Regeln der Interpretation

Drama, Faust, Goethe, Interpretation

Beobachtungen des Lehrers anlässlich einer Deutschklausur

1. Argumenta a textu sunt praeferenda!

Oder: Marie, die Prostituierte

Wie oft wird die Analyse, der Vergleich, die Interpretation usw. auf Informationen bezogen, die außerhalb des Textes vorkommen! Marie sei eine Prostituierte, heißt es zum Beispiel in der Klausur eines Schülers über Büchners „Woyzeck“, also könne sie den Tambourmajor nicht aufrichtig lieben. Ihre „Liebe“ sei rein sexueller Natur. Marie ist eine Prostituierte, das wird tatsächlich in einer Anmerkung angegeben. Es wird in der Einleitung des Klausurtextes, zweier Szenen aus dem Drama, kurz erwähnt. Marie, die Prostituierte – das ist allerdings ein Klischee, mit dem man im Hinblick auf die Interpretation der Figur nicht viel wird ausrichten können. Besser wäre es, Maries Auffassungen hinsichtlich der Liebe aus dem Text selbst herauszulösen. Es gilt, vorsichtig als Regel formuliert, dass „textimmanente“ Beobachtungen vorrangig zu behandeln sind.

Argumenta a textu sunt praeferenda:

Die aus dem Text abgeleiteten Argumente sind vorzuziehen!

2. Loci clari praecipue attingendi sunt!

Oder: Das Liebesorakel

Das Alter der in den Klausuren vorliegenden Texte hat zur Folge, dass Missverständnisse, Unklarheiten möglich sind. Das Unverständliche verständlich zu machen, darin läge dann die Aufgabe der Analyse. Aber es gibt Ausnahmen, Textstellen nämlich, deren Unmissverständlichkeit vom Schüler nicht in Abrede gestellt werden darf. Es gilt, wieder als Regel formuliert, dass solche Textstellen besonders herausgestellt werden müssen.

Loci clari praecipue attingendi sunt!

Klare Textstellen müssen vorrangig behandelt werden!

Das Liebesorakel, mit dem Margarete in Goethes Tragödie „Faust“ beschäftigt ist, bietet dafür ein Beispiel: Das Spiel mit der Blume ist auch ohne tiefere Kenntnis von Goethes Tragödie verständlich.

FAUST.

Süß Liebchen!

MARGARETE.

Lasst einmal!

Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.

FAUST.

Was soll das? Einen Strauß?

MARGARETE.

Nein, es soll nur ein Spiel.

FAUST.

Wie?

MARGARETE.

Geht! Ihr lacht mich aus.

Sie rupft und murmelt.

FAUST.

Was murmelst du?

MARGARETE halb laut.

Er liebt mich – liebt mich nicht.

FAUST.

Du holdes Himmelsangesicht!

MARGARETE fährt fort.

Liebt mich – Nicht – Liebt mich – Nicht –

Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude:

Er liebt mich!

Das Spiel mit der Margerite („Sternblume“) ist zeitlos. Wer das Blumenorakel spielt, gesteht sich ein, dass er verliebt ist und dass er sich veranlasst sieht, jemandem von seiner Verliebtheit mitzuteilen. Religiöse Gründe dürften in diesem Zusammenhang bedeutungslos sein. Trotzdem ist die Tendenz in den Klausuren unverkennbar. Wie oft ist zu lesen, dass Margarete aus religiösen Gründen an der Blume zupft, um sich der Entscheidung Gottes hinsichtlich ihrer Verbindung mit Faust zu vergewissern! Das kindliche Spiel mit der Margerite, das naiv, aber zugleich geschickt von Margarete erzwungene Gespräch über ihre Gefühle für Faust, wird dadurch unnötigerweise verkompliziert. Margaretes religiöse Motive spielen erst in anderen Zusammenhängen eine Rolle.

Der Umkehrschluss zu der zweiten Regel liegt übrigens nahe:

Loci obscuri posterius quaerendi sunt!

Unklare Textstellen müssen nachgeordnet behandelt werden!

