Vom Ursprung der Sprache

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  1. Condillac

Die Sprachursprungsfrage ist Sinnbild dafür, dass das Bewusstsein für die Totalität der Geschichte erwacht. Die dem Menschen immanente Geschichte, die Anschauung, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte habe, von der Wiege bis zur Bahre, ist damit zum Problem geworden. Es wäre interessant zu untersuchen, inwieweit die Sprachphilosophen der Aufklärung (Condillac, Süßmilch, Herder) sich dieses Problems bewusst waren. Das „Lexikon der Aufklärung“ hält fest:

„Geschichtsphilosophie im modernen Sinne des Wortes, nämlich als systematische Theorie vom Wesen und Verlauf der Geschichte, ist ein Produkt der angeblich geschichtsfeindlichen Aufklärung; auch der Ausdruck Geschichtsphilosophie scheint erst im 18. Jahrhundert geprägt worden zu sein […] Streng genommen wurde Geschichtsphilosophie erst möglich, als (unter der biblischen Voraussetzung einer von Gott gelenkten Geschichte der Menschheit) die Idee einer Universalgeschichte mit verschiedenen Etappen und linearem Verlauf entwickelt und diese Geschichtstheologie dann in der frühen Neuzeit europazentriert säkularisiert wurde.“ (Schneiders, Werner: Lexikon der Aufklärung. München 2001, 149).

Étienne Bonnot de Condillac (* 30. September 1714; † 3. August 1780) beschreibt die Entwicklung der Sprache als geschichtlich fortschreitende Stufenfolge. Das Stufenmodell sieht vier Stadien vor.

Groß ist nach Condillac’s Überzeugung der Abstand zwischen dem (tierischen) Naturzustand und dem ersten Stadium der Sprache. Sprache bildet sich aus, wenn der Einzelne mithilfe der Kommunikation sich im Anderen wiedererkennt, Gefühle mit Gesten und Gesten mit Gefühlen zu verbinden lernt. Der Einzelne, sich selbst überlassen, ist hilflos; er hat seine Verstandestätigkeiten, Condillac zufolge, „überhaupt nicht in der Gewalt“. Erst die Spiegelung im Anderen befähige ihn dazu, diese zu gebrauchen und die konfusen Eindrücke und Empfindungen voneinander zu scheiden.

Sprache beginnt damit in der kleinstmöglichen Gesellschaftsform, in der Kommunikation zweier Kinder, die alles Tierische von sich abgelegt haben. Vermutlich liegt für Condillac darin auch das geistige Wesen der Geschichte.

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