Sprache, subjektiv betrachtet

Herder: Sprache und Reflexion

Da die Sprache und die Reflexion laut Herder ineinanderfallen, ist es klar, dass eine derart zentrale Kategorie wie die Form in beiden vorzufinden ist. Da die Form jedoch eine übergeordnete Kategorie ist, tritt auch der Unterschied zwischen Sprache und Reflexion deutlich hervor. Die Sprache – als Sprache der Natur – ist darauf gerichtet, sich mitzuteilen. Darin besteht die objektive Form der Sprache – in der Kommunikation (Mitteilung).

Es ist bekannt, dass Herder die Reflexion als Akt der Besinnung fasst. Dabei ist von einer bestimmten Beziehung zur Welt die Rede. Die Reflexion ist laut Herder darauf gerichtet, das Flüchtige aller in der Welt entstehenden Bedürfnisse und Empfindungen aufzuheben und damit die Welt zu einer deutlichen Vorstellung werden zu lassen. Diese Art der Besinnung (Reflexion), die ohne die Zuhilfenahme innerer Merkwörter sich die Welt nicht anzueignen versteht, ist die subjektive Form der Sprache.

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© Gerold Paul

Der Reflexionsprozess geht laut Herder folgendermaßen vor sich: Das Subjekt bewahrt im Horizont der Wahrnehmung sprachähnliche Vorstellungen (verba intima: innere Merkwörter) auf, die zu deutlich erkannten Vorstellungen werden, wenn es die wahrgenommenen Gegenstände benennt. Herders Formulierungen enthalten deutliche Hinweise darauf, dass er diesen Vorgang nicht als abstrakten, sondern als geschichtlichen Vorgang begreift. Das Aufbewahren sprachähnlicher Vorstellungen ist für Herder immer schon gegeben:

„Da alle Sinne zusammenwürken, sind wir, durchs Gehör, gleichsam immer in der Schule der Natur, lernen abstrahieren und zugleich sprechen; das Gesicht [d. i. die Wahrnehmung, Anm. von mir] verfeinert sich und die Vernunft: die Vernunft und die Gabe der Bezeichnung, und so wenn der Mensch zu der feinsten Charakteristik sichtlicher [wahrnehmbarer, Anm. von mir] Phänomene kommt – welch ein Vorrat von Sprache und Sprachähnlichkeiten liegt schon fertig! Er nahm den Weg aus dem Gefühl in den Sinn feiner Phantasmen [Vorstellungen, Anm. von mir] nicht anders als über den Sinn der Sprache und hat also gelernt tönen, sowohl was er siehet, als was er fühlte“ (Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache).

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