Er sieht immer so verhetzt aus –

Woyzeck: Rasierszene

EINLEITUNG

In Georg Büchners 1837 entstandenem, der Epoche des Vormärz zuzuordnendem Dramenfragment „Woyzeck“, das der Autor aufgrund seines frühen Todes nicht vollendet hat, wird erstmals in der Literaturgeschichte ein Mitglied der sozialen Unterschicht zur tragischen Hauptperson. Büchners Text veranschaulicht am Beispiel der Lebensumstände des hessischen Soldaten Franz Woyzeck die bedrückenden Lebensumstände in der Zeit zunehmender Industrialisierung in Deutschland, durch die es möglich gemacht wird, dass Menschen deformiert und zum Äußersten getrieben werden.

Dem Drama liegt ein historischer Fall zugrunde: Der Arbeitslose Johann Christian Woyzeck ersticht seine Geliebte. In Büchners Drama ist es der Stadtsoldat „Franz“ Woyzeck – ein Soldat der Unterschicht, ein so genannter „Pauper“ – , der seine Geliebte Marie Zickwolf aus Eifersucht ersticht, da sie ihn mit einem Offizier, dem Tambourmajor, betrogen hat. Franz und Marie haben ein gemeinsames Kind im Alter von zwei Jahren.
Franz sichert den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie, indem er zahlreichen Nebenbeschäftigungen nachgeht. Unter anderem nimmt er im Zuge eines menschenverachtend zu nennenden, wissenschaftlichen Experiments eine Erbsendiät auf sich, die seine Gesundheit zerstört und Wahnvorstellungen hervorruft. Des Weiteren verrichtet Woyzeck verschiedene Aufgaben für den Hauptmann.

Die vorliegende Szene zeigt Woyzeck bei der Rasur des Hauptmanns. Der Hauptmann nimmt die Gelegenheit wahr, Woyzeck zur Ruhe zu ermahnen. Er solle sich die Arbeit einteilen. Woyzeck wirkt geistesabwesend und rasiert mechanisch weiter. Als aber der Hauptmann in seiner Klage fortfährt und Woyzeck persönlich angreift und ihm Vorwürfe wegen seines unehelichen Kindes macht, kann er dem Gespräch nicht mehr ausweichen. Zu diesem Zeitpunkt hat Woyzeck bereits den Verdacht geschöpft, dass Marie ihm untreu ist. Im weiteren Verlauf der Handlung wird deutlich, dass Woyzeck damit Recht hat: Marie und der Tambourmajor haben in der Tat ein Verhältnis miteinander. –

Die Rasur ist beendet. Der Hauptmann hat das Gespräch eröffnet und schließt es auch ab. Woyzeck wird nach getaner Arbeit entlassen und ein weiteres Mal zur Langsamkeit ermahnt.

Ich habe die Szene in folgende Abschnitte eingeteilt.
Z. 1–15: Rasur des Hauptmanns durch Woyzeck, Beschwerde und Klagen des Hauptmanns,
Z. 15–27: Ins Persönlich gehende Anschuldigungen des Hauptmanns,
Z. 28–36: Rechtfertigungen Woyzecks,
Z. 37–47: Beiderseitige Bemerkungen zur Moral,
Z. 48–50: Entlassung Woyzecks durch den Hauptmann.

HAUPTTEIL

Bei der Analyse der Rasierszene werde ich mich vor allem mit dem Aspekt der Arbeit befassen und mich dabei von der Frage leiten lassen, welchen Stellenwert die Arbeit bei den am Gespräch beteiligten Figuren hat.

