Von der Geburt des Journalismus in der Epoche der Romantik

Es gibt einen Affekt gegen die Romantik, aus dem ihre Gegner, an Faktenwissen orientierte Vernunftbürger, im Kampf gegen den sentimentalen Wahn, seit Generationen ihre Energien beziehen. Es gibt ein riesiges Aufgebot an Argumenten auf dieser Seite. Ist nicht die Rede von Göttern und Geistern, von versunkenen Welten und Sehnsuchtsorten kaum mehr als leeres, verantwortungsloses Gerede? Kant lässt sich wie folgt über die Sehnsucht vernehmen: „Der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und Erwerben des Begehrten vernichten zu können, ist Sehnsucht.“ Die Zeit zwischen dem Begehren und dem Erwerb des Begehrten könnte aber durchaus ausgefüllt werden. Der von Kant […]

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Probleme der neueren Lyrik

Barocke Dichtung Wozu ein Gedicht diente, war im Barock kaum der Frage wert. Die Frage nach dem Zweck der Dichtung wird gestellt, wenn der Boden verletzt worden ist, auf dem sich alle Sprache befindet. Im geselligen Leben der barocken Formen, die sich aus heutiger Sicht auf ungeahnte Weise ausdehnten, hatte Dichtung ihren Ort. So wurde die Klage vollzogen, die große, unvergleichliche des Dichters Andreas Gryphius zum Beispiel, die den Titel „Thränen des Vaterlandes (1636)“ trägt. „WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!Der frechen Völcker Schaar / die rasende PosaunDas vom Blutt fette Schwerdt / die […]

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Die Dekonstruktion des Helden an der Kriegsfront

Probleme des Erzählers in Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand“ mit Hinblick auf den Romanbeginn Worin liegt das Problem des Kriegsromans? Wie stellt es sich für den Erzähler dar? Soll er schlicht und ergreifend schildern, wie einer davongekommen ist? Ist es nicht bedeutsamer, mit Blick auf den unkundigen Leser, „wahrheitsgemäß“ zu registrieren, unter welchen Bedingungen ein derartiges Überleben möglich wäre? Der Roman „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger – 2018 erschienen – scheint auf der einen Seite, gerade mit Bezug auf die Hauptfigur, das zweite vor Augen zu führen: die Rekonstruktion eines begrenzten Glücks. Veit Kolbe ist nicht einfach […]

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Warum verschwinden Wörter?

Versuch über merkwürdige Verluste innerhalb des Sprachgebrauchs Die Übereinkunft zwischen sprachlichen Zeichen und den ihnen entsprechenden Lauten scheint die Vieldeutigkeit einzuschränken, die dem menschlichen Ausdruck in mancher Beziehung zu eigen ist. Man denke nur an das Lächeln und Weinen und die anderen Ausdrucksformen jedes Menschen, die zu allen erdenklichen Regungen seines Innern passen. Doch es stellt sich heraus: Auch die Welt der sprachlichen Zeichen ist weit, das Spinnennetz Sprache trägt niemanden sicher. Es sei überhaupt eine seltsame Sache mit den Namen – d. h. mit den sprachlichen Zeichen –, sagt Sokrates. Stell dir vor, ich sagte Pferd, sähe aber […]

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Die Sprache, die Tier und Mensch miteinander verbindet

Die Einleitung der Preisschrift „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ Was Tier und Mensch miteinander verbindet im Hinblick auf die Sprache, das meinte Johann Gottfried Herder aufgefunden zu haben unter den Kleinsten unter ihnen, den Bienen und Spinnen, deren reiches Wesen er an ihren weise gebauten Wabenzellen und ihren Netzen erkennt. Die Einheit der Natur – immer wieder hatte er sie auf Sätze gebracht, in einer Philosophie der Sprache, einer Philosophie des Verstehens (Hermeneutik), einer Philosophie der Übersetzung. Die Sprache ist unabdingbar, ob sie als direkter Austausch zwischen Individuum und Individuum oder als Mitteilung über einen Sachverhalt verstanden wird: […]

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Aus der Fülle des Herzens schreiben

Der radikale Wandel des Sprachverständnisses in Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ Goethe, der Ordnung liebte, hat die Konsequenzen gefürchtet, die sich aus dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ ergaben. Die Kritik mancher Rezensenten entzog der ersten Fassung (1774) quasi den Boden. Der Dichter wurde mit einer Reihe von Verbotsanträgen konfrontiert; Stimmen wurden laut, die der Ironie des Textes nicht gewachsen schienen oder sich aus Sorge um den Nachahmungseffekt über sie hinwegsetzten – wie die folgende: „Es wird hier ein Buch verkauft, welches den Titel führt Leiden des jungen Werthers. Diese Schrift ist eine Empfehlung des Selbst […]

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Der Glauben als Bogen

Lessings aufgeklärtes Religionsverständnis Gotthold Ephraim Lessing hat dem konfessionellen Zeitalter sein einheitliches Menschenbild entgegengesetzt. Es ist überkonfessionell, individualistisch und subjektivistisch gemeint, geleitet von der Überzeugung, jeder Mensch sollte selbst entscheiden können, welche Religion ihm passend erscheint. Die mit diesem Menschenbild verbundene Religionskritik ist nicht vordergründig – im Gegenteil, Konfession und vom konfessionellen Staat gelenkte Glaubenspraxis werden als bloße Äußerlichkeiten („Zierraten“) betrachtet, die vom inneren Raum individueller Glaubensüberzeugung getrennt werden müssen. Das verdeutlicht die folgende Fabel: Der Besitzer des Bogens Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoss, und den er […]

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