Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit, Sprachreflexion

Das Problem der Mehrsprachigkeit. Eine Umfrage

In der Mehrsprachigkeit liegt oft ein Problem verborgen, denn es zeigt sich, dass die Urteile darüber recht verschieden ausfallen. Wirkt sich Bilingualität im frühen Kindesalter nicht nachteilig auf den Erwerb der Muttersprache aus? Setzt die nicht nur zu kommunikativen Zwecken angewandte Mehrsprachigkeit nicht doch die Intelligenz eines Erwachsenen voraus? Natürlich ist das Deutsche selbst Mischsprache, eine Mischung also, aus mehreren Sprachen gebildet. Innere Mehrsprachigkeit steht äußerer Mehrsprachigkeit gegenüber. Kurt Flasch hat darauf hingewiesen, dass jede (erlernte) Sprache, streng genommen, von außen komme. So gesehen kann nur von äußerer Mehrsprachigkeit die Rede sein. Wie auch immer, die Lösung kann nicht im Sprachpurismus liegen.

Arbeitsanregungen:

  • Erstellen Sie mithilfe der in Microsoft 365 enthaltenen Applikation „Forms“ eine Umfrage, die verschiedene praktische und theoretische Fragen des Problems der Mehrsprachigkeit beinhaltet.
  • Verwenden Sie in der Umfrage mehrere Fragetypen (offene Fragen, geschlossene Fragen, Multiple-choice-Verfahren).
  • Versuchen Sie anhand Ihrer Fragen ein differenziertes Gesamtbild von der Problematik zu erhalten.
  • Entwickeln Sie Ihre Fragen auf der Grundlage von in der Schülerbücherei (Lernhelfer, Lexika, Unterrichtswerke) oder im Internet zur Verfügung gestellten Materialien zum Thema.

 


 
Weitere Informationen:
ARD-alpha
 

Lebhafter Grenzverkehr

Literaturgeschichte, Sprachreflexion

Niederdeutsch, die Weltsprache des hansischen Wirtschaftsraumes

Die deutsche Sprache als Sprache der Literatur

Im Verlauf des Unterrichts haben wir einige Eigenarten der deutschen Sprache kennen gelernt. Sie ist eine Mischsprache. Sie ist auf dem Rückzug, sowohl was ihren äußeren Einfluss, als auch ihre innere Beschaffenheit angeht. Wir haben unsere Aufmerksamkeit kurz auf die Bedeutung des Niederdeutschen im Bereich der Hanse gerichtet, deren Wirtschaftsraum sich immerhin von Belgien bis zum Baltikum erstreckte. Allmählich zieht sich das Deutsche zurück, als Wissenschaftssprache, als differenzierte Hochsprache. In vielen Bereichen beginnt der Einfluss des Englischen das Deutsche immer mehr zurückzudrängen. Es weicht jedoch nicht widerstandslos zurück, sondern bezieht Stellung im Deutschunterricht. Vor allem als Sprache der Literatur nämlich ist die deutsche Sprache erhalten geblieben. Was aber soll das sein: die deutsche Literatur? Verstehen wir darunter das Werk Thomas Manns, den diese Auslegung des Begriffs sicherlich hocherfreut hätte? Oder geht es auch um Max Frisch, Thomas Bernhard und Peter Handke?

Ulrich Greiner deckt in der folgenden Glosse die Äquivokationen auf, die die Diskussion über diesen Begriff behindern könnten.

Arbeitsanregungen:

  • Lesen Sie Greiners Glosse. Untersuchen und bewerten Sie seine Argumentation (Lösungsansätze).
  • Entwickeln Sie eine Umfrage, die der Frage nach der deutschen Literatur gerecht wird.

