Der Glauben als Bogen

Lessings aufgeklärtes Religionsverständnis Gotthold Ephraim Lessing hat dem konfessionellen Zeitalter sein einheitliches Menschenbild entgegengesetzt. Es ist überkonfessionell, individualistisch und subjektivistisch gemeint, geleitet von der Überzeugung, jeder Mensch sollte selbst entscheiden können, welche Religion ihm passend erscheint. Die mit diesem Menschenbild verbundene Religionskritik ist nicht vordergründig – im Gegenteil, Konfession und vom konfessionellen Staat gelenkte Glaubenspraxis werden als bloße Äußerlichkeiten („Zierraten“) betrachtet, die vom inneren Raum individueller Glaubensüberzeugung getrennt werden müssen. Das verdeutlicht die folgende Fabel: Der Besitzer des Bogens Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoss, und den er ungemein…

Weiterlesen

Lessing und Reimarus

Die Widersacher der Aufklärung brachten all dies als Vorwürfe vor, was der Religion gefährlich werden konnte: die Freiheit der Rede in Wort und Schrift, die Freiheit des Bekenntnisses, der weltanschaulichen Idee, das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit, der methodische Zweifel. „Der Mensch [sollte]“, schrieb Hegel später im Rückblick auf dieses Zeitalter, „der Mensch [sollte] sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stell[en] und die Wirklichkeit nach diesem erbau[en]. Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang.“ Dieser Sonnenaufgang war manchen deutschen Landesfürsten allerdings ein Gräuel, hatten sie doch die durch die langen Kriege des 17. Jahrhunderts aufgesprengte…

Weiterlesen

Grenzen der Aufklärung

Goethe im Jahr 1774. Bleistiftzeichnung von Georg Friedrich Schmoll. Goethe im Verhältnis zur Aufklärung Die Idee der Aufklärung vermochte sicherlich auch in Deutschland die Gebildeten an sich zu fesseln. Hätte es den entsprechenden Wettbewerb vor 250 Jahren bereits gegeben, das Wort „Aufklärung“ wäre gewiss zum „Wort des Jahres“ erklärt worden. Auch der junge Goethe scheint freudig erregt, wenn auch mit schlechtem Gewissen, denn studiert hat er Kant freilich nicht. Aber er greift begeistert zur Feder, um sich in Briefen mit Freunden über alle möglichen aktuellen Themen in aufgeklärter Manier auszutauschen. Unter den Stimmen der Aufklärer um ihn herum lassen sich…

Weiterlesen

Ein herrlicher Sonnenaufgang!

„Aufklärung“ Hätte es den entsprechenden Wettbewerb vor 250 Jahren bereits gegeben, das Wort „Aufklärung“ wäre gewiss zum „Wort des Jahres“ erklärt worden. Aber nicht nur im deutschen Sprachraum war die mit diesem Wort verbundene Idee in aller Munde. Die Idee der Aufklärung war eine europäische Idee. Anfangs wurde sie nur unter den Gebildeten Europas kommuniziert, später wurde sie zur Idee, die auch die Herzen der unteren Stände bewegte. Dieser universale Anspruch war in der Idee der Aufklärung selbst begründet. Die Aufklärung überschritt die Ständegrenzen, sie wollte alle und jeden erreichen. „Der Mensch [sollte]“, schrieb Hegel später im Rückblick auf dieses…

Weiterlesen

%d Bloggern gefällt das: