Strafsache Gretchen

Drama, Faust, Goethe

Faust. Die Gretchentragödie

Die Hinrichtung ist die einzig rechtmäßige Form der Strafe für die Kindsmörderin, wie es dem Juristen Johann Wolfgang von Goethe scheint. So empfiehlt er im Fall der Johanna Höhn „die Todtesstrafe beyzubehalten“ (zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Kommentare. Von Albrecht Schöne. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999, 197). Aber nicht bei allen Strafakten betreffs Kindstötung hat er so entschieden. Vielmehr versucht der deutsche Nationaldichter sorgsam abzuwägen – wie in dem realen, dem von Herzog Carl August ihm vorgelegten Fall, so auch in dem fiktiven des erst vierzehnjährigen Gretchens, des Mädchens, das von Doktor Faust verführt worden ist. Goethe stempelt Gretchen nicht als Kindsmörderin ab. Im Übrigen belässt er vieles von dem, was dem Mädchen angelastet werden kann, im Dunkeln: den Tod der Mutter, den vorehelichen Sexualverkehr, die Tötung des Kindes.

Die Aufgabe einer Kritik Gretchens kann aus heutiger Sicht sicherlich zurücktreten hinter der weitaus wichtigeren Aufgabe, Faust zu belangen. Denn verantwortlich im heutigen strafrechtlichen Sinne wird Margarete erst dann, wenn sie die sittliche Reife besitzt, ihr Unrecht einzusehen (§ 3 JGG). Was den Begriff der Schuld angeht, so ist klar, dass dieser missverständlich ist und unterschiedlich auf Faust und Margarete angewandt werden muss. Sie ist schuldig im Sinne einer Minimaldefinition. Bei der Bemessung von Fausts Schuld sollte ein anderer Maßstab gelten, ist er doch als Philosoph, Jurist und Theologe (vgl. Fausts Eingangsmonolog, V. 354–356) durchaus imstande, seine Schuld auf mehr als eine Weise zu beschreiben.

Arbeitsanregungen:

  1. Sammeln Sie das für einen Strafprozess nötige Material.
  2. Für den Fall, dass Sie auf Leerstellen des Textes stoßen: Stützen Sie sich bei der polizeilichen Ermittlung des fiktiven Falls auf den realen Fall der Susanna Margaretha Brandt.
  3. Verfassen Sie eine staatsanwaltliche Anklageschrift.
  4.  Entwerfen Sie Zeugenaussagen (z. B. von Lieschen, Marthe, Faust, Valentin).