Willkommen und Abschied

Sessenheimer Pfarrhaus. Goethe erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben.

Nur aus tiefen Gefühlen – Erlebnislyrik wie „Willkommen und Abschied“

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe, in der ersten Fassung im Jahr 1771 veröffentlicht, zählt zu den Sesenheimer Liedern. Die Sesenheimer Lieder stellen insofern eine Wende innerhalb der deutschen Lyrik dar, als der Stoff der Lyrik in die Seele des Sprechers verlagert worden ist. Der Sprecher sieht den Stoff nun so an, als ob er nur in seinem Innern vorhanden wäre. Goethe versucht in dieser für die Epoche des Sturm und Drang typischen Lyrik nachzuahmen, wie tief der Eindruck seiner Jugendliebe Friederike Brion in seine Seele gedrungen ist. Goethe nimmt diese Liebe sehr bewusst wahr und erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben. Aus dieser Zeit stammen die bekanntesten von Goethes Gedichten: „Kleine Blumen, kleine Blätter“, „Mailied“, „Heidenröslein“ und eben „Willkommen und Abschied“.

Das Gedicht umfasst vier Strophen. Die Hereinnahme der Natur in die Seele des lyrischen Ich lässt sich beispielsweise an den ersten beiden Strophen ablesen. Die Gebilde der Natur (Eiche, Gesträuche, Mond und Winde) – kurz: alles, was dem Auge äußerlich ist (natura naturata: „gebildete Natur“), kann auch als Geste der Seele, als „sich bildende Natur“ (natura naturans) angesehen werden. Was sich der Seele an äußeren Eindrücken eröffnet, setzt sich in der Seele ab und wird dadurch zur Erinnerung und zum Ausdruck. „Willkommen und Abschied“ ist ein mustergültiges Erlebnisgedicht.

Formale Aspekte

Es überrascht nicht, dass dieses Erlebnisgedicht in der Form der Volksballade verfasst worden ist. Goethe entfernt sich von der barocken Regelpoetik, der „Nachahmung der Alten“ (imitatio veterum). „Natur“, „natürlicher Ausdruck“, „ungekünstelte Sprache“ werden zu Schlüsselwörtern für die Ästhetik Goethes und Herders und damit für die Erlebnisdichtung. Der Text verteilt sich auf vier achtzeilige Strophen. Die Verszeilen sind durch Kreuzreime miteinander verbunden. Auffällig ist die Vielzahl unreiner Reime (V. 5,7: „Eiche“/„Gesträuche“; V. 17,19: „Freude“/„Seite“; V. 21,23; V. 25,27; V. 30,32). Weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Die Verse sind jambisch (Vierheber) gebaut.

Inhaltliche Aspekte

1.–2. Strophe

Es beginnt mit einem Aufbruch. Das lyrische Ich hat sein Pferd bestiegen und reitet im schnellen Tempo durch die Nacht mit ihren Schrecknis erregenden Erscheinungen zu seiner Geliebten.

3. Strophe

Der Reiter kommt bei der Geliebten an und schildert, wie glücklich er über die Begegnung ist.

4. Strophe

Der Abschied fällt schmerzlich aus. Dennoch rühmt das lyrische Ich das Glück, zu lieben und geliebt zu werden.


Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Dies Bildnis ist bezaubernd schön

Doktor Faust und die Frauen –
Entdeckung der Liebe?

Der Besuch in der Hexenküche (V. 2337–2604) gehört zu der so genannten kleinen Weltfahrt Fausts – die zweite, große Weltfahrt wird im zweiten Teil der Tragödie dargeboten. Doktor Faust hat das Studierzimmer verlassen, er wächst infolge der Teufelswette über die wissenschaftliche Arbeit hinaus, um die Welt von anderer Seite kennen zu lernen. In Auerbachs Keller sieht er an den am Trinkgelage Beteiligten, was Maßlosigkeit bedeutet. Die fröhlichen Zecher, von Mephistopheles’ magischen Künsten befeuert, sind völlig ungehemmt und verspotten alles, was in der Welt als heilig gelten könnte: Politik, Religion und zuletzt die Liebe.
In der darauf folgenden Szene bringt Mephistopheles Faust in die Hexenküche.
Entdeckt Faust an diesem Ort die Liebe?

