Liebe ist alles?

Drama, Faust, Goethe, Sturm und Drang

Tagebuch einer Kindsmörderin

Gretchen sei von Goethe kaum umgestaltet worden, heißt es. Sie ist ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die Mutter Witwe, sie lässt sich verführen, tötet das Kind – diese aus dem Leben gegriffene Gestalt hat Goethe in den Jahren des Sturm und Drang derart aufgewühlt, dass er sie unangetastet gelassen hat. Die flammende Gesellschaftskritik des Sturm und Drang findet sich demnach stärker im „Urfaust“ als im späteren „Faust“ wieder.

Gretchen dürfte vorgewarnt gewesen sein. Stets werden Frauen von Männern vernichtet. Beispiele dafür gibt es genug, dass die Mutter auf sie Einfluss nimmt, immer bemüht, die Haltung, den Ruf und die Ehre ihrer Tochter zu bewahren und aus ihr eine stattliche Ehefrau zu machen. Was für ein Glück, dass die Mutter so „akkurat“ (V. 3114) über die aufkommenden Sehnsüchte der Tochter wacht! Was für ein Glück! Und trotzdem erhebt sich an dieser Stelle, innerhalb des 18. Jahrhunderts, im Zeichen des Sturm und Drang, der Protest des Individuums gegen elterliche Bevormundung und religiöse Zwänge.

Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was Gretchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Gretchen ist nichtsdestotrotz die vierzehnjährige Bürgerstochter, die ihr Kind tötet, dessen Geist ihr zuletzt im Kerker erscheint, um sich im Lied an ihr zu rächen.

„Meine Mutter, die Hur’, /
Die mich umgebracht hat! /
Mein Vater, der Schelm, /
Der mich gessen hat! /
Mein Schwesterlein klein /
Hub auf die Bein’ /
An einem kühlen Ort; /
Da ward ich ein schönes Waldvögelein; /
Fliege fort, fliege fort.“ (V. 4412–4420)

Dazu gehört außerdem, dass Gretchen sich auf einen „Schelm“ (V. 4414) eingelassen hat. Faust bekommt damit das für Mephistopheles bestimmte Beiwort (vgl. V. 2515).

Arbeitsanregung:

Mehr und mehr wird Gretchen zerrissen von den Gefühlen der Neigung und der Pflicht. Zeichnen Sie ihre Empfindungen in Tagebucheintragungen nach!

Beispielsweise mit folgenden Stationen:

Erste Station: Straße

Ich entfernte mich sehr bald von dem Herrn. Ich eilte weiter. Ich weiß gar nicht, was ich suche, wenn ich darüber nachdenke, warum er mich beschnuppert hatte. Wie er mich betrachtete – wie er mich beschnupperte – wie ich zum Gegenstand seiner Aufmerksamkeit wurde! Dieser Gedanke lässt mich nicht los.

Zweite Station: Abend

Du lieber Himmel, Mutter hat nicht danach gefragt – sie weiß nicht einmal, wer der feine Herr gewesen ist, der heute nach mir geschaut hat! Sie würde sich Sorgen machen: Warum nur habe ich das Mädchen herumlaufen lassen?

Ein unnatürliches Brüllen

Expressionismus, Goethe, Lyrik, Sturm und Drang

Irrenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf, 1880–1914.

Georg Heym: Die Irren (1910)

Der Titan Prometheus soll für seinen Mut, den Göttern zu widersprechen, an einen dunklen Felsen im Kaukasus geschmiedet worden sein. So war er gewissermaßen unsichtbar geworden. Der titanische Feuerzünder war verschwunden und die Wahrheit über die Götter mit ihm. Es gibt weitere Söhne und Töchter aus der Verbindung von Mutter Erde, Gaia, und Vater Himmel, Uranos, die die Mutter zum Widerstand gegen die Götter angestachelt hat. Hyperion und Theia, die Lichtgestalten, Okeanos, der Weltenstrom, Themis, das Naturgesetz, und Mnemosyne, das Gedächtnis, Atlas, der das Himmelsgewölbe stützt – diese Liste der Titanen ließe sich fortführen bis in die Gegenwart: Dulder, die zum Widerstand bereit sind. Aus diesem zukunftsweisenden Geist heraus war Goethes Gedicht „Prometheus“ entstanden, gegen geflissentliche Aufklärer. Ein viel beachtetes Zeugnis des Sturm und Drang.