Ursprung der Sprache

Sprachreflexion


François Truffaut: Der Wolfsjunge (Filmtrailer in englischer Sprache)

Im Brennpunkt der Frage nach dem Ursprung der Sprache:
Victor, das „wilde Kind aus Aveyron”

Die Sprachursprungsfrage bewies, dass das Bewusstsein für die Vorzeit des Menschen erwacht war. Die Gelehrten der Aufklärung interessierten sich für die intellektuelle Entwicklung des Menschen, kurzum, für dessen Sprache. Sollten sie diese Frage nach dem Ursprung der Sprache mit den Möglichkeiten der Phylogenese oder mit jenen der Ontogenese beantworten? Indem Dr. Itard den Fall des ausgesetzten Kindes, des wilden Kindes aus den Wäldern von Aveyron untersuchte, schien er die Lösung für beiderlei Ansätze parat zu haben. Konnte es nämlich sein, dass dieser Junge, dem Dr. Itard den verheißungsvollen Namen „Victor” gegeben hatte, sprechen konnte, seine eigene, von jeglicher Zivilisation unverdorbene Sprache gebrauchen konnte und damit die erste Sprache der noch nicht zivilisierten Menschheit überhaupt preisgab? Dieser Junge, lautete die vage Hoffnung, gewährte einen Ausblick in die Vergangenheit und vielleicht auch in die Zukunft der menschlichen Sprachentwicklung.

Gewiss, der Sprachursprung kam durch Itard’s Untersuchungen schließlich doch nicht ans Licht, Itard hatte allerdings Vorbedingungen überprüft, unter denen Sprache möglich wird. Seine Überlegungen lassen sich sowohl in phylogenetischer als auch in ontogenetischer Hinsicht nutzen. Itard nimmt die Bedingungen in den Blick, die erforderlich sind, damit Sprache sich einerseits in der Menschheitsgeschichte, andererseits im Individuum entwickeln kann.

Itard’s Beobachtungen:

  1. Victor’s Sprache ist Symbolsprache (langage d’action). So forderte der Junge die Haushälterin seines Lehrers, Madame Guérin, zum Ausgehen auf, indem er ihr die entsprechende Kleidung bereitlegte und die Tür für den gewohnten Spaziergang ungeduldig öffnete.
  2. Victor konnte gewisse Laute bilden. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Dr. Itard der Frage, in welchen Zusammenhängen Victor die Laute „eau” (Wasser) und „lait” (Milch) gebrauchte.
  3. Victor lernte, wenn auch mit größeren Schwierigkeiten und nur in geringen Ansätzen, die Symbolsprache im engeren Sinn kennen, d. h. die willkürlich gesetzte Beziehung zwischen Zeichen und ihren Bedeutungen.

Arbeitsanregungen:

  • Sehen Sie sich François Truffaut’s Film in dieser Hinsicht noch einmal an!
  • Fragen Sie sich, welche weiteren Untersuchungen Dr. Itard vorgenommen hat.
  • Was sind die wesentlichen Vorbedingungen der sprachlichen Entwicklung?

Anmerkungen:

„Sprache in Aktion“ als Ursprungssprache?

Es ist zunächst überraschend, von welcher Definition der Sprache Dr. Itard bei seinem Schützling ausgeht. Er fasst sie als „Sprache in Aktion“ (langage d’action). Primär sei die Geste, nicht der Laut: „Es ist der Bemerkung wert, dass diese Sprache in Aktion ihm völlig natürlich zu sein schien; so gebrauchte er sie gleich beim Eintritt in die Gesellschaft mit dem äußersten Gefühlsausdruck. ‚Wenn er Durst hatte, […] ließ er die Blicke von rechts nach links schweifen, hatte er den Krug erhalten, nahm er meine Hand in die seine und führte sie über den Krug, auf den er zugleich mit der Linken schlug, um mich um Trinken zu bitten.‘“(Jean-Marc Gaspard Itard: De l’éducation d’un homme sauvage ou de premiers développement physique et moraux du jeune sauvage de l’Aveyron. Paris 1801, note 12).
Victor’s mehr undeutlich als deutlich ausgestoßenem Laut „lait“ (Milch) gehen heftige Gebärden voraus. Heutige Studien weisen dies für taubstumme Babys nach. Ihre Gestikulation entspricht der Artikulation nicht stummer Babys. Das spielerische Ausprobieren von Gebärden kommt dem Babbeln, Plappern und Plaudern der anderen Babys gleich.

