Nur für einen Gott gemacht

 

Goethes „Faust“ als offenes Drama

Die, von Schiller und Goethe bevorzugte, geschlossene Form des Dramas löst sich bei Goethe selbst wieder auf, und zwar im „Faust“, diesem in mehrfacher Hinsicht potenzierten Drama, das wie ein Welttheater über Welttheater erscheint. Denn im „Faust“ kehrt Gustav Freytags Dramenschema gleich mehrfach wieder, im ersten Teil bekanntlich das erste Mal in der Gelehrtentragödie und das zweite Mal in der Gretchentragödie. Goethe spielt mit den Formen, indem er dem ersten Teil der Tragödie die „Zueignung“, das „Vorspiel auf dem Theater“ und den „Prolog im Himmel“ voranstellt. So entsteht ein Spielraum, der, wie es von Mephistopheles einmal eingeworfen wird, „nur für einen Gott gemacht“ erscheint (V. 1780–81).

Goethe spielt auch im Bereich der Versformen (Knittelvers, Madrigalvers, Blankvers, Alexandriner, Vers commun, freie Rhythmen), der Strophen und der Reime (Kreuzreim, Paarreim, Schweifreim, Doppelreim, Binnenreim). Er lässt die Regel der Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit außer Acht. Es genügt ihm nicht, innerhalb der Tragödie zu bleiben. Er schafft auch komödiantische Elemente (Mephistopheles’ Verhalten gegenüber Gott, Auerbachs Keller, Schülerszene, Mephistopheles bei dem Spaziergang mit Marthe). Goethes „Faust“ ist daher kein „echtes“ geschlossenes Drama wie die „Iphigenie auf Tauris“ oder der „Torquato Tasso“. Die Forschung spricht vom „Gattungssynkretismus“ (Johann Wolfgang Goethe: Faust-Dichtungen. 3 Bde. Hrsg. und komm. von Ulrich Gaier. Stuttgart: Reclam 1999, Bd. 3, 846–858). In diesem Sinne wäre das Drama ein offenes Drama.

 

Faust als moderner Hiob

Goethes „Faust“ als Theodizee

(Theater über Theater zur Anklage Gottes)



Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben. Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die Wette des Teufels erlaubt hat.

Die Ausschaltung Gottes (oder die Unkenntnis von dieser himmlischen Wette) ist die Vorbedingung für Fausts allumfassendes Freiheitsgefühl. Dieses Freiheitsgefühl kennzeichnet zum Beispiel die Szene „Wald und Höhle“, aber auch die darauf folgende Begegnung mit Gretchen, bei der Faust sein aufgeklärtes Verhältnis zur Religion präsentiert. Er sieht in seiner pansophistischen Naturanschauung (Gottes Weisheit wirkt in Allem) ebenso wenig ein Problem wie in dem Recht, sich Gretchen zu nähern. Nach seiner Anschauung ist ihm die Natur hinreichender Ersatz für Gott. Und Gretchen, das „affenjunge Blut“ (V. 3313), ist für Faust – und seinen sündigen Begleiter – gleichsam ein Naturprodukt, dessen Verwendung das Gefühl erlaubt. So bezweckt Liebe in den Augen des leidenden Gelehrten (homo doctus sive patiens) Wiedergutmachung für alle Übel der Welt – sei’s auch drum, dass das Gute (an Gretchen) sich am Ende zum Bösen wendet.

Arbeitsanregungen:

Ende (des Dramas) gut – alles gut?

  • Versetzen Sie sich in Dr. Faust! Wie würden Sie an Fausts Stelle entscheiden? Würden Sie sich Gretchen nähern? Würden Sie sich von dem Teufel lossagen? Würden Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen?
  • Schön wäre es, wenn Sie bei diesen und ähnlichen moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung des Gelehrten? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Goethes Entscheidungen hinsichtlich der Figur des leidenden Gelehrten von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Goethe bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?

