Die Säfte im Körper

Schiller

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Schiller und die Temperamentenlehre

Was ist der Mensch? Edel, hilfreich und gut? Ist er ein Muster an Tugend oder maßlos neidisch, rachsüchtig und verzweifelt?

Nach mittelalterlicher Vorstellung sind die im Menschen vorhandenen „Säfte“ (humores) für die unterschiedliche Charakterbildung ausschlaggebend. Der „dicke und dürre“ Saft der schwarzen Galle verhindere das Lachen. So wird der Melancholiker gedacht, der „neidische, traurige und furchtsame“ Mensch. Der Choleriker wird der gelben Galle zugerechnet, er gilt als „leidenschaftlich, jähzornig, autoritär und ehrgeizig“. Nach der Theorie der Ärzteschule von Salerno unter Constantinus Africanus, deren Einfluss bis ins 19. Jahrhundert bestimmend ist, sind Leber und Milz für die Entwicklung dieser unheilvollen Temperamente verantwortlich. Das Temperament des Sanguinikers erklärt sich durch zu viel Blut im Körper, das Temperament des Phlegmatikers dagegen durch zu viel Schleim. Der Sanguiniker ist der Begeisterungsfähige, Sorglose: Er verspricht viel, hält aber nicht Wort. Über den Phlegmatiker heißt es, dass er, da er nur mit einer gewöhnlichen Dosis an Vernunft ausgestattet sei, zur Untätigkeit neige.

Die Theorie der vier Temperamente wirkte jahrhundertelang. Sie wurde von Shakespeare angewendet und von Schiller. Die Temperamentenlehre – so hat Immanuel Kant es ausgedrückt – erklärt den Menschen von der Beschaffenheit der Körpersäfte her, also physiologisch, und nicht in dem Zustand der Freiheit, d. h. in pragmatischer Hinsicht. „Die physiologische Menschenkenntnis geht auf die Erforschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was er, als frei handelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll.“ (Immanuel Kant: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2. Werkausgabe Band XII, hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt 1991, 399).

Schiller hat die Natur beim Tier und beim Menschen bemerkt – die unabdingbare „Naturnotwendigkeit“ – und darauf aufbauend den Willen und die Freiheit beim Menschen. Seine Dramen bringen seine Gedanken zur Menschenkenntnis und somit auch zur Temperamentenlehre an den Tag.

Arbeitsanregungen:

  • Im Vergleich zur Freiheit wird der Natur des Menschen im Drama „Kabale und Liebe“ viel mehr Raum gelassen. Wodurch werden die Temperamente der Figuren deutlich gemacht, wodurch die Affekte?
  • Entscheiden Sie: Ist die Liebe zwischen Ferdinand und Luise aus gesellschaftlichen Gründen unmöglich? Oder treffen in dieser Beziehung zwei Temperamente aufeinander, die nicht zueinander passen?
    Diskutieren Sie kurz beide Hypothesen und begründen Sie, welche davon besser zum Drama passt.