Ein Symbol

Sprachreflexion

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Ein Symbol im Unterschied zur Metapher

Ein Symbol bedeutet, im Unterschied zur Metapher, eine Fahne hochzuhalten, eine Kerze anzuzünden, für einen Verein, für einen Freund. Das Symbol ist ein willkürliches Zeichen. Statt durch die Fahne kann ich meine Anhängerschaft auch durch das Tragen des Vereinstrikots bezeugen. „Willkürlich“ heißt in diesem Zusammenhang: Ein Symbol braucht keinen – logisch nachprüfbaren – Vergleich zu beinhalten, wie es bei Metaphern in der Regel der Fall ist. Es ist daher nicht nötig, sich vorzustellen, dass das Vereinstrikot wie der Verein wäre – oder die Fahne oder die Kerze.

  • Erkläre, warum Ausdrücke wie „Der Verein ist mein Leben“, „Der Verein ist meine Familie“ keine Symbole sind!

Sprache

Lyrik, Neue Subjektivität, Sprachreflexion

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Halte mich in deinem Dienst
lebenslang
in dir will ich atmen

Ich dürste nach dir
trinke dich Wort für Wort
mein Quell

Dein zorniges Funkeln
Winterwort

Fliederfein
blühst du in mir
Frühlingswort

Ich folge dir
bis in den Schlaf
buchstabiere deine Träume

Wir verstehen uns aufs Wort
Wir lieben einander

Rose Ausländer

Der Mensch ist ohne die Sprache lebensunfähig. Sie befreit ihn von dem Zwang, rein instinktiv zu handeln. Bei ihr ist allerdings nichts im Gleichgewicht. Sie ist kein Wassertropfen, bei dem sich alles gleichmäßig verteilt. Sie ist kein kunstreiches Spinnennetz. Manche Dichter sahen sich deshalb zum Schweigen verurteilt. Sie sahen die Sprache durchzogen von Defekten, die wiederum sprachlich zu kompensieren wären. Ad absurdum, klagt Hugo von Hofmannsthal, sei die Sprache verkommen. Heute stellt sich die Frage neu: Was nutzt die Sprache, wenn sie die Kultur verhöhnt, wenn sie die Wahrheit verfälscht, wenn mit ihrer Hilfe alle möglichen Teufeleien betrieben werden können?

Dichtung ist, wenn man trotzdem schreibt. Das gilt auch für Rose Ausländer. Sie tritt aus den unmenschlichsten Erfahrungen heraus und lässt sich ihre Freiheit, zu dichten, nicht nehmen.

Arbeitsanregungen:

  1. Informieren Sie sich über das Leben der Rose Ausländer.
  2. Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht.

Die Wahrheit ist dem Dichter zumutbar

Dichtungstheorie, Hofmannsthal, Sprachreflexion


Probleme zeitgenössischer Dichtung

Von Ingeborg Bachmann stammt der Satz, dass eine neue Sprache eine neue Gangart brauche. In ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung vom 25. November 1959 geht es ihr hierbei vor allem um die Dichter und ihre Werke. Gerade die Dichter empfänden nämlich schmerzlich die Grenzen, die der Ausdrucksfähigkeit auferlegt sind. Zuweilen zögen die Dichter sich sogar in das Schweigen zurück. In ihrem Vortrag bezieht die Autorin sich ausdrücklich auf Hugo von Hofmannsthals berühmten „Brief“, der 1902 erschienen ist und Epoche gemacht hat. Wer sich mit diesem Brief beschäftigt, der weiß, dass dessen fiktiver Absender letztlich daran gescheitert ist, eine „neue“ Sprache zu finden. Ingeborg Bachmanns Absicht besteht darin, zu zeigen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass, dichterisch gesehen, eine neue Sprache entsteht, die der Wirklichkeit gerecht wird.

