Rundgang um die Siegessäule

Joseph Roth: Rundgang um die Siegessäule (Berlin, 16. März 1921)

Analyse einer literarischen Reportage (Klausurtext)

EINLEITUNG

Die vorliegende Reportage beschreibt das Interesse von Schaulustigen für den gescheiterten Anschlag auf die Berliner Siegessäule im unmittelbaren Bereich der Säule selbst, wenige Tage nach dem Ereignis vom 13. März 1921. Der Text, in der 64. Nummer des „Prager Tagblatt“ am 17. März 1921 erschienen, zeigt deutlich, dass der Autor, der Schriftsteller Joseph Roth, das Geschehen aus größerer Distanz betrachtet. Zwar kommentiert er es nicht direkt, schmückt es aber in einer Weise mit Details aus, dass die Darstellung komisch wirkt. Roths Reportage ist in der Form eines Augenzeugenberichts verfasst. Roth, so legt es der Text nahe, hat vor Ort das Geschehen recherchiert. Zweimal schaltet er sich in der Ich-Form ein. Roth geht es wohl darum, die Sensationsgier des um das Denkmal versammelten Publikums aufs Korn zu nehmen.

HAUPTTEIL. INHALTSANGABE

Inhaltlich lässt sich der Text in acht Abschnitte gliedern.

  1. Zunächst wird die Atmosphäre rund um die Siegessäule beschrieben. Das Denkmal hat nach dem Anschlag einen volkstümlichen Stellenwert erhalten; das freundliche Märzwetter lässt es, wie der Autor schreibt, „nackt und schlank“ erscheinen (Z. 1–5).
  2. Im zweiten Abschnitt wird ein kurzer Blick in die Vergangenheit der Säule geworfen. In dieser sei das Denkmal so viel wert wie ein Nippesgegenstand gewesen, so Joseph Roth (Z. 6–9).
  3. Der dritte Abschnitt handelt von dem durch den missglückten Anschlag ausgelösten Interesse an der Siegessäule, das in den Tagen nach dem Anschlag mehrere hundert Berliner den Weg zum Platz der Siegessäule nehmen lässt. Sie stehen als Schaulustige um die Säule herum und politisieren (Z. 9–11).
  4. Der Reporter schaltet sich in der Ich-Form ein, indem er Einzelne aus dem Publikum besonders in den Blick nimmt und ihre Schwächen vorstellt. Über einen Herrn weiß Roth zunächst zu berichten, dass er ein Gelehrter ist, der seinen seit fünfundzwanzig Jahren regelmäßig durchgeführten Spaziergang unterbrochen hat, um sich unter die Menge der Schaulustigen zu mischen. Dieser Gelehrte bekommt mit, was Pikrinsäure ist und welche Explosionsgefahr von in einer Pappschachtel eingeschlossenem Dynamit ausgeht (Z. 11–22).
  5. Eine Frau phantasiert über die Frage, ob der Anschlag nicht durch eine gute Nase hätte verhindert werden können (Z. 23–25).
  6. Der sechste Abschnitt der Reportage handelt von einem Dialekt sprechenden Berliner, der sich heiter nach dem bei dem Attentat verwendeten „Bigrin“ erkundigt (Z. 26–28).
  7. Über die Frage, wer den Anschlag verübt haben könnte, kommt es zu einem Streit zwischen einem Deutschnationalen und einem Kommunisten (Z. 28–31).
  8. Die Polizei hat den Zugang zur Siegessäule zur Freude der Säule, wie es der Reporter ausdrückt, gesperrt. Mit diesem Hinweis schließt die Reportage (Z. 32–33).

HAUPTTEIL. ANALYSE

Eine Reportage zu schreiben, heißt für Joseph Roth vermutlich immer auch, Distanz zum berichteten Ereignis und seinen Besonderheiten zu wahren. Wenn er die Reportage über das vereitelte Attentat auf die Berliner Siegessäule vom 13. März 1921 mit dem Hinweis schließt, dass die Säule zu ihrer eigenen Freude für Besucher abgesperrt wird (vgl. Z. 32–33), legt er damit nahe, dass eine solche Distanz selbst für die unbelebten Dinge wohltuend sei. Im zweiten Abschnitt heißt es: „Viele Jahre war sie ziemlich einsam“ (Z. 6). Kaum etwas störte die Ruhe des Schlachtendenkmals, von nicht nennenswerten Ausnahmen abgesehen, die Roth mit lustigen Details garniert. Ein Fotograf plagt sie, ein schrulliger Vertreter der Fotografenzunft vielleicht, weil er mit den „stochernden“ (Z. 6) Beinen seiner Fotokamera herumgeht, treuherzige „Schulkinder“ (Z. 9) unter der Leitung eines Pädagogen vielleicht, der ihnen die siegreich geführten Schlachten des Kaiserreichs vor Augen führen will. All das sind Vermutungen; es reicht festzustellen, dass Roth seine Bemerkungen witzig darstellt.

