Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher

John Millais: Ophelia (1852). Ophelia, die schöne Wasserleiche, vor der Wirklichkeitszertrümmerung

Expressionismus und Gewalt

 
Die Expressionisten brauchten offenbar die Konfrontation mit der Gewalt. Gottfried Benn erinnert in dem Vorwort der 1955 erschienenen Gedichtsammlung „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“ daran, wie sehr diese Stilrichtung die Zeitgenossen gerade wegen dieses Aspekts herausgefordert hat. Und Benn scheint genau daran seinen Spaß zu haben: „Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher“ seien die Expressionisten, zitiert Benn aus „einem Verlagsalmanach wörtlich“.

Ist also der Expressionismus als „eine Art Ku-Klux-Klan“ zu betrachten? – folgert der Dichter in ironischer Zuspitzung der zeitgenössischen Kritik. Ganz entschieden, so Benn, sei die Meinung abzuwehren, dass der Expressionismus geradezu sadistische Lust an der Gewalt empfinde. Wirklichkeitszertrümmerung stelle das Mittel, nicht den Zweck dieser Bewegung dar. Benn jedenfalls bekundet seine Anerkennung, wenn er von den Expressionisten als den „Gläubigen einer neuen Wirklichkeit und eines alten Absoluten“ schreibt. Nie sei der Expressionismus nach Benns Meinung bereit gewesen, sich widerstandslos der Logik des Kapitalismus und des Fortschrittsglaubens zu beugen.

Gottfried Benn

Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Arbeitsanregung:

Benns nachträgliches Urteil über den Expressionismus

  1. Wirklichkeitszertrümmerung stellt das Mittel, nicht den Zweck dieser Bewegung dar.
  2. Keinesfalls ist der Expressionismus bereit, sich widerstandslos der Logik des Kapitalismus und des Fortschrittsglaubens zu beugen.

 
Inwiefern entspricht Benns 1912 erschienenes Gedicht „Schöne Jugend“ seinem späterem Urteil über das expressionistische Jahrzehnt, sprich: die Jahre von 1910 bis 1920? Beziehen Sie sich auf die im Voraus genannten Thesen!
 

Willkommen und Abschied

Sessenheimer Pfarrhaus. Goethe erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben.

Nur aus tiefen Gefühlen – Erlebnislyrik wie „Willkommen und Abschied“

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe, in der ersten Fassung im Jahr 1771 veröffentlicht, zählt zu den Sesenheimer Liedern. Die Sesenheimer Lieder stellen insofern eine Wende innerhalb der deutschen Lyrik dar, als der Stoff der Lyrik in die Seele des Sprechers verlagert worden ist. Der Sprecher sieht den Stoff nun so an, als ob er nur in seinem Innern vorhanden wäre. Goethe versucht in dieser für die Epoche des Sturm und Drang typischen Lyrik nachzuahmen, wie tief der Eindruck seiner Jugendliebe Friederike Brion in seine Seele gedrungen ist. Goethe nimmt diese Liebe sehr bewusst wahr und erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben. Aus dieser Zeit stammen die bekanntesten von Goethes Gedichten: „Kleine Blumen, kleine Blätter“, „Mailied“, „Heidenröslein“ und eben „Willkommen und Abschied“.

Das Gedicht umfasst vier Strophen. Die Hereinnahme der Natur in die Seele des lyrischen Ich lässt sich beispielsweise an den ersten beiden Strophen ablesen. Die Gebilde der Natur (Eiche, Gesträuche, Mond und Winde) – kurz: alles, was dem Auge äußerlich ist (natura naturata: „gebildete Natur“), kann auch als Geste der Seele, als „sich bildende Natur“ (natura naturans) angesehen werden. Was sich der Seele an äußeren Eindrücken eröffnet, setzt sich in der Seele ab und wird dadurch zur Erinnerung und zum Ausdruck. „Willkommen und Abschied“ ist ein mustergültiges Erlebnisgedicht.

