Liebe ist alles?

Tagebuch einer Kindsmörderin

Gretchen sei von Goethe kaum umgestaltet worden, heißt es. Sie ist ein Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die Mutter Witwe, sie lässt sich verführen, tötet das Kind – diese aus dem Leben gegriffene Gestalt hat Goethe in den Jahren des Sturm und Drang derart aufgewühlt, dass er sie unangetastet gelassen hat. Die flammende Gesellschaftskritik des Sturm und Drang findet sich demnach stärker im „Urfaust“ als im späteren „Faust“ wieder.

Gretchen dürfte vorgewarnt gewesen sein. Stets werden Frauen von Männern vernichtet. Beispiele dafür gibt es genug, dass die Mutter auf sie Einfluss nimmt, immer bemüht, die Haltung, den Ruf und die Ehre ihrer Tochter zu bewahren und aus ihr eine stattliche Ehefrau zu machen. Was für ein Glück, dass die Mutter so „akkurat“ (V. 3114) über die aufkommenden Sehnsüchte der Tochter wacht! Was für ein Glück! Und trotzdem erhebt sich an dieser Stelle, innerhalb des 18. Jahrhunderts, im Zeichen des Sturm und Drang, der Protest des Individuums gegen elterliche Bevormundung und religiöse Zwänge.

Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was Gretchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Gretchen ist nichtsdestotrotz die vierzehnjährige Bürgerstochter, die ihr Kind tötet, dessen Geist ihr zuletzt im Kerker erscheint, um sich im Lied an ihr zu rächen.

„Meine Mutter, die Hur’, /
Die mich umgebracht hat! /
Mein Vater, der Schelm, /
Der mich gessen hat! /
Mein Schwesterlein klein /
Hub auf die Bein’ /
An einem kühlen Ort; /
Da ward ich ein schönes Waldvögelein; /
Fliege fort, fliege fort.“ (V. 4412–4420)

Dazu gehört außerdem, dass Gretchen sich auf einen „Schelm“ (V. 4414) eingelassen hat. Faust bekommt damit das für Mephistopheles bestimmte Beiwort (vgl. V. 2515).

Arbeitsanregung:

Mehr und mehr wird Gretchen zerrissen von den Gefühlen der Neigung und der Pflicht. Zeichnen Sie ihre Empfindungen in Tagebucheintragungen nach!

Beispielsweise mit folgenden Stationen:

Erste Station: Straße

Ich entfernte mich sehr bald von dem Herrn. Ich eilte weiter. Ich weiß gar nicht, was ich suche, wenn ich darüber nachdenke, warum er mich beschnuppert hatte. Wie er mich betrachtete – wie er mich beschnupperte – wie ich zum Gegenstand seiner Aufmerksamkeit wurde! Dieser Gedanke lässt mich nicht los.

Zweite Station: Abend

Du lieber Himmel, Mutter hat nicht danach gefragt – sie weiß nicht einmal, wer der feine Herr gewesen ist, der heute nach mir geschaut hat! Sie würde sich Sorgen machen: Warum nur habe ich das Mädchen herumlaufen lassen?

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