Kafka verständlich machen

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„Der Proceß“ in psychologisierender Auslegung

Das Altern der Texte hat zur Folge, dass Missverständnisse, Unklarheiten möglich sind. Unverständliches verständlich zu machen, darin liegt die Aufgabe der Interpretation – besonders schwierig erscheint die Aufgabe im Falle Kafkas.

Neben die unzähligen Interpretationen des Romans „Der Proceß“ ist auch die psychologisierende Auslegung getreten. Sie legt dem Text insofern eine neue Bedeutung unter, indem sie psychologisches Wissen heranzieht, welches bei der Entstehung des Textes buchstäblich nicht vorhanden gewesen ist. Kafkas Text ist oberflächlich gesehen von Sigmund Freuds Gedanken bestimmt, wie Kafka selbst es stets betont hat; Einzelheiten aber und maßgebliche Begriffe, welche Freud und seine Schüler seit 1920 verwendet haben, können Kafka noch nicht bekannt gewesen sein.

Trotz der Tendenz, den Text zu aktualisieren, ist die psychologisierende Auslegung gerechtfertigt. Einen Text psychologisch, soziologisch, theologisch, historisch-kritisch usw. zu verstehen, heißt folglich, ihm die Autonomie zuzubilligen, in Beziehung zu sämtlichen Lebensbereichen zu stehen.

Arbeitsanregungen:

Ein so schwächlicher Charakter wie der Josef K.‘s ist Ihnen vermutlich selten begegnet. Versuchen Sie die Figur mit psychoanalytischen Begriffen zu beschreiben, z. B.:z

    Josef K. stellt einen asthenischen Charaktertyp dar.
    Josef K. ist auf geradezu masochistische Weise bereit, sich Autoritäten zu unterwerfen.
    Josef K. entwickelt keine wirksame Strategie, sein übermächtiges Schamgefühl loszuwerden, usw.

Gehen Sie in gleicher Weise bei der theologisierenden Auslegung vor, z. B.:

    Josef K. hat ein übermächtiges Gewissen.
    Josef K. meint von Beginn an sich vor Gott dem Richter verantworten zu müssen („Nur unser Zeitbegriff lässt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht“), usw.

Sammeln Sie aussagekräftige Textbelege.

Vater und Sohn

Gabriele Wohmann: „Denk immer an heut nachmittag“ (1968)

Die Kurzgeschichte „Denk immer an heut nachmittag“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahr 1968 schildert die Schwierigkeiten eines Vaters, mit seinem Sohn zu kommunizieren, nachdem die Ehefrau und Mutter verstorben ist.

Das zu Grunde liegende Geschehen lässt sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen: Ein Mann, der vor Kurzem seine Frau verloren hat, muss seinen Sohn in einer Internatsschule unterbringen. Auf dem Weg zur Einschulung versucht der Vater den Sohn mit allerlei gut gemeinten Ratschlägen aufzuheitern, die aber sämtlich fehlschlagen. Die Situation lässt sich nach vier Aspekten gliedern:

  • die Bahnfahrt;
  • das Gespräch über den Jungen, der die Bahn mit dem Fahrrad verfolgt;
  • die Ankunft vor der Schule;
  • der Blick auf das Ballspiel der Schüler.

Der Text weist die typischen Merkmale einer Kurzgeschichte auf: die Kürze des Textes, der fingierte Realitätsbezug („Medias in res!“), die Anonymität der dargestellten Figuren, die Beschränkung auf wenige Figuren, die konfliktreiche Beziehung zwischen den Figuren, die kurze Erzählerdistanz, die nicht-auktoriale Erzählperspektive und die Situationszentrierung. Es handelt sich um eine Geschichte ohne erkennbaren Höhepunkt: Der Fokus liegt auf der Darstellung der traurigen Lage, in der sich Vater und Sohn nach dem Tod der Mutter bzw. Frau befinden. Der Vater versucht die Lage schön zu reden, der Sohn reagiert in sich gekehrt und mit Tränen.

Der Beziehungsaspekt hat in der Kommunikation deutlich mehr Gewicht als der Inhaltsaspekt, was sich z. B. an der Äußerung „Ach du Langweiler“ (Z. 42–43) nachweisen lässt, zeigt sie doch, dass der Vater durchaus fähig ist, die Trauer seines Sohnes über den Tod der Mutter richtig einzuschätzen, wobei es ihm aber nicht gelingt, für sein Mitgefühl die angemessenen Worte zu finden. Der Vater redet vielmehr wie ein Unterhaltungskünstler, der aus jeder schlechten Lage noch das Beste zu machen versteht.

Das Gespräch scheitert u. a. daran, dass der Vater das Gespräch von Beginn an dominiert. Er dominiert das Gespräch in einem Maße, das im Sinne Watzlawicks von asymmetrischer bzw. komplementärer Kommunikation gesprochen werden kann.