Der Argumentationsgang lässt sich folgendermaßen einteilen.

  1. Das Problem der Rechtfertigung des Dichters
    (Z. 1–3)
  2. Der historische Prozess der Dichtung: von der Auftragsdichtung zur Autonomie des Dichters
    (Z. 4–13)
  3. Die Krise der dichterischen Produktivität
    (Z. 13–19)
  4. Die neuere gesellschaftliche Entwicklung im Spiegel der Selbstzweifel des Dichters
    (Z. 20–29)
  5. Forderung nach einer brauchbaren, der Wahrheit verpflichteten Dichtersprache
    (Z. 30–44).

Wir haben zwei Worte für das Ich und die Sprache und meinen, dass sie von Natur aus getrennte Bereiche bezeichnen. Was kann der Dichter also tun, wenn er nicht mehr im Auftrag eines Anderen, sondern in seinem eigenen schreibt? Es geht Ingeborg Bachmann in dieser Vorlesung um die Frage nach dem Existenzrecht des Dichters (Z. 1–4: „Die erste und schlimmste dieser Fragen […], die den Schriftsteller zu bewegen hat, betrifft die Rechtfertigung seiner Existenz […] Warum schreiben? Wozu?“). Die Autorin hat, wie in der Analyse zu zeigen wäre, einen hohen Begriff von der Aufgabe des Dichters, macht sie doch die Rechtfertigung des Dichters von der Wahrheitsfrage abhängig. Ihr Vortrag lässt sich offenbar von Anfang an auf eine ethische Frage zurückführen, die lautet: Ist der Dichter der Wahrheit etwas schuldig geblieben? Wenn nicht, dann soll er (als Schriftsteller) existieren!

Es ist gut, die Dichtung in Epochen einzuteilen. Ingeborg Bachmann bedient sich dieser Einteilung. Sie beschreibt, ohne es buchstäblich in Worte zu fassen, die Entwicklung der Literatur. Sie unterscheidet zwischen der Literatur, die im Auftrag eines Anderen geschrieben wird (vgl. Z. 4–5), und der, die im eigenen Auftrag geschrieben wird (vgl. Z. 10–11). Sie behauptet, dass diese Entwicklung, im Allgemeinen und im besonderen Fall des einzelnen Dichters, dem Dichter „erst spät“ (Z. 3) bewusst werde. Sie spricht ausdrücklich vom möglichen „Ende der Dichtung“ (Z. 15–16). Daran knüpft sich die Frage, woran der Dichter scheitern könne. Für Ingeborg Bachmann spielen hierbei verschiedene Einflüsse eine Rolle: Beliebigkeit, Parteilichkeit (Z. 10–11: „Und ist der Auftrag, wenn er ihn sich selbst zu geben traut […] nicht beliebig, befangen?“), Irrtum (Z. 11–12: „bleibt er nicht […] der Wahrheit immer etwas schuldig?“), Überheblichkeit (vgl. Z. 12–13). Scheitert ein Dichter, so sei das aber keine rein biographische Angelegenheit (vgl. Z. 13–15). Es sei wichtig, die Voraussetzungen der Krise zu berücksichtigen (vgl. Z. 15–19).

Der Dichter ist in Bachmanns Augen der Spiegel, in dessen Rahmen der gesellschaftliche Wandel sichtbar wird. Kennzeichen für die neuere Entwicklung sei die „Unsicherheit der gesamten Verhältnisse“ (Z. 23). Die Autorin hat dafür eine passende Formulierung parat. Sie spricht davon, dass die Wirklichkeit völlig „verformelt“ sei (Z. 25). Den Naturwissenschaften ist es allem Anschein nach überlassen, die Wirklichkeit mithilfe ihrer Formeln abzubilden. Dem Dichter fehlt laut Bachmann zunehmend die Kraft, die Wirklichkeit anders zu interpretieren (Z. 25–26: „Das Vertrauensverhältnis zwischen Ich und Sprache und Ding ist schwer erschüttert“).