 

Strafsache Gretchen

Faust. Die Gretchentragödie

Die Hinrichtung ist die einzig rechtmäßige Form der Strafe für die Kindsmörderin, wie es dem Juristen Johann Wolfgang von Goethe scheint. So empfiehlt er im Fall der Johanna Höhn „die Todtesstrafe beyzubehalten“ (zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Kommentare. Von Albrecht Schöne. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999, 197). Aber nicht bei allen Strafakten betreffs Kindstötung hat er so entschieden. Vielmehr versucht der deutsche Nationaldichter sorgsam abzuwägen – wie in dem realen, dem von Herzog Carl August ihm vorgelegten Fall, so auch in dem fiktiven des erst vierzehnjährigen Gretchens, des Mädchens, das von Doktor Faust verführt worden ist. Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was dem Mädchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Die Aufgabe einer Kritik Gretchens kann aus heutiger Sicht sicherlich zurücktreten hinter der weitaus wichtigeren Aufgabe, Faust zu belangen. Denn verantwortlich im heutigen strafrechtlichen Sinne wird Margarete erst dann, wenn sie die sittliche Reife besitzt, ihr Unrecht einzusehen (§ 3 JGG). Was den Begriff der Schuld angeht, so ist klar, dass dieser missverständlich ist und unterschiedlich auf Faust und Margarete angewandt werden muss. Sie ist schuldig im Sinne einer Minimaldefinition. Bei der Bemessung von Fausts Schuld sollte ein anderer Maßstab gelten, ist er doch als Philosoph, Jurist und Theologe (vgl. Fausts Eingangsmonolog, V. 354–356) durchaus imstande, seine Schuld auf mehr als eine Weise zu beschreiben.

Arbeitsanregungen:

  1. Sammeln Sie das für einen Strafprozess nötige Material.
  2. Für den Fall, dass Sie auf Leerstellen des Textes stoßen: Stützen Sie sich bei der polizeilichen Ermittlung des fiktiven Falls auf den realen Fall der Susanna Margaretha Brandt.
  3. Verfassen Sie eine staatsanwaltliche Anklageschrift.
  4.  Entwerfen Sie Zeugenaussagen (z. B. von Lieschen, Marthe, Faust, Valentin).

Was ist klassisches Theater?

Was ist klassisches Theater? Wer glaubt, dass Gustav Freytag bei der Beantwortung unserer Leitfrage helfe, der braucht nur auf Goethes Dramen zu blicken. (Erst mit der „Iphigenie“ nimmt Goethe einen Stoff der Antike auf und bringt ihn in eine dramatische Form, über die Christoph Martin Wieland bewundernd sagt: „Iphigenie scheint bis zur Täuschung, sogar eines mit den Griechischen Dichtern wohl bekannten Lesers, ein altgriechisches Werk zu seyn.“ Schillers Kommentar aber muss unbedingt hinzu gelesen werden: „Sie [Iphigenie, Anm. d. Verf.] ist aber so erstaunlich modern und ungriechisch, dass man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals einem griechischen Stücke zu vergleichen“.)

Ich weiß nicht, seit wann die Deutschlehrer verstanden haben, was klassisches Theater ist. Ich habe mich aber immer gewundert, dass Freytag sein Modell auf die dramatischen Werke der Weimarer Zeit übertragen hat. Andererseits haben Generationen von Schülern in Gustav Freytags Modell des fünfaktigen Dramas eine Hilfe gefunden. Für die, denen nicht klar zu Bewusstsein gekommen ist, was ein Drama ist, in der Schule nicht und nicht im Studium, für die ist Gustav Freytags Darstellung wichtig.

Es muss klar sein, dass das klassische Theater zu seiner Zeit ungeheuer modern ist. Goethes Drama „Iphigenie“ wirkt, nimmt man die Titelfigur und ihren schwer depressiven Bruder Orest, wie eine Reise zu den Toten. Es lenkt den Blick gewissermaßen auf das spätere Motiv des Wahnsinns, das so stark in der Romantik – und noch viel stärker im Expressionismus – empfunden wird. Der „Wahnsinn“, die betäubende Schweigsamkeit Orests übersteigt das Ideal der Vollkommenheit, worauf die Klassik zielt.

Wie ist es mit Faust? Was treibt einen Wissenschaftler derart zur Verzweiflung? Dazu gehört auch die Frage: Wie ist es mit Wagner, der ja auch Wissenschaftler ist? Es ist etwas verwunderlich, dass ein hochgebildeter Wissenschaftler wie Faust so viel mit dem Teufel anzufangen weiß – weitaus mehr als Wagner. Ist dies der Stoff für ein klassisches Drama?

 
Arbeitsanregungen:

    1. Wiederholen Sie Gustav Freytags Dramenmodell (Deutschbuch). Skizzieren Sie seinen Aufbau.
    2. Inwiefern wird Freytags Dramenmodell durch Peter von Matts Ausführungen (Broschüre) infrage gestellt?
    3. Gegeben sei die folgende Situation: Ein verzweifelter Wissenschaftler wird vom Teufel verführt…

Erfinden Sie zu dieser Situation eine Handlung (entsprechend dem Schema des fünfaktigen Dramas), die Ihnen klassisch / modern erscheint.

