Sprache

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Halte mich in deinem Dienst
lebenslang
in dir will ich atmen

Ich dürste nach dir
trinke dich Wort für Wort
mein Quell

Dein zorniges Funkeln
Winterwort

Fliederfein
blühst du in mir
Frühlingswort

Ich folge dir
bis in den Schlaf
buchstabiere deine Träume

Wir verstehen uns aufs Wort
Wir lieben einander

Rose Ausländer

Der Mensch ist ohne die Sprache lebensunfähig. Sie befreit ihn von dem Zwang, rein instinktiv zu handeln. Bei ihr ist allerdings nichts im Gleichgewicht. Sie ist kein Wassertropfen, bei dem sich alles gleichmäßig verteilt. Sie ist kein kunstreiches Spinnennetz. Manche Dichter sahen sich deshalb zum Schweigen verurteilt. Sie sahen die Sprache durchzogen von Defekten, die wiederum sprachlich zu kompensieren wären. Ad absurdum, klagt Hugo von Hofmannsthal, sei die Sprache verkommen. Heute stellt sich die Frage neu: Was nutzt die Sprache, wenn sie die Kultur verhöhnt, wenn sie die Wahrheit verfälscht, wenn mit ihrer Hilfe alle möglichen Teufeleien betrieben werden können?

Dichtung ist, wenn man trotzdem schreibt. Das gilt auch für Rose Ausländer. Sie tritt aus den unmenschlichsten Erfahrungen heraus und lässt sich ihre Freiheit, zu dichten, nicht nehmen.

Arbeitsanregungen:

  1. Informieren Sie sich über das Leben der Rose Ausländer.
  2. Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht.

Sprache als Ausdruck von Weltansicht

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Wilhelm von Humboldt

Die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Denken erschließt überall neue Fragen. So kann die Objektivität der Sprache, der Sprache einer Nation zum Beispiel, im Unterschied zur Subjektivität der Reflexion herausgestellt werden. Sprache bedeutet dann, dass der Sprecher sich in der Einheit und Allheit der ihn umgebenden Nationalsprache „einspinnt“ (Wilhelm von Humboldt) – und damit seine Individualität preisgibt. Die Nationalsprache erstreckt sich nämlich auf alles, was die intellektuelle Tätigkeit angeht. Die Nationalsprache, um einen Ausdruck der EDV zu verwenden, „formatiert“ das Denken. Andererseits ist die Sprache ohne Subjektivität kaum vorstellbar.

Die Frage, wie es um die Relativität von Sprache und Denken bestellt ist, beantwortet Wilhelm von Humboldt in Anlehnung an Herder. Der vorliegende Text ist der sprachphilosophischen Abhandlung „Von der Natur der Sprache und ihrer Beziehung auf den Menschen im Allgemeinen“ entnommen. Die Abhandlung ist 1836 erschienen.

Im Brennpunkt des vorliegenden Textauszugs stehen die Begriffe Sprache, Denken, Artikulation und Nationalsprache.

Im Einzelnen liegt die folgende Gliederung zugrunde:

Z. 1–3: Begriffsbestimmung der Sprache,
Z. 4–19: Wechselseitigkeit von Sprache und Denken,
Z. 20–30: Artikulation als Werkzeug des Geistes,
Z. 31–39: Nationalsprache und Weltansicht.

„Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken“ (Z. 1). Eine Metapher ist der Ausdruck „Organ“ durchaus nicht. Denn die Sprache wäre flüchtig wie das Denken, würde sie nicht körperlich mithilfe der Artikulation. Noch größere Körperlichkeit ist mit dem Schriftkörper verbunden: „Die intellectuelle Thätigkeit […] erhält durch die Schrift einen bleibenden Körper“ (Z. 1–3). Diese Begriffsbestimmung der Sprache am Anfang des vorliegenden Textauszugs ist genetisch zu verstehen. Das heißt: der Empfänger muss, um einen sprachlichen Laut, ein schriftliches Zeugnis zu verstehen, immer fragen, für welche intellektuelle Tätigkeit diese denn Ausdruck sind.