Im folgenden expressionistischen Gedicht ist meines Erachtens ebenfalls der Geist des Widerstandes und der Rebellion vernehmbar. Nur tritt kein Genie, kein Individuum auf, sondern die Masse der „Irren“.

„Die Irren“ aus dem Jahr 1910 ist ein lautes Gedicht. Die grelle „Psychopathographik“ ist das vorherrschende Thema (vgl. Walter Müller-Seidel: Wissenschaftskritik und literarische Moderne. In: Die Modernität des Expressionismus, hrsg. von Thomas Anz und Michael Stark. J. B. Metzler Verlag: Stuttgart 1994, 30). Niemand kann sich hier ruhig-reflektierend niederlassen, niemand kann leugnen, dass der Boden der in diesem Gedicht entworfenen Welt einzustürzen droht. Ein Kranker tritt auf und schmettert seinen Arzt mit Titanengewalt zu Boden und zerbricht ihm dabei den Schädel. Ein unversöhnliches Zeugnis des Widerstandes. Ein verstörender Text aus der Feder von Georg Heym.

Die strophische Gestaltung der Verse entspricht der italienischen Grundform des Sonetts mit umarmenden Reimen (abba, bccb) in den Quartetten. In den Terzetten finden sich in Heyms Gedicht weitere Reimsilben, die nach einem dreireimigen Schema aufgebaut sind: ded, eed. Der Vers ist fünfhebig und entspricht insofern dem fünfhebigen Jambus des Dramas (Blankvers), welcher allerdings ohne Reim auskommt. Der fünfhebige Jambus erlaubt verschiedene Abstände zwischen den syntaktischen Gruppen, er ist nicht symmetrisch gebaut wie der Alexandriner, mit der regelmäßigen Zäsur in der Mitte.

Form und Inhalt widersprechen einander.

  1. In der ersten Strophe ist die Rede von einer Art Käfig. Die als „[d]ie Irren“ bezeichneten Kranken halten sich an den Wänden und Gittern einer Irrenanstalt auf.
  2. In der zweiten Strophe wechselt das Bild. Die „Irren“ veranstalten einen Ball, der durch einen wahnsinnigen Schrei aufgelöst wird.
  3. Der Wahnsinn hat Folgen. In der dritten Strophe geht es darum, dass ein Arzt von einem Kranken gepackt und erschlagen wird.
  4. Amüsiert schauen die anderen Insassen der Irrenanstalt zu, bis sie durch die Peitsche eines Aufsehers davongejagt werden.

Der Irre gibt sich durch sein unnatürliches Brüllen zu erkennen. Er schreit wie ein urzeitliches Monster – was durch die Personifikation des Wahnsinns unterstützt wird („Plötzlich schreit / Der Wahnsinn auf“, V. 6–7). Die Unnatürlichkeit des Lärms hat etwas Gottloses an sich, bestätigt aber die Autorität der Götter nicht, sondern widerlegt sie.

Arbeitsanregung:

  • Wodurch geben sich die Irren zu erkennen?
  • Stelle deine Ergebnisse anschaulich dar, in einem Steckbrief z. B.!

Die Irren

Juni 1910

Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
Die Irren hängen an den Gitterstäben,
Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.

In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
Daß alle Mauern von dem Lärme beben.

Mit dem er eben über Hume gesprochen,
Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.

Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald
Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

Susanna Margaretha Brandt

Drama, Faust, Goethe, Schreiben, Sturm und Drang

Zum Einhorn

Vor dem Fenster waren waagerechte Brettchen angebracht, die Blumentöpfchen darauf konnten Wasser gebrauchen. Vorsorglich bückte ich mich, um leicht in das Innere der Küche zu kommen. Vor mir auf dem Tisch lag ein Kreuz, hinter dem ein farbloses Sträußchen klemmte, über der Eckbank hing ein blaues Tuch, das sie gewöhnlich um die Schultern trug. Ich glaubte, Susanna zu hören. Ich kannte sie, es war Susanna Margaretha Brandt, genannt Susann, Magd in der Herberge „Zum Einhorn“. Wir waren dann in allen Zimmern, stiegen sogar die Stiege hinauf – in allen Zimmern, abgesehen von der Waschküche. Das Kind sei zu schwach gewesen, heißt es.

[Ergänze, was fehlt!]

Wir gelangten nun wieder in den Wald von Bockenheim, der sich an die Mittagsseite des Hauses anschloss, und von dort hinaus auf die Felder.

Arbeitsanregungen:

  • Ergänze, was fehlt. Fülle den erzählten Rahmen möglichst anschaulich aus.
  • Erzähle, wie die Besucher den „Tatort“ wahrnehmen.
  • Schildere möglichst viele Eindrücke aus der Sicht eines der Besucher und lasse auch dessen Kommentare, dessen persönliches Urteil in die Erzählung einfließen.
  • Füge ein kurzes Gespräch zwischen den Besuchern über die bereits hingerichtete Susanna Margaretha Brandt hinzu.
  • Achte auf deine Wortwahl, finde einen angemessenen Erzählton.

 

Willkommen und Abschied

Goethe, Lyrik, Sturm und Drang

Sessenheimer Pfarrhaus. Goethe erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben.


Nur aus tiefen Gefühlen – Erlebnislyrik wie „Willkommen und Abschied“

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe, in der ersten Fassung im Jahr 1771 veröffentlicht, zählt zu den Sesenheimer Liedern. Die Sesenheimer Lieder stellen insofern eine Wende innerhalb der deutschen Lyrik dar, als der Stoff der Lyrik in die Seele des Sprechers verlagert worden ist. Der Sprecher sieht den Stoff nun so an, als ob er nur in seinem Innern vorhanden wäre. Goethe versucht in dieser für die Epoche des Sturm und Drang typischen Lyrik nachzuahmen, wie tief der Eindruck seiner Jugendliebe Friederike Brion in seine Seele gedrungen ist. Goethe nimmt diese Liebe sehr bewusst wahr und erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben. Aus dieser Zeit stammen die bekanntesten von Goethes Gedichten: „Kleine Blumen, kleine Blätter“, „Mailied“, „Heidenröslein“ und eben „Willkommen und Abschied“.

Das Gedicht umfasst vier Strophen. Die Hereinnahme der Natur in die Seele des lyrischen Ich lässt sich beispielsweise an den ersten beiden Strophen ablesen. Die Gebilde der Natur (Eiche, Gesträuche, Mond und Winde) – kurz: alles, was dem Auge äußerlich ist (natura naturata: „gebildete Natur“), kann auch als Geste der Seele, als „sich bildende Natur“ (natura naturans) angesehen werden. Was sich der Seele an äußeren Eindrücken eröffnet, setzt sich in der Seele ab und wird dadurch zur Erinnerung und zum Ausdruck. „Willkommen und Abschied“ ist ein mustergültiges Erlebnisgedicht.

Formale Aspekte

Es überrascht nicht, dass dieses Erlebnisgedicht in der Form der Volksballade verfasst worden ist. Goethe entfernt sich von der barocken Regelpoetik, der „Nachahmung der Alten“ (imitatio veterum). „Natur“, „natürlicher Ausdruck“, „ungekünstelte Sprache“ werden zu Schlüsselwörtern für die Ästhetik Goethes und Herders und damit für die Erlebnisdichtung. Der Text verteilt sich auf vier achtzeilige Strophen. Die Verszeilen sind durch Kreuzreime miteinander verbunden. Auffällig ist die Vielzahl unreiner Reime (V. 5,7: „Eiche“/„Gesträuche“; V. 17,19: „Freude“/„Seite“; V. 21,23; V. 25,27; V. 30,32). Weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Die Verse sind jambisch (Vierheber) gebaut.