Strafakte Faust

Drama, Faust

Arbeitsanregung:

Verhandeln Sie Fausts Schuld an Valentins Tod in einem als Rollenspiel inszenierten Gerichtsprozess!


Liebe ist alles?

Drama, Faust, Goethe, Sturm und Drang

Tagebuch einer Kindsmörderin

Gretchen sei von Goethe kaum umgestaltet worden, heißt es. Sie ist ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die Mutter Witwe, sie lässt sich verführen, tötet das Kind – diese aus dem Leben gegriffene Gestalt hat Goethe in den Jahren des Sturm und Drang derart aufgewühlt, dass er sie unangetastet gelassen hat. Die flammende Gesellschaftskritik des Sturm und Drang findet sich demnach stärker im „Urfaust“ als im späteren „Faust“ wieder.

Gretchen dürfte vorgewarnt gewesen sein. Stets werden Frauen von Männern vernichtet. Beispiele dafür gibt es genug, dass die Mutter auf sie Einfluss nimmt, immer bemüht, die Haltung, den Ruf und die Ehre ihrer Tochter zu bewahren und aus ihr eine stattliche Ehefrau zu machen. Was für ein Glück, dass die Mutter so „akkurat“ (V. 3114) über die aufkommenden Sehnsüchte der Tochter wacht! Was für ein Glück! Und trotzdem erhebt sich an dieser Stelle, innerhalb des 18. Jahrhunderts, im Zeichen des Sturm und Drang, der Protest des Individuums gegen elterliche Bevormundung und religiöse Zwänge.

Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was Gretchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Gretchen ist nichtsdestotrotz die vierzehnjährige Bürgerstochter, die ihr Kind tötet, dessen Geist ihr zuletzt im Kerker erscheint, um sich im Lied an ihr zu rächen.

„Meine Mutter, die Hur’, /
Die mich umgebracht hat! /
Mein Vater, der Schelm, /
Der mich gessen hat! /
Mein Schwesterlein klein /
Hub auf die Bein’ /
An einem kühlen Ort; /
Da ward ich ein schönes Waldvögelein; /
Fliege fort, fliege fort.“ (V. 4412–4420)

Dazu gehört außerdem, dass Gretchen sich auf einen „Schelm“ (V. 4414) eingelassen hat. Faust bekommt damit das für Mephistopheles bestimmte Beiwort (vgl. V. 2515).

Arbeitsanregung:

Mehr und mehr wird Gretchen zerrissen von den Gefühlen der Neigung und der Pflicht. Zeichnen Sie ihre Empfindungen in Tagebucheintragungen nach!

Beispielsweise mit folgenden Stationen:

Erste Station: Straße

Ich entfernte mich sehr bald von dem Herrn. Ich eilte weiter. Ich weiß gar nicht, was ich suche, wenn ich darüber nachdenke, warum er mich beschnuppert hatte. Wie er mich betrachtete – wie er mich beschnupperte – wie ich zum Gegenstand seiner Aufmerksamkeit wurde! Dieser Gedanke lässt mich nicht los.

Zweite Station: Abend

Du lieber Himmel, Mutter hat nicht danach gefragt – sie weiß nicht einmal, wer der feine Herr gewesen ist, der heute nach mir geschaut hat! Sie würde sich Sorgen machen: Warum nur habe ich das Mädchen herumlaufen lassen?

Susanna Margaretha Brandt

Drama, Faust, Goethe, Schreiben, Sturm und Drang

Zum Einhorn

Vor dem Fenster waren waagerechte Brettchen angebracht, die Blumentöpfchen darauf konnten Wasser gebrauchen. Vorsorglich bückte ich mich, um leicht in das Innere der Küche zu kommen. Vor mir auf dem Tisch lag ein Kreuz, hinter dem ein farbloses Sträußchen klemmte, über der Eckbank hing ein blaues Tuch, das sie gewöhnlich um die Schultern trug. Ich glaubte, Susanna zu hören. Ich kannte sie, es war Susanna Margaretha Brandt, genannt Susann, Magd in der Herberge „Zum Einhorn“. Wir waren dann in allen Zimmern, stiegen sogar die Stiege hinauf – in allen Zimmern, abgesehen von der Waschküche. Das Kind sei zu schwach gewesen, heißt es.