Mittelpunkt des vorliegenden Szenenbildes ist der Rasierstuhl: Woyzeck rasiert den Hauptmann. Der kleine Mann setzt das Messer an die Kehle des großen Mannes, ohne ihm jedoch Gewalt anzutun. – Die wird Woyzeck zuletzt Seinesgleichen zufügen. – Wie zu erwarten, bläst der Hauptmann Trübsal, beschwert sich über Woyzecks Unruhe, grübelt über Zeit und Ewigkeit – ohne Verstand, in abgerissenen Sätzen. Woyzeck nimmt sein Gerede hin (Z. 8.15: „Ja wohl, Herr Hauptmann“). Mag der Hauptmann auch darüber klagen, Zeit im Überfluss zu haben (Z. 4–5: „Was soll ich dann mit den zehn Minuten anfangen, die er heut zu früh fertig wird?“), und Betätigung mit Blick auf die Ewigkeit für nutzlos halten (Z. 10: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“), Woyzeck, das „Arbeitstier“ – Woyzeck, der jede erdenkliche Arbeit auf sich nimmt und darunter zugrunde geht – nimmt die Beleidigung hin. – Ist es denn keine Beleidigung, wenn der Hauptmann damit angibt, mit zehn Minuten freier Zeit nichts anfangen zu können, während Woyzeck jede Minute nutzen muss, um das Lebensnotwendige für sich und seine Familie aufzubringen? – Unter dem Aspekt der Arbeit betrachtet, ergibt sich, dass Woyzeck auch in dieser Szene trotz all der ausgesprochenen und unausgesprochenen Beleidigungen, Anschuldigungen und peinlichen Bemerkungen des Vorgesetzten „funktioniert“, wie es von ihm gefordert wird. Woyzeck rasiert den Vorgesetzten wie eine Maschine.

Für den Hauptmann dagegen ist die Arbeit mit weniger Mühe verbunden. Er muss seine Arbeitskraft nicht verschwenden. Er hat sogar Zeit, am Fenster den Mädchen nachzuschauen, bis ihm die „Liebe“ kommt (vgl. Z. 38–40). Darüber hinaus besitzt er ausreichend finanzielle Mittel, um andere für sich arbeiten zu lassen. Seine „Arbeit“ als Hauptmann ermöglicht es ihm, sich als „Herr“ über andere aufzuspielen. Dass er diese Gelegenheit weidlich ausnutzt, geht aus dieser Szene deutlich hervor.

Das „Gespräch“ in dieser Szene, wenn es überhaupt diesen Namen verdient, wird durchweg vom Vorgesetzten dominiert. Der Hauptmann spricht mit Woyzeck wie mit einem Kind (Z. 3: „Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern“; Z. 10: „Ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“). Ein Gesprächs-„Ziel“ – das gemeinsam verfolgt werden müsste – kann nicht ermittelt werden. Aus den genannten Gründen kann von „asymmetrischer“ Kommunikation gesprochen werden.

Die Analyse der sprachlichen Mittel bestätigt den Befund. So finden sich unterschiedlichste Elemente der „Herrschaftssprache“: beispielsweise die häufige Verwendung von Imperativen (Z. 7: „Teil er sich ein, Woyzeck“; Z. 17: „Red’ er doch was Woyzeck“; u. ö.), Abwertungen (Z. 16: „Woyzeck er sieht immer so verhetzt aus“; Z. 23: „O er ist dumm, ganz abscheulich dumm“; u. ö.). Auch das Gegenteil lässt sich nachweisen: Sprache, die Unterwürfigkeit zum Ausdruck bringt, beispielsweise mithilfe von Gehorsamsfloskeln (Z. 8.15: „Ja wohl, Herr Hauptmann“), Demutsfloskeln (Z. 33: „Wir arme Leut“; Z. 43–44: „wir gemeinen Leut“) und einer sprechenden Metapher (Z. 28: „de arme… Wurm“).

SCHLUSS

„Dem Bourgeois ist der Arbeiter weniger als ein Mensch“. Diese Feststellung Friedrich Engels hinsichtlich des Ansehens der Arbeiter in England wird durch die Rasierszene bestätigt. Friedrich Engels Beobachtungen beziehen sich auf die englischen Verhältnisse in den vierziger Jahren. Georg Büchner greift die deutschen Verhältnisse der Zeit auf und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Im vorliegenden Drama haben sie ihren künstlerischen Ausdruck gefunden.

WEITERER SCHREIBAUFTRAG

Woyzeck und der Hauptmann werden als Figuren völlig verschieden gestaltet. Während Woyzeck differenziert ausgestaltet erscheint und trotz aller Benachteiligungen als „round character“ aufzufassen ist, hat der sozial privilegierte Hauptmann die Kennzeichen des „flat character“, ja sogar die Merkmale eines ins Lächerliche gesteigerten Typen erhalten. Dieser Eindruck wird durch viele Beobachtungen verstärkt: Die selbstgefälligen Bemerkungen des Hauptmanns sind beispielsweise gekennzeichnet durch zahlreiche Gedankenabbrüche, Phrasendrescherei, Tautologien (Z. 10: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein“; u. ö.).

