Ursprung der Sprache


François Truffaut: Der Wolfsjunge (Filmtrailer in englischer Sprache)

Im Brennpunkt der Frage nach dem Ursprung der Sprache:
Victor, das „wilde Kind aus Aveyron”

Die Sprachursprungsfrage bewies, dass das Bewusstsein für die Vorzeit des Menschen erwacht war. Die Gelehrten der Aufklärung interessierten sich für die intellektuelle Entwicklung des Menschen, kurzum, für dessen Sprache. Sollten sie diese Frage nach dem Ursprung der Sprache mit den Möglichkeiten der Phylogenese oder mit jenen der Ontogenese beantworten? Indem Dr. Itard den Fall des ausgesetzten Kindes, des wilden Kindes aus den Wäldern von Aveyron untersuchte, schien er die Lösung für beiderlei Ansätze parat zu haben. Konnte es nämlich sein, dass dieser Junge, dem Dr. Itard den verheißungsvollen Namen „Victor” gegeben hatte, sprechen konnte, seine eigene, von jeglicher Zivilisation unverdorbene Sprache gebrauchen konnte und damit die erste Sprache der noch nicht zivilisierten Menschheit überhaupt preisgab? Dieser Junge, lautete die vage Hoffnung, gewährte einen Ausblick in die Vergangenheit und vielleicht auch in die Zukunft der menschlichen Sprachentwicklung.

Gewiss, der Sprachursprung kam durch Itard’s Untersuchungen schließlich doch nicht ans Licht, Itard hatte allerdings Vorbedingungen überprüft, unter denen Sprache möglich wird. Seine Überlegungen lassen sich sowohl in phylogenetischer als auch in ontogenetischer Hinsicht nutzen. Itard nimmt die Bedingungen in den Blick, die erforderlich sind, damit Sprache sich einerseits in der Menschheitsgeschichte, andererseits im Individuum entwickeln kann.

Itard’s Beobachtungen:

  1. Victor’s Sprache ist Symbolsprache (langage d’action). So forderte der Junge die Haushälterin seines Lehrers, Madame Guérin, zum Ausgehen auf, indem er ihr die entsprechende Kleidung bereitlegte und die Tür für den gewohnten Spaziergang ungeduldig öffnete.
  2. Victor konnte gewisse Laute bilden. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Dr. Itard der Frage, in welchen Zusammenhängen Victor die Laute „eau” (Wasser) und „lait” (Milch) gebrauchte.
  3. Victor lernte, wenn auch mit größeren Schwierigkeiten und nur in geringen Ansätzen, die Symbolsprache im engeren Sinn kennen, d. h. die willkürlich gesetzte Beziehung zwischen Zeichen und ihren Bedeutungen.

Arbeitsanregungen:

  • Sehen Sie sich François Truffaut’s Film in dieser Hinsicht noch einmal an!
  • Fragen Sie sich, welche weiteren Untersuchungen Dr. Itard vorgenommen hat.
  • Was sind die wesentlichen Vorbedingungen der sprachlichen Entwicklung?

Anmerkungen:

„Sprache in Aktion“ als Ursprungssprache?

Es ist zunächst überraschend, von welcher Definition der Sprache Dr. Itard bei seinem Schützling ausgeht. Er fasst sie als „Sprache in Aktion“ (langage d’action). Primär sei die Geste, nicht der Laut: „Es ist der Bemerkung wert, dass diese Sprache in Aktion ihm völlig natürlich zu sein schien; so gebrauchte er sie gleich beim Eintritt in die Gesellschaft mit dem äußersten Gefühlsausdruck. ‚Wenn er Durst hatte, […] ließ er die Blicke von rechts nach links schweifen, hatte er den Krug erhalten, nahm er meine Hand in die seine und führte sie über den Krug, auf den er zugleich mit der Linken schlug, um mich um Trinken zu bitten.‘“(Jean-Marc Gaspard Itard: De l’éducation d’un homme sauvage ou de premiers développement physique et moraux du jeune sauvage de l’Aveyron. Paris 1801, note 12).
Victor’s mehr undeutlich als deutlich ausgestoßenem Laut „lait“ (Milch) gehen heftige Gebärden voraus. Heutige Studien weisen dies für taubstumme Babys nach. Ihre Gestikulation entspricht der Artikulation nicht stummer Babys. Das spielerische Ausprobieren von Gebärden kommt dem Babbeln, Plappern und Plaudern der anderen Babys gleich.

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