Warum verschwinden Wörter?

Allgemein, Sprache und Denken, Sprachreflexion

Versuch über merkwürdige Verluste innerhalb des Sprachgebrauchs

Die Übereinkunft zwischen sprachlichen Zeichen und den ihnen entsprechenden Lauten scheint die Vieldeutigkeit einzuschränken, die dem menschlichen Ausdruck in mancher Beziehung zu eigen ist. Man denke nur an das Lächeln und Weinen und die anderen Ausdrucksformen jedes Menschen, die zu allen erdenklichen Regungen seines Innern passen. Doch es stellt sich heraus: Auch die Welt der sprachlichen Zeichen ist weit, das Spinnennetz Sprache trägt niemanden sicher. Es sei überhaupt eine seltsame Sache mit den Namen – d. h. mit den sprachlichen Zeichen –, sagt Sokrates. Stell dir vor, ich sagte Pferd, sähe aber dazu die Hufe nicht. Wäre der Name nicht völlig aus der Art geschlagen?

Aus der Art geschlagen sind die Bedeutungsmerkmale eines Namens, eines Wortes, eines Begriffs vor allem dann, wenn die Wirklichkeit, die bezeichnet werden soll, aus dem Blick geraten, womöglich in Vergessenheit geraten ist. Angenommen, die Namen drängen derart tief in die Dinge ein, dass sie zusammen mit ihnen aus der Geschichte verschwänden wie die Säug- und Trockenammen, die vor einhundert Jahren durchaus noch das Straßenbild belebt haben mit den geschwungenen Kinderwagen. Doch die Sache mit den verschwundenen Namen, Wörtern und Begriffen lässt sich nicht immer so leicht auffassen.

Die Theorie des Sprachwandels führt zu den verschiedensten, selbst gegensätzlichen Beobachtungen. Sie besagt zum einen, dass der Sprachgebrauch nicht als ein Mechanismus aufzufassen ist, der stets nach dem gleichen Muster die gleichen Wirkungen auslöst. Das Wort „höflich“ mag so unterschiedlich assoziiert sein, dass die Empfindungen zweier Sprecher bei der Verwendung dieses Ausdrucks nichts miteinander gemein haben. Um wie viel mehr gilt diese Beobachtung, von der das Prinzip der sprachlichen Relativität abgeleitet wird, wenn die Wortgeschichte dieses Adjektivs in den Blick genommen wird!

Foto: romeof/Adobe Stock

Geschriebener und gesprochener Wortschatz

Sprache ist in hohem Grade Neuvollzug. Was vor fünf Minuten gesagt worden ist, kann bereits in Vergessenheit geraten sein; um wie viel mehr das, was vor fünfzig Jahren geäußert wurde! Vieles bleibt dem Bewusstsein entzogen, weil Sprache ständig Neues schafft. War es Schopenhauer, der sich darüber mokierte, dass „hübsch“ nicht mehr der Bedeutung von „höflich“, d. h. den Sitten bei Hofe gemäß, entsprach? Nein, aber es könnte zu ihm passen! Er beklagte vielmehr, dass seine Zeitgenossen das Wort „billig“ im Sinne von „preisgünstig“ verwendeten und nicht im Sinne von „angemessen“.

Die Schriftsprache mag darüber hinwegtäuschen, dass Wörter sich gewandelt haben. Billig ist das Benzin, billig ist der Stoff, billig ist der Witz und billig ist die Forderung. Wir kennen die Bedeutung der letzten Verwendung fast nur in juristischen Zusammenhängen. Es ist die erste Verwendungsweise – billiges Benzin –, die die im Vordergrund steht. Sie hat die Bedeutung des verschwundenen Wortes „wohlfeil“ übernommen.

Verschwundene Wörter erhalten „durch die Schrift einen bleibenden Körper“ (Wilhelm von Humboldt: „Von der Natur der Sprache und ihrer Beziehung auf den Menschen im Allgemeinen“, 1836). Auch das verschwundene „wohlfeil“ lässt sich finden. Die Problemfrage „Warum verschwinden Wörter?“ verdient daher eine Präzisierung, derart, dass gefragt werden soll: Warum löst sich die Bedeutung einzelner Wörter auf, so dass schließlich das Nicht-Verstehen überwiegt? Der Wortschatz der geschriebenen Sprache (Lexik) spiegelt, in unzähligen Brechungen und Nuancen, in der Tat auch das Nicht-Verstehen, so dass zuweilen der Eindruck zurückbleibt: Nūda nōmina tenēmus. Der Wortschatz der gesprochenen Sprache (Diskurs) empfängt damit das Siegel der Vergesslichkeit. Impliziert Vergesslichkeit nicht die angedeuteten Verluste?

Aufgabe:

Bereite einen Essay zu der oben genannten Frage vor.

  • Von welchen Aspekte des Verschwindens ist in dieser vorformulierten Einführung die Rede?
  • Um welche Aspekte des Verschwindens von Namen, Wörtern und Begriffen könnte es in einem subjektiv-assoziativen Versuch namens Essay insgesamt gehen?
  • Worin unterscheiden sich Namen von Wörtern und Begriffen und umgekehrt?
  • Hast du schon einmal etwas, was in diesem Bereich in Vergessenheit geraten ist, gesucht?
  • Welche Wörter würdest du gerne suchen und ihr Aus-der-Mode-gekommen-Sein erklären und bewerten können?
  • Untersuche die historische Differenz bestimmter Namen, Wörter und Begriffe mithilfe der besten Enzyklopädien, Wörterbücher und Spezialwörterbücher deutscher Sprache, die das Netz zu bieten hat.
  • Fange heute damit an, interessante Beispiele zu suchen, anhand derer du die Leitfrage beantworten und dokumentieren kannst.

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