Die Sprache ist dem Autor zufolge mit dem Denken nicht nur in einer Richtung verbunden. Einerseits bestehe ihr Zweck darin, das vom Denken Erkannte mitzuteilen. Andererseits erschließe die Sprache dem Denken auch Unerkanntes, indem sie „selbstständig, bestimmend und beschränkend“ (Z. 18–19) auf den Geist zurückwirkt. Die „intellectuelle Thätigkeit“ (Z. 9) hängt also von der Sprache ab, kann ohne die eigentlich ihrer Subjektivität entgegenstehende Objektivität der Sprache nicht fruchtbar werden. Die Ansicht, dass Denken und Sprache sich wechselseitig bedingen, wird am Schluss des vorliegenden Textauszugs am Beispiel der „Erlernung einer fremden Sprache“ (Z. 35) anschaulich dargestellt.

Im Folgenden wird das eingangs als organisch beschriebene Wesen der Sprache anhand der Artikulation behandelt. Damit soll der „Schlussstein“ (Z. 21) der „innigen Verbindung“ (Z. 21–22) zwischen Denken und Sprache aufgefunden werden, der „Hebel“ (Z. 21), ohne den Kommunikation nicht zustande käme. Humboldt zufolge ist die Artikulation eben deshalb unersetzbar, weil die inneren Worte (geistige Substanzen) nur durch körperliche Kraftanstrengung (Energie) als Schall nach außen dringen. Der Wert der Artikulation bestehe darin, dass sie, um das wirkende Wort zu erschaffen, nicht nur Geräusche hervorbringt, sondern gegliederte, dem Willen unterworfene Formen (vgl. Z. 24–26).

Die Sprache des vorliegenden Textauszugs ist durchdrungen von dem Willen zur Synthesis (Z. 30: „Unendlichkeit“). Die bildende Funktion der Sprache soll sich im Zusammenhang dieses Textes offenbar nicht darauf beschränken, den Begriff der Sprache durch die wissenschaftliche Analyse in Einzelteile zu zerschlagen. Vielmehr muss Humboldt im Bereich der Begriffe und der Syntax, im Bereich der Bilder und des Klangs nachweisen, dass die Sprache das Werkzeug eines umfassenden, synthetischen Geistes ist. Der Satzbau ist daher abwechslungsreich, hypotaktisch, die Metaphern gefühlsbeladen: „Das Denken ist […] eine Sehnsucht aus dem Dunkel nach dem Licht, aus der Beschränkung nach der Unendlichkeit“ (Z. 27–30). Die organische Verbindung von Denken und Sprache wird anschaulich in der Metapher des Schlusssteins (vgl. Z. 20), welcher mit den gewaltigen Kuppelbauten von Kirchen assoziiert werden kann. Auch die Metapher des Hebels (vgl. Z. 21) liegt im Bereich der Baukunst. So enthält der Text den für Humboldt zentralen Aspekt, dass die Sprache das Werkzeug (Z. 1: „Organ“) des Gedankens sei, gewissermaßen doppelt: auf begrifflicher und auf bildlicher Ebene.

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie den vorliegenden Sachtext. Achten Sie dabei insbesondere darauf, wie der Autor das Verhältnis von Sprache und Denken einerseits und von Sprache und Weltansicht andererseits darstellt.
    1. Sprache und Wahrheit

      Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn

      Nietzsche hat einen hohen Begriff von der Sprache. Trotzdem ist er der Ansicht, dass sie im Hinblick auf die „wirkliche“ Welt versagt. Wer meint, dass die Dinge um uns in der Sprache gespiegelt werden, irrt. Selbst in einer idealen Sprache ließen sich die Beziehungen der Mitglieder einer Wortfamilie untereinander klären (z. B. ziehen, Anzug, Erzieher, Zucht), die Beziehung eines Nomens (z. B. Baum) zu seinem Geschlecht (Maskulinum: der Baum) feststellen, jedoch niemals eine angemessene Beziehung zu der Welt außerhalb der Sprache herstellen.