 

Am Golde hängt doch alles

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Original: Goethe: Faust. Abend. Ein kleines reinliches Zimmer

 

Arbeitsanregungen:

  • Auch die verträumte Marie, aus Büchners Drama „Woyzeck“, hat ein Ringlein in den Händen und betrachtet sich damit im Spiegel (Georg Büchner: Woyzeck, Mariens Kammer): Hat Schmuck für sie die gleiche Bedeutung wie für Margarete?
  • Vergleichen Sie beide Szenen auch in formaler Hinsicht.

Fausts Wette

Faust geht mit Mephistopheles keinen Pakt ein, sondern eine Wette. Die Wette lautet:

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In Goethes Fassung (V. 1693–1707) heißt es:

Faust:

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Dass ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuss betrügen,
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

Mephistopheles:

Topp!

Faust:

Und Schlag auf Schlag!

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

Mephistopheles:

Bedenk es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

Arbeitsanregungen:

Beurteilen Sie im Hinblick auf die Wette, wie Faust einzuschätzen ist:

  • als Heiliger,
  • als Vorbild,
  • als Übermensch,
  • als Streber,
  • usw.

Überprüfen Sie Ihre Einschätzung anhand folgender Szenen:
Nacht, Vor dem Tor, Auf der Straße.

Wissenschaftstheater

Faust und Wagner
(V. 522–601)

Illustration zu Faust I, entsprechend der Verse 1164 (deutsche Ausgabe): Blick über eine weite Landschaft bei untergehender Sonne. Im Vordergrund laufen Faust und Wagner Seite an Seite und blicken zurück nach rechts, zu dem Pudel mit leuchtenden Augen und erhobenem Schwanz. Darstellung in reich abgestuften Grautönen, die sich um die Figuren zu effektvollem Helldunkel verdichten.Stempel: Rückseitig in Violett: "FG" (verschlungen).Vorzeichnung zu: Farbige Vorarbeit im Musée des Beaux-Arts in Dijon (Abb. Ausst. Kat. Städel 1987/88, S. 72).Farbige Vorarbeit im Musée des Beaux-Arts in Dijon (Abb. Ausst. Kat. Städel 1987/88, S. 72).Illustrierte Textstelle: Faust - Der Tragödie erster Teil, Vor dem Tor

EINLEITUNG

  • Sie orientieren den Leser Ihrer Klausur über die „Tragödie Faust“, indem Sie Textgattung, Titel, Autor und Erscheinungsjahr des Textes benennen, den Inhalt und die Thematik kurz beschreiben, z. B.:

Die von Goethe so genannte „Tragödie Faust“ gibt Kontraste vor, die sich am Ende auflösen. Der Text bewahrt die Überzeugung, dass das Böse im eigenen Herzen keimt, die Hoffnung auf das Gute aber bestehen bleibt.

Der des Lebens überdrüssig gewordene Universalgelehrte Faust testet gedanklich die Grenzen des sittlich Erlaubten aus, als ihm wie zufällig der Teufel begegnet. Dieser möchte ihn auf den Weg des Bösen führen.

„Der Tragödie erster Teil“ wurde 1808 veröffentlicht, der zweite Teil in Goethes Todesjahr, 1832. Das Drama ist keine Tragödie im eigentlichen Sinn, weder die Form noch das Ende entsprechen den klassischen Vorbildern. Es ist Theater, das viele Formen in sich aufgenommen hat, eine Art „Welttheater“ oder: Theater über Theater.

HAUPTTEIL

  • Sie betten die Szene kurz in den Kontext ein.

Dem zu analysierenden Gespräch geht Fausts verzweifelt-quälender Monolog in der nächtlichen Studierstube voraus…

[Ergänzen Sie!]

  • Und Sie beschreiben und gliedern den Inhalt der Szene, z. B.:

Die Szene lässt sich wie folgt unterteilen:

V. 522–526
Faust steht die Vision des Erdgeistes noch ins Gesicht geschrieben, als es an der Tür des Studierzimmers klopft. Wie es Faust befürchtet hat, findet sich sein Gehilfe Wagner ein, die Nachtmütze auf dem Kopf. Er ist durch Fausts laute Rufe geweckt worden. Faust ist zwar verärgert, lässt Wagner aber eintreten.

V. 527–565
Faust und Wagner tauschen sich über die Aufgaben des Wissenschaftlers aus, wobei jeder der beiden sich von seinem eigenen Verständnis leiten lässt.

V. 566–595
Das Gespräch geht über zu der Frage, worin die Quellen der Erkenntnis bestehen.

V. 596–601
Wagner verabschiedet sich.

Sie informieren über Leitfragen bzw. wichtige Aspekte Ihrer Analyse, z. B.:

Wagner sollte zu den gewöhnlichen Wissenschaftlern gerechnet werden. Er ist weit davon entfernt, die Grenzen methodischen Wissens zu ermessen. In Faust dagegen gehen Wissenschaft und Leben ineinander über. Der vorliegende Textauszug macht deutlich, als was für ein Wissenschaftler Faust zu gelten hat.

  • Sie untersuchen die Szene unter den zuvor genannten Gesichtspunkten, z. B.:

Wagner wird in der Sekundärliteratur in der Regel der humanistischen Bildungsidee zugeordnet. Dies muss genauer bestimmt werden: Es zeigt sich zunächst an Wagners übertriebener Neugier (V. 601: „Zwar weiß ich viel, doch möcht’ ich alles wissen“), an seiner Verehrung der Antike (V. 523–525: „Ihr last gewiss ein griechisch Trauerspiel? / In dieser Kunst möcht’ ich was profitieren, / Denn heutzutage wirkt das viel“).

Dabei ist Wagner gleich zu Beginn völlig im Irrtum darüber, was Faust betrifft, der gerade nicht deklamiert hat, sprich: auswendig Gelerntes laut vorgetragen hat, sondern in der „Fülle der Gesichte“ [Vision, Anm. d. Verf.] (V. 520) laut mit dem geredet hat, was er erblickt hat.

Wagner und Faust reden, wie sich zeigen wird, in der vorliegenden Szene aneinander vorbei…

[Ergänzen Sie!]

  • Sie untermauern Ihre Ergebnisse durch Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung.

[Entwickeln Sie Ihre eigenen Vorschläge!]

SCHLUSS

  • Sie fassen Ihre Ergebnisse zusammen.
  • Sie beschreiben die Folgen des Dialogs für die weitere Handlung.

[Entwickeln Sie Ihre eigenen Vorschläge!]

Prolog im Himmel

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Faust –
Klausurvorbereitung

Aufgabe:
Analysieren Sie den Prolog im Himmel (V. 243–353) unter besonderer Berücksichtigung der Funktion des Teufels.

Einleitung

  • Sie orientieren den Leser Ihrer Klausur über die „Tragödie Faust“, indem Sie Textgattung, Titel, Autor und Erscheinungsjahr des Textes benennen, den Inhalt und die Thematik kurz beschreiben, z. B.:

     

    Die von Goethe so genannte „Tragödie Faust“ gibt Kontraste vor, die sich am Ende auflösen. Der Text bewahrt die Überzeugung, dass das Böse im eigenen Herzen keimt, die Hoffnung auf das Gute aber bestehen bleibt.

    Der des Lebens überdrüssig gewordene Universalgelehrte Faust testet gedanklich die Grenzen des sittlich Erlaubten aus, als ihm wie zufällig der Teufel begegnet. Dieser möchte ihn auf den Weg des Bösen führen.

    „Der Tragödie erster Teil“ wurde 1808 veröffentlicht, der zweite Teil in Goethes Todesjahr, 1832. Das Drama ist keine Tragödie im eigentlichen Sinn, weder die Form noch das Ende entsprechen den klassischen Vorbildern. Es ist Theater, das viele Formen in sich aufgenommen hat, eine Art „Welttheater“ oder: Theater über Theater.

    Hauptteil

    • Sie betten die Szene kurz in den Kontext ein.

     
    Dem Prolog im Himmel geht das Vorspiel auf dem Theater voraus. Der Theaterdirektor, der Dichter und ein Schauspieler („lustige Person“) unterhalten sich darüber, was ein gutes Theaterstück ausmacht…

    [Ergänzen Sie!]

    • Und Sie beschreiben und gliedern den Inhalt der Szene, z. B.:

     
    Der zu analysierende Text gliedert sich in folgende Abschnitte: Die Erzengel loben die Schönheit des Universums mit der alles belebenden Sonne in dessen Mittelpunkt (V. 243–270). Die Stimmung ändert sich, als der gefallene Engel Mephistopheles erscheint und illusionslos das beklagenswerte Los der Menschen zur Sprache bringt (V. 271–299)…

    [Ergänzen Sie!]

    • Sie informieren über Leitfragen bzw. wichtige Aspekte Ihrer Analyse, z. B.:

     
    Der Prolog im Himmel enthält dunkle Seiten, die zu raten aufgeben: Ist ein Gespräch zwischen Gott und Mephistopheles überhaupt möglich in der besten aller möglichen Welten? Warum tritt der Teufel vor Gott? Wie spricht der Teufel mit Gott?…

    [Ergänzen Sie!]

