Grenzen der Aufklärung

Aufklärung, Goethe, Herder

Goethe im Jahr 1774. Bleistiftzeichnung von Georg Friedrich Schmoll.

Goethe im Verhältnis zur Aufklärung

Die Idee der Aufklärung vermochte sicherlich auch in Deutschland die Gebildeten an sich zu fesseln. Hätte es den entsprechenden Wettbewerb vor 250 Jahren bereits gegeben, das Wort „Aufklärung“ wäre gewiss zum „Wort des Jahres“ erklärt worden. Auch der junge Goethe scheint freudig erregt, wenn auch mit schlechtem Gewissen, denn studiert hat er Kant freilich nicht. Aber er greift begeistert zur Feder, um sich in Briefen mit Freunden über alle möglichen aktuellen Themen in aufgeklärter Manier auszutauschen.

Unter den Stimmen der Aufklärer um ihn herum lassen sich auch skeptische Stimmen vernehmen: Ist der Fortschritt in den Naturwissenschaften tatsächlich als Fortschritt zu betrachten? Ist der europäische Mensch der bessere Mensch, erwachsener als die Menschen der Naturvölker, die wie Kinder um ihn herumstehen? Ist es anzunehmen, dass die Vernunft den einzigen Maßstab für das menschliche Handeln darstellt? Herder, Goethes Mentor seit dem Studium 1770 in Straßburg, beruft sich auf Rousseau: Man müsse sich entscheiden, ob man einen Bürger (citoyen) oder einen „Menschen“ aus dem Kinde herausbilden wolle.

Nicht nur im Verhältnis zum Kind, auch in künstlerischer Hinsicht erteilen Goethe und Herder der Aufklärung eine vorsichtige Absage – der Aufklärung wohlgemerkt, insofern sie von der Vernunft geleitete Begriffe vermittelt. Für Herder ist die Vernunft immer die „spätere Vernunft“, der Ursprung der Kunst sei jedoch mit Affekten verbunden. Kunst entstehe aus dem Gefühl, sei als Sprache der allgemeinen, in uns wirkenden Natur emotionales und nicht kausal darstellbares Zeichen.

Vor allem in Herders Reise-Journal aus dem Jahr 1769 sind die Gedanken so assoziationsreich, so spontan und in diesem Sinne künstlerisch frei, dass sie mächtig auf das Empfinden des jungen Goethe wirken mussten. Unter diesem Eindruck entstehen Goethes frühe Werke, auch der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774).

Arbeitsanregungen:

Ein herrlicher Sonnenaufgang!

Aufklärung

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„Aufklärung“

Hätte es den entsprechenden Wettbewerb vor 250 Jahren bereits gegeben, das Wort „Aufklärung“ wäre gewiss zum „Wort des Jahres“ erklärt worden. Aber nicht nur im deutschen Sprachraum war die mit diesem Wort verbundene Idee in aller Munde. Die Idee der Aufklärung war eine europäische Idee. Anfangs wurde sie nur unter den Gebildeten Europas kommuniziert, später wurde sie zur Idee, die auch die Herzen der unteren Stände bewegte. Dieser universale Anspruch war in der Idee der Aufklärung selbst begründet. Die Aufklärung überschritt die Ständegrenzen, sie wollte alle und jeden erreichen. „Der Mensch [sollte]“, schrieb Hegel später im Rückblick auf dieses Zeitalter, „der Mensch [sollte] sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stell[en] und die Wirklichkeit nach diesem erbau[en]. Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang.“

Die Intellektuellen trieben den Prozess voran, indem sie mehr und mehr dazu übergingen, ihre Schriften in der Volkssprache zu verfassen.