Goethes „Faust“ als Theodizee

(Theater über Theater zur Anklage Gottes)



Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben. Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die Wette des Teufels erlaubt hat.

Die Ausschaltung Gottes (oder die Unkenntnis von dieser himmlischen Wette) ist die Vorbedingung für Fausts allumfassendes Freiheitsgefühl. Dieses Freiheitsgefühl kennzeichnet zum Beispiel die Szene „Wald und Höhle“, aber auch die darauf folgende Begegnung mit Gretchen, bei der Faust sein aufgeklärtes Verhältnis zur Religion präsentiert. Er sieht in seiner pansophistischen Naturanschauung (Gottes Weisheit wirkt in Allem) ebenso wenig ein Problem wie in dem Recht, sich Gretchen zu nähern. Nach seiner Anschauung ist ihm die Natur hinreichender Ersatz für Gott. Und Gretchen, das „affenjunge Blut“ (V. 3313), ist für Faust – und seinen sündigen Begleiter – gleichsam ein Naturprodukt, dessen Verwendung das Gefühl erlaubt. So bezweckt Liebe in den Augen des leidenden Gelehrten (homo doctus sive patiens) Wiedergutmachung für alle Übel der Welt – sei’s auch drum, dass das Gute (an Gretchen) sich am Ende zum Bösen wendet.

Arbeitsanregungen:

Ende (des Dramas) gut – alles gut?

  • Versetzen Sie sich in Dr. Faust! Wie würden Sie an Fausts Stelle entscheiden? Würden Sie sich Gretchen nähern? Würden Sie sich von dem Teufel lossagen? Würden Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen?
  • Schön wäre es, wenn Sie bei diesen und ähnlichen moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung des Gelehrten? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Goethes Entscheidungen hinsichtlich der Figur des leidenden Gelehrten von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Goethe bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?

 

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