[Ergänze, was fehlt!]

Wir gelangten nun wieder in den Wald von Bockenheim, der sich an die Mittagsseite des Hauses anschloss, und von dort hinaus auf die Felder.

Arbeitsanregungen:

  • Ergänze, was fehlt. Fülle den erzählten Rahmen möglichst anschaulich aus.
  • Erzähle, wie die Besucher den „Tatort“ wahrnehmen.
  • Schildere möglichst viele Eindrücke aus der Sicht eines der Besucher und lasse auch dessen Kommentare, dessen persönliches Urteil in die Erzählung einfließen.
  • Füge ein kurzes Gespräch zwischen den Besuchern über die bereits hingerichtete Susanna Margaretha Brandt hinzu.
  • Achte auf deine Wortwahl, finde einen angemessenen Erzählton.

 

Da sucht man lieber Kräuter

Drama, Faust, Goethe

Hanf Cannabis femina@Goethe's botanical objects

Goethe und die Naturwissenschaften

Dass Goethe sich für die Naturwissenschaften begeisterte, dass seine naturwissenschaftlichen Studien einen beträchtlichen Umfang in seinem Werk ausmachen, ist vor allem im Vergleich mit Schiller entscheidend. Während Goethe sich dem Studium der Natur widmete, lieber Kräuter oder Steine sammelte, wie Schiller spottete, nahm dieser an anderen Differenzen teil und versandte Aufsätze über Freiheit und ästhetische Doktrinen. Schiller äußerte 1787 gegenüber Körner: „Goethes Geist hat alle Menschen, die sich zu seinem Zirkel zählen, gemodelt. Eine stolze philosophische Verachtung aller Speculation und Untersuchung, mit einem bis zur Affectation getriebenen Attachement an die Natur und einer Resignation in seine fünf Sinne, kurz eine gewisse kindliche Einfalt der Vernunft bezeichnet ihn und seine ganze hiesige Secte. Da sucht man lieber Kräuter oder treibt Mineralogie, als daß man sich in leeren Demonstrationen verfinge. Die Idee kann ganz gesund und gut sein, aber man kann auch viel übertreiben“ (Brief vom 12. August 1787).

Es wurde für Goethe selbstverständlich, die Chemie stets mit dem allergrößten Respekt zu behandeln. Er widmete der Chemie einige Aufsätze. Er ließ nicht mehr davon ab, in seinen Notizbüchern von seinen Experimenten zu berichten, Versuchen mit dem gelben Blutlaugensalz, der Berliner Blaulauge und Metallkalken, den Farbstoffen in Pflanzenextrakten. Er beobachtete die Gerinnung von Milch und übertrug seine Schlüsse auf das Gebiet der Mineralogie. Noch als Achtzigjähriger plante er eine Studienreise, um in der Gegend von Freiburg im Breisgau mineralogische Forschungen durchzuführen. Dabei war er sich des Unterschieds zwischen der mittelalterlichen Alchemie und der sich entwickelnden neuzeitlichen Chemie durchaus bewusst. Er suchte nicht den Stein der Weisen und überließ es Wagner anstelle von Faust, es mit der künstlichen Züchtung von Menschen zu versuchen – dem einfältigen Wagner, der nahe an dem Abgrund ist, den die Wissenschaft nicht mehr zu überbrücken vermag.

Arbeitsanregungen:

Lesen Sie die folgenden Texte und notieren Sie, welche Bedeutung die Wissenschaften für Goethe hatten.

„Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Theoristen, ihre Versuche sind kleinlich und complicit…“
Eine Annäherung an Goethes Wissenschaftsbegriff:
Das komplexe Diverse als Ganzes begreifen
von Ulrike Landfester

Der Wissenschaftler Goethe – Anatomie und Farbenlehre
von Alfried Schmitz

Diskutieren Sie: Was faszinierte Goethe an den Naturwissenschaften so sehr, dass er sie thematisch in seinem „Faust“ verarbeiten musste?

Willkommen und Abschied

Goethe, Lyrik, Sturm und Drang

Sessenheimer Pfarrhaus. Goethe erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben.


