Über Orest

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An Goethes Gestaltung der Figur Orest wird deutlich, wie Charaktere in ihr Gegenteil umschlagen können. Fühlt der junge Orest wie eine Figur des Sturm und Drang sich belebt durch die Bestimmung zur Freiheit, empfindet der ältere Orest, von den Erinnyen verfolgt, tief die Unmöglichkeit der Freiheit. Will der Leser die Figur des Orest richtig erfassen, muss er diese doppelte Bestimmtheit berücksichtigen. Natürlich hat der Muttermord den Bruch herbeigeführt. Daran darf der Leser nicht vorbeigehen: Orest ist ein schuldbeladener Charakter. Es muss jedoch festgehalten werden: Die wahnsinnige Klage des Orest verweist darauf, wie sehr er die Mutter geliebt hat.

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Spiegel des Humanen

Wie wird Orest geheilt?

Das Befremden, mit dem Iphigenie und Orest einander begegnen, ist von der gleichen Art wie das Befremden, mit dem ein Mensch sein Spiegelbild betrachtet. Für Orest ist Iphigenie ebensowenig greifbar, wie eine Reflexion im Spiegel greifbar ist. Für Goethe offenbart der Spiegel das so genannte Doppelgesicht. So erkennt der wahnsinnige Orest anfangs nicht die Schwester in dem Gesicht der Schwester, sondern nur die Furie, allgemeiner gesagt: nur das strafend Göttliche darin (V. 1169–1171: „Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin? / Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich / Das Innerste in seinen Tiefen wendet?“). Ist das Spiegelbild aber von dem schrecklichen Bild der Rachegöttin bestimmt, ist der Weg zur Erkenntnis des Orakels verstellt: „Bringst du die Schwester, die an Tauris’ Ufer / Im Heiligtume wider Willen bleibt, / Nach Griechenland; so löset sich der Fluch“ (V. 2113–2115). Solange Orest im Bild der Schwester nur das strafend Göttliche erfährt, ist seine Erlösung vom Familienfluch nicht möglich. Die Gottesebenbildlichkeit der Schwester erweist sich aber gerade darin, dass sie dem Bruder trotz seiner Schuld vergibt (vgl. Herders Leitidee der Gottesebenbildlichkeit). Orests Befremden gegenüber dem Spiegel (vgl. Lethefluss als Spiegelmetapher) weicht also der Freude, als er in der Schwester das vergebend Göttliche erkennt – die humane Seite des Menschen.

Iphigenie und Thoas

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Die reine Menschenliebe?

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Iphigenie und Thoas

  • Erster Aufzug. Dritter Auftritt (V. 450–537)

Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, am 6. April 1779 im kleinen Kreis der Weimarer Hofgesellschaft uraufgeführt, gilt als klassisches Humanitätsdrama. Iphigenie verkörpert, was auszufüllen kein einzelner Mensch imstande ist: die „reine Menschlichkeit“, wie Goethe selbst, nicht ohne Selbstkritik, im Hinblick auf dieses Drama bemerkt. Humanität, d. h. „Menschlichkeit“ oder „Menschenfreundlichkeit“ ist, im Kontext von Goethes Drama, als Gegenbegriff zu Barbarei, Unbildung, aber auch Fremdbestimmung aufzufassen. Im Kontext der Weimarer Klassik findet der Begriff außerordentliche Beachtung. In der Humanität, so formuliert es Herder in Berufung auf Kant, bestehe die Glückseligkeit des Menschen, sie erst helfe ihm, sich von seinen selbstverschuldeten Zwängen zu befreien.

In der dritten Szene des ersten Aufzugs (I, 3) kommt es zu einer Begegnung zwischen Iphigenie und Thoas. Wie es von dem Boten des Königs, Arkas, bereits angekündigt worden ist (vgl. I, 2), teilt Thoas der Priesterin mit, dass er sie heiraten möchte. Doch Iphigenie ist nicht bereit, den Erwartungen des Königs zu entsprechen. Sie lehnt den Antrag ab und ruft damit den Zorn des Königs hervor. So trägt er ihr auf, die lange unterlassenen Menschenopfer wieder durchzuführen und der Göttin Diana zwei Fremde zu opfern.

Für das Verständnis der Figur ist interessant, ob Iphigenie ihr Verhalten rational begründet bzw. Humanität unter Beweis stellt. Ist es für den König nachvollziehbar, warum sie den Antrag ablehnt? Erweist die Priesterin dem König so viel an Menschlichkeit, dass sie ihn teilnehmen lässt an ihrer Entscheidung?

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie den entsprechenden Auszug aus der dritten Szene (V. 450–537). Berücksichtigen Sie dabei insbesondere die Gestaltung der Figur der Iphigenie.
  • Thoas’ Dilemma

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    Iphigenie: Stand der Dinge

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    Wäre die Figur der Iphigenie nicht wiederholt vor ein moralisches Dilemma gestellt, wäre die dramatische Wirkung des Schauspiels dahin! Es liegt in der Absicht des Autors, dass die Emotionen, Gedanken und Wünsche der Figur nicht auf eine Richtung festgelegt sind. Iphigenie muss anders als zum Beispiel Orest hin und her gerissen sein zwischen dieser und jener Richtung. Sie muss Dinge mit Widerwillen tun, ihre Handlungen müssen paradox erscheinen.