      Nur durch Vergeßlichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine „Wahrheit“ in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewißheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns „hart“ noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewißheit! Wir reden von einer „Schlange“: die Bezeichnung trifft nichts als das Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der, bald jener Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen, nebeneinander gestellt, zeigen, daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen. Das „Ding an sich“ (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfaßlich und ganz und gar nicht erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hilfe. Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andre und neue. […] Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material, worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge.

      Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn (1873)

      Die Sprache als Grenze der Welt

      Sprache des Kalküls vs.
      Sprache der Evidenz

      Die Sprache schiebt der Natur den Riegel vor – dieser Gedanke zeigt sich bei Wittgenstein, aber auch im Brief des Lord Chandos (Hofmannsthal).

      Die Sprache ist, da sie nur in Begriffen zu scharfer Bestimmtheit gelangt, an die Logik gebunden. In der Metasprache werden die Regeln für diese Logik festgelegt. Der Sinn oder die Wahrheit sprachlicher Äußerungen erweist sich, abhängig von der Metasprache, also im Sinnzusammenhang logischer semantischer und syntaktischer Regeln. Diese vom frühen Wittgenstein (Tractatus logico-philosophicus) und im „Brief“ des Lord Chandos kritisch dargestellte Sprache ist eben nicht die Sprache der Evidenz, in der etwas aufblitzt, in der uns etwas als „bedeutsam“ entgegentritt – ein „Haus“, ein „Ring“, eine „Muräne“ (vgl. Crassus-Anekdote, in: Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief) –, sondern die Sprache des logischen Kalküls. Der Sprache des Kalküls zufolge ist, abhängig von der Metasprache, immer schon festgelegt, was der Fall ist und was nicht der Fall ist, was der Fall sein kann und was nicht der Fall sein kann – insofern bedeuten die Grenzen meiner Sprache „die Grenzen meiner Welt“ (Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus 5.6).

      Dieser (konventionellen) Sprache der Logik tritt die Sprache der Evidenz gegenüber. Bedeutung (meaning) ist in dieser Sprache nicht im Sinne der Regeln, sondern im Sinne von „Bedeutsamkeit“ zu verstehen. Sie, die gewissermaßen „mystische“ Sprache (Wittgenstein), ist wie Lesen in den Eingeweiden und in den Vögeln des Himmels (Augurensprache), sie ist „eine Art fieberisches Denken, aber Denken in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte“. Sie ist die bei Hofmannsthal emphatisch angekündigte neue Sprache.

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      © Gerold Paul

      Arbeitsanregung:

      • Ergänzen Sie das Schaubild. Beziehen Sie sich dabei auf die Darstellung der Sprache in Hugo von Hofmannsthals „Brief“.

      Hofmannsthal: Ein Brief

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      © Gerold Paul

      Immer wieder ist die Frage nach der Intention des 1902 veröffentlichten, Epoche machenden „Briefs“ Hugo von Hofmannthals gestellt worden. Ist es die Frage nach dem eigenen Weg? Ist es eine Studie über die Biographie des österreichischen Dichters selbst, der sich ähnlich wie der fiktive Verfasser des berühmten „Briefes“ für eine geraume Zeit in einer Entwicklungskrise befunden hat? Das ist nicht auszuschließen, wenn dabei nicht „die kategoriale Verschiedenheit von Biografie und Dichtung“ (Szondi 1978: 266) übersehen wird.

      Mag der „Brief“ auch schwierig erscheinen, so bietet er doch genügend Anregungen, ihn kritisch zu diskutieren. Lord Chandos macht der Sprache den Prozess; er redet allerdings dermaßen eloquent von ihrem Sterben, dass Zweifel daran aufkommen, ob er sie tatsächlich erledigen will oder erledigen kann.