Der Titel „Rundgang um die Siegessäule“ deutet an, dass es Roth um Abstand und um verschiedene Standpunkte geht. Was die Säule selbst betrifft, urteilt er zwar nicht so scharf wie Walter Benjamin zehn Jahre später in seinen Kindheitserinnerungen: „Mit dem letzten Sedantag [d. h. nach dem 2. September 1918, Anm. des Verf.] hätte man sie abreißen sollen“ (Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. In: Gesammelte Schriften, Bd. 4,1, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1980, S. 240). Die Schüler, die über Roths Reportage eine Klausur angefertigt haben, brauchen natürlich nicht von Benjamins Urteil zu wissen, da es der Aufgabe nicht hinzugefügt war; für sie genügt es nur festzustellen, dass Roth die betreffende Säule für so überflüssig hält wie ein sechstes Kissen auf dem Sofa: „Sie war ein Nippesgegenstand der deutschen Geschichte“ (Z. 8) – und beileibe keine Sensation.

Nach dem verhinderten Anschlag vom 13. März 1921 ist die Berliner Siegessäule allerdings für wenige Tage zur Sensation geworden und darf sich, wie der vor Ort bestellte Reporter Roth es andeutet, wie eine Schauspielerin fühlen: „[N]ackt und schlank [steigt sie] zur Bühne empor“ (Z. 2–3), heißt es dementsprechend im Einstieg der Reportage. Der wird atmosphärisch ausgestaltet; der Auftritt der Säule wird von Himmelsbläue und Sonnenschein begleitet (vgl. Z. 1–3), einem Wetter, welches man vor dem Krieg noch „Kaiserwetter“ genannt hätte. Die Atmosphäre ist trotz des misslichen Anlasses volkstümlich (vgl. Z. 4).

Kritik erfordert Abstand. Joseph Roth hält diesen Abstand ein. Zwar schaltet er sich, in der Ich-Form, ein, ist als Reporter vor Ort, doch sein Standpunkt wird nicht von der Masse aufgehoben. Um ihn herum sind Typen versammelt, die sich volkstümlich geben: der Gelehrte, der seine seit vielen Jahren geübten Gewohnheiten für den Augenblick aufgibt und sich an diesem Tag den Sensationen verschreibt: „Heute aber, sieht! ging er nur einmal seine Allee entlang und begab sich zur Siegessäule“ (Z. 15–16); der kleine Mensch mit „schwitzende[r] Glatze“ (Z. 18), der an diesem Tag zum Redner wird und mit seinen Ausführungen über die bei dem vereitelten Anschlag verwendete Pikrinsäure selbst den Gelehrten in seinen Bann zieht: „Das Interesse jenes Quarzgelehrten für Pikrinsäure wucherte ins Grenzenlose“ (Z. 19–20); usw.

Besondere Erwartungen
  1. Die Schüler sollten erkennen, dass Roth Typen karikiert und keine tieferen Persönlichkeiten beschreibt, Schaulustige wie im Querschnitt wiedergibt, exemplarische Menschen der jungen Republik von Weimar, die der Sensationsgier nachgeben und darum verführbar sind.
  2. Die Schüler sollten erkennen, dass Ironie und unterschwellige Kritik an der Menge der Schaulustigen die hervorstechendsten Merkmale der vorliegenden Reportage sind. Sie sollten nachweisen und begründen, dass Roths anschauliche Sprache reich an Metaphern und Vergleichen ist, in welchen Ironie und Witz fassbar werden.
  3. Die Schüler sollten erkennen, dass Joseph Roth mit diesem Text in gewissem Maße auch zum Augenzeugen der jungen Weimarer Republik wird. Sensationsgier und parteipolitischer Streit prägen das Tagesgeschehen nach dem Attentat auf die Siegessäule.

SCHLUSS

Kritik erfordert Distanz zum Ereignis und seinen Besonderheiten. Roth wahrt den rechten Abstand, behält den freien Blick, während die Geschehnisse um das verhinderte Attentat vom 13. März 1921, die Sensation der entzweigeschnittenen Lunte, den Schaulustigen auf den Leib rücken. Der Reporter legt einen Augenzeugenbericht vor, und damit eine subjektive Form, in der gleichwohl Ironie wirksam ist, Ironie als besondere Form „verstehender“ Objektivität.

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