Angstlied

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Oder: Das Pfeifen im Walde

Ulla Hahn

Angstlied

Ich hab kein Haus
bin viel zu klein
bläst mich ein Wind
hinaus hinein

Ich hab kein Mann
bin viel zu bang
zünd meinen Himmel
selber an

Ich hab kein Herz
bin viel zu tot
weich warm verschneit
in liebe Not.

GEDICHTINTERPRETATION

EINLEITUNG

Sie orientieren den Leser über den Text, indem Sie Titel, Autor und Erscheinungsjahr kurz benennen, den Inhalt knapp wiedergeben und die Thematik erschließen. Sie sollten außerdem zur Ihrer eigenen Deutungsthese hinführen, z. B.:

Schon der Titel des Gedichts schreibt vor, dass bei den folgenden Versen an ein Kind zu denken sei. Heißt es nicht im Sprichwort, dass Kinder im Walde zu singen („pfeifen“) beginnen? Das Gedicht mit dem Titel „Angstlied“ handelt von einer allein stehenden Frau, die für einen Moment nur ein Kind imitiert, das Angst hat. Das Gedicht stammt von Ulla Hahn und ist im Jahr 1981 erschienen. Es geschieht nicht selten, dass die Gedichte dieser Autorin bewusst kindlich-naiv klingen. Indirekt soll damit das Lob des Kindes gesungen werden. Doch im vorliegenden Fall verhält es sich zunächst anders: Wer das „Angstlied“ liest, dem steht ein Kind bzw. eine Frau vor Augen, die in ihrer Not verzweifelt. Vermutlich soll beim Lesen jedoch der Eindruck entstehen, dass auch dieses Lied wie jenes Pfeifen im Walde wirksam werden könnte.

HAUPTTEIL

Sie beschreiben formale und inhaltliche Aspekte:

– formale Aspekte, z. B.:

Das „Angstlied“ gliedert sich in zwölf Verse, die nach Art eines Volksliedes in drei vierzeilige Strophen unterteilt sind. Doch, gemessen an der gewöhnlich drei- oder viertaktigen Volksliedstrophe, wird bei diesem Lied nicht weit genug ausgeholt. Kein Vers kommt auf die erforderliche Länge. Stattdessen finden sich überwiegend zweitaktige Verse. Weniger ist offenbar mehr, doch davon an anderer Stelle –

Das Metrum ist regelmäßig. Jeder Takt wird durch einen Jambus ausgefüllt. Nur im siebten und achten Vers verhält es sich anders. Diese Verse sind unregelmäßig. Ihnen kommt also besondere Bedeutung zu.

– inhaltliche Aspekte, z. B.:

In der ersten Strophe (V. 1–4) bringt das lyrische Ich seine Rastlosigkeit zum Ausdruck. So lebe es ohne Schutz, ohne Haus und, wie sich im Folgenden herausstellt, auch ohne einen Mann. Es gesteht ein, dafür nicht erwachsen genug zu sein.

In der zweiten Strophe (V. 5–8) spricht das lyrische Ich von seinem Alleinsein. Außerdem gibt es zu verstehen, dass die Situation selbstverschuldet sei.

In der dritten Strophe (V. 9–12) geht das lyrische Ich mit sich ins Gericht. Es beklagt, dass ihm der Mut fehle, die traurige Lage zu verändern.

Sie deuten inhaltliche, sprachliche und formale Aspekte im funktionalen Zusammenhang, z. B.:

Es gibt keine Liebe für mich, so könnte das lyrische Ich klagen, keine tiefere Bindung – nicht an ein Haus (vgl. V. 1–4), nicht an einen Mann (vgl. V. 5–8), vielleicht sogar nicht einmal an das Leben selbst (vgl. V. 9–12). Naturbilder bestimmen die Strophen. Der Wind wird genannt, dann der Himmel und zuletzt der Schnee. Der Wind ist mächtig – die Personifikation unterstreicht diesen Eindruck (V. 3–4: „bläst mich […] / hinaus hinein“) – das Ich dagegen schwach und schutzlos (V. 2: „bin viel zu klein“).