Inhaltliche Aspekte

1.–2. Strophe

Es beginnt mit einem Aufbruch. Das lyrische Ich hat sein Pferd bestiegen und reitet im schnellen Tempo durch die Nacht mit ihren Schrecknis erregenden Erscheinungen zu seiner Geliebten.

3. Strophe

Der Reiter kommt bei der Geliebten an und schildert, wie glücklich er über die Begegnung ist.

4. Strophe

Der Abschied fällt schmerzlich aus. Dennoch rühmt das lyrische Ich das Glück, zu lieben und geliebt zu werden.


Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Böses und Gutes, Böses ohne Gutes –

Schiller, Sturm und Drang

Tragische Schuld und Intrige in „Kabale und Liebe“

Glück und Unglück, so teilt es das bürgerliche Trauerspiel dem Zuschauer mit, werden auch in der bürgerlichen Familie fassbar. Und Glück und Unglück, ganz wie in der Tragödie – man nehme König Ödipus als Beispiel – kommen von derselben Seite. Und dass jemand, der das Gute will, zugleich das Böse schafft, begründet das Phänomen des Tragischen. Die dialektische Einheit von in den Figuren angelegten positiven und negativen Kräften lässt sich auch in Schillers Trauerspiel „Kabale und Liebe“ aufweisen. Vater Miller, so zeigt es sich, ist sich der tragischen Schuld nicht bewusst, Ferdinand empfängt am Ende davon eine Ahnung.

(Für Ferdinand gibt es eigentlich keinen Trost. Denn das Unglück, für das er verantwortlich ist, liegt unmittelbar in seiner Moralität begründet – begehrt sein Herz doch zu Recht gegen die erzwungenen Ständegrenzen auf.)

Sekretär Wurm dagegen ist ein ausgemachter Bösewicht, ein Intrigant par excellence, eine Figur, von der man kaum glauben möchte, dass Schiller dabei an ein historisches Vorbild gedacht haben könnte. Wurm ist bühnenwirksam – für ihn aber darf das Wort „Tragik“ nicht gebraucht werden, denn er stiftet Schaden, ohne das Gute zu wollen.

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Drama, Schiller, Drama!

Schiller, Sturm und Drang

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Das Drama als Medium der Affekte

Schillers bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“ erfährt nicht selten Kritik. Grund dafür ist in aller Regel die schaurig-rührende Ausgestaltung der Handlung.

Der Sohn eines machthungrigen Ministers (Ferdinand) macht einem Mädchen (Luise) aus bürgerlicher Familie den Hof. Er kommt zu der Sechszehnjährigen ins Haus, besucht sie von nun an häufiger, verführt sie, macht ihr Geschenke, Geständnisse und gestrenge Vorwürfe, wenn seine Eifersucht entfacht wird. Als beider Väter von der Mésalliance erfahren und ein Machtwort sprechen, ist das Ende bereits abzusehen. Schiller gestaltet dies mit großem Pathos. Die Tochter beugt sich dem Willen des Vaters (Stadtmusikant Miller), der Sohn dagegen nicht. Der sucht den Streit mit dem Vater (Präsident von Walter), droht ihm, macht ihm fürchterliche Szenen, greift sogar zur Waffe. Schiller scheut nicht den großen, dramatischen Zauber, schließlich geht es ihm darum, den Konflikt zwischen Freiheit und Moral in Szene zu setzen. Am Ende sterben Sohn und Tochter, zu bieder ist die Moral der Bürger, zu korrupt und anfällig die vielbeschworene Freiheit.