Arbeitsanregungen:

  1. Ist wirklich alles „bezaubernd schön“, was Faust beim Blick in den Zauberspiegel empfindet? Erläutern Sie Ihre Interpretation von Fausts Selbstgespräch vor dem Spiegel (V. 2429–2440).
  2. Suchen Sie unterschiedliche Zitate, die Fausts Verhältnis zu den Frauen charakterisieren.
  3. Was denkt übrigens Fausts Kontrahent Mephistopheles über die Frauen? Gehen Sie wieder auf Zitatesuche.
  4. Welche Funktion haben „die“ Frauen – erstens: ältere Frauen, zweitens: jüngere Frauen – für Faust? Probieren Sie im Rahmen eines Rollenspiels eine fiktive Selbstanalyse, die der Doktor in der Praxis eines Psychoanalytikers vornimmt.
    Übernehmen Sie dabei Fausts Rolle und beginnen Sie das Gespräch mit der zweiten Rolle, dem „Seelenklempner“, ausgehend von den Eindrücken in der Hexenküche.

„Mein bist du!“

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Liebe und Gewalt in „Kabale und Liebe“

Kabale und Liebe, II, 5

SZENENANALYSE

Alle Zitate beziehen sich auf die Ausgabe im Hamburger Lesehefte Verlag, 2012.

Es ist bemerkenswert, zu sehen, dass Liebe, stößt sie auf Widerstand, sich in ihr Gegenteil verkehrt. Was sich liebt, das tötet sich schließlich! Vermutlich ist Friedrich Schiller daran gelegen, diesen Konflikt auf der Bühne zu demonstrieren. Liebe und Gewalt bilden zumindest das Thema in der vorliegenden Szene. Ferdinand von Walter, der adlige Liebhaber aus Schillers bürgerlichem Trauerspiel „Kabale und Liebe“, meint, seine Liebe zu der Bürgerstochter Luise Miller hebe die Ständeschranken auf. Darum möchte er die sechszehnjährige Luise für sich gewinnen und zur Ehefrau machen. Der unbedingte Anspruch auf grenzenlose Liebe mag daran abgelesen werden, dass er keinen Widerspruch in dieser Frage duldet. Auch Gewalt ist ihm Mittel zum Zweck. Das Trauerspiel ist 1784 erschienen und zählt zum Frühwerk Friedrich von Schillers. „Kabale und Liebe“ ist damit ein Drama aus der Epoche des Sturm und Drang. Das Drama des Sturm und Drang ist meist melodramatisch gestaltet, d.h. es enthält Elemente der Rührung, der Melancholie und des schrecklichen Leidens.

Mit dem unmittelbaren Kontext der Szene verhält es sich folgendermaßen: Nach der Unterredung mit Lady Milford sucht Ferdinand das Haus der Millers auf. Die Familie ist in heller Aufregung. Präsident von Walter hat über seinen Sekretär Wurm von der Mésalliance seines Sohnes erfahren.

Die Szene lässt sich in folgende Abschnitte gliedern:
33, 25–31: Aufregung bei den Millers,
33, 32–34, 9: Ferdinands Andeutungen über seinen Besuch bei Lady Milford,
34, 10–24: Wutausbruch Ferdinands,
34, 25–37: Luises Enttäuschung und Trauer angesichts der neuen Entwicklung,
34, 38–43: Wütende und verzweifelte Reaktionen von Luises Eltern,
35, 1–5: Erneuter Wutausbruch und Abgang Ferdinands,
35, 6–18: Verzweifelte und bittere Vorwürfe der Familie gegen Ferdinand,
35, 19–35: Leidenschaftliche Liebesbeteuerungen und endgültiger Abgang Ferdinands.

Bei der Analyse sollen kommunikationstheoretische Aspekte im Vordergrund stehen. Besonders wichtig ist dabei die Frage, wie Ferdinand und die sechszehnjährige Luise miteinander kommunizieren.

