Die große Klage

Barock, Lyrik
Martin Opitz, der „Erfinder der deutschen Poeterey“

Der Dreißigjährige Krieg im Spiegel barocker Gedichte

Der Barock hat sich diese beiden Worte zu eigen gemacht: „Angst“ und „Tränen“. Einer der bekanntesten Texte des Dichters Andreas Gryphius’ trägt den Titel „Tränen des Vaterlandes“, als könnte er dieses Wort nicht oft genug wiederholen. Der Dichter nimmt sich selbst dabei nicht aus: Es geht nicht darum, aus der Perspektive eines abgeklärten Philosophen vielleicht, das Leid der Anderen zu betrachten, das er selbst abgeworfen hat. Es geht darum, zu klagen und zu leiden angesichts der großen Verwüstungen, des „Tobens der Feinde“, bei dem auch die Seele Schaden nimmt.

Den Hintergrund bildet der Dreißigjährige Krieg – angefangen bei den Hellebadieren, stampfend anlaufend hinter den Pikenieren, die mit ihren langen Spießen, den Piken, Ross und Reiter aufstechen und damit zu Fall bringen, bis zu den beweglichen Kanonen, die den Schweden einen Vorteil verschafft haben, schließlich den umgestürzten Türmen, wie Andreas Gryphius schreibt, kurz, bis zu dem Desaster der Deutschen, wie es in der heutigen Geschichtsforschung heißt. Den Hintergrund bildet aber auch die geistige Strömung des Rationalismus, deretwegen die Staaten Hoffnung schöpfen, dass für den Verstand nichts unerreichbar sei, selbst angesichts großer Entfernungen, die bis zu den „zwei Indien“ durchmessen werden. Die gewaltigen Umwälzungen und Zerstörungen, die dieser lange Krieg mit sich bringt, nehmen Poeten wie Andreas Gryphius und Martin Opitz in den Blick, um auf unterschiedliche Art im Gedicht darauf zu reagieren.

Martin Opitz’ Zehnzeiler „Sta viator!“ – im Schulbuch aus Gründen der politischen Korrektheit nur als Achtzeiler vertreten – ist, im Unterschied zu Andreas Gryphius’ Sonett „Tränen des Vaterlandes“, nicht ausschließlich als Klage zu verstehen. In den ersten beiden Zeilen beschwert sich der Sprecher zwar über die weiten Reisen, die bis zu den fernen Kontinenten Amerika und Asien bestritten werden. Sie brächten Krieg und Leid über das Vaterland, wirft der Sprecher den mit Blindheit geschlagenen, Kopf und Kragen riskierenden Abenteurern vor (V. 3–4). Er wirft ihnen Eigensinn, Goldsucherei vor. Sie vergäßen ihr eigenes Land auf ihren Reisen (V. 5–6). Gold, die Währung des Krieges, werde zu Eisen. Nur die Besinnung auf das Gute im eigenen Land führe zu Frieden, lautet die abschließende Mahnung des Sprechers.

Sta viator!


Ihr blinden Sterblichen, was zieht ihr und verreist
In beydes Indien? Was wagt ihr Seel und Geist
Für ihren Knecht, den Leib? Ihr holet Krieg und Streit,
Bringt auß der neuen Welt auch eine Welt voll Leidt.
Ihr pflügt die wilde See, vergesset euer Landt,
Sucht Goldt, das eysern macht, unnd habt es bey der Handt.
[…]
Hieher Mensch, die Natur, die Erde ruffet dir:
Wohin? Nach Gute. Bleib! Warumb? Du hast es hier.

(Der Zehnzeiler ist 1630 erschienen.)

Der Vers ist regelmäßig gebaut. Das ist die Regel bei Martin Opitz. „Zierlich“ und „angenehm zu lesen“ sollen die deutschen Verse sein. So fordert Opitz es im „Buch von der deutschen Poeterey“ ein. „Sta viator!“ ist ein mustergültiger, alexandrinisch gebauter Zehnzeiler.

Der Titel gibt bereits viel her, da er in Kürze das enthält, worum es in dem Gedicht geht. Er beginnt mit der Vorstellung, dass ein Reisender aufgefordert wird, innezuhalten, damit er von seinem festen Standort aus seinen Blick auf die Reisen der Anderen richten kann. Die Anderen lenken ihre Schiffe nämlich durch das aufgewühlte Meer. Der Ausdruck „pflügen“ (vgl. V. 5) unterstreicht in diesem Zusammenhang, welche Kraft dem Wasser dabei zugeschrieben wird. Die Anderen haben offenbar ihren sicherem Standort aufgegeben. Dem Sprecher an seinem unbetroffenen Standort wiederum geht es darum, den Anderen Einhalt zu gebieten – „blinde[…] Sterbliche“ allesamt, wie es heißt (V. 1), deren blind-zerstörerisches Verhalten in den folgenden Reisebildern ausgebreitet wird. Auf ihren Reisen dringen die Angesprochenen scheinbar besinnungslos („blind“, V. 1) in die entferntesten Welten ein und vergrößern damit die Distanz zum Sprecher. Bedeutsam ist hierbei die Vorstellung, dass das Reiseabenteuer aus eigensinnigen, physischen Gründen erfolgt, für den „Leib“ nämlich („Was wagt ihr Seel und Geist / Für ihren Knecht, den Leib?“, V. 2–3), so dass der Sprecher bzw. der Leser den Eindruck gewinnen kann, als hätten die Reisenden sich ganz und gar verirrt.