      Arbeitsanregungen:

      • Versuchen Sie den Ihrer Meinung nach passenden Interpretationsansatz für Hofmannsthals Text zu bestimmen.
      • Wählen Sie Aspekte aus, die die verschiedenen Interpretationsansätze stützen. Ergänzen Sie die Grafik.
      • Diskutieren Sie Ihre Interpretation im Kurs. Formulieren Sie dafür geeignete Fragen und Argumente.


      Zitierte Literatur:

      Peter Szondi: Intention und Gehalt. Hofmannsthal ad se ipsum, in: Schriften II. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a. M. 1978, 266–272.

      Nosce te ipsum

      Dreißig Jahre nach der schwierigen Korrespondenz mit dem Lordkanzler Francis Bacon lebte Lord Chandos noch. Wie lange nachher, weiß man nicht. Im Alter soll er nicht mehr so einsam gewesen sein. Manche haben ihn in der Kirche gesehen, schlank wie in der Jugend, das Gebetbuch zwischen den faltigen Händen.

       

      Wappen des Earl of Bath (2. Verleihung)

      Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief

      Lösungen darf man im Brief des Lord Chandos nicht suchen. Immer wieder richtet sich der Blick dieser historisch kaum fassbaren Lordschaft auf das, was er als seine Entwicklung erkannt hat. Er versucht den Stellenwert einzelner Werke zu bestimmen. Wessen Werke sind es? Hat er sich nicht längst abgelöst von den Ideen, die ihn als 23-jährigen beherrscht haben? Ein Entwurf der Jugend behandelt die Chronologie der frühen Regierungsjahre Heinrich VIII., ein anderes, unvollendetes Werk besteht in einer Sammlung von Sinnsprüchen, Festen und Bräuchen und soll den Titel „Nosce te ipsum“ (Erkenne dich selbst!) tragen.
       
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      Immer wieder ist die Frage nach der Intention des 1902 veröffentlichten, Epoche machenden „Briefs“ Hugo von Hofmannthals gestellt worden. Ist es die Frage nach dem eigenen Weg? Ist es eine Studie über die Biographie des österreichischen Dichters selbst, der sich ähnlich wie der fiktive Verfasser des berühmten „Briefes“ um 1900 in einer tiefen Schreibkrise befunden hat? Das ist nicht auszuschließen, wenn dabei nicht „die kategoriale Verschiedenheit von Biografie und Dichtung“ (Szondi 1978: 266) übersehen wird.

      Zitierte Literatur:

      Peter Szondi: Intention und Gehalt. Hofmannsthal ad se ipsum, in: Schriften II. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1978. 

      Arbeitsanregungen:

      1. „Ein paar Worte über mich“ – beginnen Sie als Lord Chandos sich selber vorzustellen.
      2. Überlegen Sie sich einen Anlass für diese Selbstdarstellung, etwa die Bewerbung um ein politisches Amt.
      3. Wenn Ihnen diese Selbstdarstellung im Hinblick auf den von Hofmannsthal fingierten Lord nicht möglich erscheint, wegen der in dem berühmten „Brief“ beredt geschilderten Sprachnot Seiner Lordschaft, verfassen Sie ein Empfehlungsschreiben für ihn, das z. B. von Francis Bacon stammt.

       
      Weitere Beiträge:

      Die Pathologie der Ausdrucksformen

      Vom „Tod“ der Sprache

      Bei deiner Kuh

      Bei deiner Kuh
      hast du Fried’ und Ruh.

      Die Natur schiebt der Sprache den Riegel vor. Warum also sollte die Kuh die Sprache gegen die Sprache gebrauchen? 

       

      Von der Wende zur literarischen Moderne ist die Rede, seit die Sprache für die Literaten an Bedeutung verliert. Insbesondere Schriftsteller der Dekadenz wie Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) halten daran fest, dass die Sprache nichts mehr tauge. Für ihn will das heißen, dass sie auf ihre kommunikative Rolle eingeschränkt worden ist. Dass die Sprache „so abgegriffen wie schlechte Münzen [sei]“ (Hugo von Hofmannsthal, GW X 413 [Aufzeichnungen 1896]), will sagen, dass sie, wenigstens in den Augen Hofmannsthals, auf ihren bloßen Verkehrswert herabgesunken ist. Auch vom Tod der Sprache ist bei Hofmannsthal die Rede, fast so, als ob vom Tod Gottes die Rede wäre. Der „Brief“ des Lord Chandos, ein Schlüsseltext der literarischen Moderne, bringt dies überraschend sprachmächtig zum Ausdruck.