Nur aus tiefen Gefühlen – Erlebnislyrik wie „Willkommen und Abschied“

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe, in der ersten Fassung im Jahr 1771 veröffentlicht, zählt zu den Sesenheimer Liedern. Die Sesenheimer Lieder stellen insofern eine Wende innerhalb der deutschen Lyrik dar, als der Stoff der Lyrik in die Seele des Sprechers verlagert worden ist. Der Sprecher sieht den Stoff nun so an, als ob er nur in seinem Innern vorhanden wäre. Goethe versucht in dieser für die Epoche des Sturm und Drang typischen Lyrik nachzuahmen, wie tief der Eindruck seiner Jugendliebe Friederike Brion in seine Seele gedrungen ist. Goethe nimmt diese Liebe sehr bewusst wahr und erinnert sich später, in dieser Zeit mit Friederike Brion wie am „Mittelpunkt der Erde“ gelebt zu haben. Aus dieser Zeit stammen die bekanntesten von Goethes Gedichten: „Kleine Blumen, kleine Blätter“, „Mailied“, „Heidenröslein“ und eben „Willkommen und Abschied“.

Das Gedicht umfasst vier Strophen. Die Hereinnahme der Natur in die Seele des lyrischen Ich lässt sich beispielsweise an den ersten beiden Strophen ablesen. Die Gebilde der Natur (Eiche, Gesträuche, Mond und Winde) – kurz: alles, was dem Auge äußerlich ist (natura naturata: „gebildete Natur“), kann auch als Geste der Seele, als „sich bildende Natur“ (natura naturans) angesehen werden. Was sich der Seele an äußeren Eindrücken eröffnet, setzt sich in der Seele ab und wird dadurch zur Erinnerung und zum Ausdruck. „Willkommen und Abschied“ ist ein mustergültiges Erlebnisgedicht.

Formale Aspekte

Es überrascht nicht, dass dieses Erlebnisgedicht in der Form der Volksballade verfasst worden ist. Goethe entfernt sich von der barocken Regelpoetik, der „Nachahmung der Alten“ (imitatio veterum). „Natur“, „natürlicher Ausdruck“, „ungekünstelte Sprache“ werden zu Schlüsselwörtern für die Ästhetik Goethes und Herders und damit für die Erlebnisdichtung. Der Text verteilt sich auf vier achtzeilige Strophen. Die Verszeilen sind durch Kreuzreime miteinander verbunden. Auffällig ist die Vielzahl unreiner Reime (V. 5,7: „Eiche“/„Gesträuche“; V. 17,19: „Freude“/„Seite“; V. 21,23; V. 25,27; V. 30,32). Weibliche und männliche Kadenzen alternieren. Die Verse sind jambisch (Vierheber) gebaut.

Inhaltliche Aspekte

1.–2. Strophe

Es beginnt mit einem Aufbruch. Das lyrische Ich hat sein Pferd bestiegen und reitet im schnellen Tempo durch die Nacht mit ihren Schrecknis erregenden Erscheinungen zu seiner Geliebten.

3. Strophe

Der Reiter kommt bei der Geliebten an und schildert, wie glücklich er über die Begegnung ist.

4. Strophe

Der Abschied fällt schmerzlich aus. Dennoch rühmt das lyrische Ich das Glück, zu lieben und geliebt zu werden.


Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Grenzen der Aufklärung

Aufklärung, Goethe, Herder

Goethe im Jahr 1774. Bleistiftzeichnung von Georg Friedrich Schmoll.

Goethe im Verhältnis zur Aufklärung

Die Idee der Aufklärung vermochte sicherlich auch in Deutschland die Gebildeten an sich zu fesseln. Hätte es den entsprechenden Wettbewerb vor 250 Jahren bereits gegeben, das Wort „Aufklärung“ wäre gewiss zum „Wort des Jahres“ erklärt worden. Auch der junge Goethe scheint freudig erregt, wenn auch mit schlechtem Gewissen, denn studiert hat er Kant freilich nicht. Aber er greift begeistert zur Feder, um sich in Briefen mit Freunden über alle möglichen aktuellen Themen in aufgeklärter Manier auszutauschen.