Schiller ist also ein Dichter, der auf die Wirkung seiner Bühnenwerke setzt. Der Sohn, der es verschmäht, seinem Vater Folge zu leisten, einem erwiesenermaßen eisernen Vater, muss dafür büßen. Ferdinand, der dem Zuschauer zunächst als gut erscheint, stiftet dabei selber schrecklichen Schaden. Miller möchte die Tochter retten und setzt sie dabei ungeheueren Vorwürfen aus, dass sie am Ende daran zerbricht. Schillers Drama, in dem das Gute stets jäh und unvorhergesehen in das Böse umschlägt, kann daher keine ruhigen Dialoge enthalten.

Arbeitsanregungen:

  • Spielen Sie einen der Wortwechsel zwischen Vater und Tochter, z. B. Ausschnitte aus der Szene V, 1.
  • Spielen Sie den Dialog zweimal und probieren Sie Ihr Spiel gegensätzlich zu gestalten.
  • Nehmen Sie dafür zunächst eine Haltung ein, die von Sympathie zwischen den Figuren bestimmt ist.
  • Kehren Sie dann Ihr Spiel um und lassen Sie Vater und Tochter mit Abscheu aufeinander reagieren.
  • Die anderen aus dem Kurs können nun sagen, was sie wahrgenommen haben, ob Ihr Spiel ihrer Vorstellung von der Szene entspricht, widerspricht, zum Text passt usw.

„Mein bist du!“

Drama, Schiller, Sturm und Drang

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Liebe und Gewalt in „Kabale und Liebe“

Kabale und Liebe, II, 5

SZENENANALYSE

Alle Zitate beziehen sich auf die Ausgabe im Hamburger Lesehefte Verlag, 2012.

Es ist bemerkenswert, zu sehen, dass Liebe, stößt sie auf Widerstand, sich in ihr Gegenteil verkehrt. Was sich liebt, das tötet sich schließlich! Vermutlich ist Friedrich Schiller daran gelegen, diesen Konflikt auf der Bühne zu demonstrieren. Liebe und Gewalt bilden zumindest das Thema in der vorliegenden Szene. Ferdinand von Walter, der adlige Liebhaber aus Schillers bürgerlichem Trauerspiel „Kabale und Liebe“, meint, seine Liebe zu der Bürgerstochter Luise Miller hebe die Ständeschranken auf. Darum möchte er die sechszehnjährige Luise für sich gewinnen und zur Ehefrau machen. Der unbedingte Anspruch auf grenzenlose Liebe mag daran abgelesen werden, dass er keinen Widerspruch in dieser Frage duldet. Auch Gewalt ist ihm Mittel zum Zweck. Das Trauerspiel ist 1784 erschienen und zählt zum Frühwerk Friedrich von Schillers. „Kabale und Liebe“ ist damit ein Drama aus der Epoche des Sturm und Drang. Das Drama des Sturm und Drang ist meist melodramatisch gestaltet, d.h. es enthält Elemente der Rührung, der Melancholie und des schrecklichen Leidens.

Mit dem unmittelbaren Kontext der Szene verhält es sich folgendermaßen: Nach der Unterredung mit Lady Milford sucht Ferdinand das Haus der Millers auf. Die Familie ist in heller Aufregung. Präsident von Walter hat über seinen Sekretär Wurm von der Mésalliance seines Sohnes erfahren.

Die Szene lässt sich in folgende Abschnitte gliedern:
33, 25–31: Aufregung bei den Millers,
33, 32–34, 9: Ferdinands Andeutungen über seinen Besuch bei Lady Milford,
34, 10–24: Wutausbruch Ferdinands,
34, 25–37: Luises Enttäuschung und Trauer angesichts der neuen Entwicklung,
34, 38–43: Wütende und verzweifelte Reaktionen von Luises Eltern,
35, 1–5: Erneuter Wutausbruch und Abgang Ferdinands,
35, 6–18: Verzweifelte und bittere Vorwürfe der Familie gegen Ferdinand,
35, 19–35: Leidenschaftliche Liebesbeteuerungen und endgültiger Abgang Ferdinands.