Es liegt nahe anzunehmen, dass diese satirische Zuspitzung des Textes bewusst vorgenommen worden ist, um die realen Herrschaftsverhältnisse des historischen Kontextes ins Gegenteil zu verkehren: So erscheint der Pauper Woyzeck wenigstens auf der Bühne glaubwürdiger und seinem Vorgesetzten überlegen.

Goethes „Faust“ als Theodizee

(Theater über Theater zur Anklage Gottes)



Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben. Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die Wette des Teufels erlaubt hat.

Die Ausschaltung Gottes (oder die Unkenntnis von dieser himmlischen Wette) ist die Vorbedingung für Fausts allumfassendes Freiheitsgefühl. Dieses Freiheitsgefühl kennzeichnet zum Beispiel die Szene „Wald und Höhle“, aber auch die darauf folgende Begegnung mit Gretchen, bei der Faust sein aufgeklärtes Verhältnis zur Religion präsentiert. Er sieht in seiner pansophistischen Naturanschauung (Gottes Weisheit wirkt in Allem) ebenso wenig ein Problem wie in dem Recht, sich Gretchen zu nähern. Nach seiner Anschauung ist ihm die Natur hinreichender Ersatz für Gott. Und Gretchen, das „affenjunge Blut“ (V. 3313), ist für Faust – und seinen sündigen Begleiter – gleichsam ein Naturprodukt, dessen Verwendung das Gefühl erlaubt. So bezweckt Liebe in den Augen des leidenden Gelehrten (homo doctus sive patiens) Wiedergutmachung für alle Übel der Welt – sei’s auch drum, dass das Gute (an Gretchen) sich am Ende zum Bösen wendet.

Arbeitsanregungen:

Ende (des Dramas) gut – alles gut?

  • Versetzen Sie sich in Dr. Faust! Wie würden Sie an Fausts Stelle entscheiden? Würden Sie sich Gretchen nähern? Würden Sie sich von dem Teufel lossagen? Würden Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen?
  • Schön wäre es, wenn Sie bei diesen und ähnlichen moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung des Gelehrten? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Goethes Entscheidungen hinsichtlich der Figur des leidenden Gelehrten von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Goethe bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?

 

Die Maske der Schuld

Oder: Kompensation als Ausweg

 

  • Franz Kafka: Die Verwandlung

Vielleicht ist die Verwandlung Gregor Samsas, seine Annäherung an ein Ungeziefer, dessen Unterleib ständig schmerzt, der Annäherung des Kindes an die masochistisch geprägte Sexualität proportional. Wir lernen die schuldbehaftete Sexualität besser verstehen, wenn wir Gregor Samsa besser verstehen lernen. Gregor Samsa kompensiert nicht, er nimmt alle Schuld auf sich.

Die schuldbehaftete Sexualität Gregors ist eine Art von Minderwertigkeitsgefühl. 

Gregor Samsa hat viel, für das er sich schämen könnte. Seine berufliche Stellung ist durchaus nicht gesichert. Mit welchem Recht bleibt er also länger im Bett liegen? Vielleicht ist Gregor ein Nachfahr jenes Atlas, indem er die Schuld der Familie in seinem Nacken trägt, ein Atlas auf schwachen Füßen allerdings: „Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen“ (Kafka 2015: 5). Es ist wohl gewiss, dass dieser schwache Angestellte die Existenz der Familie sichert, doch wäre er nicht vorhanden, ginge es auch ohne ihn weiter, wie es sich am Ende der Parabel zeigt. So aber, vom Ende her, kann es von Gregor nicht angesehen werden. Darum vielleicht ist er auch zum Ungeziefer geworden, weil er sich nicht entlasten (kompensieren) kann – weil er sich masochistisch, moralisch gesehen, verhalten muss. Ob ihm dies Verhalten vom Über-ich eingepflanzt worden ist, sei dahingestellt.
 