Die Autorin beschäftigt sich abschließend mit der Frage, von welcher Qualität eine „neue“ Sprache sein müsse (Z. 30). Diese Sprache könne nur von Wert sein, wenn sie mit Erkenntnis einhergeht, „wenn ein neuer Geist sie bewohnt“ (Z. 34–35). Der Dichter müsse sich weniger auf die Seite der Schönheit als auf die der Wahrheit stellen (Z. 43–44: „[die Sprache will] weder zuerst noch zuletzt ästhetische Befriedigung […], sondern neue Fassungskraft“).

Sprache als Ausdruck von Weltansicht

Sprachreflexion

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Wilhelm von Humboldt

Die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Denken erschließt überall neue Fragen. So kann die Objektivität der Sprache, der Sprache einer Nation zum Beispiel, im Unterschied zur Subjektivität der Reflexion herausgestellt werden. Sprache bedeutet dann, dass der Sprecher sich in der Einheit und Allheit der ihn umgebenden Nationalsprache „einspinnt“ (Wilhelm von Humboldt) – und damit seine Individualität preisgibt. Die Nationalsprache erstreckt sich nämlich auf alles, was die intellektuelle Tätigkeit angeht. Die Nationalsprache, um einen Ausdruck der EDV zu verwenden, „formatiert“ das Denken. Andererseits ist die Sprache ohne Subjektivität kaum vorstellbar.

Die Frage, wie es um die Relativität von Sprache und Denken bestellt ist, beantwortet Wilhelm von Humboldt in Anlehnung an Herder. Der vorliegende Text ist der sprachphilosophischen Abhandlung „Von der Natur der Sprache und ihrer Beziehung auf den Menschen im Allgemeinen“ entnommen. Die Abhandlung ist 1836 erschienen.

Im Brennpunkt des vorliegenden Textauszugs stehen die Begriffe Sprache, Denken, Artikulation und Nationalsprache.

Im Einzelnen liegt die folgende Gliederung zugrunde:

Z. 1–3: Begriffsbestimmung der Sprache,
Z. 4–19: Wechselseitigkeit von Sprache und Denken,
Z. 20–30: Artikulation als Werkzeug des Geistes,
Z. 31–39: Nationalsprache und Weltansicht.

„Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken“ (Z. 1). Eine Metapher ist der Ausdruck „Organ“ durchaus nicht. Denn die Sprache wäre flüchtig wie das Denken, würde sie nicht körperlich mithilfe der Artikulation. Noch größere Körperlichkeit ist mit dem Schriftkörper verbunden: „Die intellectuelle Thätigkeit […] erhält durch die Schrift einen bleibenden Körper“ (Z. 1–3). Diese Begriffsbestimmung der Sprache am Anfang des vorliegenden Textauszugs ist genetisch zu verstehen. Das heißt: der Empfänger muss, um einen sprachlichen Laut, ein schriftliches Zeugnis zu verstehen, immer fragen, für welche intellektuelle Tätigkeit diese denn Ausdruck sind.

Die Sprache ist dem Autor zufolge mit dem Denken nicht nur in einer Richtung verbunden. Einerseits bestehe ihr Zweck darin, das vom Denken Erkannte mitzuteilen. Andererseits erschließe die Sprache dem Denken auch Unerkanntes, indem sie „selbstständig, bestimmend und beschränkend“ (Z. 18–19) auf den Geist zurückwirkt. Die „intellectuelle Thätigkeit“ (Z. 9) hängt also von der Sprache ab, kann ohne die eigentlich ihrer Subjektivität entgegenstehende Objektivität der Sprache nicht fruchtbar werden. Die Ansicht, dass Denken und Sprache sich wechselseitig bedingen, wird am Schluss des vorliegenden Textauszugs am Beispiel der „Erlernung einer fremden Sprache“ (Z. 35) anschaulich dargestellt.

