Kafka verständlich machen

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„Der Proceß“ in psychologisierender Auslegung

Das Altern der Texte hat zur Folge, dass Missverständnisse, Unklarheiten möglich sind. Unverständliches verständlich zu machen, darin liegt die Aufgabe der Interpretation – besonders schwierig erscheint die Aufgabe im Falle Kafkas.

Neben die unzähligen Interpretationen des Romans „Der Proceß“ ist auch die psychologisierende Auslegung getreten. Sie legt dem Text insofern eine neue Bedeutung unter, indem sie psychologisches Wissen heranzieht, welches bei der Entstehung des Textes buchstäblich nicht vorhanden gewesen ist. Kafkas Text ist oberflächlich gesehen von Sigmund Freuds Gedanken bestimmt, wie Kafka selbst es stets betont hat; Einzelheiten aber und maßgebliche Begriffe, welche Freud und seine Schüler seit 1920 verwendet haben, können Kafka noch nicht bekannt gewesen sein.

Trotz der Tendenz, den Text zu aktualisieren, ist die psychologisierende Auslegung gerechtfertigt. Einen Text psychologisch, soziologisch, theologisch, historisch-kritisch usw. zu verstehen, heißt folglich, ihm die Autonomie zuzubilligen, in Beziehung zu sämtlichen Lebensbereichen zu stehen.

Arbeitsanregungen:

Ein so schwächlicher Charakter wie der Josef K.‘s ist Ihnen vermutlich selten begegnet. Versuchen Sie die Figur mit psychoanalytischen Begriffen zu beschreiben, z. B.:z

    Josef K. stellt einen asthenischen Charaktertyp dar.
    Josef K. ist auf geradezu masochistische Weise bereit, sich Autoritäten zu unterwerfen.
    Josef K. entwickelt keine wirksame Strategie, sein übermächtiges Schamgefühl loszuwerden, usw.

Gehen Sie in gleicher Weise bei der theologisierenden Auslegung vor, z. B.:

    Josef K. hat ein übermächtiges Gewissen.
    Josef K. meint von Beginn an sich vor Gott dem Richter verantworten zu müssen („Nur unser Zeitbegriff lässt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht“), usw.

Sammeln Sie aussagekräftige Textbelege.

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