Vielleicht erlauben sich alle sonst in Gregor Samsas Kollegenkreis und in seiner Familie kleine Tröstungen, die den Kompensationsgedanken ermöglichen: „Andere Reisende leben wie Haremsfrauen“ (Kafka 2015: 6). Der Vater kompensiert seine niedrige Stellung als Diener durch eine „straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen“, in der er „gut aufgerichtet“ (Kafka 2015: 34) dasteht. Die Mutter ist mit einem kleinen Auskommen als Näherin beschäftigt. 

Grete, Gregor Samsas Schwester, aber trägt keine Weltkugel im Nacken. Bei ihr hat schon das Alltägliche Gewicht.

Vielleicht gelingt Grete, Gregors Schwester, die Kompensation am besten. Denn „sie hatte sich, allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der Angelegenheiten Gregors als besonders Sachverständige gegenüber den Eltern aufzutreten […] Vielleicht aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit, der bei jeder Gelegenheit seine Befriedigung  [i. e. Kompensation, Hervorhebung vom Verf.] sucht, und durch den Grete jetzt sich dazu verlocken ließ, die Lage Gregors noch schreckenerregender machen zu wollen, um dann noch mehr als bis jetzt für ihn leisten zu können.“ (Kafka 2015: 30–31).
 

Glaubte Gregor an die Anhänglichkeit seiner Schwester?

Grete wird schließlich zur Anklägerin ihres Bruders: „Wenn es Gregor wäre, er hätte längst eingesehen, dass ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen.“ (Kafka 2015: 45).
 
Arbeitsanregungen:

  • Skizzieren Sie möglichst genau die Stationen und Symptome der „Schuld“ Gregor Samsas.

Beispiel für die erste Station:
 
Gregor „Schuld“ besteht darin, dass er länger als gewöhnlich im Bett liegen bleibt. Statt einfach aufzustehen und sich rasch zum Dienst zu begeben, dämmert er weiter in den Morgen hinein, abgelenkt durch die Abbildung der Dame im Pelz.

  • Diskutieren Sie, ob und inwiefern es sich bei Gregors Verwandlung um ein Krankheitsbild handelt.

Prügler

Die Idee der Schuld war klar und präzise, als Kafkas Roman „Der Proceß“ die Rumpelkammer öffnete. So nämlich ist die Scham in neuer Bedeutung entstanden.

Arbeitsanregungen:

  • Das Prügler-Kapitel kennen Sie vermutlich bereits aus dem Deutschunterricht. Hören Sie sich das Kapitel in einer Produktion des Bayerischen Rundfunks an.
  • Sammeln Sie Anklagepunkte, die K. belasten.
  • Überlegen Sie, vor welchem Gericht die Anklagepunkte vorgebracht werden könnten: vor einem ordentlichen Gericht, einer Ethikkommission, K.s eigenem Gewissen?
  • Schreiben Sie nun zwei Anklageschriften, die an verschiedene Gerichte adressiert sind. Eine Schreibhilfe ist es, der Anklageschrift zunächst ein bestimmtes Strafmaß zuzuordnen. Begründen Sie dann dieses Strafmaß.

 

Kafka: Vor dem Gesetz

Die Gerechtigkeit der Götter

Franz Kafka: Der Proceß

Oder: Die immerwährende Scham

Josef K. versucht in das Innerste seiner Schuld zu blicken, geht aber weiterhin den gewohnten Tätigkeiten nach. Gerade im Gewohntesten stecken die größten Rätsel. Gerade im Banalen lässt sich das Unrecht wiederfinden.

Die Gerechtigkeit aber schwebt als Siegesgöttin darüber, mit Flügeln an den Fersen. Das ist ironisch gemeint. Denn wen betrifft diese schwankende Gerechtigkeit mit Flügeln? Immer die Falschen – wie es der erste Satz des Romans bereits nahelegt:

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

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In diesem Satz ist alles enthalten: Auch derjenige, der zu Unrecht irgendeiner Schuld bezichtigt wird, verliert augenblicklich an Wert. Es ist ein immerwährender Prozess der Selbstanklage und Scham, der nun einsetzt.

