Nathanaels „Geisterseherei“

Hoffmann, Interpretation, Romantik

Melancholie und Leben

Die Unmöglichkeit, sich vorzustellen, dass der kränkliche Nathanael eine gesunde Beziehung mit Clara führt, lässt die Frage entstehen, wie es um die Verfassung jenes Charakters bestellt ist, dass er nicht umhin kann, zu scheitern. Die Antwort ist häufig auf die Formel gebracht worden, in Nathanael begegne dem Leser eine Figur, die an den Folgen eines schrecklichen Traumas leide.

Das Nachdenken über das eigene Geschick hat viele Gesichter: Der Melancholiker betrachtet die erlebte Zeit als die verlorene Zeit. So erlebt Nathanael den Vater beim Erscheinen des Sandmanns: in melancholischer Starre versunken. Doch nicht nur über den Vater, sondern auch über sein eigenes Leben sieht der Sohn dunkle Wolken hinziehen und sich irgendwann daran zugrunde gehen. Für ausgeglichene Charaktere dagegen gelingt das Nachdenken über das eigene Leben nur mithilfe der Vernunft: Die vernünftige Clara beispielsweise muss daher die Melancholie ihres Verlobten als Geisterseherei abtun. Ihr ist Nathanaels Beobachtungswahn ein Indiz dafür, dass ihr Verlobter längst zum Objekt statt Subjekt seines Schicksals geworden ist:

„Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“ (14,30–37)


Arbeitsanregungen:

  • Exzerpieren Sie aus Claras Brief alle Elemente, die auf das genannte Problem schließen lassen: die Rolle, die die Melancholie in Nathanaels Leben einnimmt!
  • Versuchen Sie Claras Brief umzuformulieren. Gestalten Sie beispielsweise einen Tagebucheintrag: „Der Melancholiker an meiner Seite“ – so könnte der Eintrag überschrieben sein.