Die Analyse mithilfe des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun führt prinzipiell zu ähnlichen Ergebnissen. Sie zeigt im Übrigen, dass die Selbstkundgabe des Vaters folgendermaßen lauten könnte: Ich verstehe deine Lage. Ich möchte, dass du heil aus dieser Situation herauskommst. Ich meine, dass du einen Freund brauchst. Auf der Appellseite überwiegen Botschaften wie: Sei stark! Sei ein Mann! Halte dich tapfer! Aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl versucht der Vater die Situation mit überdrehten, teilweise auch ins Ernsthafte schwenkenden – und daher komisch wirkenden – Ratschlägen zu retten.

Die wenigen Äußerungen des Sohnes, seine Tränen als nonverbale Mitteilung könnten folgendermaßen interpretiert werden: Ich bin traurig; ich fühle mich einsam; ich habe Angst vor der Zukunft – und schließlich: Ich verstehe, dass auch du unter Mutters Tod leiden könntest.

Die Situation wird konsequent aus der Sicht des Jungen, in Form des personalen Er-Erzählers, erzählt. Die Erzähldistanz ist kurz, die Gegenstände (Handschuhe, Messingstange usw.) werden aus kurzer Distanz betrachtet. Diese Erzählweise ist der Situation des Kindes angepasst: Der Junge wird gewissermaßen von der belastenden Situation „erdrückt“.

Ekel. Vanitas mundi

An eine Geschminckte

Was ist an Euch/ das Ihr Ewr eigen möget nennen?
Die Zähne sind durch Kunst in leeren Mund gebracht;
Euch hat der Schmincke dunst das Antlitz schön gemacht/
Daß Ihr tragt frembdes Haar/ kan leicht ein jeder kennen/

Vnnd daß Ewr Wangen von gezwungner Röte brennen/
Ist allen offenbahr/ deß Halses falsche Pracht/
Vnd die polirte Stirn wird billich außgelacht,
Wenn man die salben sich schawt vmb die Runtzeln trennen.

Wenn diß von aussen ist/ was mag wol in Euch sein/
Alß List vnd Trügerey/ Ich bild mir sicher ein/
Daß vnter einem Haupt/ das sich so falsch gezieret/

Auch ein falsch Hertze steh/ voll schnöder heucheley.
Sambt eim geschminckten Sin vnd Gleißnerey darbey/
Durch welche (wer Euch trawt) wird jammerlich verführet.

Andreas Gryphius, 1637

Das vorliegende Gedicht von Andreas Gryphius mit den Titel „An eine Geschminckte“ scheint oberflächlich betrachtet der petrarkistischen Sonettdichtung verpflichtet.

Das Gedicht ist im Jahr 1637 erschienen. Die Zeit ist von Widersprüchen geprägt: Dichter überbieten sich gegenseitig in dem Versuch, vollkommene Schönheit zu preisen. Zugleich wird an den Tod gemahnt. Jahrzehnte des Elends liegen hinter den Deutschen. Der Dreißigjährige Krieg bringt unsägliches Leid über die Menschen. Die Vanitas-Dichtung des Barock hält fest, dass der Mensch sterblich ist.

Vanitas-Motive bilden auch den Inhalt dieses Textes:
Eine ältere Frau versucht ihre Schönheitsmängel unter üppig aufgetragener Schminke zu verbergen. Der Sprecher brandmarkt ihre Gefallsucht als Laster. Sein beißender Spott wirkt irritierend.
So muss sich der Leser die Frage stellen, warum der Sprecher die dargestellte Frau der Lächerlichkeit preisgibt, warum er sie in beleidigender Form herabsetzt. Offenbar ist der Spott des Sprechers religiös-moralisch motiviert.

Der Text ist in der im Barock so beliebten Sonettform verfasst. Das Sonett ist laut barocker Vorstellung besonders dafür geeignet, gegensätzliche Gedanken zum Ausdruck zu bringen.

Das für Sonette vorgesehene Reimschema wird eingehalten: Den umarmenden Reimen in den Quartetten (abba, abba) folgen Schweifreime in den Terzetten (ccd, eed).

Als Versmaß hat der Dichter den Alexandriner gewählt, an den Schnittstellen, den Zäsuren, stehen in betonter Stellung bedeutungsschwere Wörter wie „Kunst“ (V. 2), „dunst“ (V. 3), „Trügerey“ (V. 10), „geschminkte[r] sin“ (V. 13). Der Jambus ist regelmäßig gebaut, Wort- und Versakzent fallen bis auf eine Ausnahme (V. 13: „Wenn man die salben sich schawt“) zusammen.