    • Sie untersuchen die Szene unter den zuvor genannten Gesichtspunkten. Sie eröffnen die Untersuchung mit Deutungshypothesen, z. B.:

     
    Das Erscheinen des Teufels ist durch das Leid der Menschen begründet. Und seine Klage zielt in die gleiche Richtung: Offenbar sieht Gott nämlich nur aufwärts zur Sonne, das Leid der Menschen aber, ihre erfolglosen Sprünge sind ihm verschlossen: „Er [der Mensch, Anm. d. Verf.] scheint mir […] / Wie eine der langbeinigen Zikaden, / Die immer fliegt und fliegend springt / Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt“ (V. 287–290). Mephistopheles versteht sich als Ankläger Gottes im Sinne der Menschen.

    Hinzu komme, so Mephistopheles, dass dem Menschen eine Spur vom „Himmelslicht“ (V. 284) gegeben worden ist: „Er nennt’s Vernunft“ (V. 285) – so kann es geschehen, darf man schließen, dass der Mensch sich völlig im Klaren darüber ist, dass sein Leben ungenießbar ist, dass er zuletzt immer im gleichen „Quark“ (V. 292) landet. Die Lage der Menschen sei also bedauerlich, trägt der Teufel vor, da sie nicht in Ordnung ist: Einerseits sei der Mensch „tierischer als jedes Tier“ (V. 286) – eine wirkungsvolle Figura etymologica! –, andererseits sei er durch die Vernunft den Engeln gleichgestellt.

    Mephistopheles tritt dabei nicht mit Furcht und Zittern vor den Schöpfer der Welt, er legt sich keine Zurückhaltung auf, sondern bringt frei und sogar spöttisch seine Beschwerde vor, scheinbar im Sinne der Menschen.

    Anders verhalten sich demgegenüber die Erzengel (V. 243–270). Sie sprechen nicht mit Gott, sie preisen Gott bzw. seine Werke – in feierlichem, hymnischem Ton (langsame jambische Vierheber).

    Es fällt auf, dass die Engel den Lobgesang einstimmig abschließen (V. 267–270). Die Form entspricht also dem Inhalt, geht es doch inhaltlich betrachtet um die Einstimmigkeit und Harmonie innerhalb der kosmischen Sphären. Aufgrund ihres affirmativen Verhältnisses Gott gegenüber und ihrer Einheit untereinander wegen wäre es möglich, sie als Jasager zu bezeichnen. Ihre Botschaft lautet: Alles ist gut!

    [Ergänzen Sie!]

    • Sie untermauern Ihre Ergebnisse durch summarische Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung.

     
    Schluss

    • Sie fassen Ihre Ergebnisse zusammen. Sie beschreiben die Folgen des Dialogs für die weitere Handlung.

     

Geisterstunde

Das Nachtmotiv in Goethes „Faust“

Die Bindung von Fausts erstem Auftreten an die Nacht hat ihren guten Grund. Es ist eine verbreitete Vorstellung, dass in der Nacht das Schicksal innehält.

„Nun ist die wahre Spükezeit der Nacht, /
Wo Grüfte gähnen, und die Hölle selbst /
Pest haucht in diese Welt. Nun tränk’ /
ich wohl heiß Blut, /
Und täte Dinge, die der bittre Tag /
Mit Schaudern säh’.“

(Shakespeare: Hamlet III 2)

In der Nacht, vorzüglich um Mitternacht wird nach gängiger Vorstellung nämlich das Gesetz der Zeit aufgehoben – die Luke zu der „Anderen Seite“ öffnet sich, und die Geister erscheinen. Vor diese „Andere Seite“ wird auch Goethes hybrider Universalgelehrter Faust versetzt, für den die Vernunft offensichtlich kein Allheilmittel mehr bedeutet, der sich „der Magie ergeben“ hat:

„Drum hab ich mich der Magie ergeben, /
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund /
Nicht manch Geheimnis würde kund.“

(Goethe: Faust I 4)

Arbeitsanregungen:

  • Erweitern Sie Ihre Phantasien über die „Andere Seite“, indem Sie die Gestaltung des Nachtmotivs in Goethes „Faust“ untersuchen.
  • Zur Einstimmung können Sie sich auf das Bild des Zeitgenossen Goethes Johann Heinrich Füssli (1741–1825) beziehen. Erläutern Sie, worin die Unterschiede zwischen Füsslis und Goethes Nachtdarstellung bestehen!

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