    Die Schuld des Ahnherrn

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    Iphigenie und der Tantalus-Mythos

    Die Frage nach der Schuld ihrer Familie führt Iphigenie zum Tantalus-Mythos. So erzählt sie dem Skythenkönig von Tantalus, ihrem Urahn, dem schwerreichen Mann, dem Liebling der Götter. Dieser hat die Olympier dadurch beleidigt, dass er ihnen seinen Sohn Pelops, ohne überhaupt darum gebeten worden zu sein, geopfert und zum Mal gereicht hat. Die Olympier, Zeus vor allem haben Tantalus daraufhin aufgegeben und in die Unterwelt verbannt. Er muss in die unterste Unterwelt, den Tartarus, hinab, um dort für immer Hunger und Durst zu leiden. Die Götter haben den übermütigen Tantalus aufgegeben – nicht so Iphigenie! Sie hat den Urahn nicht aufgegeben. Sie weist die Schuld den Göttern zu. So fällt kein Schatten des Vorwurfs auf ihren Urahn. Es fällt auf, dass sie das Pelops-Opfer expressis verbis gar nicht anführt. Auch von den anderen Verbrechen des Tantalus vernimmt Thoas nicht ein einziges Wort. Diese nicht unbedeutenden Passagen des Tantalus-Mythos sind vom mythenkundigen Goethe mit Bedacht ausgespart worden. Iphigenies Version des Familien-Mythos lautet folgendermaßen:

    Goethe: Iphigenie auf Tauris, 1. Aufzug, 3. Auftritt, V. 315–327

    IPHIGENIE.
    Er [Tantalus, Anm. von mir] ist es; aber Götter sollten nicht /
    Mit Menschen, wie mit ihresgleichen, wandeln; /
    Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach, /
    In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln. /
    Unedel war er nicht und kein Verräter; /
    Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen /
    Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war /
    Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht /
    War streng, und Dichter singen: Übermut /
    Und Untreu stürzten ihn von Jovis Tisch /
    Zur Schmach des alten Tartarus hinab. /
    Ach, und sein ganz Geschlecht trug ihren Hass! /

    THOAS.
    Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

    Aufgaben:

  • Wie lässt sich Iphigenies Darstellung des Tantalus-Mythos erklären?
  • Wie weicht Thoas von Iphigenies Darstellung des Tantalidenfluchs ab?
  • Von Menschen und Göttern

    Iphigenie und Diana

    Das Problem der Iphigenie lässt sich als die Frage nach ihrem Verhältnis zu den Göttern umschreiben. Dabei ist ein Verhältnis nur ein Verhältnis im eigentlichen Sinn, wenn es sich nicht nur auf Äußerlichkeiten bezieht. Ein Verhältnis im eigentlichen Sinn wird vielmehr an einer existenziellen Gottverbundenheit kenntlich. Es ist klar, dass Iphigenie in diesem Sinne religiös ist, dass sie von der Erfahrung durchdrungen ist, dass Diana ihr nah ist. Das Problem der Iphigenie besteht allerdings darin, dass die Nähe zu ihrer großen Lebensretterin sie nicht mit Freude erfüllt.

    Arbeitsanregungen:

  • Ergänzen Sie: Religion ist …
  • Wie wird Religion in Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“ dargestellt?
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    Malum metaphysicum

    Iphigenies Klage

    Seit der Zeit der Aufklärung wird die Metaphysik skeptisch betrachtet. Der Zweifel an ihr gründet sich auf der Leugnung ihrer Wissenschaftlichkeit. In der Tat steht ihr Anspruch, als „erste Philosophie“ die Wahrheit über das Sein zu beschreiben, wissenschaftlich gesehen auf schwachen Füßen. Nichtsdestoweniger spiegelt die Metaphysik das Bedürfnis wider, Antworten auf spezifisch menschliche Fragen zu formulieren. So mag sich jemand zum Beispiel fragen, was seine Stellung in der Welt sei. Er kann sich fragen, warum ihn das Leben mit Unbehagen erfüllt. Er mag sich angesichts der Weltgeschichte wundern, ob sie mehr sei als die ewige Wiederkehr des Gleichen. Philosophen und Dichter der griechischen Antike hatten auf solche Fragen Antworten gefunden. Ihre Gedankengänge aufzunehmen, zeigen sich die Dichter der literarischen Klassik in Deutschland bereit. Johann Wolfgang Goethes Ideal ist es zum Beispiel, den „guten Geschmack der Griechen“ in allen wesentlichen Fragen, die den Menschen betreffen, auf seine Dichtung zu übertragen. Griechische Gedanken bilden daher die Grundlage für sein Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, welches im April 1779 seine Uraufführung erlebt hat. Dem Eingangsmonolog des Dramas lassen sich die metaphysischen Fragen der Titelfigur entnehmen.

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    Menschenopfer

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    In der Vorstellung des Menschenopfers schwingt so viel an Fantasie mit, dass die kritische Untersuchung ratsam erscheint. Was an dieser Vorstellung ist historisch gesehen Faktum, was beruht auf Unterstellung? Freilich befördert es die Fantasie, dass das Menschenopfer einem zum Beispiel in vielen Kinofilmen vor Augen steht. Ist nicht die Ambivalenz des Opfers im Film „King Kong“ (1933) für alle sichtbar geworden, die Verwandlung des rituellen Tötungsaktes in den erlösenden Akt der Liebe? Oder die Erzählung vom Isaaksopfer (Genesis 22,1–19), um einen anderen Bereich anzuführen – verhält es sich da nicht ähnlich? Die Tötung, das eigentliche Opfer, wird zur Nebensache. Der Gott Israels, so zeigt es diese Erzählung, wünscht kein Menschenopfer.

    Arbeitsanregung:

    1. Leiten Sie aus den vorliegenden Texten und Bildern eine Übersicht über das Opfermotiv ab.
    2. Untersuchen Sie die Gestaltung des Opfermotivs in Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“.