Unter den Stimmen der Aufklärer um ihn herum lassen sich auch skeptische Stimmen vernehmen: Ist der Fortschritt in den Naturwissenschaften tatsächlich als Fortschritt zu betrachten? Ist der europäische Mensch der bessere Mensch, erwachsener als die Menschen der Naturvölker, die wie Kinder um ihn herumstehen? Ist es anzunehmen, dass die Vernunft den einzigen Maßstab für das menschliche Handeln darstellt? Herder, Goethes Mentor seit dem Studium 1770 in Straßburg, beruft sich auf Rousseau: Man müsse sich entscheiden, ob man einen Bürger (citoyen) oder einen „Menschen“ aus dem Kinde herausbilden wolle.

Nicht nur im Verhältnis zum Kind, auch in künstlerischer Hinsicht erteilen Goethe und Herder der Aufklärung eine vorsichtige Absage – der Aufklärung wohlgemerkt, insofern sie von der Vernunft geleitete Begriffe vermittelt. Für Herder ist die Vernunft immer die „spätere Vernunft“, der Ursprung der Kunst sei jedoch mit Affekten verbunden. Kunst entstehe aus dem Gefühl, sei als Sprache der allgemeinen, in uns wirkenden Natur emotionales und nicht kausal darstellbares Zeichen.

Vor allem in Herders Reise-Journal aus dem Jahr 1769 sind die Gedanken so assoziationsreich, so spontan und in diesem Sinne künstlerisch frei, dass sie mächtig auf das Empfinden des jungen Goethe wirken mussten. Unter diesem Eindruck entstehen Goethes frühe Werke, auch der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774).

Arbeitsanregungen:

Goethes „Faust“ als Theodizee

Drama, Faust, Goethe

(Theater über Theater zur Anklage Gottes)



Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Zum allgütigen und allmächtigen Gott wird Gott ja erst dann, wenn er wirklich in die Verhältnisse eingreift. Spielt Gottes Güte aber eine Rolle angesichts der unzähligen, vergeblichen Versuche der Menschen, das Böse zu überwinden? Die menschliche Sphäre scheint mehr von bösen Dämonen, Erdgeistern bestimmt zu sein. Das, heißt es im „Faust“, ist selbst dem Teufel nicht recht: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen / Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen“ (V. 297–298).

Was die im „Prolog“ beschriebene Wette mit Gott angeht, so ist klar, dass der besessen nach Höherem strebende Universalgelehrte Faust die beste Probe aufs Exempel abgibt. Der, dem jedes Mittel recht ist, seine höheren Zwecke zu verfolgen. Dieser könnte als ein Maßstab der Freiheit des Menschen sowohl zum Guten als auch zum Bösen erscheinen. In dieser Hinsicht ist mit dem Drama mehr, als es den Anschein hat, für die Kritik Gottes gegeben. Ist Faust nämlich frei, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, dann deshalb, weil Gott die Wette des Teufels erlaubt hat.

Die Ausschaltung Gottes (oder die Unkenntnis von dieser himmlischen Wette) ist die Vorbedingung für Fausts allumfassendes Freiheitsgefühl. Dieses Freiheitsgefühl kennzeichnet zum Beispiel die Szene „Wald und Höhle“, aber auch die darauf folgende Begegnung mit Gretchen, bei der Faust sein aufgeklärtes Verhältnis zur Religion präsentiert. Er sieht in seiner pansophistischen Naturanschauung (Gottes Weisheit wirkt in Allem) ebenso wenig ein Problem wie in dem Recht, sich Gretchen zu nähern. Nach seiner Anschauung ist ihm die Natur hinreichender Ersatz für Gott. Und Gretchen, das „affenjunge Blut“ (V. 3313), ist für Faust – und seinen sündigen Begleiter – gleichsam ein Naturprodukt, dessen Verwendung das Gefühl erlaubt. So bezweckt Liebe in den Augen des leidenden Gelehrten (homo doctus sive patiens) Wiedergutmachung für alle Übel der Welt – sei’s auch drum, dass das Gute (an Gretchen) sich am Ende zum Bösen wendet.