Der Zufall war K. günstig, die Möglichkeit, vom Gericht zu reden, wurde ihm förmlich dargeboten, denn es war offenbar das Porträt eines Richters. Es war übrigens dem Bild im Arbeitszimmer des Advokaten auffallend ähnlich. Es handelte sich hier zwar um einen ganz anderen Richter, einen dicken Mann mit schwarzem, buschigem Vollbart, der seitlich weit die Wangen hinaufreichte, auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber mit Pastellfarben schwach und undeutlich angesetzt. Aber alles übrige war ähnlich, denn auch hier wollte sich gerade der Richter von seinem Thronsessel, dessen Seitenlehnen er festhielt, drohend erheben. »Das ist ja ein Richter«, hatte K. gleich sagen wollen, hielt sich dann aber vorläufig noch zurück und näherte sich dem Bild, als wolle er es in den Einzelheiten studieren. Eine große Figur, die in der Mitte der Rückenlehne des Thronsessels stand, konnte er sich nicht erklären und fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch ein wenig ausgearbeitet werden, antwortete der Maler, holte von einem Tischchen einen Pastellstift und strichelte mit ihm ein wenig an den Rändern der Figur, ohne sie aber dadurch für K. deutlicher zu machen. »Es ist die Gerechtigkeit«, sagte der Maler schließlich. »Jetzt erkenne ich sie schon«, sagte K., »hier ist die Binde um die Augen und hier die Waage. Aber sind nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im Lauf?« »Ja«, sagte der Maler, »ich mußte es über Auftrag so malen, es ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.« »Das ist keine gute Verbindung«, sagte K. lächelnd, »die Gerechtigkeit muß ruhen, sonst schwankt die Waage, und es ist kein gerechtes Urteil möglich.«

Arbeitsanregung:

  • Deuten Sie den vorliegenden Auszug aus dem Roman „Der Proceß“ von Franz Kafka. Beziehen Sie sich dabei besonders auf die Darstellung der Gerechtigkeit.

Über Orest

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An Goethes Gestaltung der Figur Orest wird deutlich, wie Charaktere in ihr Gegenteil umschlagen können. Fühlt der junge Orest wie eine Figur des Sturm und Drang sich belebt durch die Bestimmung zur Freiheit, empfindet der ältere Orest, von den Erinnyen verfolgt, tief die Unmöglichkeit der Freiheit. Will der Leser die Figur des Orest richtig erfassen, muss er diese doppelte Bestimmtheit berücksichtigen. Natürlich hat der Muttermord den Bruch herbeigeführt. Daran darf der Leser nicht vorbeigehen: Orest ist ein schuldbeladener Charakter. Es muss jedoch festgehalten werden: Die wahnsinnige Klage des Orest verweist darauf, wie sehr er die Mutter geliebt hat.

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Böses und Gutes, Böses ohne Gutes –

Tragische Schuld und Intrige in „Kabale und Liebe“

Glück und Unglück, so teilt es das bürgerliche Trauerspiel dem Zuschauer mit, werden auch in der bürgerlichen Familie fassbar. Und Glück und Unglück, ganz wie in der Tragödie – man nehme König Ödipus als Beispiel – kommen von derselben Seite. Und dass jemand, der das Gute will, zugleich das Böse schafft, begründet das Phänomen des Tragischen. Die dialektische Einheit von in den Figuren angelegten positiven und negativen Kräften lässt sich auch in Schillers Trauerspiel „Kabale und Liebe“ aufweisen. Vater Miller, so zeigt es sich, ist sich der tragischen Schuld nicht bewusst, Ferdinand empfängt am Ende davon eine Ahnung.

(Für Ferdinand gibt es eigentlich keinen Trost. Denn das Unglück, für das er verantwortlich ist, liegt unmittelbar in seiner Moralität begründet – begehrt sein Herz doch zu Recht gegen die erzwungenen Ständegrenzen auf.)

Sekretär Wurm dagegen ist ein ausgemachter Bösewicht, ein Intrigant par excellence, eine Figur, von der man kaum glauben möchte, dass Schiller dabei an ein historisches Vorbild gedacht haben könnte. Wurm ist bühnenwirksam – für ihn aber darf das Wort „Tragik“ nicht gebraucht werden, denn er stiftet Schaden, ohne das Gute zu wollen.