Im Folgenden wird das eingangs als organisch beschriebene Wesen der Sprache anhand der Artikulation behandelt. Damit soll der „Schlussstein“ (Z. 21) der „innigen Verbindung“ (Z. 21–22) zwischen Denken und Sprache aufgefunden werden, der „Hebel“ (Z. 21), ohne den Kommunikation nicht zustande käme. Humboldt zufolge ist die Artikulation eben deshalb unersetzbar, weil die inneren Worte (geistige Substanzen) nur durch körperliche Kraftanstrengung (Energie) als Schall nach außen dringen. Der Wert der Artikulation bestehe darin, dass sie, um das wirkende Wort zu erschaffen, nicht nur Geräusche hervorbringt, sondern gegliederte, dem Willen unterworfene Formen (vgl. Z. 24–26).

Die Sprache des vorliegenden Textauszugs ist durchdrungen von dem Willen zur Synthesis (Z. 30: „Unendlichkeit“). Die bildende Funktion der Sprache soll sich im Zusammenhang dieses Textes offenbar nicht darauf beschränken, den Begriff der Sprache durch die wissenschaftliche Analyse in Einzelteile zu zerschlagen. Vielmehr muss Humboldt im Bereich der Begriffe und der Syntax, im Bereich der Bilder und des Klangs nachweisen, dass die Sprache das Werkzeug eines umfassenden, synthetischen Geistes ist. Der Satzbau ist daher abwechslungsreich, hypotaktisch, die Metaphern gefühlsbeladen: „Das Denken ist […] eine Sehnsucht aus dem Dunkel nach dem Licht, aus der Beschränkung nach der Unendlichkeit“ (Z. 27–30). Die organische Verbindung von Denken und Sprache wird anschaulich in der Metapher des Schlusssteins (vgl. Z. 20), welcher mit den gewaltigen Kuppelbauten von Kirchen assoziiert werden kann. Auch die Metapher des Hebels (vgl. Z. 21) liegt im Bereich der Baukunst. So enthält der Text den für Humboldt zentralen Aspekt, dass die Sprache das Werkzeug (Z. 1: „Organ“) des Gedankens sei, gewissermaßen doppelt: auf begrifflicher und auf bildlicher Ebene.

Arbeitsanregung:

  • Analysieren Sie den vorliegenden Sachtext. Achten Sie dabei insbesondere darauf, wie der Autor das Verhältnis von Sprache und Denken einerseits und von Sprache und Weltansicht andererseits darstellt.
    1. Sprache und Wahrheit

      Sprachreflexion

      Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn

      Nietzsche hat einen hohen Begriff von der Sprache. Trotzdem ist er der Ansicht, dass sie im Hinblick auf die „wirkliche“ Welt versagt. Wer meint, dass die Dinge um uns in der Sprache gespiegelt werden, irrt. Selbst in einer idealen Sprache ließen sich die Beziehungen der Mitglieder einer Wortfamilie untereinander klären (z. B. ziehen, Anzug, Erzieher, Zucht), die Beziehung eines Nomens (z. B. Baum) zu seinem Geschlecht (Maskulinum: der Baum) feststellen, jedoch niemals eine angemessene Beziehung zu der Welt außerhalb der Sprache herstellen.

      Nur durch Vergeßlichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine „Wahrheit“ in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewißheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns „hart“ noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewißheit! Wir reden von einer „Schlange“: die Bezeichnung trifft nichts als das Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der, bald jener Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen, nebeneinander gestellt, zeigen, daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen. Das „Ding an sich“ (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfaßlich und ganz und gar nicht erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hilfe. Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andre und neue. […] Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material, worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge.

      Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn (1873)

      Die Sprache als Grenze der Welt

      Sprachreflexion

      Sprache des Kalküls vs.
      Sprache der Evidenz

      Die Sprache schiebt der Natur den Riegel vor – dieser Gedanke zeigt sich bei Wittgenstein, aber auch im Brief des Lord Chandos (Hofmannsthal).

      Die Sprache ist, da sie nur in Begriffen zu scharfer Bestimmtheit gelangt, an die Logik gebunden. In der Metasprache werden die Regeln für diese Logik festgelegt. Der Sinn oder die Wahrheit sprachlicher Äußerungen erweist sich, abhängig von der Metasprache, also im Sinnzusammenhang logischer semantischer und syntaktischer Regeln. Diese vom frühen Wittgenstein (Tractatus logico-philosophicus) und im „Brief“ des Lord Chandos kritisch dargestellte Sprache ist eben nicht die Sprache der Evidenz, in der etwas aufblitzt, in der uns etwas als „bedeutsam“ entgegentritt – ein „Haus“, ein „Ring“, eine „Muräne“ (vgl. Crassus-Anekdote, in: Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief) –, sondern die Sprache des logischen Kalküls. Der Sprache des Kalküls zufolge ist, abhängig von der Metasprache, immer schon festgelegt, was der Fall ist und was nicht der Fall ist, was der Fall sein kann und was nicht der Fall sein kann – insofern bedeuten die Grenzen meiner Sprache „die Grenzen meiner Welt“ (Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus 5.6).

      Dieser (konventionellen) Sprache der Logik tritt die Sprache der Evidenz gegenüber. Bedeutung (meaning) ist in dieser Sprache nicht im Sinne der Regeln, sondern im Sinne von „Bedeutsamkeit“ zu verstehen. Sie, die gewissermaßen „mystische“ Sprache (Wittgenstein), ist wie Lesen in den Eingeweiden und in den Vögeln des Himmels (Augurensprache), sie ist „eine Art fieberisches Denken, aber Denken in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte“. Sie ist die bei Hofmannsthal emphatisch angekündigte neue Sprache.

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      © Gerold Paul

      Arbeitsanregung:

      • Ergänzen Sie das Schaubild. Beziehen Sie sich dabei auf die Darstellung der Sprache in Hugo von Hofmannsthals „Brief“.

      Hofmannsthal: Ein Brief

      Hofmannsthal, Moderne, Sprachreflexion
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      © Gerold Paul

      Immer wieder ist die Frage nach der Intention des 1902 veröffentlichten, Epoche machenden „Briefs“ Hugo von Hofmannthals gestellt worden. Ist es die Frage nach dem eigenen Weg? Ist es eine Studie über die Biographie des österreichischen Dichters selbst, der sich ähnlich wie der fiktive Verfasser des berühmten „Briefes“ für eine geraume Zeit in einer Entwicklungskrise befunden hat? Das ist nicht auszuschließen, wenn dabei nicht „die kategoriale Verschiedenheit von Biografie und Dichtung“ (Szondi 1978: 266) übersehen wird.

      Mag der „Brief“ auch schwierig erscheinen, so bietet er doch genügend Anregungen, ihn kritisch zu diskutieren. Lord Chandos macht der Sprache den Prozess; er redet allerdings dermaßen eloquent von ihrem Sterben, dass Zweifel daran aufkommen, ob er sie tatsächlich erledigen will oder erledigen kann.

      Arbeitsanregungen:

      • Versuchen Sie den Ihrer Meinung nach passenden Interpretationsansatz für Hofmannsthals Text zu bestimmen.
      • Wählen Sie Aspekte aus, die die verschiedenen Interpretationsansätze stützen. Ergänzen Sie die Grafik.
      • Diskutieren Sie Ihre Interpretation im Kurs. Formulieren Sie dafür geeignete Fragen und Argumente.


      Zitierte Literatur:

      Peter Szondi: Intention und Gehalt. Hofmannsthal ad se ipsum, in: Schriften II. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a. M. 1978, 266–272.