Das Problem des „Sprachursprungs“

Herder, Sprachreflexion

Sprache als Affektausdruck

In der Geschichte der Sprachphilosophie konzentriert sich dieses Problem auf die Frage, ob es eine Sprache außerhalb der Erkenntnis gebe und wie es um das Verhältnis von Erkenntnis und Sprache bestellt sei. Der Begriff der Sprache geht daher bei den meisten Autoren über den eigentlichen Begriff der Sprache als Mittel der Erkenntnis hinaus. Er erstreckt sich auch auf die Innerlichkeit des Menschen, auf die Spontaneität des Gefühls und des Willens. Der sprachliche Ausdruck erwächst aus der Emotion, aus Lust und Unlust, aus sozialen Beziehungen – die der Sprecher verwünscht, wenn sie langweilig sind.

So setzt es beispielsweise Johann Gottfried Herder voraus, auch wenn der Begriff dadurch verschwommen und unbestimmt erscheint. Er äußert sich sogar dahingehend, dass es eine den Menschen und das Tier verbindende Natursprache gebe. Eine derartige Sprache sei sowohl Tieren als auch Menschen – auch Pflanzen, so legt es Goethes Mentor nahe – als ein Naturgesetz auferlegt: „Das war gleichsam der letzte, mütterliche Druck der bildenden Hand der Natur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mitgab: ‚Empfinde nicht für dich allein: sondern dein Gefühl töne!‘“ (Johann Gottfried Herder: Sprachphilosophie. Ausgewählte Schriften, hrsg. von Erich Heintel. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2005, 4).

Sprache entwickle sich aus einem aufgesammelten Schatz innerer Merkwörter, die in der Kindheit sicherlich Gefühlswörter gewesen sind, behauptet Herder: „Da alle Sinne, insonderheit im Zustande der menschlichen Kindheit, nichts als Gefühlsarten einer Seele sind, alles Gefühl aber nach einem Empfindungsgesetz der tierischen Natur unmittelbar seinen Laut hat, so werde dies Gefühl nur zum Deutlichen eines Merkmals erhöht, so ist das Wort zu äußern Sprache da“ (ebd., 41). Die Unbestimmbarkeit der Sprache des Gefühls äußert sich zum einen in der Richtung nach oben, gegenüber Rationalismus, Empirismus und Theologie, zum andern nach unten, d. h. in der Beziehung der Sprache zur so genannten „Naturlauttheorie“, worüber beispielsweise in Giambattista Vico’s 1725 in erster Auflage erschienenen „Principi di scienza nuova d’intorno alla commune natura delle nazioni“ ausführlich die Rede ist.

Vico verwirft die Idee der Arbitrarität der sprachlichen Zeichen, d. h. die Vorstellung, dass ihre Bedeutung willkürlich gesetzt worden sei. Vielmehr sieht er einen naturbildlichen Zusammenhang zwischen „Urworten“ und ihren Bedeutungen. So habe „Ious“, das Urwort für Jupiter, den Blitz als objektiven Naturlaut onomatopoetisch wiedergegeben. Sprache und Natur gehen nach Vicos Überzeugung auch hinsichtlich derjenigen einsilbigen Wurzeln ineinander auf, die als reine Empfindungslaute den unmittelbaren Ausdruck eines Affekts darstellen, Interjektionen des Schmerzes oder der Lust, der Freude oder Trauer, der Verwunderung oder des Schrecks sind. Die Sprache des Affekts ist allerdings von der konventionellen Sprache sehr verschieden und sollte daher auf ihre objektive Beschaffenheit zurückgeführt werden, damit das Problem des Sprachursprungs wenigstens in Ansätzen umrissen werden kann.

Aufgabe:

  • Stelle dar, wie die Entstehung der Sprache laut Herder vor sich geht (Arbeitsblatt).
  • Versuche die Gedanken Herders in ein Schaubild zu bringen, etwa so wie es im Anhang beigefügt ist.

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