      Lebhafter Grenzverkehr

      Wie deutsch ist unsere Literatur?

      • Sachtextanalyse

      Die Frage nach der deutschen Literatur hat mit der Frage nach der deutschen Sprache viel gemeinsam. Denn die Analyse der Sprachentwicklung hat gezeigt, dass die deutsche Sprache als Mischsprache zu verstehen sei und nicht als Sprache eines einzelnen Stammes. Auch für die deutsche Literatur verhält es sich so, dass kaum etwas sich in gerader Linie fortgesetzt hat. Deutsche Literatur als Literatur deutscher Nation findet sich, genau genommen, erst seit dem Januar 1871. Deutsche Literatur als Literatur der Deutschen dagegen lässt sich im 13. Jahrhundert und davor, im religiösen Bereich vor allem, in karolingischer Zeit schon nachweisen. Jahrhundertelang entsteht die deutsche Literatur jedoch in einem Gebiet, das in mehr als 300 Einzelstaaten auseinander fällt. Es ist daher leicht verständlich und historisch gesehen richtig, der deutschen Literatur „lebhaften Grenzverkehr“ zu attestieren.

      In diesem Sinne argumentiert Ulrich Greiner in der vorliegenden Glosse über die Frage: Wie deutsch ist unsere Literatur? Ulrich Greiner sagt, dass die deutsche Literatur nicht einer einzelnen Nation zugeschlagen werden könne. Und er legt nahe, dass daher auch ein Luxemburger, der großartige Gedichte in deutscher Sprache schreibt, der deutschen Literatur zugerechnet werden dürfe. Die Glosse ist 2006 in der 51. Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter der Überschrift „Lebhafter Grenzverkehr – Wie deutsch ist unsere Literatur?“ erschienen.

      Gliederung
      Die Zeilennummerierung entspricht den Angaben im Oberstufenband (508–509).

      1. Schwierigkeiten bei der Anwendung des Begriffs „Deutsche Literatur“ (1–13)
      2. Der Begriff in weiter Auslegung (14–21)
      3. Deutsche Literatur außerhalb der Grenzen des deutschen Staates (22–46)
      4. Deutsche Literatur als grenzüberschreitendes Phänomen (47–62)
      5. „Deutsch“ im Sinne von: „zum Volke gehörig“ – ein kontaminierter Begriff (63–69).

      Der Begriff „Deutsche Literatur“ ist kein Tabu, doch mit Vorsicht zu gebrauchen. Die Folgen einer „unbedachte[n]“ (3) Verwendung des Begriffs sind leicht ersichtlich: Kränkung des Nationalgefühls und verständliche Empörung. Der Autor der vorliegenden Glosse führt dafür zwei prominente Beispiele an. So komme es vor, dass der österreichische Autor Peter Handke und der schweizerische Autor Max Frisch als „deutsche Schriftsteller“ bezeichnet würden. Greiner betont, dass „[k]aum etwas […] verständige Leser mehr auf die Palme […] bring[e]“ (1–6). Trotzdem gibt Greiner zu bedenken: „Frisch und Handke schreiben oder schrieben deutsch“ (12–13).

      Im Folgenden (14–21) gibt der Autor die Einschätzung des Schriftstellers Navid Kermani wieder. Vermutlich möchte Greiner sich auf eine in diesem Kontext unverdächtige Autorität berufen. Kermanis Herkunft von „iranische[n] Eltern“ (15) wird ausdrücklich hervorgehoben, als Indiz für seine Integrität.

      Arbeitsanregung:

      • Verfassen Sie eine vollständige Analyse.
      • Bestimmen Sie, welche Argumenttypen Greiner in dem vorliegenden Text verwendet.

