Die Sprache als Grenze der Welt

Sprachreflexion

Sprache des Kalküls vs.
Sprache der Evidenz

Die Sprache schiebt der Natur den Riegel vor – dieser Gedanke zeigt sich bei Wittgenstein, aber auch im Brief des Lord Chandos (Hofmannsthal).

Die Sprache ist, da sie nur in Begriffen zu scharfer Bestimmtheit gelangt, an die Logik gebunden. In der Metasprache werden die Regeln für diese Logik festgelegt. Der Sinn oder die Wahrheit sprachlicher Äußerungen erweist sich, abhängig von der Metasprache, also im Sinnzusammenhang logischer semantischer und syntaktischer Regeln. Diese vom frühen Wittgenstein (Tractatus logico-philosophicus) und im „Brief“ des Lord Chandos kritisch dargestellte Sprache ist eben nicht die Sprache der Evidenz, in der etwas aufblitzt, in der uns etwas als „bedeutsam“ entgegentritt – ein „Haus“, ein „Ring“, eine „Muräne“ (vgl. Crassus-Anekdote, in: Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief) –, sondern die Sprache des logischen Kalküls. Der Sprache des Kalküls zufolge ist, abhängig von der Metasprache, immer schon festgelegt, was der Fall ist und was nicht der Fall ist, was der Fall sein kann und was nicht der Fall sein kann – insofern bedeuten die Grenzen meiner Sprache „die Grenzen meiner Welt“ (Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus 5.6).

Dieser (konventionellen) Sprache der Logik tritt die Sprache der Evidenz gegenüber. Bedeutung (meaning) ist in dieser Sprache nicht im Sinne der Regeln, sondern im Sinne von „Bedeutsamkeit“ zu verstehen. Sie, die gewissermaßen „mystische“ Sprache (Wittgenstein), ist wie Lesen in den Eingeweiden und in den Vögeln des Himmels (Augurensprache), sie ist „eine Art fieberisches Denken, aber Denken in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte“. Sie ist die bei Hofmannsthal emphatisch angekündigte neue Sprache.

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© Gerold Paul

Arbeitsanregung:

  • Ergänzen Sie das Schaubild. Beziehen Sie sich dabei auf die Darstellung der Sprache in Hugo von Hofmannsthals „Brief“.