Gegenstand der Quartette ist das geschminkte Gesicht einer älteren Frau. Körperliche Mängel werden bloßgestellt: Die Dame trägt Perücke und falsche Zähne.

Die Terzette des Sonetts sind dem „Inneren“ des angesprochenen Du gewidmet. Sie handeln von der Verführungskunst, der Eitelkeit der dargestellten Dame.

Die Grundaussage des Sonetts wird an der rhetorisch zugespitzten Eingangsfrage deutlich: Alles ist falsch an dieser Dame, suggeriert diese Frage, oder anders gewendet: Ich empfinde Abscheu und Ekel vor dieser Frau.

Den Mängeln des Körpers entsprechen die geistigen Mängel.

Besonderes Gewicht hat die Akkumulation, ein typisches Kennzeichen petrarkistischer Sonettdichtung. Wie es für das Schönheitslob üblich ist, wird die Schönheit der angesprochenen Frau „inventarisiert“, „katalogisiert“, ihr Gesicht wird in allen Einzelheiten dargelegt, um das Lob, in diesem Fall jedoch die schonungslose Herabsetzung der dargestellten Schönen zu steigern.

Die Angriffslust des Sprechers findet in treffend formulierten Reimwörtern ihre Entsprechung: So wird des Körpers „Pracht“ „außgelacht“ (V. 6–7), das bedeutungsvolle Wort „Kunst“ reimt sich auf „dunst“ (V. 2–3).

Der in diesem Gedicht ausgesprochene Ekel besitzt eine moralische Kehrseite, denn indirekt preist der Sprecher die Vorzüge der so genannten „inneren Schönheit“.

Gemessen am Schönheitslob der im Unterricht besprochenen Gedichte tritt die Besonderheit des vorliegenden Gedichts deutlich hervor: Nirgends findet sich ein Ausdruck des Gefallens, geschweige denn ein Kompliment. Der Sprecher zeigt sich kämpferisch, unversöhnlich.

Allegorisch betrachtet versteht sich der Text als Kritik an der Eitelkeit der Welt. Das heißt, der Leser wird eigentlich darum gebeten, die dargestellte Frau als Bild der Welt zu deuten.

Nicht mehr leben können

Joseph von Eichendorff:
Das zerbrochene Ringlein (1837)

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blutge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wärs auf einmal still!

Im vorliegenden Gedicht von Eichendorff beklagt das lyrische Ich den Verlust seiner Liebsten. Da ihm das Leben ohne Liebe sinnlos erscheint, denkt das lyrische Ich, zerrissen und voller Sehnsucht, über andere Lebensformen nach: Dabei treten ihm das Leben eines fahrenden Musikers und das eines Soldaten als Möglichkeit vor Augen. Zugleich erkennt das lyrische Ich seine innere Zerrissenheit. In dieser Stimmung bedenkt es die Möglichkeit des Todes.

Eichendorffs Gedicht ist ein typisches Gedicht der Romantik. Sehnsucht, Leidenschaft und zugleich das Gefühl der Ausweglosigkeit, Nicht-mehr-ein-noch-aus-zu-wissen – das Gedicht ruft Stimmungen hervor, die sich zu einer über diesen Einzelfall hinausgehenden Melancholie verdichten.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Volksliedstrophe gestaltet. Es gliedert sich in fünf Quartette. Die Verse sind jambisch aufgebaut, weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Durch den Kreuzreim werden die Verse eng miteinander verbunden. An einer Stelle kommt ein unreiner Reim vor (V. 1/3), an einer anderen Stelle ist das Reimschema unterbrochen (V. 17/19).

1. Quartett:
Das lyrische Ich ruft sich eine ehemalige Liebe in Erinnerung.

2. Quartett:
Die Treue, die Ausdruck in einem Ring fand, ist gebrochen. Die Liebste hat ihn verlassen.

3. und 4. Quartett:
Das lyrische Ich erwägt zwei alternative Lebensformen: das Leben als Musiker und das Leben als Soldat.
Sehnsucht nach Ruhe stellt sich ein: Das lyrische Ich denkt dabei an die nächtlichen Feuer der Soldaten im Feld.

5. Quartett:
Unter dem Eindruck des Mühlrads verstärkt sich die Ratlosigkeit: In seiner Not sehnt sich das Ich nach Ruhe im Tod.

Von der ersten Zeile an weiß der Leser, dass es sich nicht um eine äußere, sondern um eine „Seelenlandschaft“ handelt. Das Gebrauch des Mühlenmotivs („Da geht ein Mühlenrad“, V. 2), bezeichnenderweise unter Verwendung des Pars pro toto („Mühlenrad“), unterstützt diesen Eindruck: Das Geschehen ist ganz in die Seele eines leidenden – „aufgewühlten“ – Subjekts verlagert.