Fama crescit

Kleist

Die „unmögliche“ Schwangerschaft der Marquise von O.

Als Colin Powell, der ehemalige Außenminister der USA, der Welt verkündete, im Irak gebe es Massenvernichtungswaffen, stützte er sich auf Falschmeldungen. Colin Powell schwor damit die Welt auf den lange Jahre währenden Irakkrieg ein. Wenn in der aktuellen Berichterstattung von Fake News gesprochen wird, dann sind meist auch deren verheerende Folgen gemeint. Immer wieder stellt sich die Frage, ob eine vom Hörensagen gestützte Geschichte Wahrheit beanspruchen darf, welchen Schaden sie anrichten kann. So groß ist der Unterschied zwischen den aktuellen „alternativen Fakten“ und den Falschmeldungen in der Antike dabei nicht.

Als Sinon, unter dem trojanischen Pferd stehend, das Gerücht in die Welt setzte, die Griechen hätten sich, verzweifelt nach zehn Jahren Krieg, von Troja zurückgezogen, bereitete er dessen Ende vor. Das Gerücht verbreitete sich schnell: Tausend schuppig glänzende Augen, riesige Ohren und ein schaufelförmiges Maul warteten an Famas ungeheuer großem Leib auf ihre Erfüllung: die Geburt eines Gerüchts. Vergil, dem Erfinder dieser Allegorie, geht es darum, das Bild einer chthonischen Naturgewalt – „Demon of the Ancient World“ (Tolkien) – zu zeichnen, indem er Fama als ein Scheusal darstellt, dem jeder Mensch hilflos ausgeliefert ist. Ein dünnes Gerede liegt immer in der Luft – mal verdeckt es, mal hebt es deutlich hervor, wie die wahren Verhältnisse sind. Wehe nur, wenn das gefährliche Ungeheuer, stoßend atmend, sich tatsächlich zu seiner vollen Größe erhebt!

Paul Weber: Das Gerücht (1953)

Arbeitsanregungen:

  • Wie entsteht ein Gerücht Paul Webers Zeichnung zufolge?
  • Wie begegnet die Marquise dem möglichen Gerede über ihre „unmögliche“ Schwangerschaft?
  • Wie reagiert Graf F. auf das Gerede über den „Fehltritt“ der Marquise? Ziehen Sie einen Vergleich zur Marquise.
  • Wie lässt sich die Fortsetzung der Handlung ohne die öffentliche Anzeige der Schwangerschaft denken?