Formale Aspekte

Es überrascht nicht, dass dieses Erlebnisgedicht in der Form der Volksballade verfasst worden ist. Goethe entfernt sich von der barocken Regelpoetik, der „Nachahmung der Alten“ (imitatio veterum). „Natur“, „natürlicher Ausdruck“, „ungekünstelte Sprache“ werden zu Schlüsselwörtern für die Ästhetik Goethes und Herders und damit für die Erlebnisdichtung. Der Text verteilt sich auf vier achtzeilige Strophen. Die Verszeilen sind durch Kreuzreime miteinander verbunden. Auffällig ist die Vielzahl unreiner Reime (V. 5,7: „Eiche“/„Gesträuche“; V. 17,19: „Freude“/„Seite“; V. 21,23; V. 25,27; V. 30,32). Weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Die Verse sind jambisch (Vierheber) gebaut.

Inhaltliche Aspekte

1.–2. Strophe

Es beginnt mit einem Aufbruch. Das lyrische Ich hat sein Pferd bestiegen und reitet im schnellen Tempo durch die Nacht mit ihren Schrecknis erregenden Erscheinungen zu seiner Geliebten.

3. Strophe

Der Reiter kommt bei der Geliebten an und schildert, wie glücklich er über die Begegnung ist.

4. Strophe

Der Abschied fällt schmerzlich aus. Dennoch rühmt das lyrische Ich das Glück, zu lieben und geliebt zu werden.


Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Zur Nacht gehört die Antithese

Andreas Gryphius’ Sonett „Abend“

Die barocke Angst entspringt der Erkenntnis, dass alles im Leben verdreht ist, wenn es keinem höheren Zweck mehr dient. Es gibt Gedichte, die das zum Ausdruck bringen, wie Andreas Gryphius’ Sonett „Abend“. Dieses Gedicht aus dem Tagzeitenzyklus hat einen Ernst, der einem Tattoo glänzend zu Gesicht stünde. Denn das Gedicht ist in eminentem Sinne emblematisch. „Emblematisch“ bedeutet hier nicht nur „bildlich“, sondern „bildsprachlich“. Das Emblem macht aus dem in ihm enthaltenen Bild eine Aussage, meist moralischen Gehalts. Das barocke Gedicht weiß daher nicht viel von Gefühlen. So auch Gryphius‘ Abendgedicht. Es gibt keinen Mond in ihm. Alle Sterne sind gleich. Auch die barocke Angst ist kein Thema. Sie ist allenfalls ein Effekt, der sich beim impliziten Leser einstellen kann

Was ist stattdessen zu sehen in diesem Sonett? Nur die Nacht als seltsame Erscheinung, als Rätsel, das einer erkenntnismäßigen Lösung bedarf. Noch einmal: Mit der Aussage „Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn“ (V. 1) wird kein Gefühl bedient. Nur die Erkenntnis, dass alles gleichgültig ist. Ach, es ist so gleichgültig! So dass sich der Leser fragt, warum auch das „Licht“ (V. 6) dieser sinnlosen Laune unterworfen ist.

Was gibt es sonst über die barocke Angst zu sagen? Zur Nacht gehört die Antithese. Zum Licht gehört die Idee Gottes (vgl. V. 11), weil es kein Licht ohne ihn gibt. Weil die Schöpfung ohne Licht ihr Ziel verfehlt. Und um kurz einen Bogen zu einer prominenten emblematischen Bildsprache unserer versachlichten Epoche zu spannen: Erwächst dem Tattoo nicht die Notwendigkeit, vergleichbare das Leben bestimmende Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen?


Andreas Gryphius

Abend

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.

Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sei vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
Und wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsterniß zu dir.

Arbeitsanregungen:

  1. Erarbeiten Sie die Grundaussage von Gryphius’ Sonett.
  2. Zeichnen Sie Ihr Lebens-Tattoo! Worin sehen Sie Ähnlichkeiten mit barocken Emblemen?
Lebens-Tattoo. Entwurf einer Schülerin, Q1.

Auf ihre Schultern

Petrarkistisches Schönheitslob

Wie oft haben wir jemanden auf die beste Weise gekleidet gesehen? So ist es beim Sonett: Es soll die Linien des Körpers aufs Vorteilhafteste in allen Einzelheiten nachzeichnen. Das Sonett führt die in ihm behandelten Inhalte zur Formvollendung. Genau genommen reden wir vom petrarkistischen Schönheitspreis. Es genügt nicht, dass es Schönheit gibt, sie muss auch gesehen und in Gedanken notiert werden! Vergesst diese Frau nie! Ihre Schultern sind einziger Art. Das besagt dieses Modell, das jahrhundertelang die europäische Lyrik geprägt hat.