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K. und die Frauen

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1. Fräulein Bürstner

Fräulein Bürstner, Josef K.s Zimmernachbarin, erweckt sein Interesse und bedeutet ihm Abwechslung in seinem infolge der Verhaftung halb und schal gewordenen Dasein. Im Verlauf ihrer Begegnung kommen K.s narzisstische Überlegenheitsgefühle hervor. K. glaubt Macht über Fräulein Bürstner ausüben zu können.

Das erste Kapitel enthält ein Gespräch zwischen Josef K. und Fräulein Bürstner [Franz Kafka: Der Prozeß. Roman. Suhrkamp (st 3669): Berlin 6. Auflage 2012, 29,7–36,8]. K. drängt es danach, seiner Zimmernachbarin von den Umständen seiner Verhaftung zu erzählen. Er besteht darauf, die Verhaftung nachzuspielen, und rückt dafür sogar Fräulein Bürstners Nachttischchen von seinem Platz.

Folgende Gliederung ist möglich:

  1. Bitte um Einlass in das Zimmer (29,7–30,8)
  2. Vorgeschobene Entschuldigung K.s für die morgendliche Unordnung in Fräulein Bürstners Zimmer (30,9–31,4)
  3. Bericht über die Verhaftung (31,4–32,20)
  4. Zunehmende Faszination K.s wegen Fräulein Bürstners Attraktivität (32,20–33,1)
  5. Theatralische Nachahmung der Verhaftung (33,1–33,28)
  6. Jähe und energische Störung durch einen unvermuteten Zimmernachbarn – Hauptmann Lanz (33,29–34,8)
  7. Josef K.s Beschwichtigungsversuch (34,8–35,20)
  8. Heftiger, sexueller Übergriff K.s auf Fräulein Bürstner (35,21–36,8).

    Arbeitsanregungen:

    K. und die Frauen: Fräulein Bürstner

    ARBEIT AM TEXT

    • Wie wird Fräulein Bürstner äußerlich beschrieben?
    • Wird Fräulein Bürstner im Voraus „angekündigt“ – falls ja, wie?
    • Welche Charakterzüge werden ausdrücklich genannt, welche lassen sich aus ihrem Verhalten erschließen?
    • Wie kommuniziert Fräulein Bürstner mit K. – zugewendet, ironisch, herablassend, aggressiv, heiter usw.?
    • Wie verhält sich Fräulein Bürstner vor dem Gespräch mit K., wie nach dem Gespräch?
    • Wie ist sie sozial einzuordnen?
    • Wie wird sie von K. bewertet, eingeschätzt?
    • Was denkt Fräulein Bürstner über sich selbst, über K.?

    ARBEIT AM SPIEL

    Erschließen Sie die Subtexte der Figuren, indem Sie informative Sprechtexte aus dem Dialog mit K. in Ihre Hefte übertragen und die Subtexte in kleiner Schrift darunter setzen.

    • Erproben Sie den Dialog in Vierergruppen, wobei Sie die Subtexte hinzunehmen.
    • Zwei Spieler stellen die Rollen FRÄULEIN BÜRSTNER und JOSEF K. dar, zwei Spieler deren Subtexte. Die „Subtexte“ sollen ihren Rollen dabei wie ein Schatten folgen.

    Werten Sie die Szene nach dem Spiel aus.

    • Wurden die Haltungen der Figuren deutlich?
    • An welchen Stellen wirkte das Gespräch zwischen K. und Fräulein Bürstner besonders interessant, spannend, überzeugend?

    Scham und Schuld

    Kafka: Der Proceß

    Die Aufgabe des Gerichts besteht darin, über die Schuld des Verhafteten zu wachen. Mit der Verhaftung ist damit mehr erreicht, als es vielleicht den Anschein hat. Die durch die Verhaftung ausgelöste Scham ist die Elementartatsache innerhalb der neuen Erfahrungen Josef K.s. Mit der Verhaftung ist die Scham des Verhafteten sichergestellt. Auf der Seite K.s entsteht nun so etwas wie ein bedingter Reflex, indem er sich auf seine Scham fixiert.

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