Die zweite Strophe handelt von verlorenen Möglichkeiten. Mit Bedacht wählt die Autorin den Himmel zur Metaphernbildung. Diese Metapher fordert den Leser dazu auf, noch an etwas anderes zu denken, als im Text steht. Die zweite Bedeutung des Himmels ist nämlich die Transzendenz. Es geht dabei um die Freiheit der Möglichkeit. Das lyrische Ich verwirkt diese Freiheit, indem es den Himmel in Brand steckt (V. 7–8: „zünd meinen Himmel / selber an“). Mit anderen Worten: das lyrische Ich macht sich das Leben selber schwer, die Folgen sind Einsamkeit und Schwermut.

Die traurig-resignative Stimmung wird auch auf der Ebene des Satzbaus widergespiegelt. Auffällig sind die Kürzungsfiguren, durch die der Eindruck vermittelt wird, als ob ein Kind spräche (Apokopen in V. 1, 5, 9: „hab“, in V. 7: „zünd“; Ellipsen in V. 2: „bin viel zu klein“, vgl. V. 6, 10, in V. 3: „bläst mich ein Wind“, V. 7: „zünd meinen Himmel“). Der Leser kommt nicht umhin, an ein Kind zu denken, das unfähig ist, vollständige Sätze zu bilden, weil es den Launen seiner Natur (Wind, Himmel, Schnee) wehrlos ausgeliefert ist. Wie gesagt – weniger ist mehr. Es wird nicht weit genug – wie bei einem Volkslied – ausgeholt.

Die Reihenfolge der Strophen ist im Übrigen nicht austauschbar. Inhaltlich gesehen, bauen die Strophen aufeinander auf, und die letzte Strophe ist folglich die wichtigste Strophe. In dieser Strophe drängen Todesgedanken nach außen (V. 9–10: „Ich hab kein Herz / bin viel zu tot“). Selbstmordgedanken aber, wie gelegentlich gemeint wird, sollten dem lyrischen Ich nicht unterstellt werden. Vielmehr dienen die Todesmotive dazu, die Resignation des lyrischen Ichs zu unterstreichen.

Das Gedicht besagt, bei wem die Schuld daran zu suchen sei. Auch wenn die Antwort im Grunde in allen Strophen zugleich enthalten ist – besonders deutlich wird sie am Ende der zweiten Strophe: Das lyrische Ich hat sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben (V. 7–8: „zünd meinen Himmel / selber an“). Die besondere Bedeutung dieser Verse wird durch den unregelmäßigen Versbau unterstrichen.

SCHLUSS

Sie fassen Ihre Ergebnisse zusammen.
Sie vergleichen das vorliegende Gedicht mit einem Gedicht, das im Unterricht besprochen worden ist.

Wie es sich zeigt, hat Ulla Hahns Gedicht einige Nähe zum Kinderlied. Doch nicht die Spannungen eines Kindes, sondern die Ängste und Nöte einer Erwachsenen bilden die Spannungen dieses Gedichts. Jede Strophe spiegelt die Verzweiflung einer Frau ohne feste Bindungen wider. Als „[L]ied“ hat Ulla Hahns Gedicht mehr Beziehung zur Musik als zum Beispiel Karin Kiwus’ Gedicht „Lösung“. Das „Angstlied“ erweckt daher den Anschein, als spräche ein Kind, das sich spielerisch seine Angst vertreibt, das Gedicht „Lösung“ dagegen, als verdankte es sich den Gedanken einer Erwachsenen, die aus Erfahrung klug geworden ist.

Arbeitsanregungen:

  1. Geben Sie die Bildlichkeit des Gedichts bildlich wieder, indem Sie jede Strophe zeichnerisch darstellen.
  2. Untersuchen Sie dann die Bildlichkeit des Gedichts anhand der Metapherntabelle (vgl. Deutschbuch, S. 46).
  3. Bereiten Sie die Gedichtanalyse vor, indem Sie einen Schreibplan entwickeln (vgl. Deutschbuch, S. 51, Mindmap).
  4. Verfassen Sie den Analyseaufsatz, indem Sie die in diesem Artikel genannten, kursiv gesetzten Handlungsanweisungen befolgen.
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