersprache erstreckt sich Herder zufolge auf die Sprache der Empfindung und der Rührung. Eine derartige Aufteilung ist von unten nach oben angeordnet. Sie ist gradueller Art, d. h. die Reste der Natursprache sind, nach Gattung und Art der Sinnenwesen unterschieden, erhalten. Auch wenn der Begriff der Natursprache verschwommen und unbestimmt ist – Sprache entwickle sich, so Herder, stufenweise über den Laut, als Gegensatz zu toten Buchstaben musikalisch, mehr für das Ohr als für das Auge vernehmbar: „Als gemalte Buchstaben sind [die Laute], so bequem und einartig sie der lange Schriftgebrauch gemacht habe, immer nur Schatten!“ (ebd. S. 12).

Aufgaben:

Herder nennt seine Schrift „Abhandlung“. Prüfen Sie mithilfe der folgenden Erläuterungen, ob es sich eher um eine wissenschaftliche oder eine essayistische Abhandlung handelt.

Untersuchen Sie die Bilder (Insel, Luft, Saiten, Hand), die der Autor in der Einleitung der Preisschrift verwendet. Aus welchen Bereichen stammen diese Bilder, wie sind sie konnotiert, welche Diskurse werden aufgegriffen?

Welche Eigenschaften kommen laut Herder der Natursprache zu?

Wie argumentiert Herder gegen die These des göttlichen Sprachursprungs?

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