Bei der Analyse sollen kommunikationstheoretische Aspekte im Vordergrund stehen. Besonders wichtig ist dabei die Frage, wie Ferdinand und die sechszehnjährige Luise miteinander kommunizieren.

Von Beginn an ist klar, dass Ferdinand Luise ins Unglück stoßen wird. Paradoxerweise hat ihre Liebesbeziehung nämlich zur Folge, dass Ferdinand mehr und mehr um sich selbst kreist. Immer heftiger werden seine Gefühlsausbrüche, immer eigenartiger seine Reden. Indem Ferdinand an seiner Geliebten vorbeiredet, befördert er unwissentlich ihr tragisches Schicksal. An der vorliegenden Szene lässt sich zeigen, dass die durch den Standesunterschied vorgegebenen Kommunikationsprobleme zwischen den Liebenden durch den eigensinnigen Ferdinand zusätzlich erschwert werden.

Luise!

Drama, Schiller, Sturm und Drang

Ferdinands fiktiver Liebesbrief

Stellen Sie sich vor, Ferdinand und Luise, die beiden Liebenden aus dem Trauerspiel „Kabale und Liebe“ hätten eine Zeitreise unternommen und fänden sich in unserem Jahrhundert wieder. Wie wird es ihnen ergehen, hätte Ferdinand in unserer Zeit Aussichten darauf, Luise für sich zu gewinnen? Immer noch trennen sie „Welten“, gehört Luise einer um vieles einfacheren und ärmeren Schicht an. Wird Ferdinands Leidenschaft sich dieses Mal erfolgreicher durchsetzen können? Überlegen Sie bitte, welche Haltung Sie dieser Frage gegenüber einnehmen, und schreiben Sie in dieser Haltung den folgenden (fiktiven) Brief Ferdinands weiter.

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Liebe ist alles?

Drama, Schiller, Sturm und Drang

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Von den Grenzen der Empfindung
Kabale und Liebe, I, 4

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den gesamten vorliegenden Text.

Es liegt in der Absicht des bürgerlichen Trauerspiels „Kabale und Liebe“, die mit der Liebe verbundene Lebenslüge aufzuzeigen. Die Lebenslüge besteht in der Tabuisierung des zeitbedingten Konflikts, des Konflikts zwischen Adels- und Bürgerstand. Der Adelsspross Ferdinand von Walter meint, seine Liebe zu der Bürgerstochter Luise Miller hebe die Ständeschranken auf. Darum möchte er Luise für sich gewinnen und zur Ehefrau machen. Es liegt auf der Hand, wie unmöglich, ja bizarr solch eine Verbindung den Zeitgenossen erscheinen musste. Das Trauerspiel ist 1784 erschienen und zählt zum Frühwerk Friedrich von Schillers. „Kabale und Liebe“ ist damit ein Drama aus der Epoche des Sturm und Drang. Das Drama des Sturm und Drang ist meist melodramatisch gestaltet, d.h. es enthält Elemente der Rührung, der Melancholie und des schrecklichen Leidens.

HAUPTTEIL

Sie betten die Szene kurz in den Kontext ein.

In der vorliegenden Szene begegnen sich Ferdinand und Luise, nachdem Luise mit ihrem Vater über ihre Liebe zu Ferdinand gesprochen hat. Die Sechszehnjährige hat sich die Ermahnungen ihres Vaters zu Herzen genommen und zugleich ihre gemeinsame Zeit mit Ferdinand reflektiert. Sie erkennt, dass diese Liebe sie mehr als alles andere glücklich gemacht hat. Sie ist durch diese Liebe mit einer völlig neuen Welt bekannt gemacht worden. Sie sieht aber auch, dass sie mit dieser Welt nicht vertraut werden kann, dass sie wie ein Abgrund für sie ist, dass sie von Ferdinand nur träumen, aber nicht mit ihm leben kann.