Wie Sie vermutlich wissen, schwingt der Totengräber in fast jedem zweiten barocken Gedicht seine Schaufel obenauf. Dann schlägt die Form um in die schwelgerische Darstellung des Todes. Schönheit verschwindet! Der Leser wird mit den Forderungen „Carpe diem!“ (Nutze den Tag! Du lebst nur einmal!) und „Memento mori!“ (Denke immer daran, dass du sterben musst!) vertraut gemacht, die nur auf den ersten Blick gegensätzlich wirken.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau


Auff ihre schultern.

Ist dieses schnee? nein / nein / schnee kan nicht flammen führen.
Ist dieses helffenbein? bein weiß nicht weis zu seyn.
Ist hier ein glatter schwan? mehr als der schwanen schein /
Ist weiche woll allhier? wie kan sich wolle rühren?
Ist alabaster hie? er wächst nicht bey saphiren /
Ist hier ein liljen-feld? der acker ist zu rein.
Was bist du endlich doch? weil schnee und helffenbein /
Weil alabaster / schwan / und liljen sich verlieren.
Du schaust nun / Lesbie / wie mein geringer mund
Vor deine schultern weiß kein rechtes wort zu finden /
Doch daß ich nicht zu sehr darf häufen meine sünden /
So macht ein kurtzer reim dir mein gemüthe kund:
Muß Atlas und sein hals sich vor dem himmel biegen /
So müssen götter nur auf deinen schultern liegen.




Vergänglichkeit der schönheit.

Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /
Der augen süsser blitz / die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden /
Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden /
Denn opffert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /
Dieweil es die natur aus diamant gemacht.

Arbeitsanregungen:

  • Belegen Sie die Forderungen „Carpe diem!“ und „Memento mori!“ an beiden Gedichten.
  • Vergleichen Sie die Gedichte eingehender, indem Sie sich auf Form und Inhalt beziehen.
  • Informieren Sie sich über den Autoren: Inwiefern wird seine Lebensart in diesen Gedichten gespiegelt?

Ginkgo biloba

Gingko biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich Eins und doppelt bin?

Der Lieblingsbaum Johann Wolfgang von Goethes ist der Ginkgo-Baum, das lebende Fossil, das im 18. Jahrhundert auch in Europa heimisch wurde. 

Interpretationshypothesen:

Das Gedicht „Ginkgo biloba“ ist in erster Linie nicht als Liebesgedicht aufzufassen, sondern als Gedicht über den Menschen als Mikrokosmos. Im Kontext der pansophistischen Studien des Autors finden sich gehäuft Hinweise dafür, dass diese Auffassung berechtigt ist. Das heißt, dass dem Bild vom Menschen die Idee zu Grunde liegt, dass die Ordnung im und zwischen den Menschen der Ordnung in der Natur und dem Geschehen in der Natur entspricht. Mit einem Beispiel gesprochen: der Autor trennt nicht zwischen der Bewegung, die beim Ein- und Ausatmen wirksam ist, und der Bewegung, die die Gezeiten entstehen lässt. Für Goethe ist es „die ewige Formel des Lebens“, dass die Welt (Makrokosmos) und der Mensch (Mikrokosmos) in analoger Weise miteinander verbunden sind. Goethe hat diese Idee insbesondere im „Faust“ verfolgt. Faust, dem Zeichen des Makrokosmos hingegeben, erkennt, dass alles in der Welt harmonisch zusammenwirkt:

„Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!“
(V. 447–453)

Die Einheit von Verbindendem (Geist) und Verbundenem (Materie) liegt in dem Gedicht „Gingko biloba“, welches in erster Fassung 1815 entstanden ist, im Sinnbild des Blattes vor.