Von Beginn an ist klar, dass Ferdinand Luise ins Unglück stoßen wird. Paradoxerweise hat ihre Liebesbeziehung nämlich zur Folge, dass Ferdinand mehr und mehr um sich selbst kreist. Immer heftiger werden seine Gefühlsausbrüche, immer eigenartiger seine Reden. Indem Ferdinand an seiner Geliebten vorbeiredet, befördert er unwissentlich ihr tragisches Schicksal. An der vorliegenden Szene lässt sich zeigen, dass die durch den Standesunterschied vorgegebenen Kommunikationsprobleme zwischen den Liebenden durch den eigensinnigen Ferdinand zusätzlich erschwert werden.

„Mein bist du!“ weiterlesen

Lösung

Besser allein?

Karin Kiwus

Lösung

Im Traum
nicht einmal mehr
suche ich
mein verlorenes Paradies
bei dir

ich erfinde es
besser allein
für mich

In Wirklichkeit
will ich
einfach nur leben
mit dir so gut
es geht

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

Das Gedicht besteht aus drei Sätzen, die eigentlich zur Prosa zählen. Es verweigert sich beinahe allem, was sonst von Gedichten erwartet wird. Es erzeugt keine Stimmung, geschweige denn eine Melodie. Es ist nicht besonders anschaulich. Karin Kiwus’ Gedicht unter dem Titel „Lösung“, 1979 erschienen, handelt von der Liebe, genau genommen von der unsentimentalen Liebe. Der zentrale Gedanke erscheint dabei in dialektischer Form. Die Autorin scheint für ihr Verständnis von Liebe zu werben. Das lyrische Ich sucht Liebe, die funktioniert. Der Titel „Lösung“ weist darauf hin.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

In diesen Versen wird wenig von Poesie spürbar. Der Leser ersieht jedoch aus den Zeilenumbrüchen, dass er es mit einem Gedicht zu tun hat. Die Dichterin hat dem zugrunde liegenden Inhalt eine auffällige Form gegeben und ihn damit von der Prosa unterschieden. Das Gedicht besteht insgesamt aus 13 Versen. Die Wörter und Verse sind dabei so angeordnet, dass eine dreigliedrige Struktur entsteht. Die dreizeilige Innenstrophe wird von zwei fünfzeiligen Außenstrophen eingerahmt. Schon bei oberflächlicher Betrachtung ist damit eine dialektische Struktur erkennbar. Vermutlich sind die beiden Außenstrophen als These und Antithese zu verstehen, die Innenstrophe dagegen als Synthese. Die Dichterin hat auf Reim und Metrum verzichtet.

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

Gegenstand des Gedichts sind Reflexionen über die Liebe. Die erste Strophe (V. 1–5) handelt dabei von der romantischen Vorstellung, dass die ideale Liebe das verlorene Paradies wiederherstellen könne. Das lyrische Ich verwirft diese Vorstellung von der Liebe: Das eigene Glück hänge nicht vom Partner ab.

Vielmehr sei jeder Partner auch in dieser Frage auf sich allein gestellt. So legt es das lyrische Ich in der zweiten Strophe (V. 6–8) nahe. Es möchte seine Ideale lieber für sich allein erfinden.

Das Gedicht schließt betont sachlich-distanziert mit einer funktionalistischen Definition dessen, was in Liebesgedichten gewöhnlich „Liebe“ heißt.

Sie deuten inhaltliche, sprachliche und formale Aspekte im funktio-
nalen Zusammenhang, z. B.:

Karin Kiwus’ Gedicht enthält Reflexionen über die Liebe. Es kann bei der Gedichtanalyse daher weniger um das Gedicht als Bild oder Klang gehen. Der Leser muss sich das Gedicht als Begriff vorstellen und besonders auf die Anordnung der Argumente achten. Er muss sich von logischen Überlegungen lenken lassen. So ist zunächst die Gegensätzlichkeit der Außenstrophen von Bedeutung. „Traum“ (V. 1) und „Wirklichkeit“ (V. 9) stehen in diesen Strophen einander gegenüber.