Arbeitsanregungen:

Ende (des Dramas) gut – alles gut?

  • Versetzen Sie sich in Dr. Faust! Wie würden Sie an Fausts Stelle entscheiden? Würden Sie sich Gretchen nähern? Würden Sie sich von dem Teufel lossagen? Würden Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen?
  • Schön wäre es, wenn Sie bei diesen und ähnlichen moralischen Fragen Engelchen und Teufelchen spielten. Was spricht für, was spricht gegen diese oder jene Entscheidung des Gelehrten? Achten Sie darauf, dass alle Fragen voneinander abhängen!
  • Prüfen Sie, ob Goethes Entscheidungen hinsichtlich der Figur des leidenden Gelehrten von Ihren eigenen Entscheidungen abweichen! Was meinen Sie, worauf Goethe bei der Gestaltung dieser Figur besonders Wert gelegt hat?

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Ginkgo biloba

Goethe, Lyrik

Gingko biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich Eins und doppelt bin?

Interpretationshypothesen:

Der Lieblingsbaum Johann Wolfgang von Goethes ist der Ginkgo-Baum, das lebende Fossil, das im 18. Jahrhundert auch in Europa heimisch wurde. Die Bildung des Blattes ist derart beschaffen, dass Goethe es „als Sinnbild der Freundschaft“ an Frau Willemer schickt (Gespräche mit Eckermann). Trotz dieser äußeren Absicht ist das Gedicht „Ginkgo biloba“ in erster Linie nicht als Liebesgedicht aufzufassen, sondern als Gedicht über den Menschen als Mikrokosmos. Im Kontext der pansophistischen Studien des Autors finden sich gehäuft Hinweise dafür, dass diese Auffassung berechtigt ist. Das heißt, dass dem Bild vom Menschen die Idee zu Grunde liegt, dass die Ordnung im und zwischen den Menschen der Ordnung in der Natur und dem Geschehen in der Natur entspricht. Mit einem Beispiel gesprochen: der Autor trennt nicht zwischen der Bewegung, die beim Ein- und Ausatmen wirksam ist, und der Bewegung, die die Gezeiten entstehen lässt. Für Goethe ist es „die ewige Formel des Lebens“, dass die Welt (Makrokosmos) und der Mensch (Mikrokosmos) in analoger Weise miteinander verbunden sind. Goethe hat diese Idee insbesondere im „Faust“ verfolgt. Faust, dem Zeichen des Makrokosmos hingegeben, erkennt, dass alles in der Welt harmonisch zusammenwirkt:
„Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!“
(V. 447–453)

Die Einheit von Verbindendem (Geist) und Verbundenem (Materie) liegt in dem Gedicht „Gingko biloba“, welches in erster Fassung 1815 entstanden ist, im Sinnbild des Blattes vor.

Bemerkungen zur Form:

Das Gedicht enthält drei vierzeilige Strophen. Weibliche (1. Strophe: „Ósten“/„kósten“) und männliche Reime („ánvertrt“/„erbaút“) wechseln einander ab. Der einzelne Vers ist viertaktig. Wer den ersten Vers laut liest, wird vielleicht die künstlich erscheinende Stellung des Genitivs („Dieses Baums Blatt“ anstelle von „Das Blatt dieses Baumes“) bemerken. Daraus wird er jedoch leicht die Einsicht gewinnen, dass der vierhebige Trochäus die grundlegende Ordnung in allen zwölf Versen darstellt („Díeses Baúms Blatt, dér von Ósten / Meínem Gárten ánvertraút / […]). Das heißt: Nach stockendem Beginn werden die Verse fließender, die Unterbrechung ist mit Bedacht gesetzt, um den Leser zum Nachdenken über Einheit und Zweiheit zu zwingen.

Bemerkungen zum Inhalt:

1. Strophe:
Die geistige „Natur“ des Gingkoblattes gibt Rätsel auf.

2. Strophe:
Der Sprecher fragt sich, ob das Blatt als Einheit oder Zweiheit anzusehen sei.

3. Strophe:
Das lyrische Ich verweist auf sein Werk: Seine Lieder spiegeln Einheit und Zweiheit des Dichters wider.