Bemerkungen zur Form:

Das Gedicht enthält drei vierzeilige Strophen. Weibliche (1. Strophe: „Ósten“/„kósten“) und männliche Reime („ánvertrt“/„erbaút“) wechseln einander ab. Der einzelne Vers ist viertaktig. Wer den ersten Vers laut liest, wird vielleicht die künstlich erscheinende Stellung des Genitivs („Dieses Baums Blatt“ anstelle von „Das Blatt dieses Baumes“) bemerken. Daraus wird er jedoch leicht die Einsicht gewinnen, dass der vierhebige Trochäus die grundlegende Ordnung in allen zwölf Versen darstellt („Díeses Baúms Blatt, dér von Ósten / Meínem Gárten ánvertraút / […]). Das heißt: Nach stockendem Beginn werden die Verse fließender, die Unterbrechung ist mit Bedacht gesetzt, um den Leser zum Nachdenken über Einheit und Zweiheit zu zwingen.

Bemerkungen zum Inhalt:

1. Strophe:
Die geistige „Natur“ des Gingkoblattes gibt Rätsel auf.

2. Strophe:
Der Sprecher fragt sich, ob das Blatt als Einheit oder Zweiheit anzusehen sei.

3. Strophe:
Das lyrische Ich verweist auf sein Werk: Seine Lieder spiegeln Einheit und Zweiheit des Dichters wider.

Interpretation:

Die Bildung des Blattes ist derart beschaffen, dass Goethe es „als Sinnbild der Freundschaft“ an Frau Willemer schickt (Gespräche mit Eckermann). Die Interpretation des mit dem Blatt verbundenen Textes kann sich also auf die äußere Absicht des Verfassers stützen. Sie muss aber ebenso auf den Text selbst Bezug nehmen. Die Frage lautet: Wie differenziert ist dieses Bild der Freundschaft, das im Symbol des Gingkoblattes widergespiegelt wird?

Krieg der Stadt!

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Ein Stadtgedicht

Der Sinn des Lebens ist zu verteidigen gegen die Großstadt, die den eigentlichen Schauplatz unseres Lebens bildet. Das Leben ist schon kein Leben mehr, in dessen Aderwerk die Straßen sich tief hinein verzweigen. „Krieg der Stadt!“ könnte daher die Parole zu dem 1911 entstandenen Sonett „Die Stadt“ von Georg Heym lauten. Das Gedicht entspricht der Fortschritts- und Kulturkritik des Expressionismus, der sich vehement auflehnt gegen die „objektive Kultur“ der Moderne, die, wie der Soziologe Georg Simmel es formuliert hat, „über alles Persönliche hinaus[wächst]“ (Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. Aufsatz aus dem Jahr 1903, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, 39). Die Monotonie und Anonymität des Lebens in der Großstadt, die Überreiztheit des Städters ist Georg Heyms Thema.

Georg Heym:
Die Stadt (1911)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

Brücken zur Moderne

Impressionismus und Expressionismus in Bild und Text

Claude Monet: Japanische Brücke (1899)
Max Liebermann: Biergarten in Brannenburg (1893)
Ludwig Meidner: Das Eckhaus (1913)
Ludwig Meidner: Ich und die Stadt (1913)

Expressionismus und Impressionismus werden gemeinhin als Gegensätze betrachtet. Das heißt, was die Impressionisten in der Darstellung der lebendigen Luft dahingleitender Wolken abbilden wollten, lässt sich bei den Expressionisten nicht vorfinden. Die Idee, das Licht selbst zum Gegenstand zu machen und seine Reflexe zum Leuchten zu bringen, wie es Claude Monet zum Beispiel in seinen unzähligen Seerosenbildern festgehalten hat – es erscheint den Expressionisten unannehmbar. Auch die vom Sonnenlicht gesättigte, flirrende Atmosphäre auf der Leinwand, das harmonische Farbenspiel sind für die Expressionisten unmöglich. Die Landschaftsmalerei insgesamt erscheint als etwas Abseitiges und weicht den Darstellungen von Großstädten oder bei den Malern der „Brücke“ den zivilisationskritischen Ansichten aus der Südsee.

Arbeitsanregungen:

  • Vergleichen Sie die Bilder im Hinblick auf ihre Gestaltungsweise und ordnen Sie den expressionistischen Bildern passende Gedichte aus dem Deutschbuch zu.
  • Referieren Sie anhand dieser Gedichte über den Zusammenhang zwischen Text und Bild. Bereiten Sie das Referat in einer Dreiergruppe vor.