Im Traum verdichtet sich das Selbstgefühl. Es ist daher nicht zufällig, dass dieser eigentlich romantische Gedanke mit dem Motiv des verlorenen Paradieses (vgl. V. 3) verbunden wird; der Traum ist geeignet, das Verlorene zum Sprechen zu bringen: „Im Traum / […] / suche ich / mein verlorenes Paradies“ (V. 1–4). So utopisch mag diese Strophe jedoch nicht enden; so gewiss die dargestellte Sehnsucht romantisch motiviert ist, so gewiss wird auch der Gedanke abgewiesen, dass für diese geistige Suche der Leib eines Anderen erwählt werden könnte: „[N]icht […] / [bei dir] / suche ich / mein verlorenes Paradies“ (V. 2–5).

[Noch zu ergänzen!]

Luise!

Ferdinands fiktiver Liebesbrief

Stellen Sie sich vor, Ferdinand und Luise, die beiden Liebenden aus dem Trauerspiel „Kabale und Liebe“ hätten eine Zeitreise unternommen und fänden sich in unserem Jahrhundert wieder. Wie wird es ihnen ergehen, hätte Ferdinand in unserer Zeit Aussichten darauf, Luise für sich zu gewinnen? Immer noch trennen sie „Welten“, gehört Luise einer um vieles einfacheren und ärmeren Schicht an. Wird Ferdinands Leidenschaft sich dieses Mal erfolgreicher durchsetzen können? Überlegen Sie bitte, welche Haltung Sie dieser Frage gegenüber einnehmen, und schreiben Sie in dieser Haltung den folgenden (fiktiven) Brief Ferdinands weiter.

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Klicken Sie auf das Bild, um das Bild zu vergrößern!

Liebe ist alles?

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Von den Grenzen der Empfindung
Kabale und Liebe, I, 4

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den gesamten vorliegenden Text.

Es liegt in der Absicht des bürgerlichen Trauerspiels „Kabale und Liebe“, die mit der Liebe verbundene Lebenslüge aufzuzeigen. Die Lebenslüge besteht in der Tabuisierung des zeitbedingten Konflikts, des Konflikts zwischen Adels- und Bürgerstand. Der Adelsspross Ferdinand von Walter meint, seine Liebe zu der Bürgerstochter Luise Miller hebe die Ständeschranken auf. Darum möchte er Luise für sich gewinnen und zur Ehefrau machen. Es liegt auf der Hand, wie unmöglich, ja bizarr solch eine Verbindung den Zeitgenossen erscheinen musste. Das Trauerspiel ist 1784 erschienen und zählt zum Frühwerk Friedrich von Schillers. „Kabale und Liebe“ ist damit ein Drama aus der Epoche des Sturm und Drang. Das Drama des Sturm und Drang ist meist melodramatisch gestaltet, d.h. es enthält Elemente der Rührung, der Melancholie und des schrecklichen Leidens.

HAUPTTEIL

Sie betten die Szene kurz in den Kontext ein.

In der vorliegenden Szene begegnen sich Ferdinand und Luise, nachdem Luise mit ihrem Vater über ihre Liebe zu Ferdinand gesprochen hat. Die Sechszehnjährige hat sich die Ermahnungen ihres Vaters zu Herzen genommen und zugleich ihre gemeinsame Zeit mit Ferdinand reflektiert. Sie erkennt, dass diese Liebe sie mehr als alles andere glücklich gemacht hat. Sie ist durch diese Liebe mit einer völlig neuen Welt bekannt gemacht worden. Sie sieht aber auch, dass sie mit dieser Welt nicht vertraut werden kann, dass sie wie ein Abgrund für sie ist, dass sie von Ferdinand nur träumen, aber nicht mit ihm leben kann.

Liebe ist alles? weiterlesen

Nicht mehr leben können

Joseph von Eichendorff:
Das zerbrochene Ringlein (1837)

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blutge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wärs auf einmal still!

Im vorliegenden Gedicht von Eichendorff beklagt das lyrische Ich den Verlust seiner Liebsten. Da ihm das Leben ohne Liebe sinnlos erscheint, denkt das lyrische Ich, zerrissen und voller Sehnsucht, über andere Lebensformen nach: Dabei treten ihm das Leben eines fahrenden Musikers und das eines Soldaten als Möglichkeit vor Augen. Zugleich erkennt das lyrische Ich seine innere Zerrissenheit. In dieser Stimmung bedenkt es die Möglichkeit des Todes.

Eichendorffs Gedicht ist ein typisches Gedicht der Romantik. Sehnsucht, Leidenschaft und zugleich das Gefühl der Ausweglosigkeit, Nicht-mehr-ein-noch-aus-zu-wissen – das Gedicht ruft Stimmungen hervor, die sich zu einer über diesen Einzelfall hinausgehenden Melancholie verdichten.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Volksliedstrophe gestaltet. Es gliedert sich in fünf Quartette. Die Verse sind jambisch aufgebaut, weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Durch den Kreuzreim werden die Verse eng miteinander verbunden. An einer Stelle kommt ein unreiner Reim vor (V. 1/3), an einer anderen Stelle ist das Reimschema unterbrochen (V. 17/19).

1. Quartett:
Das lyrische Ich ruft sich eine ehemalige Liebe in Erinnerung.

2. Quartett:
Die Treue, die Ausdruck in einem Ring fand, ist gebrochen. Die Liebste hat ihn verlassen.

3. und 4. Quartett:
Das lyrische Ich erwägt zwei alternative Lebensformen: das Leben als Musiker und das Leben als Soldat.
Sehnsucht nach Ruhe stellt sich ein: Das lyrische Ich denkt dabei an die nächtlichen Feuer der Soldaten im Feld.

5. Quartett:
Unter dem Eindruck des Mühlrads verstärkt sich die Ratlosigkeit: In seiner Not sehnt sich das Ich nach Ruhe im Tod.

Von der ersten Zeile an weiß der Leser, dass es sich nicht um eine äußere, sondern um eine „Seelenlandschaft“ handelt. Das Gebrauch des Mühlenmotivs („Da geht ein Mühlenrad“, V. 2), bezeichnenderweise unter Verwendung des Pars pro toto („Mühlenrad“), unterstützt diesen Eindruck: Das Geschehen ist ganz in die Seele eines leidenden – „aufgewühlten“ – Subjekts verlagert.

Es gibt keine richtige Liebe in der falschen.

Heinrich Heine als Aufklärer

Heinrich Heine ist vor allem Aufklärer, trotz seiner Begeisterung für das romantische Gefühl. Sein Interesse gilt daher mehr der Erfahrung als der Empfindung. Auch im Hinblick auf die Liebe – welche das Hauptthema in seiner unter den Zeitgenossen überaus populären Gedichtssammlung mit dem Titel „Buch der Lieder“ (1827) bildet – liegt Heine mehr daran, Erfahrungen mit der Liebe zu vermitteln. Empfindungen sind ihm verdächtig. Dem Leser sei daher Vorsicht angeraten. Nichts ist so, wie es scheint.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Gleich viermal ist in diesem Text von der Liebe die Rede, viermal in unterschiedlichen, unglücklichen Konstellationen. Zweimal kommt es dabei zur Ehe. Einmal wird die Ehe unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen geschlossen. So ist die Liebe! Es gibt keine richtige Liebe!, lautet das ironische Fazit des Erzählers.

Liebe als universale Kraft

Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ stellt zwar kein Liebesgedicht im üblichen Sinn dar, Liebe als Weltenharmonie stellt dennoch ein zentrales Motiv des Textes dar.

Das Gedicht ist regelmäßig nach Art einer Volksliedstrophe gestaltet. Es gliedert sich in drei Quartette. Die Verse sind jambisch aufgebaut, weibliche und männliche Kadenzen alternieren.

1. Quartett: Die vom Mondlicht beschienene Landschaft löst beim lyrischen Ich glückliche Empfindungen aus: Ihm ist, als ob Himmel und Erde sich küssten.

