Ein Tag im Exil

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Im Kasten
die sterblichen Masken
Adam
Abraham
Ahasver
Wer kennt alle Namen

Die Aufnahme von Gedichten erfolgt unter verschiedenen Aspekten, unter denen Form und Bildlichkeit sich herausheben. Ein weiterer Aspekt liegt auf dem Klangwert. Dieser Aspekt beginnt mit Rhythmus, Klangfarbe und Melodie. Von diesen Aspekten ist der letzte in dem folgenden Gedicht nicht so wichtig. Der Klang ist Gedichten früherer Epochen eigen. Neuere Gedichte scheinen den Klang geradezu hinauszudrängen. Das vorliegende Gedicht von Rose Ausländer, 1967 unter dem Titel „Ein Tag im Exil“ erschienen, ist trotz dieses Mangels wirklich als ein Gedicht zu bezeichnen, da es aufgrund seiner Bildlichkeit beim Leser intensive Vorstellungen hervorruft. Gewisse Bilder bleiben im Gedächtnis hängen.

Ein Tag im Exil (1967)

Ein Tag im Exil
Haus ohne Türen und Fenster

Auf weißer Tafel
mit Kohle verzeichnet
die Zeit

Im Kasten
die sterblichen Masken
Adam
Abraham
Ahasver
Wer kennt alle Namen

Ein Tag im Exil
wo die Stunden sich bücken
um aus dem Keller
ins Zimmer zu kommen

Schatten versammelt
ums Öllicht im ewigen Lämpchen
erzählen ihre Geschichten
mit zehn finstern Fingern
die Wände entlang

Das Gedicht ist durchgängig von einer Frage bestimmt, nämlich: Wohin führt das Leben im Exil? Und es enthält verschiedene Antworten. Erstens: das Exil ist als eine Vorwegnahme des Todes zu betrachten. Nicht der Tod selbst wird dabei vorweggenommen – was unmöglich ist –, sondern das in der Phantasie vorgestellte Bild des Todes.

Dieses Bild kennt verschiedene standardisierte Erscheinungsformen, die Sanduhr, in der der Sand verrinnt, die Fliege, die tot am Boden liegt, die geknickte Blume usw. In diesem Fall sind es die zehn Finger an der Wand, durch die die Vorstellung des Todes anschaulich wird. Auch im Buch Daniel ist ein solches Bild, die Allegorie der Unheil verkündenden Schattenhand überliefert.

Daniel 5, 1–6

König Belschazzar gab ein großes Gastmahl für seine Großen; es waren tausend Menschen und zusammen mit den Tausend sprach er dem Wein zu. In seiner Weinlaune nun ließ Belschazzar die goldenen und silbernen Gefäße holen, die sein Vater Nebukadnezzar aus dem Tempel in Jerusalem mitgenommen hatte. Jetzt sollten der König und seine Großen, seine Frauen und Nebenfrauen daraus trinken. Man holte also die goldenen Gefäße, die man aus dem Tempel des Gotteshauses in Jerusalem mitgenommen hatte, und der König und seine Großen, seine Frauen und Nebenfrauen tranken daraus. Sie tranken Wein und lobten die Götter aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein. In derselben Stunde erschienen die Finger einer Menschenhand und schrieben gegenüber dem Leuchter etwas auf die weißgetünchte Wand des königlichen Palastes. Der König sah den Rücken der Hand, als sie schrieb. Da erbleichte er und seine Gedanken erschreckten ihn. Seine Glieder wurden schwach und ihm schlotterten die Knie.

Zweitens: Indem die Zukunft von der Gegenwart verschlungen wird, wirkt die Zeit im Exil endlos.

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