      Argumenttypen

       

      Vom Ursprung der Sprache

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      1. Condillac

      Die Sprachursprungsfrage ist Sinnbild dafür, dass das Bewusstsein für die Totalität der Geschichte erwacht. Die dem Menschen immanente Geschichte, die Anschauung, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte habe, von der Wiege bis zur Bahre, ist damit zum Problem geworden. Es wäre interessant zu untersuchen, inwieweit die Sprachphilosophen der Aufklärung (Condillac, Süßmilch, Herder) sich dieses Problems bewusst waren. Das „Lexikon der Aufklärung“ hält fest:

      „Geschichtsphilosophie im modernen Sinne des Wortes, nämlich als systematische Theorie vom Wesen und Verlauf der Geschichte, ist ein Produkt der angeblich geschichtsfeindlichen Aufklärung; auch der Ausdruck Geschichtsphilosophie scheint erst im 18. Jahrhundert geprägt worden zu sein […] Streng genommen wurde Geschichtsphilosophie erst möglich, als (unter der biblischen Voraussetzung einer von Gott gelenkten Geschichte der Menschheit) die Idee einer Universalgeschichte mit verschiedenen Etappen und linearem Verlauf entwickelt und diese Geschichtstheologie dann in der frühen Neuzeit europazentriert säkularisiert wurde.“ (Schneiders, Werner: Lexikon der Aufklärung. München 2001, 149).

      Étienne Bonnot de Condillac (* 30. September 1714; † 3. August 1780) beschreibt die Entwicklung der Sprache als geschichtlich fortschreitende Stufenfolge. Das Stufenmodell sieht vier Stadien vor.

      Groß ist nach Condillac’s Überzeugung der Abstand zwischen dem (tierischen) Naturzustand und dem ersten Stadium der Sprache. Sprache bildet sich aus, wenn der Einzelne mithilfe der Kommunikation sich im Anderen wiedererkennt, Gefühle mit Gesten und Gesten mit Gefühlen zu verbinden lernt. Der Einzelne, sich selbst überlassen, ist hilflos; er hat seine Verstandestätigkeiten, Condillac zufolge, „überhaupt nicht in der Gewalt“. Erst die Spiegelung im Anderen befähige ihn dazu, diese zu gebrauchen und die konfusen Eindrücke und Empfindungen voneinander zu scheiden.

      Sprache beginnt damit in der kleinstmöglichen Gesellschaftsform, in der Kommunikation zweier Kinder, die alles Tierische von sich abgelegt haben. Vermutlich liegt für Condillac darin auch das geistige Wesen der Geschichte.

      Die Wahrheit der Namen

      Das Besondere an der φύσει-Theorie ist die Annahme, dass die Dinge, die in der Welt vorkommen, und die Sprache einander entsprechen können. Es geht dabei um die Richtigkeit der Sprache bzw. Namen, die Zuordnung der Namen zu den bezeichneten Dingen kann, so lautet die Annahme, natürlich motiviert sein. Dies beweise die Etymologie gewisser Wörter, was aus den folgenden Beispielen hervorgeht.

      1.
      Name bzw. Bezeichnung:
      Mama < frz. maman vgl. lat. mamma (Mutterbrust; Amme), griech. μάμμη Lallwort der Kindersprache Bedeutung bzw. Vorstellungsgehalt „Essen“ 2. Name bzw. Bezeichnung: Feuer < ahd. fiur vgl. lat. purus (rein), griech. πῦρ Bedeutung bzw. Vorstellungsgehalt „Etwas von reinigender Kraft“ Im ersten Fall ist der Bezug zur außersprachlichen Wirklichkeit klarer ersichtlich als im zweiten. Zugleich tritt die Problematik solcher Zuordnungen klar zutage: Denn die Bedeutung (σημεῖον, semeion) hängt wohl nicht von der materiellen Lautfolge ab, aus der der Name (ὄνομα, onoma) sich zusammensetzt.