2. Quartett: Die träumende Erde belebt sich, das lyrische Ich nimmt verschiedene Sinneseindrücke wahr.

3. Quartett: Auch das lyrische Ich fühlt sich belebt. Unter dem Eindruck seiner Empfindungen hat es das Gefühl, zu Hause zu sein.

Von der ersten Zeile an weiß der Leser, dass es sich nicht um eine äußere, sondern um eine Seelenlandschaft handelt. Der Konjunktiv („als hätt’ der Himmel / Die Erde […] geküsst“, V. 1-2) unterstützt diesen Eindruck: Das Geschehen ist ganz in die Empfindung des lyrischen Ichs verlagert.
Vom Himmel wird nur metaphorisch gesprochen, ebenso von der Erde.
Mit Bedacht wählt von Eichendorff den Himmelskuss zur Metaphernbildung. Der universale Gegensatz zwischen Himmel und Erde wird durch den Kuss überwunden.
Auf der horizontalen Ebene, im Bereich des Irdischen, kommen die Dinge in Bewegung. Die Personifikation der alles belebenden Luft (V. 5) unterstreicht diesen Eindruck. Die Sinneseindrücke verdichten sich zur Synästhesie.
Wie aufgehoben sich das lyrische Ich in solch einer Welt vorkommt, schildert das Bild des Seelenflugs, das im letzten Quartett entfaltet wird. Das Verhältnis von Seele und Natur ist harmonisch. Die Landschaft wird dabei auf den Topos „stille […] Lande“ (V. 11) beschränkt. Der Leser gewinnt den Eindruck tiefen Friedens in der Natur.
Der Eindruck von Harmonie wird auch auf klanglicher Ebene nachgebildet, durch die Figura etymologica („Flügel […] flog […] flöge“, V. 10-12), durch den Einsatz von dunklen, zugleich strömenden Vokalen („Flügel […] flog durch […] flöge“, ebd.).
Auffällig ist allerdings der Konjunktiv. Er signalisiert, dass der Weltharmonie, der liebenden Verbindung zwischen Himmel und Erde, kein Abbild im Realen entspricht.

Die Liebe wird in von Eichendorffs Text als Überwindung der Gegensätzlichkeit zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit verstanden. Dieser Gedanke wird durch die Aufhebung der Antithese („Himmel / Erde“, V. 1-2) im Kuss bildlich nachgestaltet.

Die letzte Strophe verrät endgültig, dass die Bildlichkeit des vorliegenden Textes vom romantischen Programm der Universalpoesie geleitet ist. In der Phantasie, heißt es da, wird die Einheit zwischen den transzendentalen und endlichen Kräften des Menschen gestiftet. In der Phantasie erfährt der Mensch das Gefühl, bei sich selbst zu sein, mit sich selbst eins zu sein.

Schwindel. Gefühle. Sehnsucht.

Die kindliche Liebe der Mignon

Manchen Menschen scheint die Liebe besonders leicht zu fallen. Ihre Liebe ist unkompliziert, verschwenderisch, voll Sehnsucht und gleichermaßen unvernünftig. Solch einer – kindlichen – Liebe hat Goethe in Mignon, der Rollenfigur des vorliegenden Gedichts, lebendigen Ausdruck gegeben. Mignon verkörpert das „stille Verlangen nach dem Unendlichen“ (Friedrich Schlegel: Lucinde) und stellt damit den Inbegriff romantischer Liebe dar. Das Gedicht thematisiert Mignons Liebeskummer. Der Leser erfährt von der Abwesenheit ihres Geliebten. Mignon beklagt ihr Alleinsein. Vermutlich ist dem Autor daran gelegen, über den Einzelfall hinausgehend zu zeigen, dass der unbegrenzten, kindlichen Liebe unbegrenztes Leid entspricht.

    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!
    Allein und abgetrennt
    Von aller Freude,
    Seh’ ich ans Firmament
    Nach jener Seite.
    Ach! der mich liebt und kennt,
    Ist in der Weite.
    Es schwindelt mir, es brennt
    Mein Eingeweide.
    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!