Die Irren

Georg Heym

Man sagte immer, Deutschland sei das Land der Irren. Das gilt natürlich, wenn man den Expressionismus in den Blick nimmt, zum Beispiel das Gedicht „Die Irren“ (1910) von Georg Heym. Es war so formlos und verwirrend, obwohl es an die barocke Form des Sonetts gebunden ist.

Es war so überwältigend neu: Hier bekam der Wahnsinn eine Stimme. Nietzsche hatte es vorausgesehen: Die Deutschen brauchten die Konfrontation mit der eigenen Schwäche, dem Ich-Zerfall. Georg Heym wies darauf hin: Hier klebten Menschen wie Spinnen an den Wänden, hier wurde der Umbruch plastisch, das Subjekt war verschwunden und ersetzt worden durch das Ungeziefer.

„Die Irren“ ist ein lautes Gedicht. Die grelle „Psychopathographik“ ist das vorherrschende Thema (vgl. Walter Müller-Seidel: Wissenschaftskritik und literarische Moderne. In: Die Modernität des Expressionismus, hrsg. von Thomas Anz und Michael Stark. J. B. Metzler Verlag: Stuttgart 1994, 30). Niemand kann sich hier ruhig-reflektierend niederlassen, wie es bei den melancholischen „Klinggedichten“ barocker Autoren möglich ist.

Die strophische Gestaltung der Verse entspricht der italienischen Grundform des Sonetts mit umarmenden Reimen (abba, bccb) in den Quartetten. In den Terzetten finden sich in Heyms Gedicht neue Reimsilben, die nach einem dreireimigen Schema aufgebaut sind: ded, eed. Der Vers ist fünfhebig und entspricht insofern dem fünfhebigen Jambus des Dramas (Blankvers), welcher allerdings ohne Reim auskommt. Der fünfhebige Jambus erlaubt verschiedene Abstände zwischen den syntaktischen Gruppen, er ist nicht symmetrisch gebaut wie der Alexandriner, mit der regelmäßigen Zäsur in der Mitte.

 
Georg Heym:

Die Irren

Juni 1910

Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
Die Irren hängen an den Gitterstäben,
Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.

In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
Dass alle Mauern von dem Lärme beben.

Mit dem er eben über Hume gesprochen,
Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.

Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald
Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

Arbeitsanregungen:

  • Beschreiben Sie Ihre ersten Eindrücke.
  • Versuchen Sie das Gedicht zu illustrieren.

Märzbild

Sprache

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Halte mich in deinem Dienst
lebenslang
in dir will ich atmen

Ich dürste nach dir
trinke dich Wort für Wort
mein Quell

Dein zorniges Funkeln
Winterwort

Fliederfein
blühst du in mir
Frühlingswort

Ich folge dir
bis in den Schlaf
buchstabiere deine Träume

Wir verstehen uns aufs Wort
Wir lieben einander

Rose Ausländer

Der Mensch ist ohne die Sprache lebensunfähig. Sie befreit ihn von dem Zwang, rein instinktiv zu handeln. Bei ihr ist allerdings nichts im Gleichgewicht. Sie ist kein Wassertropfen, bei dem sich alles gleichmäßig verteilt. Sie ist kein kunstreiches Spinnennetz. Manche Dichter sahen sich deshalb zum Schweigen verurteilt. Sie sahen die Sprache durchzogen von Defekten, die wiederum sprachlich zu kompensieren wären. Ad absurdum, klagt Hugo von Hofmannsthal, sei die Sprache verkommen. Heute stellt sich die Frage neu: Was nutzt die Sprache, wenn sie die Kultur verhöhnt, wenn sie die Wahrheit verfälscht, wenn mit ihrer Hilfe alle möglichen Teufeleien betrieben werden können?

Dichtung ist, wenn man trotzdem schreibt. Das gilt auch für Rose Ausländer. Sie tritt aus den unmenschlichsten Erfahrungen heraus und lässt sich ihre Freiheit, zu dichten, nicht nehmen.

Arbeitsanregungen:

  1. Informieren Sie sich über das Leben der Rose Ausländer.
  2. Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht.